Zwei Mal „pensioniert“

Von 1948 – 1972 verdiente ich 24 Jahre lang Geld für meine beruflichen Tätigkeiten. Anschliessend betrachtete ich mich als  “pensioniert“ und startete mein neues Leben zusammen mit Adalberto.

Nach einer längeren Pause begann ich aber wieder mit einer intensiven und verantwortungsvollen Tätigkeit. Von 1986 – 20l0 organisierte ich Garten-Reisen. Auch diese zweite Karriere hat 24 Jahre gedauert. Die neue Aufgabe bereitete mir viel Freude, wobei allerdings der finanzielle Ertrag wesentlich bescheidener war als bei der vorangegangenen beruflichen Tätigkeit.

Anlässlich meiner “zweiten Pensionierung“ verfasste ich einen Rückblick. Darin beschrieb ich Reisen, Gärten und Garten-Reisen und verschickte ich den nachfolgend wiedergegebenen Text als Rundschreiben an Freunde und Bekannte. Es begann mit einem „Gedicht“:

 

Reisen – kamen zuerst

Gärten – kamen später dazu.

Aus beiden entstand ein Hobby,

ja eine Leidenschaft.

Sie wurden vereinigt

und so ergaben sich

GARTEN – REISEN

die viele beglückten

während 24 Jahren.

Dann fand das für mich ein Ende.

Seit Anfang 2011 geniesse ich wieder

zwei Lebensfreuden getrennt:

GÄRTEN UND REISEN

 

Seit Beginn des Jahres 2011 –

bin ich „pensioniert“. Anders ausgedrückt, ich verrichte keine Arbeit mehr, die als nützlich betrachtet wird und für die ich bezahlt werde.

Für viele Leute erscheint der neue, mit der Pensionierung beginnende Lebensabschnitt als wünschenswerte Befreiung von bisheriger Arbeitslast. Für mich war es dagegen gewöhnungsbedürftig, dass eine in den vorangegangenen 24 Jahren für mich erfreuliche Tätigkeit beendet wurde. Sie bestand aus einer glücklichen Verbindung meiner beiden liebsten Beschäftigungen, dem Hobby Garten und dem Hobby Reisen. Daraus ergaben sich Garten-Reisen als genussreiche, kreative Beschäftigung. Doch damit ist jetzt leider Schluss!

Getrennt in zwei unabhängige Hobbies kann ich jedoch in Bezug auf Garten und auf Reisen weiterhin beiden Leidenschaften frönen.

 

Reisen –

begannen schon in frühesten Lebensjahren. Als Kind von Emigranten geboren, brachten mich meine Eltern zusammen mit meiner kleinen Schwester Marischa von Dresden nach Kanada. Ein Jahr später ging die Reise von dort zurück nach Europa, wobei meine zweite Schwester, die in Kanada geborene Karin, als eingewickeltes Baby mitgetragen wurde.

Die Schulzeit verbrachte ich in Basel. Von dort ging es jeden Sommer nach Polen in das Gut meiner Grosseltern, bis der Zweite Weltkrieg diesen Reisen ein Ende bereitete ( ebenso wie dem schönen polnischen Landgut ) .

Das Reisen war nun auf die Friedensinsel Schweiz beschränkt. Ich genoss es, mit dem Velo auf damals praktisch autofreien Strassen das Land zu durchqueren. Vor allem strampelte ich gerne von Basel ins Tessin. Meine Mutter hatte nach dem Tod einer entfernten holländischen Verwandten eine unerwartete Erbschaft von 1000.- Fr. erhalten. Damit kaufte sie in Porto Ronco ein Grundstück in herrlicher Aussichtslage für nur einen Franken pro Quadratmeter, heute geradezu unfassbar. Mein Vater nahm ein Darlehen auf, so konnte unser reizvolles Ferienhäuschen erbaut werden. Hier entbrannte meine nachhaltige Liebe zum Tessin.

Kaum war der Krieg zu Ende, konnte ich auch ins Ausland Velotouren unternehmen. Mit dem Faltboot paddelte ich von Genf auf der Rhone bis ins Mittelmeer. Später steuerte ich ein Auto von New York kreuz und quer durch die U.S.A. bis nach Kalifornien. Mit 4-Rad-Antrieb gelangen mir drei Durchquerungen der Sahara auf verschiedenen Routen. Unvergesslich bleiben die Nächte im Schlafsack auf dem Sandboden unter dem mit einer Unzahl von Sternen leuchtenden Himmel. In den besiedelten Gebieten sieht man ja davon nur einen kleinen Bruchteil, infolge der von uns verursachten „Lichtverschmutzung“.

Allmählich wurden Flugreisen immer preiswerter und es gab auch stets neue Verbindungen. So konnte ich problemlos auf allen Kontinenten der Erde zahlreiche Länder besuchen. Ich unternahm auch eine Reise rund um die Welt, sowie Reisen in die Antarktis und die Arktis. Auf Schiffen genoss ich Flussfahrten. Grössere Schiffe gestatteten Kreuzfahrten im indischen Ozean, in der Karibik und zu den Golfstaaten. Die immer noch jede Woche veranstaltete Kreuzfahrt ab Dubai kann ich besonders empfehlen. Sie bietet mehr und kostet weniger als ein Aufenthalt ausschliesslich in dieser faszinierenden Stadt, die zu besuchen man dennoch zwei Tage lang Zeit hat.

 

Die Gartenleidenschaft –

begann etwas später als das Reisen, doch auch schon in meiner Jugendzeit. Mein Vater war leidenschaftlicher Gärtner. Zu dem von meinen Eltern erbauten Haus in Arlesheim bei Basel gehörte der von ihm angelegte, 1800 Quadratmeter grosse Garten. Davon teilte mein Vater für mich eine Parzelle ab. Darauf hielt ich Kaninchen, Enten und Hühner. Väterliche Hinweise halfen mir bei der Bepflanzung. Der Garten sollte vor allem nützlich sein, das schöne Aussehen war nebensächlich.

Damals wurde die „Anbauschlacht“ vorgeschrieben, ein scheussliches Wort. Noch unerfreulicher war für meine Schwestern und mich der damit zusammenhängende „Landdienst“. Es waren nicht immer sympathische Bauern, denen man helfen musste. Mein Vater dagegen war verärgert, dass er von Amts wegen veranlasst wurde, Kartoffeln im Garten anzubauen anstelle seiner bisher reich tragenden Erdbeer-Pflanzungen. Stolz hatte er vorher grosse Mengen von herrlichen Früchten seiner Frau übergeben können, die daraus leckere Konfitüren und Kompotte für den Winter einweckte. Mein Vater klagte, das Gewicht seiner Erdbeeren sei grösser gewesen, als dasjenige auf gleicher Fläche produzierter Kartoffeln. Vielleicht hat er sich aber beim Wägen ein wenig geirrt – vor lauter Ärger über über die vorgeschriebene Umstellung.

 

Schon im Jahre 1972 –

beendete ich meine berufliche Tätigkeit (Die zu Beginn erwähnte „Pensionierung“ ist eigentlich bereits die zweite und erfolgte erst 40 Jahre später). Ich übergab die 12 Jahre vorher gegründete „Werbeagentur Ruperti“ im Höhepunkt ihres Erfolges an eine internationale Kette von Werbeagenturen. Damit befreite ich mich von einer zwar faszinierenden, aber zuletzt doch allzu intensiv gewordenen Tätigkeit.

Doch bald erschien mir dieses ungewohnte Leben – ganz ohne feste Beschäftigung – nicht leicht zu ertragen. Ich beschloss, aus meinen Garten-Hobby einen neuen Beruf zu machen. In London erlernte ich „garden design“ in der von John Brookes gegründeten Schule, die es heute noch gibt. John Brookes hat viele Preise an der Chelsea Flower Show gewonnen. Weltweit hat keiner der noch lebenden Autoren so viele Gartenbücher publiziert wie er. Ich war der älteste seiner Schüler. John und ich sind Freunde geworden. Er kam später zweimal nach Italien, um mir dort bei neuen, besonders schwierigen Aufträgen zu helfen.

 

Neben Reisen und der Kreation von Gärten –

verfasste ich Artikel mit verschiendenen Themen. Die meisten wurden von der Kulturzeitschrift „DU“ publiziert. Der damalige Chefredaktor, Sascha Draeger, hat mich einmal sogar mit der Gestaltung einer vollständigen Ausgabe dieser Monatszeitschrift beauftragt. Der Titel lautete „Tessiner Baumeister“. Im Laufe der Zeit mussten unzählige Menschen aus dem einst sehr armen Tessin auswandern und im Ausland Geld verdienen, um davon leben zu können. Darunter finden sich einige, dank ihrer Tätigkeit berühmt gewordene Persönlichkeiten: Francesco Borromini, Domenico und Giovanni Fontana, Carlo Maderno. Sie errichteten in Italien prächtige Bauten, die wir heute noch bewundern.

Domenico Trezzini unterbreitete Peter dem Grossen den Plan für die Anlage der Stadt St. Petersburg im sumpfigen Delta der Newa.

Das Material zum Thema „Tessiner Baumeister“ ist überreich. Somit war es für mich relativ einfach, eine interessante DU-Nummer auszuarbeiten.

Auf einer Heimreise aus England ins Tessin machte ich Zwischenhalt in Zürich. Sascha Draeger, mein seither verstorbener Freund, hatte mich zu sich nach Hause zum Tee eingeladen. ·Es galt, Ideen für weitere Artikel zu besprechen. Statt dessen konnte ich es nicht lassen, begeistert über die von mir besuchten Gärten in England zu erzählen. Zuletzt hat Sascha mich unterbrochen: „Du Ivan, magg dok mal eene solche Reise fir meene Leser. Mik wirden zwor keene vier Oggsen innen Gardn schlebben“ .

So entstand im Jahre 1986 meine allererste Gartenreise nach England. Sie erwies sich erfolgreich und wurde im darauf folgenden Jahr wiederholt. Dazu kam eine zweite Du-Leserreise. Bei dieser zeigte ich meinen Gästen die schönsten Gärten von Nordfrankreich.

 

So entstanden die „Ruperti-Reisen“

Unter diesem Titel habe ich in den folgenden Jahren eine wachsende Zahl von Reisen veranstaltet. Dabei wurden Gärten in vielen Ländern besucht. Ich engagierte Freunde und Bekannte als Helfer/innen. Sie assistierten mir bei der Leitung der ersten Durchführung einer Reise und betreuten selbständig spätere Wiederholungen.

Sascha wurde auf den Erfolg der ursprünglich von ihm angeregten Reisen neugierig. Ganz ohne „von Ochsen verschleppt zu werden“ hat er sich freiwillig als Teilnehmer meiner Garten-Reise in die Südstaaten der U.S.A. angemeldet und blieb davon begeister.

Nicht nur in Europa konnte „Ruperti-Reisen“ zum Besuch von Gärten veranstaltet werden, sondern auch in China, Japan, Marokko und den U.S.A..

Aber nach 12 Jahren – die gleiche Zeitspanne wie bei der Werbeagentur – führte der Erfolg zuletzt zu einer allzu grossen Belastung, obwohl mir die Arbeit immer grosses Vergnügen bereitet hat.

Im Jahre 1998 übergab ich die technische Organisation an die Reiseagentur Arcatour, die spezialisiert ist auf naturnahe Reisen. Den kreativen Teil betreute ich aber weiterhin. Mit anderen Worten, ich erkundete stets neue Programme. Die entsprechenden Gruppenreisen wurden jeweils im darauf folgenden Jahr von Arcatour unter dem Begriff „Kultur und Gartenkunst“ angeboten. Die meisten erwiesen sich als erfolgreich.

Nach weiteren 12 Jahren der Programmierung von Garten-Reisen hat meine Zusammenarbeit mit Arcatour im gegenseitigen Einverständnis ab Beginn des Jahres 2011 ihr Ende gefunden. Obwohl ich mich noch daran gewöhnen muss, nun „pensioniert“, also sozusagen nicht mehr „nützlich“ zu sein, kann ich mich doch glücklich schätzen, diesen letzten Lebensabschnitt erst wesentlich später anzutreten als die meisten Menschen.

 

Dem Hobby Garten –

kann ich – unabhängig von damit verbundenen Reisen – in zwei winzigen Gärtchen nachgehen. Das eine befindet sich auf der schattigen und das andere auf der sonnigen Seite meines Hauses im Caslano.

 

Auch Reisen bereiten mir nach wie vor Vergnügen.

Jetzt fehlt mir allerding die bisher oft damit verbundene, schöpferisch faszinierende und gleichzeitig meist komplihzierte Aufgabe. Für Garten-Reisen bemühte ich mich bisher, möglichst viele Gärten in einer jeweils neuen Gegend zu besuchen und eine geeignete Auswahl zu treffen. Danach musste es gelingen, diese Besuchsziele so aufzureihen, dass die Busfahrten von einem Garten zum nächsten möglichst wenig Zeit forderten. Zudem versuchte ich, wenn möglich gegen Ende eines Programms mit dem Besuch eines ganz besonders schönen und interessanten Gartens eine Steigerung vorzusehen. Es war stets ein lustvolles, kreatives Puzzlespiel um neue, erfolgversprechende Reisen zusammenzustellen. Daraus ergab sich für mich eine grosse Befriedigung, wenn es gelang, anderen Menschen Freude zu bereiten und ihnen dabei unvergessliche Erlebnisse bieten zu können.

Jetzt muss ich mich damit abfinden, dass Reisen fortan nur noch meinem persönlichen Vergnügen dienen. In diesem diesem Sinne erlebte ich gemeinsam mit Adalberto Marchetti, meinem langjährigen Freund allein vom Jahre 2011:

– vom 30. Januar – 7. Februar zusammen mit Maria Pia, unserer gemeinsamen  Freundin, die Insel Gran Canaria im selbstgesteuerten Mietauto,

– vom 3. – 10. März die von der italienischen Kameliengesellschaft organisierte Gartenreise nach Neapel – mit einem anschliessenden, unabhängigen Aufenthalt in Rom, als Gast bei dort lebenden Freunden von Adalberto.

– vom 21. – 22. April – den Besuch der „Euroflora“ in Genua

– vom 14. – 18. Mai als Mitglieder der Tessiner Vereinigung „Amici dei Musei“ die von diesen organisierte Kulturreise nach Trier

– vom 12. – 18. Juni nochmals Deutschland mit eine Schiffsreise auf dem Rhein von Basel; unterwegs Besuche von mehreren Kunstmuseen und zuletzt der Deutschen Bundesgartenschau in Koblenz

– vom 16. – 27. Juli eine Schiffreise vom St. Petersburg nach Moskau mit der MS Litvinov. Dazu hatten wir auch meine in Frankreich lebende Tochter Anna, meinen Schwiegersohn Dominique und meine Enkelin Nathalie eingeladen. Alle drei waren bisher noch nie in Russland, obwohl beide Eltern von Xenia, der Mutter von Anna, aus Russland stammen.

Auch meine Eltern stammen beide aus Russland, Russisch ist meine Muttersprache. Schon zur Zeit des Kommunismus habe ich mehrmals das riesige Sowjetreich bereist und sogar zweimal Reisegruppen nach Russland begleitet. Alle meine vier Grosseltern mussten vor der kommunistischen Revolution aus Russland fliehen. Dort hinterliessen sie unter anderem Textil-Fabriken, eine von ihnen angelegte Bahnlinie im Ural, einen heute noch funktionierenden kleinen Bahnhof vor Moskau, den sie gebaut hatten, um statt mit Pferdekutschen fortan schneller und bequemer aus der Stadt zu ihren Datschen (Wochenend-Häuser) zu gelangen.

Zu diesen gehörte eine getreue Kopie der berühmten Villa Rotonda von Palladio in Vicenza , zusätzlich durch einen künstlichen Sees und ein privates Theater erweitert und dadurch noch mehr verschlimmbessert. Diese monströse Datscha konnte sich Alfred Ruperti, mein geschäftstüchtiger Grossvaters, zuletzt leisten, nachdem er in jungen Jahren aus Hamburg ausgewandert und in Russland als Kaufmanns-Lehrling ganz klein angefangen hatte.

Der Reichtum meines Grossvaters entstand hauptsächlich aus dem Handel mit Tee und Baumwolle, bei dem er es zur führenden Stellung in ganz Russland bringen konnte. Sein einfaches Erfolgsgeheimnis beruhte auf seiner angestammten deutschen Korrektheit. Selbst durch blasses Händeschütteln vereinbarte Verträge wurden genau eingehalten, die Rechnungen stets pünktlich bezahlt usw. Das galt aber im damaligen Zarenreich als eine sehr ungewöhnlich Ausnahme ( und wäre es wohl auch heute noch in diesem Land ). Nach der Enteignung durch die kommunistische Revolution des Jahres 1917 diente die erweiterte, falsche Palladio- Villa als eine der Residenzen von Stalin.

 

Doch nun zurück in die Gegenwart:

Vom 5. – 9. September waren Adalberto und ich Gast bei der anfänglich erwähnten Maria Pia in ihrer schönen, venezianischen Zweitwohnung. Wir konnte die Biennale ausgiebig besuchen sowie verschiedene andere Freunde und Bekannten in Venedig.

Vom 2. – 16. Oktober genossen wir eine Badekur auf der Insel Ischia im Wellness-Hotel Floridiana-Terme in Porto d’Ischia. Alles hat uns sehr gefallen und die gesundheitliche Wirkung war bemerkenswert. Deshalb habe ich bereits eine Wiederholung im Oktober 2012 gebucht.

Vom 25. November – 4. Dezember unternahmen wir ab Miami mit der riesigen „Camival Liberty“ eine Kreuzfahrt zu weiteren Karibischen Inseln, die wir bei einer vorherigen, ähnlichen Reise noch nicht besucht hatten.

Die vorangehende Aufstellung könnte den falschen Eindruck erwecken ich sei „ständig verreist“. Ähnlich wie in den vorangegangenen Jahren war ich auch 2011 zusammen gerechnet elf Wochen auf Reisen. Mit anderen Worten, ich bleibe glücklich und zufrieden ganze vier Fünftel meiner Zeit im Tessin, geniesse mein sympasthisches Haus mit den zwei kleinen Gärten, das milde Klima von Caslano und die schöne Umgebung.

 

Geschrieben Ende 2010. Seither habe ich in gleicher Weise zusammen mit Adalberto immer wieder neue Reisen unternommen