Bei dieser Flussreise durchquerten Adalberto und ich die Ukraine im Jahre 2003. Der Dnjepr ist teilweise aufgestaut zu riesigen, langen Stauseen, mit einer Breite bis zu 40 km. Reizvolle, natürliche Uferlandschaften wechseln unvermittelt ab mit Industrie-Ruinen aus der Sowjetzeit. Wir machten interessante Spaziergänge in Kiew, Odessa und Sewastopol. Auch politisch und in Erinnerung an die Folgen des Kommunismus war es eine besonders aufschlussreiche Reise.
Sonntag, 31. August 2003: Bahnfahrt Lugano-Zürich, Flug Zürich-Kiew
12h30 Abfahrt per Bahn von Lugano bei herrlichem Sommerwetter. Die Koffer haben wir bereits um 08h30 bei der Schalteröffnung am Bahnhof Lugano bis Kiew eingecheckt.
In Zürich staunen wir über den stark erweiterten Flughafen, der ab 1. September (morgen) in Betrieb genommen wird. Mit leichter Verspätung fliegen wir um 19h00 ab und landen nach drei Stunden in Kiew.
Im voll besetzten Flugzeug hat es auch 30 Kinder aus Tschernobyl, die nach einem Monat Ferien in der Gegend von Sion wieder heimkehren. Dies erfahre ich aus einem kurzen Gespräch mit einer der jungen Begleiterinnen. Die Kinder fallen angenehm auf durch ihre Disziplin und – nach der Landung – durch ihre erstaunliche Ruhe und Geduld bei der Entgegennahme des Gepäcks vom Rollband.
Ein Mann mit dem Schild „Watutin“ wartet auf uns. Dies ist der Name des Schiffs. Es versammeln sich um ihn fünf weitere Passagiere, die mit uns aus Zürich angekommen sind. In perfektem Deutsch stellt sich der Mann als Alexander vor. Er wirkt auf mich etwas komisch mit seinem gewichtigen Bauch unter einem quergestreiften Leibchen. Einen Hals hat er kaum, sodass sein Kopf direkt an seiner Brust angewachsen zu sein scheint und – wenn er spricht – öffnet sich dieser Kopf von einem Ohr bis zum anderen. Diese Beschreibung mag wohl etwas übertrieben scheinen, doch Alexander gleicht wirklich einer Kröte.
Wie ungerecht; ich musste mich für mein auf das Äussere beruhende Vorurteil später richtig schämen. Alexander entpuppte sich nämlich als ein hoch gebildeter Mensch, der dank umfassendem Wissen bei verschiedenen Führungen und Vorlesungen die Reise bereichert und interessant gemacht hat.
Nach einer halben Stunde Fahrt auf einer von dichten, nächtlich dunklen Wäldern gesäumten Schnellstrasse gelangen wir zum Schiff.
Während das Gepäck in die Kabinen gebracht wird, erwartet ein spätes Abendessen die Gäste aus Zürich. Wir sind offenbar als die Letzten der mit diesem Schiff reisenden Personen eingetroffen. Eine äusserst attraktive junge Dame begleitet uns im Speisesaal zu einem Tisch für vier Personen.
Irina amtet als Chefin im Speisesaal; gertenschlank, 1.80 m gross, schätzungsweise Ende Zwanzig, voller Charme und Gastfreundlichkeit – dazu noch dieses strahlende Lächeln – geradezu bezaubernd! Ihre stets eleganten Hosenanzüge wechselt Irina dann jeweils zum Mittag- und zum Abendessen; ich kann auf der ganzen Reise nicht eine einzige Wiederholung beobachten. (Ja, ich habe aufmerksam hingeguckt!).
An diesem ersten Abend erschien es mir jedoch wenig erfreulich, dass Irina bald nach uns ein Paar begleitete und an unseren Tisch setzte. Es handelte sich um ein hageres Riesenweib mit einem perfekt zu ihr passenden Mann, die ich schon bei dem Flug aus Zürich überrascht angestaunt hatte. Beide haben nämlich schätzungsweise doppelt so viel Haut, wie zur Einhüllung ihrer unförmigen, grossen Körper eigentlich nötig gewesen wäre. Genauer beurteilen konnte ich diesen Hautüberschuss erst später im Laufe der Reise beim Anblick des Riesenpaars in leichter Strandbekleidung, wobei meine anfängliche Vermutung sich bestätigt hat.
Dieses Paar aus Zürich erwies sich als äusserst freundlich und gleichzeitig ganz ungewöhnlich redefreudig. Die Beiden berichteten uns während des Essens – ganz ohne entsprechende Aufforderungen unsererseits – in allen Details, was uns über sie und ihr Dasein vielleicht interessieren könnte – aber hauptsächlich all das, was uns in keiner Weise interessierte! Nur weil sie sich bei der Redeflut ständig abwechselten, gelang es dem jeweilig stillgelegten Partner sich in den ihr oder ihm gewährten kurzen Zwischenpause rasch einige Bissen in den Mund zu schieben.
Ein kleines Trinkgeld machte es möglich, dass uns für den Rest der Reise einer der wenigen Zweier-Tische nahe beim Eingang des Speisesaals zugeteilt wurde. Jedes Mal, wenn das Zürcher Paar an uns vorbeiging, grüssten beide herzlich: „Pontschorno“ riefen sie frohlockend, hatten wir doch schon am ersten Abend unter vielem anderem erfahren dürfen, sie würden auch einige Worte Italienisch beherrschen.
Zweiter Tag, Montag, 1. September: Stadtbesichtigung von Kiew
Nach dem Frühstück beginnt, gruppenweise geführt, die erste Stadtbesichtigung. Die ca. 50-jährige, grell geschminkte, lokale Begleiterin unserer Gruppe spricht perfekt Deutsch, wenn auch in typisch russischem Rhythmus der Sprache. Sie weiss vieles zu erzählen, das ich sehr interessant finde.
Zuerst besuchen wir die St. Michaels Kathedrale. Das Gebäude ist 1936 von den Kommunisten zerstört worden, um einem geplanten, aber nie gebauten Regierungspalast Platz zu machen. In den Jahren 1997-2000 wurde am ursprünglichen Standort eine originalgetreue Kopie der ehemaligen Kirche errichtet Es ist ein prachtvolles Bauwerk mit intensiv blauen Aussenwänden, überragt von zahlreichen, blattvergoldeten Kuppeln. Die kontrastierende Wirkung vom Blau zu strahlendem Goldglanz ist einmalig.
Die St. Michaelskirche dient bereits wieder als Kloster. Es hat zahlreiche, oft sehr junge Mönche in schwarzen, bodenlangen Talaren. Bei unserem Besuch ist gerade der Gottesdienst im Gange, dem wir längere Zeit beiwohnen. Das Ritual des orthodoxen Gottesdienstes verläuft im Vergleich mit dem katholischen viel theatralischer. Es hat nur einige wenige Stühle für gebrechliche Personen an den Wänden. Während dem oft viele Stunden dauernden Ritual bleiben die meisten Kirchgänger am gleichen Ort stehen. Nur einige zirkulieren langsam im offenen Raum. Immer wieder bekreuzigen sie sich mit ausladenden Gebärden vor der Brust. Es sind fast nur mit Kopftüchern bedeckte Frauen. Oft verneigen sie sich in Richtung des „Ikonostas“. So nennt sich die vergoldete Gitter-Trennwand, an der zahlreiche Heiligenbilder (Ikonen) befestigt sind. Die eigentliche Messe wird zum grossen Teil halb versteckt hinter diesem Gitter zelebriert und wirkt dadurch besonders mysteriös.
Ich kann mir vorstellen, dass diese attraktiv wirkende, theatralische Inszenierung dazu beigetragen hat, dass ungeachtet der 80 Jahre langen Unterdrückung durch ein bewusst gottloses Regime, die Teilnahme an religiösen Zeremonien wieder eine grosse Bedeutung im Leben der orthodoxen Gläubigen gefunden hat.
Zur Zeit des Kommunismus wurden rund 600 Quadratmeter der historischen Mosaikwände nach Russland verbracht, bevor die St. Michaels-Kathedrale abgerissen wurde. Jetzt laufen zwischen den Staatspräsidenten Kutschma und Putin Verhandlungen zur Rückführung der Mosaiken aus drei russischen Museen im Gange, die aber bisher erfolglos waren.
Generell ist ein Hass/Liebes-Verhältnis zwischen den beiden Ländern festzustellen, seitdem die Ukraine beim Zerfall der Sowjetunion im Jahre 1991, am Ende der Präsidentschaft von Gorbatschow und zu Beginn der Präsidentschaft von Jeltsin – nach der jahrhundertlangen russischen Dominanz – endlich zum unabhängigen Staat ernannt worden ist.
Beim Verlassen der St. Michaels-Kathedrale überrascht uns so heftiger Regen, dass wir im Schutz des Eingangstors längere Zeit auf eine Besserung hoffen. Ich benütze die Gelegenheit, um auf Russisch ein wenig mit Valentina zu plaudern. Dabei erfahre ich, dass Ukrainisch seit der Befreiung von Russland forciert eingesetzt wird.
Valentina beherrscht natürlich die eigentliche Sprache ihres Landes. Doch sie verrät mir: wenn sie als Dolmetscherin tätig ist, übersetzt sie in Gedanken von Ukrainischen zunächst ins Russische – und erst dann aus dieser ihr besser vertrauten Sprache ins Deutsche. Als Amtssprache darf jetzt aber nur noch das früher verpönte Ukrainisch gebraucht werden. Strassennamen, Inschriften und Werbeplakate sind heute immer nur ukrainisch geschrieben. Mit Ausnahme der jungen Generation sollen viele Menschen damit noch etwas Mühe haben. Dabei hat die ukrainische Sprache eine grosse Ähnlichkeit mit der russischen. Ich kann jedenfalls dank meiner russischen Sprachkenntnisse die meisten Inschriften verstehen.
Wir warten vergeblich; der heftige Regen lässt nicht nach! Anstelle des vorgesehenen Stadtspaziergangs rennen wir zum schützenden Bus, der uns auf umständlichen Umwegen zu der eigentlich nahegelegenen Sophien-Kathedrale bringt. Die beiden bedeutenden Gotteshäuser stehen in Sichtweite an beiden Enden einer breiten Strasse einander gegenüber.
Die Sophien-Kathedrale wurde in der ersten Hälfte des 11. Jahrhunderts nach dem Vorbild der Hagia Sophia von Byzanz (Konstantinopel) errichtet. Die zentrale Hauptkuppel ist von 12 kleineren Kuppeln umgeben, als Symbol von Christus mit seinen 12 Jüngern. Diese Kirche bildete den Mittelpunkt nicht nur des religiösen, sondern insbesondere auch des politischen Lebens. Nachdem Kiew aus polnischem in russischen Besitz übergegangen war, erfolgte in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts eine umfassende Erneuerung des Äusseren im farbenprächtigen, ukrainischen Barockstil mit üppigen Stuckverzierungen. Dagegen wurde das Innere nicht verändert und ein grosser Teil der Mosaiken und der Fenster blieb erhalten.
Zur Zeit des Kommunismus wurde auch die Sophien-Kathedrale, wie die meisten Kirchen, entweiht. Sie wurde zum Museum umfunktioniert und diente – in Anlehnung an frühere Zeiten – gleichzeitig auch für Staatsempfänge. Die Kirche ist bis heute ein Museum geblieben; man bezahlt Eintrittsgebühren für den Besuch.
Das grosse Gebäude wurde in den letzten Jahren weitgehend restauriert, die meisten Kuppeln sind frisch vergoldet. Die UNESCO hat 1990 die Sophien-Kathedrale zum kulturellen Welterbe ernannt.
Beim Vergleich der beiden Gotteshäuser bemerke ich zu meinem eigenen Erstaunen: Obwohl es sich bei der Michaels-Kirche um ein erst kürzlich vollendetes Bauwerk handelt, ist darin bereits eine starke und ergreifend religiöse Stimmung deutlich zu spüren. Die architektonisch und historisch bedeutende Sophien-Kathedrale löst dagegen keine solche Gefühle aus, höchstens Bewunderung der musealen Pracht. Es war für mich interessant festzustellen was flackernde Kerzen, der Duft von Weihrauch und der Sprechgesang eines Popen bewirken können.
Bald beginnen uns die allzu ausführlichen Kommentare der Museumsführerin inmitten all der übermässigen Vergoldungen in den hohen Hallen anzuöden. Wir wagen uns trotz des niederprasselnden Regens hinaus, um auf der gegenüberliegenden Strassenseite endlich Geld wechseln zu können.
Die Ein- und Ausfuhr von ukrainischem Geld ist verboten, in der weitgehend vergeblichen Hoffnung, dadurch die langsame aber ständige Entwertung ein wenig zu bremsen. Beim gegenwärtigen Wechselkurs entspricht l € 5.70 Griwna. Zur Vereinfachung haben wir dann immer mit 1 € = 6 Griwna und 1 Fr. = 4 Griwna gerechnet. Offiziell darf in der Ukraine nur mit Griwna bezahlt werden. Alle Strassenhändler lassen sich jedoch sehr gerne mit Euro bezahlen. Manche wagen es sogar, ihre Waren mit der ausländischen Währung ganz offen anzuschreiben. Ein Trinkgeld in der einheimischen Währung wird zwar nicht zurückgewiesen, aber weniger gerne angenommen.
Der an der Hauswand gross angeschriebene „Money-Exchange“ erweist sich als kleiner Kiosk aus rohem Holz, innerhalb einer nicht besonders sauber wirkenden Apotheke. In diesem Bretterverschlag kann ein Mensch knapp stehen, falls er nicht auf die Idee kommt, die Arme ausbreiten zu wollen. Blitzschnell verschwindet mein Geldschein und schon liegt der genau abgezählte Gegenwert in Griwna auf dem Brettchen vor dem winzigen Schalter dieser ukrainischen Wechselstube. Sie bildet offenbar eine hilfreiche Medizin für die kommerzielle Gesundheit der Apotheke.
Schon beim Überqueren der Strasse von der Kirche zur Apotheke bekommen wir nasse Füsse. Die lange Strasse mit ihrer leichten Neigung und den offenbar verstopften Abflüssen hat sich in der kurzen Zeit unseres Geldwechsels in einen rauschend dahinströmenden Fluss verwandelt. Bei der zweiten Überquerung der breiten, überfluteten Strasse werden die Hosen bis zum Knie durchnässt und schlabbern um die Beine. Im Bus muss ich die Schuhe ausziehen, um das Wasser auszuschütten. Adalberto findet das ungehörig und verharrt tapfer mit seinem „Fussbad“.
Die noch vorgesehenen Besichtigungen werden von Valentina mit laut bezeugtem Einverständnis der ganzen Gruppe abgebrochen und schon bald nach diesem unerwarteten Wasserfest können wir uns in der Schiffskabine vollständig umziehen.
Die Luftkühlung schalten wir auf Heizung um, die Schuhe werden vor den Ventilationsschlitzen aufgehängt und das Fenster geöffnet, um überschüssige Wärme ins Freie zu lassen. Es vergehen zwei volle Tage bis die Schuhe wieder trocken sind. Offenbar hat jedoch der Himmel an diesem Tag bereits sein volles Mass an Regen ausgeschüttet. Von jetzt an bleibt es während der ganzen Reise trocken, oft herrscht sogar sonniges, angenehm warmes Wetter.
Um 19h00 verlassen wir Kiew und die Schiffsreise auf dem Dnjepr beginnt. Nach dem Abendessen ist eine Folklore-Schau angesagt. Sie erweist sich als eine wirklich erfreuliche Unterhaltung und nicht als der unter diesem Titel meist veranstaltete Touristen-Kitsch, den wir eigentlich erwartet hatten. Drei Frauen und vier Männer in farbenfrohen Fantasiekostümen musizieren, tanzen und singen, dass es eine wahre Freude ist. Dabei wird zum Schein so getan, als handle es sich bei den hervorragenden Darbietungen um reine Improvisationen. Besonders beeindruckt ein älterer Mann, der aus einer Panflöte mit zahllosen Röhren unglaubliche Töne erzeugt, sowie eine junge Frau, die auf einem grossen, antiken Xylophon (geschnitzter Holzrahmen und Fusspedalen) mit blitzschnellem Hämmern liebliche Melodien spielt.
3. Tag, Dienstag, 2. September 2003: Fahrt von Kiew bis Krementschug
Ziemlich unvorbereitet hatte ich mich auf diese Reise begeben. Nun erfahre ich zu meiner Überraschung, dass der Dnjepr länger ist, als beispielsweise die Rhone oder der Rhein und dass die Ukraine (abgesehen von Russland) das grösste Land von Europa ist. Mit anderen Worten: die Ukraine übertrifft flächenmässig Länder wie Deutschland oder Frankreich.
Dagegen wusste ich schon, dass es hier sehr fruchtbare Erde hat, weshalb die Ukraine auch als „Kornkammer Europas“ bezeichnet worden ist. Nun erfahre ich, dass eine bis zu 6 m tiefe Schicht der kostbaren, sogenannten „schwarzen Erde“ einen grossen Teil des Landes bedeckt. Doch die von falschen ökonomischen Ideen verblendete kommunistische Misswirtschaft hat die ehemals reiche, Nahrungsmittel exportierende Ukraine in ein armes Land verwandelt. Es muss sogar mit kostbaren Devisen Getreide eingeführt werden, um die Bevölkerung einigermassen ausreichend zu ernähren.
Der Dnjepr wird von 6 Schleusen gestaut. Eine befindet sich oberhalb von Kiew, die weiteren auf unserer Reiseroute. Unsere erste Schleuse durchqueren wir nachts um vier Uhr. Ich beobachte aus dem Kabinenfenster, wie die beleuchteten Betonwände langsam aufzusteigen scheinen.
Unser nächstes Ziel ist die Stadt Krementschug. Die dortige Schleusenstufe erzeugt den grössten der Stauseen des Flusses. Er wird deshalb auch als das „Meer von Krementschug“ bezeichnet. Dieses hat eine Länge von rund 200 km und einer Breite bis zu 40 km. Dabei ist dieser in einer fast ebenen Landschaft entstandene Stausee nirgends tiefer als 5 m.
Nach dem Frühstück beobachte ich, wie sich die flachen, bewaldeten Ufer allmählich immer weiter entfernen und zuletzt bloss noch als schwacher horizontaler Strich zwischen Himmel und Wasser erkennbar bleiben.
Nach der Durchquerung der Schleuse landen wir um drei Uhr nachmittags in Krementschug. Bei einem Rundgang besichtigen wir die öde wirkende Provinzstadt, die in diesem Sinne als eines der Industriezentren der Ukraine charakteristisch zu sein scheint.
4. Tag: Mittwoch 3. September 2003: Ganztägige Schiffsfahrt bis Saporoschje
Wir verlassen Krementschug um 2 Uhr nachts, weil jeweils erst zu dieser Zeit die alte, in der kommunistischen Vergangenheit für Schiffe zu niedrig gebaute Eisenbahnbrücke passiert werden kann. Der Mittelteil der langen Brücke wird jeweils nachts für eine Stunde hochgezogen.
Heute durchqueren wir eine an Bodenschätzen reiche Gegend. Vor allem hat es viel Kohle und verschiedene Erze. Deshalb wurde hier in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts eine zukunftsgläubige Industrie entwickelt.
Die Uferlandschaft wechselt ständig ab zwischen dichten, unberührt scheinenden Wäldern und ausgedehnten, dahinrostenden Fabrik-Ruinen. Doch aus einigen der Hochkamine entweicht dichter Rauch und beweist, dass manche Betriebe dieser industriellen Archäologie immer noch tätig sind. Zeitweise ist die Luft derart verseucht, dass die Augen zu tränen beginnen.
Rein optisch wirkt jedoch die abwechslungsreiche Szenerie äusserst malerisch, besonders beim unmittelbaren Aufeinanderprallen von Menschenwerk und Natur. Die vergammelten Industriebauten sind – als reizvoller Kontrast – eingerahmt von herrlichen Naturlandschaften. Es hat viele flache Inseln mit breiten Schilfgürteln. Hier leben zahllose Wasservögel: Enten und Haubentaucher schwimmen im Wasser, Kormorane ruhen auf abgestorbenen Baumstämmen und halten die Flügel zum Trocknen weit ausgebreitet, silbergraue Kraniche fliegen auf und entfernen sich als elegante Silhouette vom störenden Schiff.
Alexander, dessen Aussehen ich bei der ersten Begegnung in Gedanken mit einer Kröte verglichen hatte, hält im Vortragsraum auf dem obersten Deck das erste seiner interessanten Referate. Mit drei weiteren wird er mich im Verlauf der Reise fesseln, jedes Mal wenn das Schiff eine besonders lange Strecke fährt.
In einem persönlichen Gespräch erfahre ich, dass Professor Alexander Bondarenko einst wirtschaftshistorische Vorlesungen an einer der hiesigen Universitäten gehalten hat. Er verrät mir auch, dass er als Reiseführer für ausländische Touristen ein Mehrfaches verdient, verglichen mit dem, was ihm der Staatsdienst eingebracht und für den Unterhalt seiner Familie nicht ausgereicht hat. Neben den Führungen bei den Landausflügen, hält er weiterhin seinen Vorlesungen – nun aber für Ausländer bei der Schiffsfahrt. Die Notizen die ich mir bei Alexanders Vorträgen machen konnte, habe ich im Anhang zu diesem Reisebericht zusammengefasst.
Nach der Durchquerung der Schleuse von Saporoschje legen wir um neun Uhr abends an.
5. Tag, Donnerstag, 4. September 2003: Saporoschje und die Insel der Kosaken
Saporoschje ist eine Industriestadt mit 900 000 Einwohnern. Der im Jahre 1932 errichtete Staudamm speiste das damals grösste Kraftwerk von Europa. Mit seinem Industriekombinat von Maschinenbau und Chemie wurde Saporoschje zum Symbol für den „sozialistischen Aufbau“ der Sowjetunion.
Nach dem Ende des zweiten Weltkriegs wurde der Staudamm erhöht, und damit der Stausee auf mehr als seine zehnfache Kapazität erweitert. 1960 begann in Saporoschje die Herstellung von Automobilen. Im Höhepunkt der 80-er Jahre wurden der „Saporoschjez“ genannte russische Kleinwagen jährlich in zwei Millionen Exemplaren produziert. Es folgte die wirtschaftliche Krise, nach welcher in den 90-er Jahren eine Zusammenarbeit mit Daewo aus Nordkorea und neuerdings auch mit Opel eingeleitet worden ist. Die im Vergleich zu der Kapazität der Werke in einer relativ geringen Zahl produzierten, neuen Automobile finden jedoch fast keinen Absatz, denn sie gelten – im Gegensatz zum alten „Saporoschjez“ – als viel zu teuer. Man kauft sich hier lieber einen Okkasionswagen aus Westeuropa. Laut Alexander handelt es sich dabei oft um auf Bestellung gestohlene Fahrzeuge der gewünschten Marke, auf Grund von schon zum Voraus abgeschlossenen Kaufverträgen!
Touristenbusse bringen uns über eine lange Brücke zur Kosakeninsel Choritza. Es ist grösste Insel des Dnjepr: 12 km lang und 2,5 km breit. Hier entstand das Kosakentum. Es waren entlaufene Leibeigene, die auf Choriza flüchteten und als mutwillige Krieger ihre neu gewonnene Freiheit verteidigten. Keine Frau durfte die Insel betreten, hier lebten nur unverheiratete Männer. Wenn sie heirateten, siedelten sie sich in den umgebenden Dörfern an.
Die Kosaken befreiten sich im 17. Jh. von den damals hier herrschenden Polen und schufen ihren eigenen Staat. Sie unternahmen Beutezüge gegen die Türken und Tartaren. Die Siege wurden in wilden Trinkgelagen gefeiert, an denen sich die russische und ukrainische Männerwelt heute noch ein Beispiel nimmt.
Katharina die Grosse nahm die Hilfe der Kosakenkrieger in Anspruch zur Bekämpfung der gemeinsamen Feinde. Als sie aber die Insel besuchen wollte, sagte ihr der Hetmann (oberster Kosakenführer) „Mütterchen, du bist nur eine Frau, aber du kannst dich auf diesen Stein setzen und zu uns hinüber schauen.“ Mitten im Fluss erhebt sich eine kleine Felsinsel, auf der die Zarin angeblich gesessen ist und Choritza mit dem Fernglas betrachtet hat. Wir besuchen auf der Insel das interessante Kosaken-Heimatmuseum.
Um 14 Uhr verlassen wir Saporoschje und werden nach einer 24-stündigen Flussfahrt in Odessa landen. Im Vortragsraum wird vorgeführt wie Bortsch und Wareniki zubereitet werden. Danach gibt es Kostproben dieser typischen Gerichte. Bortsch ist eine Suppe, die dank Roten Rüben die charakteristische rote Farbe erhält und mit einem Klacks saurer Sahne serviert wird. Bei den Wareniki handelt es sich um Teigtaschen, ähnlich unseren Ravioli, die mit salzigen oder süssen Füllungen zubereitet und vor dem Servieren mit flüssiger Butter übergossen werden. Am besten haben mir die mit Quark und Amarenen-Kirschen zubereiteten Wareniki geschmeckt.
6. Tag, Freitag, 5. September 2003: Dnjepr-Delta und Odessa
Wir haben die letzte der 5 Schleusen heute um Mitternacht durchquert und nähern uns dem ausgedehnten Delta des Dnjepr. Auf der mit Pfählen markierten Fahrstrecke windet sich das Schiff zwischen zahllosen Schilf-Inseln zum Schwarzen Meer. Die Flusslandschaft bildet ein Paradies für viele Vogelarten.
Kormorane, Kraniche, Enten und Wildgänse hatten wir an manchen Stellen schon flussaufwärts beobachtet, doch nirgends in so grosser Zahl. Ausserdem soll es im Delta auch Kolonien von Flamingos haben, die ich aber nicht zu Gesicht bekomme.
In Odessa landen wir unmittelbar am Fuss der berühmten Treppe, bekannt aus „Panzerkreuzer Potjomkin“, dem Film von Eisenstein.
Der Spaziergang durch das Stadtzentrum ist architektonisch ein Genuss. Zu sehen sind insbesondere eine herrliche Mischung des charakteristischen russischen Imitationsbarocks aus der zweiten Hälfte des 19. Jh., sowie schwungvoll überladener Jugendstil bis zum ersten Weltkrieg, bzw. der kommunistischen Revolution.
Weisse Stuckverzierungen kontrastieren zu einer umfassenden Farbpalette der Hauswände. Mit wenigen Ausnahmen (etwa auf der Insel Burano bei Venedig, oder manchmal in skandinavischen Ländern) bleibt ja leider im westlichen Europa die Auswahl der für Bauwerke verwendeten Farben stark eingeschränkt. Wie in Moskau und in Sankt Petersburg kann ich mich dagegen in Odessa an den über hundertjährigen Wohnhäusern mit ihren teilweise leuchtend blauen oder intensiv grünen Fassaden begeistern. Diese Farben kontrastieren zum Weiss der Fensterumrahmungen und der Stuckverzierungen, wodurch die malerische Wirkung verstärkt wird.
Wo sich Banken in den alten Stadtpalästen einquartiert haben, sind die Bauten perfekt restauriert, andere dagegen sind noch ziemlich vergammelt. Durch all diese farblichen und stilistischen Kontraste und dem Nebeneinander von Alt und Neu gewinnt der Architektur-Spaziergang einen besonderen Reiz.
Etwas ausserhalb des alten Stadtzentrums finden sich die Wohnblöcke aus der kommunistischen Zeit, als unter Chruschtschew eine forcierte Bautätigkeit eingesetzt hatte. Die populären Wohnungen wurden nun alle mit fliessendem Wasser und Gas ausgerüstet, was früher als seltener Luxus privilegierten Schichten der Bevölkerung vorbehalten war. Deshalb galt es als äusserst erstrebenswertes Privileg, eine solche Wohnung zugeteilt zu bekommen. Diese modernen Bauten mussten jedoch zur Erfüllung der wirklichkeitsfremden. kommunistischen „Fünfjahres-Pläne“ möglichst schnell errichtet werden. Dabei wurde billiges und schlechtes Material verwendet und das zeigt sich überall an den abbröckelnden Fassaden.
Ausserdem haben die Bewohner in fast jeder Wohnung die Balkons – soweit diese noch nicht einfach abgebrochen sind – mit alten Brettern, rostigem Wellblech usw. als zusätzlich nutzbaren Raum ausgebaut. Der dabei entstandene Gesamteindruck ist geradezu phantastisch und bezeugt den Lebenswillen und Erfindungsreichtum von Menschen in wirtschaftlich schwierigen Situationen.
Die Hafenstadt Odessa wurde auf Befehl von Katharina der Grossen am Ende des 18. Jh. angelegt. Hier versuchten Russen, Ukrainer, Polen, Griechen, Albaner, Italiener, Armenier, Rumänen und Juden, Abenteurer, Händler, Spekulanten und Schmuggler ihr Glück. Die Stadt wuchs schnell – heute zählt sie über eine Million Einwohner.
Nach dem Vorbild der Oper von Wien wurde in der zweiten Hälfte das 19. Jh. das imposante Opernhaus von Odessa errichtet. Das Gebäude wird gerade renoviert. Von der Terrasse eines davorliegenden Kaffeehauses beobachten wir die vielen Arbeiter auf dem mehrstöckigen Baugerüst und zuoberst auf dem Dach. Nur wenige machen von Zeit zu Zeit eine müde wirkende Bewegung. Fast alle stehen einfach untätig herum, plaudern miteinander oder trinken Tee aus Thermosflaschen.
Unser Schiff bleibt diese Nacht im Hafen verankert und wir besorgen uns Karten für den heutigen Abend. Aufgeführt wird das Ballett „Giselle“. Technisch sind die Tänzerinnen und Tänzer durchgehend perfekt, aber das miese Dekor und die geschmacklosen Kostüme enttäuschen. Gelohnt hat sich eigentlich nur, bei dieser Gelegenheit auch das überreich vergoldete, neo-barocke Innere des Opernhauses sehen zu können.
7. Tag, Samstag, 6. September 2003: Fahrt durch das Schwarze Meer
Bevor das Schiff um 13h00 Odessa verlässt wird, bleibt uns noch Zeit für einen weiteren Stadtspaziergang. Die Stadt beeindruckt vor allem mit ihren breiten, von mächtigen Platanen gesäumten Strassen. Die Bäume wurden vom ersten Gouverneur von Odessa gepflanzt, dem Marquis Richelieu – einem Enkel des berühmten Kardinals. Der Marquis hatte auf der Flucht vor der Französischen Revolution in der neuen Stadt Unterkunft gefunden und machte hier Karriere.
Auf einer längeren Fahrt durchqueren wir das Schwarze Meer entlang der Küste der Krim-Halbinsel und landen am nächsten Morgen in Sewastopol.
8. Tag, Sonntag, 7. September 2003: Sewastopol und Bachtschissaraj
Der Name der bedeutenden Hafenstadt wird meist mit der Betonung auf der zweiten Silbe und damit falsch ausgesprochen. Sie nennt sich nämlich nicht Sewástopol, sondern mit der Betonung auf der dritten Silbe, also Sewastópol, das zweite „o“ wird praktisch nicht ausgesprochen.
Eine 8 km tiefe Bucht mit zahlreichen Nebenbuchten bildet die ideale Voraussetzung für den Hafen von Sewastopol.
Wir unternehmen am Vormittag eine Stadtrundfahrt. Auffallend sind die Plattenbauten mit ihren abbröckelnden Fassaden. Diese Gebäude wurden in der Zeit von Chruschtschow errichtet und galten damals als äusserst begehrenswert, wie ich schon im Zusammenhang mit Odessa erwähnt habe. Die Wohnungen hatten den bisher unbekannten Komfort von fliessendem Wasser. Dies soll aber heute 2-mal täglich jeweils nur eine Stunde lang funktionieren.
Mit vielen Alleen und Parkanlagen und den die Buchten umkreisenden Strassen wirkt Sewastopol als urbane Landschaft recht eindrücklich. Überall sind Denkmäler zu sehen, je nach entsprechenden Angaben sollen es insgesamt etwa 1000, bzw. 2000 sein.
Wir besichtigen auch die flache Meeresbucht mit den Überresten der von den Griechen im Jahre 421 v.Chr. gegründeten Stadt Chersones. Vom l. Jh. v. Chr bis zum 5 Jh. n. Chr. gehörte die Stadt zum Weströmischen Imperium. Nach dem Zerfall des Römischen Reiches war Chersones ein wichtiger Vorposten von Byzanz.
Die beiden griechischen Brüder, genannt die „Slawen-Apostel“, Kyrill und Method, schufen in der zweiten Hälfte des 9. Jh. das heute noch verwendete „kyrillische“ Alphabet, basierend auf griechischen Buchstaben, und legten damit ihren slawischen Dialekt als damals überall verständliche Kirchensprache fest. Der Name des anderen Bruders blieb als Begriff erhalten z.B. im Begriff: „methodische“ Arbeitsweise. Kyrill und Method wurden heilig gesprochen und geniessen bei den Slawen grosse Wertschätzung.
Der Kiewer Fürst Wladimir eroberte im Jahre 988 das kulturell hoch stehende Chersones. Von hier brachte er die griechisch-orthodoxe Religion in seine Heimatstadt Kiew und zwang die Bevölkerung zur Taufe im Dnjepr. So wurde auch Wladimir heilig gesprochen und gilt als Schutzherr seiner Stadt.
Der gesamte russische Aussenhandel mit Byzanz wurde über Chersones abgewickelt, bis die Tartaren die Stadt im Jahre 1299 niederbrannten. Ein grosser Teil der noch erhalten gebliebenen Mauern wurde anfangs des 19. Jh. zum Aufbau der neuen Stadt Sewastopol verwendet.
Im Jahre 1784 erteilte Katharina die Grosse ihrem Liebhaber, Fürst Potemkin, den Auftrag, unweit des ehemaligen Chersones eine Festung als Kriegshafen der Schwarzmeer-Flotte anzulegen. Der griechische Name: „sevastos polis“, bedeutet: ruhmreiche Stadt. Drei Jahre später besuchte die Zarin selber die neue Stadt als Ziel ihrer grossen Reise in den Süden, um die für Russland neu eroberten Gebiete kennen zu lernen.
1996 wurde Chersones von der UNESCO zum Welterbe ernannt. Die Überreste des Amphitheaters aus der Antike und solche von mehr als 60 Häusern wurden freigelegt, doch der grössere Teil dieser Stadt soll noch unter der Erde begraben liegen.
Am Nachmittag nehmen wir am Ausflug nach Bachtschissaraj teil, der mittelalterlichen Residenz der Krim-Khane. Die kleine Stadt mit ihrem heute noch exotisch wirkenden Zentrum liegt im Inneren der Krim, 45 km nordöstlich von Sewastopol entfernt. Sie wurde vor 500 Jahren als Residenz der Tartaren-Khane gegründet.
Wir erreichen Bachtschissaraj nach einer landschaftlich schönen Fahrt und besuchen den inmitten eines grossen Gartens errichteten Palast. Um diesen Palast zu erbauen hat der Khan im Jahre 1503 einen italienischen Architekten kapern lassen, der sich gerade auf dem Wege nach Moskau befand. Er wurde 15 Monate festgehalten bis er den ersten Teil des phantastischen Palastes errichtet hatte. Der farbenfrohe Holzbau enthält viele Elemente der italienischen Renaissance sowie des Barocks, die der Bauweise arabischer Architektur angepasst sind.
Katharina die Grosse annektierte die Krim im Jahre 1783. Auf ihrer grossen Reise in den Süden ihres Reiches im Jahre 1787 verbrachte die Zarin drei Tage in Bachtschissaraj. Sie stiftete der muslimischen Bevölkerung zwei Moscheen und liess den Palast vollständig renovieren. Auch später wurde er noch mehrmals umgebaut.
Wie bei allen Palästen und Gärten im Gebiet des Islams bilden die Brunnen ein wichtiges Element. Der berühmteste ist der von einem persischen Meister aus weissem Marmor geschaffene Tränenbrunnen. Im Zentrum einer Blüte tropfen Tränen aus einem Auge. Sie sammeln sich in einer herzförmigen Schale. Mit diesem Brunnen wollte der Khan an seine jung verstorbene Lieblingsfrau erinnern. Er legte eine weisse und eine rote Rose in die Schale und diese Tradition wird nach über zweihundert Jahren heute noch aufrecht gehalten!
Der Brunnen hat den unglücklich verliebten Dichter, Alexander Puschkin zu seinem berühmten Gedicht inspiriert: „Der Tränen-Brunnen von Bachtschissaraj“. Aus dem Gedicht entstand das klassische Ballett mit dem gleichen Titel.
Puschkin hat aber zweifellos den Besuch des Harems und der übrigen Palastanlage von Bachtschissaraj viel romantischer erlebt, als es uns vergönnt ist. Die Strasse bis zum Eingang des Palastes ist von lauter Souvenirständen gesäumt, in denen der übliche Touristenkitsch angeboten wird. Hier scheint aber das angebotene Zeug noch abstossender zu sein als anderswo.
Die Palastgärten sind heute verwildert und schmutzig. Zu allem passt es perfekt, dass im Tränenbrunnen die romantischen Rosen heute künstlich sind, wobei zudem die Farbe des Plastik-Materials völlig ausgeblichen ist.
Nach dem Abendessen im Schiff unternehmen Adalberto und ich einen Spaziergang im belebten Stadtpark von Sewastopol, der sich entlang der Meeresküste erstreckt An mehreren Stellen hat es Ansammlungen von Menschen vor Karaoka Ständen. Auch wir bleiben längere Zeit stehen und beobachten amüsiert, wie sich die in einer Schlange wartenden jungen Frauen und Männer ablösen, um in ein Mikrophon Schlager singen zu dürfen. Dazu ertönt aus einem Lautsprecher die Begleitmusik, während auf einer grossen Leinwand ein Film projiziert wird und gleichzeitig die Worte des Schlagers als Hilfe für die Amateur-Sänger als laufendes Schriftband erscheinen.
Das Ganze wirkt auf mich furchtbar komisch, wie diese dafür zahlenden Möchtegern-Stars vor der Menge auftreten. Es ist fast unbegreiflich, dass es ihnen nicht bewusst zu sein scheint, wie lächerlich sie sich bewegen und wie schlecht die meisten singen. Allerdings gibt es auch einige, denen es wenigstens gelingt, wie eine recht gute Parodie von wirklichen Stars zu wirken.
9. Tag, Montag, 8. September 2003: Jalta
Den heutigen 63. Geburtstag von Berto verbringen wir mit einem von der Schiffsleitung organisierten Tagesausflug nach Jalta. Das Südufer der Krim ähnelt etwas der Côte d’Azur, ist viel weniger überbaut, aber auch etwas weniger schön. Ich hatte eigentlich mehr erwartet.
Erstaunt hat uns der Blick auf das riesige rote Dach eines Gebäudes tief unterhalb der Fahrstrasse: Dies ist die „Regierungs-Datscha“ erbaut für Michael Gorbatschow. Die Anlage ist 50 Hektar gross und umfasst einen Landeplatz für Hubschrauber, einen eigenen Hafen und ein Schwimmbad usw. Diese „Datscha“ selbst hat eine Wohnfläche von 6000 qm. Die Sommerresidenz des russischen Regierungschefs soll die unglaubliche Summe von 300 Millionen US Dollar gekostet haben, was die Bevölkerung nach der Katastrophe von Tschernobyl wohl wenig begeistert konnte. Als Gorbatschow sich im Sommer 1991 mit seiner Familie in dieser Datscha aufhielt, wurde er hier während des Putschversuches in Moskau festgenommen. Alle seine Verbindungen zur Aussenwelt wurden gekappt, bis er nach drei Tagen wieder freikam.
Die Datscha wurde nach Streitereien zwischen Russland und der Ukraine schliesslich doch Kiew zugesprochen. Der Präsident Kutschma sei jedoch abergläubisch und will das Luxusobjekt nicht benutzen, da hier der letzte Urlaub des sowjetischen Regierungschefs so dramatisch endete. Deshalb liess sich Kutschma eine andere „Datscha“ erbauen.
Auch ein anderer Palast fällt auf, der ebenfalls tief unterhalb der Fahrtstrasse liegt. Er wurde Mitte des 19.Jh. von einem englischen Hofarchitekt, der auch am Bau des Buckingham-Palastes beteiligt war, für den Fürsten Michail Woronzow errichtet. Der Woronzow-Palast hat mehrere Türme und ist aus Gebäuden verschiedenster Stilrichtungen zusammengesetzt, angefangen von einer mittelalterlichen Burg bis zur grossen Moschee von Dehli mit einer von Löwen flankierten Freitreppe. In den 150 Räumen des Schlosses findet sich heute ein Museum.
3 km vor Jalta befindet sich der berühmte, weisse Liwadija-Palast, den wir ausführlich besichtigen. Zar Alexander II erwarb 1860 das Gelände, auf dem ein Palastensemble mit einem grossen und einem kleineren Palast, sowie 60 weiteren Gebäuden erbaut wurde. 1909 liess Zar Nikolaj II den durch Grundwasser beschädigten Grossen Palast abreissen und durch einen neuen ersetzen, der einem italienischen Renaissance-Gebäude gleichen sollte. Unter Lenin wurden alle Adelspaläste enteignet. Das Palast-Ensemble des Zaren wurde zu Kurhäusern für Arbeiter umfunktioniert. Die Oberleitung aller Sanatorien übernahm der Arzt Uljanow, ein Bruder von Lenin.
Nachdenklich stehen wir lange vor dem grossen runden Tisch, umgeben von vielen hochlehnigen Stühlen, und drei gepolsterten Sesseln. Auf diesen sassen die Staatsoberhäupter der drei Grossmächte, Roosevelt (U.S.A.) Churchill (Grossbritannien) und Stalin (UdSSR). Sie beschlossen hier im Jahre 1945 Deutschland in vier Besatzungszonen aufzuteilen, wobei als vierte Staatsmacht auch noch Frankreich dazu kam. Das obere Stockwerk des Liwadja Palastes vermittelt einen Eindruck aus dem Leben der letzten Zarenfamilie. Hier haben Zar Nikolaj II mit seiner Frau und ihren fünf Kindern oft die Ferien verbracht.
In Jalta haben wir zwei Stunden frei. Die Stadt gleicht heute einem billigen Nizza, mit grossem Touristenrummel. Mitten in der Stadt hat es – gleich wie in Nizza – einen langen Strand von Kieselsteinen. Hier nehmen wir unser einziges Bad im Schwarzen Meer.
10. Tag, Dienstag, 9. September 2003: Sewastopol
Den freien Vormittag benützen Adalberto und ich zu einem weiteren Stadtspaziergang in Sewastopol. Dabei besuchen wir das Panorama-Museum. Das Rundgebäude erhebt sich auf einem Hügel inmitten einer ausgedehnten Parkanlage.
Hier wurde im Krimkrieg im Jahre 1855 die entscheidende Schlacht zur Verteidigung von Sewastopol geschlagen. Die Kriegsszenen sind als Rundgemälde auf einer Leinwand von 114 m Länge und 14 m Höhe dargestellt. Davor sind Gegenstände in einer Weise ausgelegt, dass man den Übergang von den dreidimensionalen Dingen zu den perspektivisch auf der Leinwand dargestellten nur mit Mühe erkennen kann. So wird etwa ein realer, voll beladener Wagen scheinbar von einem auf der Leinwand gemalten Pferd gezogen. Das beeindruckende Werk schuf ein Kunst-Professor in München mit Hilfe seiner Studenten.
Um 12 Uhr legt unser Schiff ab und die Rückreise beginnt. Auf längeren Fahrstrecken sind die interessantesten Erlebnisse die Vorträge von Alexander. Zu diesen Vorträgen kommen aber weniger als die Hälfte der Passagiere.
11. Tag, Mittwoch, 10. September 2003: Fischerdorf
Nach einer Fahrt durch das Schwarze Meer erreichen wir wieder die Djnepr Mündung. Auf einer der vielen flachen Inseln besuchen wir ein Fischerdorf. Hier leben die Leute aber heute offenbar weniger vom Fischfang als vom Verkauf von selbst gemachten Souvenirs, bunten, mit Stickereien verzierten Tischdecken und Trachtenhemden, oder gestrickten Kleidungsstücken.
12. Tag, Donnerstag, 11. September 2003: Dnjepropetrowsk
Die Industriestadt Dnjepropetrowsk hat heute über eine Million Einwohner. Fürst Potjomkin begann 1786 mit dem Bau dieser Stadt. Es sollte nach seinen Plänen die grösste und prachtvollste Stadt von Neurussland werden und erhielt den Namen Jekaterinoslaw (Ehre der Katharina). Schon im folgenden Jahr besuchte die Zarin in Begleitung des inkognito reisenden österreichischen Kaiser Josef II die neue, erst aus einigen Holzhäusern bestehende Siedlung.
Zu den Plänen von Potjomkin gehörte auch die Errichtung einer mächtigen Kirche. Sie sollte nach dem Petersdom in Rom die zweitgrösste Kirche der Welt werden. Katharina legte den ersten Stein des Fundaments, und Josef den zweiten. Der österreichische Kaiser hatte aber die generelle Situation erfasst und schrieb einem Freund: „Die Kaiserin legte den ersten Stein der neuen Kirche und ich – den letzten“. Sein Sarkasmus war nicht ganz unbegründet. Die Kirche wurde zwar fast ein halbes Jahrhundert später gebaut, aber viel kleiner, als von Potjomkin vorgesehen. Generell erwiesen sich die hochfliegenden Pläne, Jekaterinoslaw zum St. Petersburg des Südens zu machen, als Fata Morgana.
Mit der Abschaffung der Leibeigenschaft im Jahre 1861 änderte sich die Lage. Ein englischer Industrieller errichtete mit englischen Maschinen und Arbeitern aus England die erste Eisengiesserei. Jekaterinoslaw erlebte eine rasante Entwicklung zum bedeutendsten Industriezentrum Russlands.
In sowjetischen Zeiten wurde die Stadt in Dnjepropetrowsk umbenannt und gehörte zu den grössten Produzenten von Raketen und Atombomben der Welt. Für Ausländer war die Stadt damals gesperrt. Leonid Kutschma, der heutige Präsident der Ukraine, war ursprünglich Generaldirektor des grössten aller Rüstungsbetriebe. Nach der Unabhängigkeit stieg die Ukraine aus der Atomwaffen-Produktion aus. Die meisten der rund 150 verbliebenen Grossbetriebe haben auf andere Produkte umgestellt, wie Lastwagen, Kühlschränke, Telefoneinrichtungen usw.
Im Gegensatz zu den nur wenig später entstandenen Städten Odessa und Sewastopol, hat Dnepropetrowsk wenig touristische Attraktionen. Besonders auffallend ist ein riesiges Gebäude am Flussufer, das Intouristhotel, im Besitz einer Privatbank, eine nie fertiggestellte Bauruine. Wir besuchen das Raketenmuseums, das im Areal der grossen Fabrik für Raumfahrzeuge im Jahre 1997 eröffnet worden ist. In der Fabrik werden heute nur noch Raketen für friedliche Zwecke hergestellt. Es handle sich um Trägerraketen, die bis zu 20 Satelliten im Umlauf bringen.
Mit Interesse und gleichzeitig mit wachsendem Entsetzen bestaunen wir die beeindruckenden Raumfahrzeuge in den hohen Hallen des Museums. Wie ich vor einem hier hergestellten, jetzt allerdings entschärften Geschoss stehe, dessen Atomsprengkopf die über 1000-fache Wucht der Hiroshima-Bombe aufwies, befällt mich ein starkes Unwohlsein.
Es wird mir plötzlich schwindlig und ich muss mich bewusst zusammen nehmen um ins Freie zu gelangen. Ich bleibe dann längere Zeit auf einer Bank im Museumshof sitzen und denke darüber nach, was für ein Glück es ist, dass ich kein junger Mensch mehr bin. Es braucht nur einen Idioten als Staatsoberhaupt, um die grösste Katastrophe aller Zeiten auszulösen. Die U.S.A. hat einen christlich fundamentalistischen, kriegslüsternen Präsidenten, und auch andere Länder wie Indien und Pakistan sind stolz auf ihre Atomwaffen-Arsenale. Grauenhaft!
Wir besuchen dann zur Ablenkung den ausgedehnten, malerisch wirkenden „Bauernmarkt“. Hier wird im Freien, in endlos langen Reihen von Marktständen, alles angeboten, was man sich nur denken kann; Früchte, Fische, Bekleidung, Schnitzereien usw.
Wir verlassen abends Dnepropetrowsk und passieren die gleichnamige Schleuse. Mit Interesse folge ich Alexander bei einer weiteren Vorlesung.
13. Tag, Freitag, 12. September: Tscherkassy und Lessky
Wir landen am frühen Nachmittag in Tscherkassy. Hier erwarten uns Busse, die uns nach Lessky bringen. So nennt sich ein Vorzeigedorf, dass offenbar ausländischen Besuchern gerne gezeigt wird. Vor dem „Kulturhaus“ erwartet uns die Vertreterin des Dorfes in schmucker Tracht und offeriert nach alter Sitte; Brot und Salz. Innen wird für uns von jungen Dorfbewohnern eine Folkloreschau veranstaltet. Danach können wir die Dorfschule während des Unterrichts besuchen und anschliessend das einfache, sauber wirkende Spital .
Die Reise nähert sich dem Ende. Deshalb gibt es abends das „Kapitäns Dinner“ und anschliessend eine von der Mannschaft veranstaltete „Crew Show“. Es scheint der Schiffsbesatzung Spass zu machen, den Gästen musikalische oder tänzerische Talente vorzuführen und dabei in improvisierten Kostümen aufzutreten.
14. Tag, Samstag, 13. September 2003: Kiew
Wir landen am frühen Morgen in Kiew. Hier werden wir noch die letzte Nacht auf dem Schiff verbringen. Adalberto und ich nehmen nicht an dem geführten Landausflug teil, sondern begeben uns mit der Metro zum berühmten Höhlenkloster, das wir schon vor einigen Jahren besucht hatten. Es ist eine Freude, die teilweise perfekt renovieren Kirchen zu sehen. Die ganze Anlage wurde von der UNESCO im Jahre 1990 zum Weltkulturerbe erklärt.
Nach dem Besuch des Höhlenklosters finden wir nach längerem Suchen das dem Taxifahrern unbekannte Tschernobyl-Museum. Offenbar handelt es sich nicht um ein normales Touristenziel. Dabei hatte ich den aus dem Reiseführer den Namen der Strasse angeben können, allerdings ohne die Hausnummer.
Nach einem längeren Spaziergang auf und ab der Strasse finden wir zuletzt den unauffällig angeschriebenen Eingang zu dieser Erinnerungsstätte an die Reaktorkatastrophe des Jahres 1986. Die Ausstellung dokumentiert mit vielen Fotos und allerlei Exponaten, sowie mit einem eindrücklichen Film die Folgen dieses Unglücks. Der materielle Schaden soll 130 Milliarden U.S. Dollars verursacht haben. Die sofortigen Menschen-Opfer und die langzeitlich wirkenden gesundheitlichen Schäden der übrigen Bevölkerung lassen sich jedoch nicht in Ziffern ausdrücken.
15. Tag, Sonntag, 14. September 2003: Kiew-Zürich-Lugano
Rückblickend lässt sich sagen: es war gleichzeitig eine interessante und auch angenehme Reise.
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Notizen aus den Vorträge von Prof. Alexander Bondarenko
Zusammenfassend entnahm ich aus diesen Vorträgen, dass sich die ukrainische Wirtschaftslage unter dem Kommunismus wesentlich verschlechtert hatte. Seit der Wende im Jahre 1991, als die Ukraine ihre staatliche Unabhängigkeit erhielt, geht es zwar wieder etwas aufwärts, aber das geschieht viel zu langsam. Bisher konnte sich nur ein geringer Teil der Bevölkerung auf das neue, kapitalistisch ausgerichtete Wirtschaftssystem umstellen.
Zwar scheinen uns Westeuropäern die Preise für Grundnahrungsmittel (z.B. Kartoffeln, Kohlgemüse, Brot usw.) umgerechnet extrem niedrig. Für die hiesigen Einkommens-Verhältnisse sind sie dennoch hoch. Was dagegen qualitativ wertvollere Nahrungsmittel betrifft, so haben diese ungefähr mit Westeuropa vergleichbare Preise. Damit sind sie für die hiesige Bevölkerung zu einem fast unerschwinglichen Luxus geworden. Jedenfalls müssen die meisten Familien 65% des Einkommens allein für Lebensmittel ausgeben.
Im Jahre 2001 wurden die früheren Kolchosen aufgehoben. Das unter der kommunistischen Herrschaft in ökonomisch so unsinniger Weise verbotene Grundeigentum hatte wesentlich zur Verarmung des Landes, ja zu Hungersnöten geführt. In den ehemaligen Kolchosen waren die Landarbeiter Angestellte. Es ist ja nur menschlich, dass unter diesen Umständen die meisten versuchten, so wenig wie möglich zu arbeiten.
Nach der Wende wurde der Landbesitz an Private aufgeteilt. Doch die ukrainischen Bauern haben fast keine eigenen Maschinen, um das Land zu bebauen. Die Banken sind zwar bereit, Kredite zum Kauf von Maschinen usw. zu gewähren. Der Zinssatz beträgt jedoch 30 – 40% pro Jahr und ein solcher Wucherzins lässt sich mit der landwirtschaftlichen Produktion kaum erarbeiten. So bebauen nur etwa 20% der ukrainischen Bauern ihr eigenes Land. 80% dagegen verpachten es an neu gegründete Genossenschaften, die dafür sehr geringe, fast nur symbolische Pachtzinsen bezahlen.
Dazu kommt, dass die selbständigen Bauern ihre Produkte, in Ermangelung organisierter Absatzwege, an privat tätige Handelsvermittler verkaufen, die ihnen nur sehr wenig bezahlen jedoch die Produkte bis für das 5-fache des Ankaufspreises verwerten können.
Die Ukraine ist ein Steppenland. Der Wald umfasst nur 15% der Gesamtfläche. Es hat viel Eisen und Kohle. Man entdeckte auch reiche Kupfervorkommen, doch die Schichten liegen 2-3 km unter der Erdoberfläche. Dagegen hat es kein Erdöl. Dies muss eingeführt werden.
Die meisten ukrainischen Industriebetriebe sind völlig veraltet. Sie verbrauchen das vielfache an Energie verglichen mit westeuropäischen Unternehmen, in denen ähnliche Produkte in modernen Verfahren hergestellt werden.
Die Kohlenvorkommen der Ukraine sind beträchtlich. Die Minen sind zum grössten Teil schon vor dem zweiten Weltkrieg angelegt worden. Die Sicherheits-Vorkehrungen sind deshalb unzureichend und es sind immer wieder Opfer unter den Minenarbeitern zu beklagen. In der Sowjetzeit arbeiteten 50% der Industriebetriebe für die Armee und haben jetzt oft keine Aufträge mehr.
Eisen und Stahlverarbeitung spielt die führende Rolle in der Industrie der Ukraine. Sie sind aber grösstenteils auf Energie aus dem Ausland angewiesen, die mit den knappen Devisen bezahlt werden muss. Fast alle Hochöfen sind veraltet und es wird deshalb schlechte Qualität produziert. 40% der Betriebe sind verlust-bringend. Viel der heute noch staatlichen Betriebe sind zudem ökologisch schädlich.
Auch nach Tschernobyl sind in der Ukraine immer noch vier Atomkraftwerke in Betrieb, die zusammen 40% des Stroms erzeugen. Nur 7% stammt von Wasserkraftwerken. Die restlichen 53% werden von Wärmekraftwerken erzeugt und infolge der Verbrennung der Kohle entweichen dabei gewaltige Mengen von Schadstoffen in die Luft.
Die Arbeitslosigkeit beträgt 10% und betrifft vor allem Frauen. Die berufstätigen Frauen erhalten für die gleiche Arbeit nur zwei Drittel des Männerlohns. Die Unterstützung an Arbeitslose wird während 2 Jahren ausbezahlt. Sie beträgt pro Monat (!) 80 Griwna. (Das sind umgerechnet 20.- Fr.!).
Die Löhne wurden mit grosser Verspätung gezahlt. Neuerdings hat man deshalb ein Gesetz erlassen, wonach bei verspätete Lohnauszahlungen die Geschäfts-leitung mit Gefängnis bestraft werden kann.
Die Armutsgrenze beträgt offiziell 360 Griwna im Monat (umgerechnet 90.- Fr.). Die niedrigste Rente beträgt monatlich 100 Griwna. Mineure erhalten als Rente 160 Griwna (40.- Fr.). Bei Staatsbeamten kann die Rente bis zu 1000 Griwna pro Monat ansteigen (250.- Fr.). Die monatliche Miete beträgt für ein Zimmer 70 Griwna und bis 250 Griwna für ein ganzes Haus.
Das Sanitätswesen ist offiziell gratis. Doch da der Lohn des medizinischen Personals 250 Griwna monatlich beträgt, werden von den Patienten „Geschenke“ erwartet und gelten als normal. Das Geld wird dem Arzt unauffällig zugeschoben. Wenn das nicht geschieht, hat er „momentan keine Zeit“.
Die Gesamtbevölkerung umfasst gegenwärtig 47 000 000 Personen. Davon sind 14 000 000 Rentner. Eine Million Menschen sind in der Ukraine rauschgiftsüchtig. Zwei Drittel der Bevölkerung leben in den Städten und nur noch ein Drittel auf dem Land, wobei es sich meist um ältere Menschen handelt. Es befinden sich etwa eine Million Ausländer im Lande, die mit Hilfe der Mafia auf eine Durchreise nach Westen hoffen.
Die meisten Exporte geschehen als Barter, d.h. es sind Tauschgeschäfte, und diese bringen dem Saat keine Steuern ein. Ein beliebter Trick ist, die Waren zu einem offiziell viel zu niedrig angegebenen Preis zu importieren. Schuhe wurden beispielsweise in grossen Mengen zu einen angeblichen Preis von 45 Cents das Paar importiert. Es werden ohnehin rund 8 % der Waren illegal importiert und auf Flohmärkten relativ billig verkauft.
In den Jahren 1991/92 gab es im Zusammenhang mit der russischen Schwarzmeerflotte grosse Probleme, die fast zum Krieg geführt haben. Zuletzt konnten sich aber Jeltzin und Kutschma so einigen, dass Russland drei Buchten für die russische Flotte von der Ukraine auf 10 Jahre pachtete, gegen Lieferung von Erdöl. Dafür konnte im Gegenzug die Krim ukrainisch bleiben.
Der ukrainische Staat ist jung und die Bürokratie ist gegenwärtig noch viel zu gross. Ein weiteres Problem ist die Schattenwirtschaft, die keine Steuern bezahlt und auf 50% des Totals geschätzt wird, verglichen mit etwa 10% in Westeuropa. Die Schattenwirtschaft zahlt die drei bis vierfachen Löhne verglichen mit der offiziellen. Die offiziellen Betriebe müssen 60 % der Gewinne als Steuern abgeben und können daher nicht in Erneuerungen investieren.
Weit reichende Tätigkeit der Mafia, grosse Korruption unter den Beamten und die Geldwäsche wird gegenwärtig in der Ukraine auf 5 Milliarden US Dollar geschätzt. Die riesigen, mit Hilfe von Geldwäsche aus dem Lande fliehenden Beträge fehlen der Wirtschaft. Seit der Wende sollen etwa 40 – 50 Milliarden US Dollar ins Ausland abgeführt worden sein.
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Alexander hat verschiedene interessante Dinge gesagt, die ich allerdings nicht überprüfen kann: beispielsweise sollen drei der zehn reichsten Männer der Welt Ukrainer sein. Wer weiss, ob das stimmt.
Dass jedoch in der Ukraine eine mindestens ebenso starke Mafia entstanden ist wie in Russland, kann man ihm wohl glauben. Zweifellos hoffen die Luxusläden auf Kundschaft aus diesen Kreisen. Doch die Rechnung geht nicht auf, da offenbar die Reichen lieber direkt im Ausland einkaufen oder dort sogar ihren Wohnsitz nehmen, um den einheimischen Steuerbehörden und anderen, oft sogar lebensgefährlichen, Bedrohungen zu entkommen.
Bei den Landausflügen wundere ich mich über zahlreiche Schaufenster, in denen Erzeugnisse der international führenden Markenartikel auf dem Gebiet der Mode, Parfümerie, Uhren usw. angeboten werden. Für solche Waren sind die Preise gleich hoch wie in anderen Ländern. Neugierig habe ich bei einigen der modern eingerichteten Geschäfte kurz hineingeschaut. Ich sah gelangweilt herumstehende attraktive und auffallend elegant gekleidete Verkäuferinnen. Kunden gab es selten zu sehen und es gelang mir nie, einen Kauf zu beobachten.
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Abschliessend noch diese aus dem Internet entnommenen Angaben (die mir vor dieser Reise nicht bekannt waren. Es betrifft die zehn längsten Flüsse von Europa, wobei der Dnjepr an dritter Stelle steht. Die Wolga hat eine Länge von 3530 km., die Donau, 2845 km und der Dnjepr 2215 km.
Danach folgen in absteigender Länge: Don, Kama. Petschora, Oka, Belaja, Dnjesr. (Ausser dem Don waren mir die Namen dieser Flüsse im europäischen Teil von Russland bisher nicht bekannt).
Mit seinen 1233 km ist der Rhein tatsächlich als der am wenigsten lange dieser zehn Flüsse von Europa.