Das Jahrbuch TOPIARIA HELVETICA 2011 hat zum Thema: „Farbe im Garten“. Im Zusammenhang mit der Farbe Blau ist ein Artikel dem herrlichen Jardin Majorelle in Marrakesch gewidmet, gefolgt von einem Artikel über mein bescheidenes Gärtchen in Caslano.
1923 begann der Maler Jacques Majorelle (1882-1962) seinen berühmt gewordenen Garten anzulegen. Dabei verwendete der Maler-Gärtner lauter auffallende, blaue Elemente. Nach seinem Tod verwilderte der Garten, wurde aber später vom Modeschöpfer Yves Saint Laurent perfekt restauriert.
Ein Besuch in diesem Gartenparadies brachte mich auf die Idee, im eigenen Gärtchen die Farbe Blau zu betonen. Claudia Moll veröffentlichte darüber nachfolgende Beschreibung. Im Jahrbuch ist der Artikel illustriert von sehr schönen, auch von Claudia Moll gemachten Fotografien.
«Le petit rêve bleu»
Vom geheimnisvollen Jardin Majorelle in Marrakesch liess sich Ivàn Ruperti bei der Anlage seines Gartens im Tessin inspirieren. Seine gerade mal zehn mal zehn Meter messende, von hohen Mauern umgebene grüne Oase gehört zu einem der 22 Einfamilienhäuser des «Villaggio del Golf» in Caslano bei Lugano. Die 1980 vom Schweizer Architekten Franco Bircher gebaute Anlage mit ihren dicht beieinander stehenden, weiss getünchten Wohneinheiten mit schmalen Fusswegen, Höfen und dazu gehörigen Atriumsgärtchen vermittelt den Eindruck eines gewachsenen, südländischen Dörfchens.
Ivàn Ruperti erwarb Anfang 2009 das hinterste der Häuser, verliebte sich in das bereits einige Jahre leerstehende Gebäude und vor allem in den dazu gehörenden, völlig überwucherten kleinen Garten und beschloss, im stolzen Alter von 85 Jahren, zum letzten Mal umzuziehen. Hier setzte er einen Traum in die Realität um, der sich nach einer Reise durch Marokko vor einigen Jahren in seinem Kopf festgesetzt hatte. Mit der Üppigkeit des grossen Bruders in Marrakesch kann der kleine Garten zwar nicht konkurrieren, jedoch ist darin in vielen Elementen das starke Blau wiederzufinden, das diesen prägt.
Augenfällig wird dies in Form eines den Hof durchmessenden Bandes blauer Glassplitter, über das darin eingelassene kreisrunde Trittsteine aus Granit führen. Blau sind die glasierten Terracottatöpfe längs des Weges, in denen von Ende Januar bis im April Kamelienbäumchen blühen, und blau blühen Pflanzen, die den kleinen Garten schmücken.
Wie im Jardin Majorelle spielt auch hier das Wasser eine wichtige Rolle: Ein schmales hüfthohes Becken ist der Mauer, die den Hof abschliesst, auf ihrer gesamten Länge vorgelagert. In das ehemals mit Waschbetonplatten verkleidete Pflanzbeet plätschert heute Wasser. Das muntere Geräusch verspricht Erfrischung. Im kühlen Nass tummeln sich Zierfische und an seiner Oberfläche blühen Seerosen.
Auf das Wasser schauen zwei lachende Gartengeister – kleine Skulpturen aus Tessiner Granit, die ein Steinhauer aus dem Verzascatal fertigte. Wie der grosse gute Gartengeist und die sechs Jungfrauen – ebenfalls aus Stein gehauene Frauengesichter – schweben sie an der abschliessenden Wand verankert über dem Wasserbecken. Augenzwinkernd erklärt Ruperti die Geschichte zu den kleinen Skulpturen, die den Garten beleben.
Für den Bauherrn und Gartenarchitekten ist das kleine Refugium sein «Altersgarten». Die bescheidenen Abmessungen garantieren, dass er ihn noch ein paar Jahre ohne Hilfe pflegen und mit Freude unterhalten kann. Hier verbringt er viel Zeit. Vom angrenzenden überdachten Sitzplatz kann er ihn auch bei Regenwetter geniessen.
Die Wohnräume im Erdgeschoss öffnen sich mit grosszügigen Fensterflächen zum Atriumsgarten. In der Loggia im ersten Stock hat sich der Hausherr sein offenes Sommer-Schlafzimmer mit Blick auf den blauen Garten eingerichtet.
Der studierte Nationalökonom leitete zwischen 1958 und 1970 in Zürich seine eigene Werbefirma, zuvor arbeitete er erfolgreich als Werber in den USA und in der Schweiz. Das in seinen Augen oberflächliche Leben, das seine Arbeit im aufstrebenden Europa der Nachkriegsjahre mit sich brachte, befriedigte Ruperti mit der Zeit nicht mehr. Und so wurde, wie er erzählt, der Besuch der kaiserlichen Gärten Kyotos im Jahre 1970 für ihn zu einem Schlüsselerlebnis.
Berührt von Kultur und Tradition, die hinter den eindrücklichen und schlichten Anlagen stehen, entschloss er sich, sein Leben als erfolgreicher Werber aufzugeben und es fortan Gärten zu widmen. Er verkaufte seine Firma und liess sich, 47-jährig, in London bei John Brookes zum Gartenarchitekten ausbilden. Danach gestaltete er eine Vielzahl meist privater Gärten und in der Anfangszeit seiner neuen beruflichen Karriere auch Häuser.
In seinen eigenen Gärten – das Haus in Caslano ist die letzte Station einer Reise durch mehrere Wohnorte im Tessin und in Norditalien – setzte Ruperti immer seine Vorstellungen des persönlichen kleinen Paradieses um. Inspirationen holte er sich auf den unzähligen Gartenreisen, die ihn rund um den Globus führten. Um diese Erlebnisse mit Interessierten teilen zu können, gründete der umtriebige Unternehmer die «Ruperti-Reisen» und führte so Garten-Interessierte auf die Spuren des gartenkulturellen Erbes auf der ganzen Welt.
«Le petit rêve bleu» bleibt ihm als Erinnerungsort an eine seiner Reisen und ist seine persönliche Hommage an den Garten im fernen Marrakesch.