Von Genua nach Sao-Paolo

Die 19 tägige Kreuzfahrt mit MSC Magnifica wurde von „Reisecenter Plus“ schon im März frühzeitig und zu einem besonders günstigen Preis angeboten. Sie begann am Samstag, 23. November in Genua und endete am Donnerstag, 12. Dezember 2013 in Sao Paolo. Ich beschreibe ausführlich, wie wir die „Tage auf See“ im Schiff verbrachten sowie unsere meist selbständig unternommenen Land-Ausflüge.

Am Ende der Reise hat eine offenbar berühmte, bezaubernd aussehende, junge Frau erst Adalberto und dann mich als offensichtliche Ausländer angesprochen. Wir reagierten spontan vermutlich genau so wie das von uns erwartet wurde. Die uns umgebende Menge von Brasilianern brach aus in lang anhaltendes Jubel-Geschrei und das Ganze wurde vom Fernsehen aufgenommen. Ein völlig unerwartetes Ende zu dieser Reise!

Als ein erstmals von uns benütztes MSC-Schiff, finden Adalberto und ich die „Magnifica“ etwas weniger kitschig eingerichtet im Vergleich zu den Schiffen der Costa-Flotte, mit denen wir schon mehrmals gereist sind. Costa-Schiffe werden offenbar nach dem Prinzip der möglichst staunenswerten Geschmacklosigkeit dekoriert. Der Kitsch war so extrem, dass wir durchwegs erheitert auf die grässlichen Einfälle der offenbar darauf spezialisierten Innenarchitekten reagierten. Bei MSC ist das Dekor zwar ebenfalls geschmacklos und vulgär, aber doch etwas weniger extrem, was zwar weniger komisch, aber bei einem längeren Aufenthalt doch erträglicher ist. Dafür erweist sich die allgemeine Organisation bei MSC von Beginn an als nicht ganz so perfekt wie bei Costa-Schiffen.

Als Erstes kümmere ich mich um die Tischreservation. Nach Verhandlungen mit vier verschiedenen Personen des zwischen Mittag- und Abendessen freien Personals kann ich endlich in einem besonderen Sprechzimmer mit dem obersten Restaurant-Aufseher reden. Obwohl es wie gewohnt auf Kreuzfahrt-Schiffen fast nur Tische für vier bis acht Personen hat, gelingt es mir – wie bei allen bisherigen Kreuzfahrten – doch einen der seltenen Zweiertische zu ergattern.

Vorgesehen waren für uns Plätze an einem der grossen Tische, wobei wir auf der ganzen langen Reise mit den gleichen, uns unbekannten Personen sitzen müssten, mit denen ich mich ja kaum hätte verständigen können. Mein Umtauschgesuch begründe ich nicht nur mit dem Hinweis auf mein (tatsächlich) schlecht gewordenes Hörvermögen. Noch wirkungsvoller ist mein heftiges Zittern infolge des vorgespielten Parkinson, was den anderen Tischgenossen nicht hätte zugemutet werden dürfen. Als ich Adalberto triumphierend von meiner wieder erfolgreichen Zweiertisch-Reservation berichte, zeigt er sich – wie immer – entsetzt über meinen Komödianten-Akt. Dessen Resultat weiss er jedoch sehr zu schätzen.

Am Sonntag 24. November geniessen wir den Nachmittag in Barcelona. Da wir so unvorsichtig waren und schon bald nach der Landung ausschiffen wollten, verbrachten wir eine recht unerfreuliche Stunde in der sich nur langsam zu einem der beiden Ausgänge voranschiebenden Menschenmasse. Die Kontroll-Fotografie jeder Schiffs-Karte geschieht am Ausgang des Schiffs zwar recht schnell, aber der anschliessende Abgang in Einerkolonne auf den beiden schmalen Landebrücken verursacht den Stau.

Entlang der „Rambla“ spazierend, weist Adalberto immer wieder auf architektonisch besonders bemerkenswerte Bauten hin, die wir Beide erfreut bewundern. Die stilistische Vielfalt ist sehr interessant; war doch vor etwas mehr als einem Jahrhundert Barcelona ein Spielfeld für Architekten, um sich in ihrer Phantasie zu überbieten. Gaudi ist dabei der berühmteste geblieben.

Auf der von Touristen vielbesuchten Rambla hat es verkleidete Personen, die sich als bewegungslose Denkmäler präsentieren. Ungewöhnlich ist ein Schwarzer, schwarz-golden gekleidet und in diesen Farben geschminkt. Er hat riesige Flügel, ebenfalls schwarz-golden. Im Gegensatz zu anderen menschlichen „Denkmälern“ bewegt er sich langsam und rollt eindrücklich mit den Augen. Besonders mutige Kinder wagen es, seinen lockenden Bewegungen folgend, sich ihm zu nähern. Zuerst streichelt er das Kind. Dann umschliesst er mit seinen durch klappernde Holzstäbe verlängerten Finger sorgfältig, ganz langsam den Kopf des Kindes. Dieses schreit dann jeweils mit einem Angst-Genuss-Gemisch, während die Eltern eine Münze in den bereitgestellten Topf einwerfen. Ein seltsamer Beruf, der aber – geschickt ausgeübt – offenbar erfolgreich sein kann.

Zurück auf dem Schiff kaufen wir mit der Kombination aus Kabinen-Schlüssel- und Schiffs-Zahlkarten für je 110 € das Anrecht zur Benützung des Fitnesszentrums für die Dauer der ganzen Reise. Im Preis inbegriffen sind auch Sauna, Dampfbad und Whirlpool. Bei Costa waren Männlein und Weiblein in der Sauna und im Dampfbad getrennt und es war kostenlos. Dass man hier zusammen bleiben darf hat offenbar seinen Preis und nackt geht auch nicht. Das grossartig Fitness-Studio und die anderen Möglichkeiten haben wir gleich genutzt und beabsichtigen, dies täglich zu wiederholen.

Montag, 25. November verbringen wir auf See und Dienstag, 26. November in Lissabon. Wir besuchen das anlässlich der Weltausstellung im Jahre 1998
in Lissabon eröffnete „Oceanario“, laut Reiseführer das grösste Aquarium von Europa. Es findet sich im Osten der Stadt. Hier wurde anlässlich der EXPO 98 ein Armenviertel am Ufer des dort kilometerbreiten „Rio Tajo“ durch ein modernes Quartier mit interessanter, futuristisch wirkender Architektur ersetzt.

Das zentrale Aquarium besteht aus einem riesigen Becken, das man umgeht und auf zwei Stockwerken von allen Seiten besichtigen kann. Oben schwimmen vor allem zahllose Haie, Rochen usw. Unter anderem erstaunt der „Sonnenfisch“, nicht fischförmig sondern einfach rund. Er ist nur mit einer Flosse auf dem Rücken und einer auf dem Bauch ausgerüstet, die ihm aber ermöglichen, voran zu schwimmen. Laut Informationsschild kann das unförmige Tier bis zu drei Tonnen schwer werden. Durch das dicke Glas im Untergeschoss sieht man auch Korallen und andere Lebewesen.

Ausgehend vom zentralen Aquarium hat es auf vier Seiten klimatisch verschiedene Becken. Zu deren Ufer hat man im Obergeschoss direkte Einsicht: Pinguine die auf echten Schneefeldern spazieren ( erzeugt durch darunter versteckte Kühlapparate ),  bis hin zu einem tropischen Wald.

Im Untergeschoss dieser Becken kann man das Wasserleben in den verschiedenen klimatischen Bedingungen beobachten. Im kältesten Becken fliegen Pinguine geradezu durchs Wasser. Im wärmsten Becken zeigen Meeres-Anemonen und Korallen eine unglaubliche Vielfalt von Farben.

Am meisten gefallen uns die drei Seeotter in einem Spezialbecken. Sie ruhen auf der Wasseroberfläche mit dem Bäuchlein nach oben. Einer hat die Vorderpfoten auf dem Bauch gefaltet. Die beiden anderen schwimmen dicht nebeneinander und einer hält mit der rechten Vorderpfote liebevoll die linke Vorderpfote des anderen. Aus dem Informationsschild ist zu erfahren, dass Seeotter das dichteste Fell aller Pelztierarten haben, das sie mit einer Fettschicht völlig vor Wasser und Kälte schützt. Dank ihrem so dichten und weichen Pelz sind die Seeotter fast ausgerottet worden – kurz bevor sie gerade noch rechtzeitig international unter Schutz gestellt werden konnten.

Der Halt in Lissabon bleibt in eindrücklicher Erinnerung. Dieses Oceanario übertrifft selbst das von mir bisher am meisten bewunderte Aquarium in
Genua.

(Ebenso finde ich das Aquarium in Lissabon interessanter als das allerdings noch grössere in Dubai, das sich dort in einem riesigen Shopping-Center findet. Es liegt neben dem verglasten Skihang mit Skiliften, wo man sich die entsprechende Ausrüstungen leihen und den verschneiten Hang herunterfahren kann, auch wenn draussen die Lufttemperatur bis auf 50 Grad ansteigt. Grössenwahn der arabischen Öl-Prinzen!)

Den Mittwoch, 27. November verbringen wir erneut auf See. Am Donnerstag, 28. November landeten wir infolge des ziemlich unruhigen Wellengangs verspätet im Madeira. Erinnerungen kommen hoch an die verschiedenen Reisen, die ich zum Besuch von Gärten auf der „Insel des ewigen Frühlings“ vor einem Viertel Jahrhundert organisiert habe.

Es ist unglaublich, fast erschreckend, wie sich die Hauptstadt Funchal seither vergrössert hat. Unzählige neue Strassen und Tunnels führen zwischen all den Häusern den steilen Hang hinauf. Überall hat es Bougainvillea, Strelitzia und
viele andere schöne, teilweise blühende Pflanzen.

Eine neue Drahtseilbahn bringt uns hinauf zu dem mir bekannten „Tropical Palace Garden“, der eine grosse Cycas-Sammlung enthält, wie ich mich erinnere. Wir besuchen ihn aber nicht und nehmen eine andere, ebenfalls neue Seilbahn, die ein wildes Tal durchquert und uns zum Botanischen Garten bringt. Leider regnet es und der Besuch ist nicht sehr angenehm. Schade, es wäre dort bei besserem Wetter so schön und interessant gewesen.

Freitag, 29. November ist der erste der fünf Tage für die Überquerung des Atlantischen Ozeans. Am Vormittag fahren wir an den Kanarischen Inseln vorbei. Wir sehen zwei am Horizont, wissen aber nicht, welche es sind. Jedenfalls freuen wir uns schon, diese Inseln im kommenden März bei unserer nächsten Kreuzfahrt erneut zu besuchen.

Ich mache regelmässig mit bei Tai Chi, das ich auf dem Schiff erstmals kennenlerne. Es nehmen aber so viele Personen daran teil, dass es etwas schwierig ist, den Lehrmeister zu sehen. Er ist nicht mehr jung, ganz in weisser Seide gekleidet und sehr gelenkig. Der Kurs dauert eine volle Stunde. So problemlos die langsam auszuführenden Bewegungen auch zu sein scheinen – ich bin nach 45 Minuten völlig erledigt und muss vorzeitig abbrechen.

An den Nachmittagen profitieren Adalberto und ich von dem riesigen, dreiseitig verglasten Fitnessraum ganz vorne im Schiff. Ich benütze eifrig die sehr modernen Apparate und mache dann auch Pilates auf Bodenmatten. Adalberto geniesst ausgiebig die Sauna, ich dagegen höchstens für kurze Zeit

Am letzten dieser fünf Tage „auf See“ überqueren wir den Äquator. Von der Galerie im 14. Stockwerk beobachten wir, was auf dem 13. Stockwerk rund um das Schwimmbecken geschieht und wie beeindruckend die Äquatortaufe zelebriert wird. Die meisten Passagiere – aber nicht alle ( ! ) erscheinen vorausahnend im Badekostüm. Das Personal weist die Passagiere an, sich möglichst dicht nebeneinander auf den vier Seiten des Beckens hinzusetzten.

Auf Einladung des Personals beginnen die Passagiere, sich von den gegenüberliegenden Längsseiten eifrig zu bespritzen. Das kostümierte Personal ergänzt zusätzlich mit „Champagner“ aus Flaschen.

Dann werden die Passagiere mit Mehl bestreut, Schlagsahne wird ihnen auf die Köpfe geklatscht, sie werden anschliessend mit Tomatensauce übergossen und zuletzt werden rohe Eier auf ihren Köpfen zerbrochen. Keiner versucht zu entfliehen! Im Gegenteil, alle schreien masochistisch immer lauter, voll Begeisterung über die genossenen Misshandlungen. Zuletzt springen alle miteinander laut jubelnd ins Schwimmbecken! Im Vergleich zum ständig veranstalteten Amüsierbetrieb auf den Carnival-Kreuzfahrt-Schiffen ist es bei MSC normalerweise relativ ruhig. Ein bisschen „Spass“ muss aber offenbar auch bei MSC organisiert werden, um die Passagiere zu beglücken.

Für den Aufenthalt in Recife, der ersten brasilianischen Stadt, die wir am Mittwoch, 4. Dezember erreichen, haben wir auf dem Schiff eine angeblich italienisch geleitete Bustour gebucht. Alle Teilnehmer von organisierten Ausflügen sollen sich um 08.l5 im Theater versammeln. Adalberto drängt aber darauf, nicht zu spät zu kommen und so sind wir schon eine halbe Stunde zu früh dort.

Unglaublich was für ein Chaos herrscht und wie unfähig die Schiffsleitung zu sein scheint, so etwas (nicht zum ersten Mal !) zu organisieren. Man muss in einer sich langsam voranschiebenden Menschenschlange das grosse Theater durchqueren. Am Orchestergraben bekommt man Nummern auf das Hemd geklebt und wir fahren entsprechend auf Bus Nummer 46 nach einer vollen Stunde Wartezeit endlich ab.

Aus dem Lautsprecher ertönen im Bus zwar laut und deutlich – aber für uns ganz unerwartet auf portugiesisch – die Erklärungen des Reiseleiters. Er spricht sehr schnell und ohne Pause während der ganzen Fahrt. Der Sprechschwall erinnert an ein knatterndes Maschinengewehr. Dazwischen wiederholt er das Gleiche auch auf Italienisch, aber offenbar stark verkürzt.

Olinda ist für brasilianische Verhältnissen eine Kleinstadt mit „nur“ 400’000 Einwohnern. Sie liegt an der Küste, 7 km nördlich von Recife und ist bekannt für die bunten Häuser, die Adalberto an die farbigen Fassaden von Petersburg erinnern.

Die Stadt Olinda nennt sich übersetzt: „Oh wie schön“. Auf Portugiesisch, bedeutet „linda“ nämlich schön, und das hat angeblich der Entdecker dieses Stücks Land ausgerufen, auf der diese Stadt im 16. Jh. entstand. Wir besichtigen zwei historische Kirchen, von denen eine im letzten März von Papst Franziskus besucht worden ist. Sie wurde deshalb zur Kathedrale ernannt.

Die restliche Zeit in Olinda und dann in Recife muss mit der Gruppe leider vor oder in Souvenir-Läden verbracht werden. In Recife sind diese in einem ehemaligen Gefängnis untergebracht, wobei der riesige Bau architektonisch interessant ist. Die mit Kitsch-Souvenir vollgestopften kleinen Läden sind in den früheren Zellen untergebracht. Die Holländer hatten dieses Gefängnis während ihrer nur wenige Jahre dauernden Herrschaft in Brasilien erbaut.

Wir machen einen Fotostop auf dem endlos langen, hellen Sandstrand vor Recife. Die Stadt hat anderthalb Millionen Einwohner und wirkt chaotisch. Entlang der Küsten ragen zahlreiche Wolkenkratzer empor. Unmittelbar neben diesen hat es lauter kleine, meist verlotterte Häuser und ganze Slums, die offenbar auf die Vertreibung der Einwohner und den Abbruch warten, damit noch mehr Wohntürme für die Reichen errichtet werden können.

Wie der Reiseleiter erklärt, wird die gesamte Ausscheidung der Bewohner direkt ins Meer geleitet. Dies scheint auch bei anderen Küstenstädten von Brasilien der Fall zu sein. Jedenfalls entnehme ich einem Dumont-Reiseführer, für Europäer sei die Benützung der Strände vor brasilianischen Städten abzuraten (!). Offenbar soll es den Brasilianern überlassen bleiben, im eigenen Dreck zu baden, auch wenn die Strände ein so verlockendes Aussehen haben. Die Küste von Brasilien ist aber derartig lang, dass noch in vielen Teilen das Wasser nicht nur klar aussehen, sondern tatsächlich sauber sein könnte.

Am Donnerstag, 5. Dezember landen wir um 0900 in Maceio. Die Stadt
wurde vor knapp 200 Jahren gegründete und war ein wichtiges Zentrum für die Zucker- und die Baumwoll-Industrie. Heute hat Maceio fast eine Million Einwohner und gilt auch als touristisches Zentrum mit schönen Stränden. Ich entnehme aus verschiedenen Angaben: besonders schön und empfehlenswert sei der ausgedehnte Strand von „Paripueira“, nördlich von Maceio.

Ausser den vielen Bussen für die im Schiff vorbestellen Ausflüge, verbinden nacheinander abfahrende Shuttle-Busse den Landeplatz mit dem Stadtzentrum. Dort versuche ich – mit der infolge meiner Hörschwäche stets notwendigen Hilfe von Adalberto – im Auskunftsbüro zu erfahren, ob es sich tatsächlich lohnt, Paripueira zu besuchen. Die junge Frau hat ein Schild auf der Brust, laut dem sie die Sprachen Thai und Englisch beherrscht. Leider genügen die angeblichen Englischkenntnisse nur dazu, dass sie das Wort Paripueira mehrmals nachplappert und dann unsere wiederholt gestellte Frage mit „beach, beach !“ beantworten kann. Eine andere Angestellte des offiziellen touristischen Informationsbüros, mit dem Schild „ltaliano“, kann Adalberto höchstens den Hinweis geben: „Taxi, Paripueira, Taxi ! “ und das ist schon alles was sich aus ihr herausholen lässt.

Draussen sprechen wir nacheinander mehrere Taxifahrer an, die in einer langen Schlange auf Fahrgäste warten. Keiner scheint Englisch zu verstehen. Infolge einer gewissen Ähnlichkeit zwischen Italienisch und Portugiesisch geht offenbar im Kopf eines jungen Mannes ein Licht auf. Er zeigt jedenfalls zwei Finger, dann fünf Finger und zuletzt die geschlossene Faust, gemeint sind offensichtlich 250 Reals, das sind rund 120 Fr.-. Ich schüttle den Kopf und ziehe Adalberto weg aus dem Kreis von lauter Taxichauffeuren, der sich rund um uns gebildet hat.

Nun nähert sich ein gut aussehender Herr, der hier offenbar Übersetzer-Dienste leistet. Irgendwelche Auskünfte über dieses von uns allmählich verwünschte Paripueira sind allerdings auch bei ihm nicht erhältlich. Er schwatzt aber auf den Taxifahrer ein, der den Preis auf 220 Reals senkt, worauf ich wieder den Kopf schüttle und den eigentlich mit diesem Preis einverstandenen Adalberto erneut wegziehe. Der Taxichauffeur verfolgt uns aber mit stets fallenden Preisangaben. Wir einigen uns zuletzt auf 150 Reals. Ich meine, das sei vermutlich nicht unfair, hatte doch der Reiseleiter im gestrigen Ausflugsbus erklärt, das durchschnittliche Monatseinkommen betrage nur 600 Reals (rund 250.- CHF) !

Die Fahrt in nördlicher Richtung geht stets entlang der Küste und erweist sich als sehr abwechslungsreich. Zuerst auf der rechten Seite das Meer und auf der
linken viele moderne Hochhäuser, dazwischen alte, niedrige Gebäude sowie zahlreiche Baustellen. Allmählich nimmt aber üppige tropische Natur überhand. Wir fahren vorbei an endlose Plantagen mit sich im Winde wiegenden Kokos-palmen. Die breit ausfächernden Blattkronen werden von hohen, erstaunlich schlanken Stämmen getragen.

Ab und zu hat es kleine Häuser vor denen grosse Büsche von Poinsettia „blühen“, aber nicht mit den roten Insekten-Lockblättern, welche die bei uns vor Weihnachten verkauften Topfpflanzen hauptsächlich zeigen. In Brasilien sind diese Sträucher von den äusseren, hier aprikosenfarbenen Blättern verziert. Weiss und üppig blühend sind auch oft Plumeria zu sehen. In Brasilien haben diese viel mehr, aber wesentlich kleinere Blätter, als die verwandten Arten in Indien, die Adalberto und ich bisher kannten.

Unvermeidlich leisten auch hier Bougainvillea einen besonders auffälligen Beitrag zum Farbenspiel, hauptsächlich in leuchtend roten Tönen, anstelle von dem im Tessin bei diesen Kletterpflanzen vorherrschenden Violett.

Die Fahrt dauert viel länger als wir erwartetet hatten. Zuletzt erreichen wir ein unscheinbares Dorf mit einem üppigen Früchtemarkt im Zentrum. Der viel gepriesene Strand von Paripueira erweist sich jetzt bei Ebbe als eine Kilometer weite Fläche von Riffen, auf denen Fischerkähne momentan auf dem Trockenen sitzen. Mit solchen Kähnen könne man in die Lagunen hinausfahren zu natürlich entstandenen Badebecken.

Hier solle es die zweitgrössten Korallenriffe der Welt geben. Eine Behauptung im touristischen Prospekt, dem Adalberto und ich von vornherein wenig Glauben schenkten. Enttäuscht signalisieren wir dem erstaunten Taxifahrer, er solle umkehren und zurück fahren. Infolge der herrschenden Hitze hat ein plötzliches Unwohlsein Adalberto erfasst. Mir dagegen geht es seltsamerweise erstaunlich gut, bin doch ich es normalerweise, der mehr unter Hitze leidet als Adalberto. Nach der über zweistündigen Fahrt – in einem Taxi ohne air-condition – sind wir beide froh, wieder zum Schiff zu gelangen, wo sich Adalberto bald erholen kann.

Am Freitag, 6. Dezember landen wir um 09.00 in Salvador de Bahia. Amerigo Vespucci entdeckte im Jahre 1501 den Küstenstreifen, auf dem die koloniale Hauptstadt von Brasilien entstand. Sie musste diesen Titel aber 1763 an Rio de Janeiro übergeben. Die heute 3’500 000 Einwohner zählende Stadt ist die dritt-grösste nach Sao Paolo mit 11’000 000 und Rio de Janeiro mit 6’000 000 Einwohnern.

Im dichten Gedränge vieler Ausflugsbusse sowie Taxis auf dem Pier, besteigen wir kurz entschlossen ein Fahrzeug, das als „free shuttle bus“ vom internationalen Juwelenhändler Stern angeboten wird. Die Stadt besteht aus zwei Ebenen, der ärmlich wirkenden Unterstadt und der 85 m höher gelegenen Oberstadt, zu der auch eine Seilbahn und ein Lift hinauf führen. Vor dem Juwelier-Laden angekommen, entfernen wir die uns von dem Stern-Angestellten auf die Hemden aufgeklebten Etiketten des auf schlaue Weise Kunden angelnden Juweliers und wir verschwinden, ohne dessen Laden zu betreten.

Wir befinden uns mitten im historischen Zentrum, das dank seiner kolonialen Architektur aus dem 17. bis zum 19. Jh. von der UNESCO zum Kulturellen Welterbe ernannt worden ist. Es hat schöne, bunt bemalte Häuser und zahlreiche prächtige Kirchen. Gegen ein bescheidenes Eintrittsgeld besuchen wir die „Igreja Sao Francisco“. Zuerst durchqueren wir einen weiten leeren Hof, umgeben von einem mit Säulen getragen Kreuzgang. Die rückseitigen Wände sind von grossflächigen Darstellungen biblischer Szenen geschmückt. Sie bestehen aus Azulejos, den blau/weissen, portugiesischen Kacheln.

Bei Betreten der barocken, im 18. Jh. erbauten Kirche, befällt mich ein Lachanfall. Diskret entfernt sich Adalberto. Glücklicherweise sind wir alleine in der Kirche und ausser Adalberto stört niemanden mein unmögliches Benehmen. Noch nie habe ich ein solches Übermass an schwülstiger Prachtsentfaltung gesehen und gleichzeitig als extremen Kitsch empfunden. Dicke, gewundene Säulen und alles andere sind durchgehend von Blattgold überdeckt.

An die mächtigen Säulenspiralen sind üppig fleischige Engelskinder angeklebt. Ihre fetten Bäuchlein sowie die wurstförmigen Ärmchen und Beinchen sind knallig rosa übermalt. Die Gesichter zeigen einen überraschend bösen Ausdruck. Die Decke zieren barocke Gemälde.

Franziskus, der bescheidene Heilige, dem diese Kirche geweiht ist, wäre sicher vor Scham errötet, wenn er gesehen hätte, was da zu seiner Ehrung an Geld verschleudert worden ist.

Als eine der zahlreichen Kirchen besuchen wir nur noch die nahe gelegene „Basilica do Salvador“. Die zwischen 1657-1672 erbaute Kirche gehörte zum Kollegium der Jesuiten. Nach deren Vertreibung wurde diese Kirche vom Erzbischof übernommen und zur Kathedrale ernannt. Von aussen ist die grossen Kirche schmucklos. Einen starken Kontrast dazu bilden im Innern die üppig vergoldeten Altäre.

Ein ausgedehntes Gebäude neben der Kathedrale – die ehemalige medizinische Fakultät – beherbergt das „Museu Afro-Brasileiro“. In Salvador de Bahia sei laut Reiseführer der afrikanische Einfluss – infolge der ehemals massenhaft importierten Sklaven – noch stärker zu spüren als irgendwo sonst in Brasilien.

Tatsächlich sind in den Strassen fast nur dunkle Gesichter zu sehen. Hier haben sich afrikanische Riten mit dem Katholizismus zum Kult des „Candomble“ vermischt. Aus dem einstigen Kampfsport mit dem sich die Sklaven im Geheimen zu einem eventuellen Aufstand übten, entstand auch das „Capoeira“, ein zu rhythmischer Musik aufgeführtes Kampf-Ballett. Mit kunstvoller Akrobatik werden Sprünge, Drehungen und Fusstritte als kämpferisch wirkende Bewegungen gezeigt. Wir können auf der Strasse zwei solche Darbietungen von jungen sowie nicht mehr jungen, aber erstaunlich beweglichen Männern bewundern.

Ein Taxi bringt uns – vorbei an dem endlos scheinenden Gemisch von ärmlichen Baracken und neuen Wolkenkratzern – zuletzt zum Botanischen Garten, der gleichzeitig den Zoo umfasst. Der Zutritt ist kostenlos, aber trotzdem hat es wenig Leute, ausser einigen Schulklassen. Die Käfige sind nicht in perfektem Zustand, doch den Tieren scheint es gut zu gehen.

Hauptsächlich zu sehen sind viele farbenfrohe Papageien sowie die zahlreichen Affenarten Südamerikas. Sie sind kleiner als die uns vertrauten afrikanischen Affen – zum Teil geradezu winzig und possierlich. Ein Paar zweihöckriger Kamele erstaunt uns, ist doch das Männchen von einem auffallenden, goldgelben Haarbüschel gekrönt und hat einen gleichfarbigen Haarstreifen entlang der Vorderseite des Halses.

Wir sehen auch eine Art von Leoparden, die nicht viel grösser sind als Katzen. In einem Gehege von Emus hat es ein Gelege von grossen, ungewohnt langen Eiern. Vor allem begeistert uns die Vegetation mit zahllosen, blühenden Sträuchern und Bäumen.

Beim Hafen für Kreuzfahrtschiffe kaufen wir in der grossen Markthalle für
Souvenirs einige Mitbring-Geschenke. Dann gehen wir auf den zerbrochenen Zementplatten des Gehsteigs eine längere Strecke vorbei an einem anderen Kreuzfahrtschiff bis wir zu unserem gelangen. Offenbar ist eine der sich direkt ins Meer ergiessenden Kloaken verstopft. Neben dem Gehsteig quillt eine schleimige, grünbraune Brühe empor, deren übler Geruch uns auf dem Weg bis zum Schiff begleitet.

Bei der Abfahrt ist es bereits dunkel; der Übergang von Tag zur Nacht geschieht hier relativ rasch. Zurückblickend auf die Lichter entlang der Küste fällt auf, dass eine Gruppe nebeneinander stehender Hochhäuser unbeleuchtet bleibt. Offenbar ist in diesem Quartier der Strom ausgefallen, was hier keine seltene Ausnahme zu sein scheint.

Den Samstag, 7. Dezember verbringen wir „auf See“. Am Vormittag beteilige ich mich an einem Kurs für „stretching“, der für mich mühsam ist, was mich ärgert. So gelingt es mir nicht – im Gegensatz zu den anderen Teilnehmern – im sitzender Haltung mit beiden Händen einen Fuss zu umklammern oder wenigstens mit einer Hand zu berühren. Adalberto versucht mich – wie so oft – damit zu trösten, ich sei doch schon fast 90 Jahre alt und könne froh sein, wie gut es mir angesichts dieser Alters doch gesundheitlich immer noch geht. Er hat sicher Recht, aber ich bedauere sehr, nicht schon viel früher mit generellem Fitness-Training oder mit dem erst kürzlich von mir entdeckten Pilates begonnen zu haben.

Am Sonntag 8. Dezember ankern wir um 09.00 vor Buzios. Diese Insel bildet Teil eines ausgedehnten Archipels, zu dem auch die grosse Hauptinsel „Ilhabela“ gehört, die wir am nächsten Tag besuchen werden.

Buzios war ursprünglich eine Insel mit einem bescheidenen Fischerdorf. Das änderte sich schlagartig, nachdem der brasilianische Freund von Brigitte Bardot den berühmten Star im Jahre 1964 für eine Woche Urlaub auf die Insel begleitet hatte. Alle Medien berichteten ausführlich darüber. So wurde Buzios bekannt und entwickelte sich mit seinen mehr als zwanzig Bade-Buchten zu einem vielbesuchten, brasilianischen Touristenparadies. Heute haben zahlreiche Personen aus Sao Paolo und Rio de Janeiro hier ihre Ferienhäuser. An Brigitte Bardot erinnert dankbar die Benennung von Hotels, Restaurants und Strassen.

Einen für Kreuzfahrtschiffe genügend grossen Hafen gibt es in Buzios nicht. Infolge der flachen Ufer ankert unser Schiff in einiger Distanz zur Insel. Nacheinander bringt die Mannschaft die Passagiere in den bequemen Rettungsbooten zur Insel und dann wieder zurück.

Die vielen Hügel sind mit einer tropischen Vegetation begrünt. An allen Stellen mit schöner Aussicht und Meeresblick  sind Ferienhäuser entstanden.

Kaum haben wir, zwischen der Menge von Touristen, mit einem Spaziergang entlang all der Läden begonnen, da werden wir aus einem Auto von einem Inder begrüsst. Mit ihm hatte Adalberto auf dem Schiff in der Sauna geplaudert. Jetzt hat der freundliche Herr zusammen mit seiner Frau einen offenen, uralten 4×4 Wagen gemietet. Er lädt uns ein, die beiden freien Plätze zu benutzen. Ich darf mich vorne hinsetzten und Adalberto sitzt hinten neben der Inderin. Sie ist ein perfektes Muster für „backseat driving“ und gibt ihrem geduldigen Gatten ununterbrochen von hinten richtungsweisende Anleitungen. Dabei hat dieser an sich schon Mühe genug, die beschädigte Schaltung zu betätigen und das laut knatternde Auto in Fahrt zu bringen.

Mehrmals fährt er versehentlich auf Einbahnstrassen in verkehrter Richtung – bis Autos auf den engen Wegen entgegenkommen. Mit lauten Rufen befielt ihm seine Frau, sofort rückwärts zu fahren, als könne er dies nicht von selber begreifen.

Wir halten an verschiedenen Aussichtspunkten und Stränden. Sie bestehen aus feinem, sehr hellem Sand. Das indische Ehepaar lebt in London und er ist als Reflektologe tätig. Liebevoll und fachmännisch behandelt er ungefragt während einer Kaffeepause meine linke Hand, die sich anschliessend angenehm anfühlt. Zuletzt verabschieden wir uns von dem netten Paar, das uns herzlich umarmt.

Der Strasse entlang hat es auf einer Strecke von mindestens einem Kilometer lauter kleine Läden direkt nebeneinander. Angeboten werden hauptsächlich phantasievoller Schmuck, oder Badebekleidung. Besonders gefällt mir ein Schaufenster in dem nur weibliche Hinterteile aus Plastik aufgestellt sind, auf denen „Badehöschen“ angeboten werden. Selbst die Verkleinerung des Wortes genügt eigentlich nicht, handelt es sich doch tatsächlich nur um Kettchen aus Gold oder um farbige Stoffschnüre. Bei den hier oft üppigen weiblichen Hintern verschwinden solche allzu schmalen Bekleidungsteile zwischen den beiden Wölbungen und man könnte am Strand manchmal glauben, die betreffenden Damen seien nackt. Von der anderen Seite besehen wird man aber eines Besseren belehrt. Hier lenkt ein winziges Dreieck – oft mit glänzenden Metall-Plättchen oder gläsernen „Juwelen“ verziert – die Aufmerksamkeit unweigerlich auf die Stelle, die das Stoffstücklein angeblich verbergen soll.

Ich geniesse ein Bad im angenehm warmen Meer. Adalberto verzichtet darauf und bewacht meine Kleider. Dann spazieren wir barfuss – dem kilometerlangen Strand entlang – zurück zu den Booten.

Unterwegs kommen wir an einer Bronzestatue von Brigitte Bardot vorbei. Eine Menschenschlange wartet, bis die Bank neben der Statue frei wird, sich die nächste Person hinsetzen und den Star umarmen darf, während der Partner oder die Partnerin das fotografieren kann. Damit auch die Zeit vor dem Besuch von Brigitte Bardot in Erinnerung bleibt, fischen drei Männer, auf einem Steinhaufen im Meer stehend. Sie bestehen aus farbig bemaltem Metall und bildet das zweite, hier unerlässliche Fotomotiv.

Am Montag, 9. Dezember ankern wir vor Ilhabela. Übersetzt bedeutend das „Schöne Insel“. Die grösste aller brasilianischen Inseln ist mit häufig verkehrenden Fährschiffen von dem nur 2,5 km entfernten Festland erreichbar. Bis Sao Paolo sind es von hier 200 km und bis Rio de Janeiro 340 km.

Ilhabela ist mit 30 000 Personen relativ spärlich ständig bewohnt. Aber in der Sommersaison von Mitte Dezember bis Anfang März kommen über 100 000 Urlauber auf die Insel. Sie hat über 40 Strände, von denen die meisten nur mit dem Boot und nicht auf Landwegen erreicht werden können. Es hat wenige Strassen, von denen viele nur mit einem Jeep befahrbar sind.

Der grösste Teil der Insel wird von einem tropischen Naturschutzpark eingenommen, aus dem sich mehrere Berge über 1000 m hoch erheben. In diesem Tropenwald soll es 360 Wasserfälle haben, die teilweise mit Wanderpfaden erreicht werden können. Die Insel ist entlang der Küste von 50 Wracks umgeben. Sechs davon dürfen von Tauchern besucht werden.

Das alles tönt zwar sehr interessant, aber bei einem Aufenthalt von wenigen Stunden kann man davon nur wenig zu sehen bekommen. Adalberto zieht es vor, auf dem Schiff zu bleiben. Ich dagegen stehe geduldig in der Warteschlange, bis ich mit einem der voll besetzten Rettungsboote die Insel erreiche.

Man wird, wie erwartet, zuerst von lauter Souvenir-Läden und Restaurants empfangen. Ich spaziere ein wenig der Küste entlang, besuche die schöne, aussen und innen blau/weisse, historische Kirche. Überall können riesige tropische Bäume und farbenfrohe Blumen bewundert werden.

Lebensgrosse, verkäufliche menschliche Figuren locken zum Eintritt in ein Geschäft. Diese kitschign Kunstwerke bestehen aus wunderschönen, vielfarbigen Marmor-Arten mit schwungvollen Nachbildungen von Stoffen. Die Arme, Beine und Köpfe sind aus weissem Alabaster eingefügt. Es hat Marmor-Damen, die neckisch ein nacktes Knie zeigen, oder fromme Madonnen, deren Gesichter züchtig von Marmor-Falten umhüllt sind.

Das grosse Einrichtungsgeschäft verkauft den extremsten Edelkitsch, den ich je gesehen habe: Sitzgruppen werden durch barock ausladende, vergoldete Verzierung räumlich wesentlich erweitert. Die Polsterungen sind von Stickereien aus winzigen Perlen bezogen, mit Abbildungen von stolzen Pfauen, bunten Phantasie-Blumen, oder süssen Engelchen. Die dazu perfekt passenden, unsinnig kompliziert geformten Tische sind mit verschiedenen Holzarten überzogen, wobei das Dekor noch durch verschlungene Messingteile bereichert wird. Nebst vielen anderen faszinierndn Scheusslichkeiten werden auch Zierbrunnen angeboten, bei denen ein lachendes Büblein dank einer Motorpumpe ständig einem begeisterten Mädchen Wasser in das bereit gehaltene Eimerchen fliessen lässt.

Auf dem Schiff sollen die Koffer bis spätestens Mitternacht fertig gepackt vor die Türe gestellt werden. Die Kreuzfahrt endet in Santos. Die Kabine muss schon um 07.00 verlassen werden. Aber erst um 10.30 kann die 200 köpfige Reisegruppe aus der Schweiz das Schiff verlassen – wobei wir noch lange nicht die Letzten sind. Die Koffer erwarten uns auf dem Pier und werden in die vier für uns bereit stehenden Busse verladen. Ich ergattere den Platz ganz vorne im ersten Bus. Die für diesen Bus verantwortliche Reiseleiterin ist die Chefin der drei anderen, deutsch sprechenden Reiseleiterinnen, die sich gegenseitig gut zu kennen scheinen.

Santos hat etwa eine halbe Million Einwohner, ist also für brasilianische Verhältnisse keine besonders grosse Stadt. Dennoch ist Santos die wichtigste Hafenstadt von ganz Latein Amerika. Zuerst durchfahren wir den vermutlich hässlichsten Teil der Stadt – und das will etwas heissen!

Die Fahrstrecke bis Sao Paulo beträgt 80 km und erweist sich als unerwartet schön. Sie führt über eine gebirgige, fast unbewohnte Landschaft. Die beiden, nach Fahrtrichtung getrennten, meist nicht parallel verlaufenden Strassen sind je dreispurig. Hohe Viadukte wechseln ab mit Tunnels. Alles ist von einem tropischen Urwald bewachsen, der laut der Reiseleiterin geschützt ist und nur mit besonderer Erlaubnis betreten werden darf. Es habe darin  Affen, Schlangen, Papageien und viele Wasserfälle.

Die Reiseleiterin erzählt Interessantes über sich selber. Offenbar hat es in Brasilien zahlreiche Siedlungen, in denen Auswanderer gleicher Herkunft recht isoliert von der übrigen Bevölkrung leben; besonders viele Italiener, Deutsche, aber auch Chinesen und Japaner. Etwa fünf Millionen Menschen sind in den letzten beiden Jahrhunderten allein aus Deutschland nach Brasilien ausgewandert. Von diesen sprechen anderthalb Millionen immer noch Deutsch als Muttersprache.

Schon die Grosseltern der Reiseleiterin sind nach Brasilien gekommen, doch weder diese, noch die Eltern der Reiseleiterin haben je portugiesisch zu sprechen gelernt. Das war ja im Geburtsort dieser akzentfrei deutsch sprechenden Brasilianerin auch gar nicht nötig. Nur Deutsch wurde in den Läden gesprochen, die Zeitungen und das Fernsehen waren in deutscher Sprache. Erst nachdem sie als 25-jährige nach Sao Paulo umgezogen sei, habe sie begonnen, fliessend portugiesisch zu sprechen. Es gibt offenbar in Brasilien noch rund ein Dutzend dieser isolierten, deutsch gebliebenen Siedlungen. Ähnliches gilt offenbar auch für Auswander-Siedlungen anderer Nationen.

Sao Paulo hat eine offiziell auf 11 Millionen geschätzte Bevölkerung. Genaue Zahlen gibt es nicht, da viele Menschen ein illegales Dasein fristen und nirgends angemeldet sind. Fünf Vororte umgeben die riesig Stadt, mit der sie nun zu einer gesamten überbauten Fläche zusammen gewachsen sind. Zusammen mit diesen ehemaligen Vororten erhöht sich die Einwohnerzahl von Sao Paulo auf 18 Millionen.

Die an sanften Hügeln aufsteigenden Häusermassen wirken von Weitem als Ganzes romantisch. Aus der Nähe erkennt man jedoch, dass es sich um ein geradezu unvorstellbares Chaos handelt. Die Häuser werden laut Reiseführerin von den meisten Leuten eigenhändig und stückweise gebaut, sobald sie wieder etwas Geld zum Kauf von Backsteinen haben. Die aufgeschichteten Mauern zu verputzen, oder Glasfenster einzusetzen, dazu reicht das Geld meist nicht. Wenn aber wieder Mittel vorhanden sind, wird einfach irgendwie ein zweites Stockwerk teilweise oder ganz aufgesetzt. Um sogenannte „Favelas“ handle es sich aber nicht, erklärt die Reiseleiterin, diese bestünden meist gar nicht aus festen Backsteinwänden, sondern bloss aus Brettern oder gar Wänden aus Tüchern, überdacht mit Wellblech.

Je näher wir zum Stadtzentrum kommen, je häufiger ragen aus den Flächen mit solchen improvisierten ein- oder zweistöckigen Gebäuden plötzlich hohe, moderne Wohntürme empor.

Der gesetzliche Mindestlohn (für legal angestellte Personen) betrage rund 600 Reals pro Monat umgerechnet etwa 250.- CHF. Die meisten Menschen in Brasilien würden nicht mehr als das verdienen, seien aber dennoch zufrieden, denn schliesslich gibt es ja den Carnaval und man braucht weder warme Kleidung noch Einrichtungen zum Beheizen der Baracken-Häuser.

Es gäbe aber auch viele reiche Brasilianer. Diese leben in den Wohntürmen und fahren – was als besonders chic gilt – neuerdings per Velo zur Arbeit, oder aber – wie seit jeher gewohnt – in einem ihrer Autos – vom fest angestellten Chauffeur gesteuert. Nur wo man glaubt, nicht bekannt zu sein, steuert der Besitzer eines seiner Fahrzeuge selber.

Doch die wirklich Reichen wollen sich dem chaotischen Strassenverkehr nicht aussetzen und erleiden keine langen Wartezeiten in den chronisch verstopften Strassen. Sie bewohnen in den Wohntürmen die obersten Stockwerke. In privaten Helikoptern transportieren sie ihre fest angestellten Piloten vom Dach ihres Wohnturms zum Dach des Wolkenkratzers, in dem sich der Arbeitsort befindet und später auf die gleiche Weise wieder zurück nach Hause.

Die uns aus dem daran vorbei fahrenden Bus gezeigten Sehenswürdigkeiten von Sao Paolo wirken wenig überzeugend. Die 10’000 Personen fassende Kathedrale ist von einer ebenso wenig inspirierenden Architektur wie auch die der Regierungsgebäude. Interessant ist es dagegen, den Gegensatz zwischen den verschiedenen Quartieren zu beobachten. Eines ist ganz japanisch. Die Japaner haben unter anderem Orchideen aus dem brasilianischen Urwald in ihre Heimat gebracht, daraus hochwertigen Sorten gezüchtet, die sie nun in Brasilien anbauen und damit ganz Südamerika beliefern – was ausgewanderte Holländer mit Blumenzwiebeln tun.

Wir halten zuletzt vor der riesigen Markthalle. Die traditionelle Architektur beeindruckt mehr als die der Kathedrale und der Regierungspaläste. Die Ausgänge des Riesengebäudes sind nummeriert, damit man sich nicht verirrt. Das Innere ist von Strassen durchquert, beidseitig durchgehend gesäumt von offenen Läden und Speisestätten.

Die ausgestellten Früchte sind von einer erstaunlichen Vielfalt und Qualität. Wie die Reiseleiterin schon im Bus vorausgesagt hat, ist es Sitte, den als Fremde erkenntlichen Personen Kostproben anzubieten, ohne dass dabei ein Kauf erwartet wird. Tatsächlich werden uns ungewöhnlich grosse Kirschen und schmackhafte Erdbeeren fast in den Mund gedrückt. Eifrig schält ein Mann uns unbekannte Früchte, die wir auch noch unbedingt probieren müssen. Wirklich bemerkenswert, diese überaus freundliche Sitte.

Adalberto bestellt einen knusprig in Öl gebackenen Teigbeutel, so gross wie ein Teller, gefüllt mit Crevetten. Wir verzehren die fettigen Kalorien an einem der Stehtische. Zwei Männer reden vom Nebentisch auf Adalberto ein und sind begeistert, dass er aus Italien kommt. Sie beginnen auf Portugiesisch ein für ihn nur halbwegs verständliches Gespräch über die Fussball-Mannschaften Milan und Inter. Adalberto antwortet so gut es geht, obwohl er kein Fussballfanatiker ist.

Gleichzeitig beobachte ich, wie eine Gruppe schwarz uniformierter Männer langsam auf uns zukommt. Mehrere der Männer haben grosse Fernseh-Kameras, andere tragen Scheinwerfer oder Mikrophone an langen Stäben. Zwischen ihnen erblicke ich eine junge Frau. Während sie sich nähert erkenne ich, dass es sich um eine wahre Schönheit handelt.

Plötzlich erstrahlt Adalberto, hell von Scheinwerfern beleuchtet. Die Frau geht auf ihn zu und will wissen „Where do you come from ?“. Adalberto gibt sich als Italiener zu erkennen und wird gebeten, auf Italienisch zu sagen wie ihm Brasilien gefällt. Geschickt lügt Adalberto wie sehr ihn dieses Land begeistert. Dann ist die Reihe an mir. Nachdem ich aus der Schweiz komme, meint die offensichtlich nicht nur schöne, sondern auch gebildete Frau, dann könne ich sicher auf Deutsch und Französisch ins Mikrophon sagen, was ich von Brasilien halte. Auch ich erfinde lobende Sätze in beiden Sprachen. Gleich danach verschwindet die bezaubernde Fee inmitten der sie umgebenden Männer.

Die Menge der uns umgebenden Brasilianer tanzen vor lauter Aufregung von einem Bein aufs andere, wedeln wild mit den Armen, schreien einen mir unverständlich bleibenden Namen und wiederholen begeistert: „fabulosa, televisao fabulosa, filha nos presidente!“ Erstaunt begreife ich, dass wir offenbar von einer sehr bekannten Fernsehs-Sprecherin interviewt worden sind, die zudem Tochter von Dilma Rousseff ist, der Staatspräsidentin von Brasilien. Schade, dass ich die abendliche Fernsehsendung nicht sehen kann. Doch so hat sich ganz unerwartet ein guter Schlusspunkt für das Ende meines Reiseberichts ergeben.

Der Rest der Reise erweist sich als etwas problematisch. Nach dem an sich schon wenig erfreulichen Nachtflug bleiben wir in London stecken. Infolge des dichten Nebels werden 200 Flüge gestrichen. Immerhin haben wir Glück, dass nach stundenlangem Warten unser Weiterflug nach Zürich zuletzt doch noch starten kann.

Geschrieben im Dezember 2013