Seit jeher dienen Schiffe zum Transport von Waren und Menschen. In den 30-er Jahren begannen einige Reedereien Schiffsfahrten auch zum reinen Vergnügen anzubieten. Dabei handelte es sich nicht mehr darum, Personen von einem Ort zu einem anderen, oft entfernten Ort zu transportieren. Statt dessen kehrten die Passagiere wieder zum Hafen des Reisebeginns zurück. Solche Schiffsfahrten wurden als Luxus betrachtet und zu recht hohen Preisen angeboten, die sich nur wenige Menschen leisten konnten. Deshalb galten Kreuzfahrten als exklusiv und erschienen einst „feinen Leuten“ als begehrenswert.
Die heutigen Kreuzfahrten als Massen-Tourismus
Kreuzfahrten sind immer billiger geworden und werden heute als das genaue Gegenteil von „vornehm“ betrachtet. Ein Snob wird kaum an einer solchen Reise teilnehmen.
Aus den Kreuzfahrten entstand ein stetig wachsender Zweig der Tourismus-Industrie. Besonders seit der Jahrtausendwende werden ununterbrochen neue Kreuzfahrt-Schiffe vom Stapel gelassen. Stets werden sie grösser und können immer mehr Passagiere aufnehmen. So entstand ein starker Konkurrenzdruck, der die Preise fast unglaublich tief fallen liess.
Gleichzeitig wird heute den Passagieren vieles geboten, wovon die einstigen Luxus-Touristen nicht einmal träumen konnten. Sie schaukelten auf den damaligen, im Vergleich zu heute geradezu zwerghaften Schiffen. Bei starkem Wellengang mussten früher viele Passagiere erbrechen. Die heute riesig gewordenen „schwimmenden Ferieninseln“ durchqueren auch von Stürmen aufgepeitschte Meere bemerkenswert ruhig. Seekrankheiten sind zu eher seltenen Ausnahmen geworden.
Kreuzfahrten bieten also heute den Passagieren wesentlich mehr Komfort und kosten im Vergleich zu früher nur einen Bruchteil. Doch weil daraus eine solche Massen-Industrie entstanden ist, betrachten jetzt viele Menschen Kreuzfahrten mit Verachtung und finden sie minderwertig. So denken vor allem Leute, die selbst noch nie eine Kreuzfahrt erlebt haben, weil ja so etwas für sie von vornherein gar nicht in Frage kommt.
Persönliche Eindrücke
In der folgenden Schilderung meiner Erlebnisse bei einer Kreuzfahrt mit „Carnival Liberty“ finden Snobs Bestätigungen für ihre Vorurteile gegenüber Kreuzfahrten. Sollen sie diese ruhig weiterhin als unterste Stufe des modernen Tourismus betrachten. Allerdings muss ich zugeben, dass die Reise mit „Carnival Liberty“ auch für mich ein wenig gewöhnungs-bedürftig gewesen ist.
Bei der Beobachtung von Sitten und Gebräuchen gewisser Schiffspassagiere lässt sich die eigene Toleranz gegenüber anderen Menschen und deren bisweilen ungewohntem Verhalten erkunden. Für mich scheint das jedenfalls sehr interessant und es bereitet mir Spass, die Kreuzfahrt mit „Carnival Liberty“ zu beschreiben.
Die Besuche tropischer Paradiese bildeten für Adalberto und mich den Grund zu dieser Reise. Dagegen hat das Leben auf den Kreuzfahrtschiffen zwischen den Landungen für uns wenig Bedeutung. Dennoch beschränke ich mich nachfolgend ausschliesslich auf diesen Aspekt der Reise. Die grossartigen Naturerlebnisse bei Besuchen von tropischen Inseln und Ferienparadiesen können Filme von „National Geographic“ oder die meisterhaften Sendungen der BBC über Pflanzen und Tiere viel eindrücklicher vermitteln, als mir das bloss mit einem beschreibenden Text gelingen würde.
So fängt es an
Der Beginn der Kreuzfahrt in Miami ist etwas mühsam. Es dauert nämlich anderthalb Stunden, um in der endlos scheinenden Menschenschlange vom Quai durch das Aufnahmegebäude zuletzt ins Schiff zu gelangen. Unterwegs gibt es die verschiedensten Kontrollen, dank denen weder blinde Passagiere noch Waffen oder Drogen ins Schiff gelangen sollen. Unter anderem muss man die Schuhe ausziehen und wird abgetastet. Obwohl all das wenig erfreulich ist, so können solche Massnahmen doch das positive Gefühl erhöhter Sicherheit vermitteln.
Zu den verschiedenen Kontrollstellen gilt es – zwischen den im Zickzack aufgestellten Abschrankungen – langsam voranzuschleichen. Bei der letzten Station sind nicht weniger als zwanzig Schalter aufgereiht. Nacheinander werden Passagiere an eine gerade frei gewordene Empfangsperson überwiesen.
Anschliessend an die als „herzlich“ eingeübte Begrüssung – mit erneuter Namenskontrolle – bekommt man ein persönlich ausgestelltes Plastik-Kärtchen. Dies ist der Schlüssel zur reservierten Kabine und dient gleichzeitig auf dem Schiff als ausschliesslich anerkanntes Zahlungsmittel.
Das Schiff
„Carnival Liberty“ hat vier Sterne und gehört mit 24 anderen Schiffen zu den Carnival Cruise Lines. Die Liberty wurde 2005 vom Stapel gelassen, ist 290 m lang und hat 13 Decks. Sie bietet Platz für 3’000 Gäste. Die Besatzung umfasst zusätzliche 1’200 Personen aus 60 verschiedenen Nationen.
Die Fahrt teilen wir mit rund 2’800 Passagieren. Es ist bei Kreuzfahrten kein Wunder, dass sie so gut gebucht sind. Der Basispreis entspricht meist ungefähr einem Hotelaufenthalt mit Vollpension, wobei bei einer Kreuzfahrt sehr viel mehr geboten wird.
Bei Buchungen lange zum Voraus werden Rabatte zu 70 % und mehr auf den Listenpreis angeboten. Aus Gesprächen mit einem Mitreisenden erfahre ich, er habe die Kreuzfahrt im Internet als „last minute“ zum extrem niedrigen Preis von nur $150.- buchen können. (Allerdings für eine der von mir generell nicht als akzeptabel betrachteten, fensterlosen Innenkabinen).
Viele verführerische Angebote
Die Reedereien können es sich offenbar leisten, die eigentliche Reise auch unter den Selbstkosten anzubieten. Das grosse Geld wird nämlich mit all dem verdient, was zusätzlich angeboten und eifrig genutzt wird. Wie verführerisch sind doch für viele Menschen: die interne Ladenstrasse mit den Luxus-Boutiquen, der ausgedehnte Wellness-Bereich, die ständig angebotenen alkoholischen Getränke, das Spielcasino und die vielen organisierten (teuren) Landausflüge.
Ständig wird Neues offeriert: ,,Today’s Special Drink“, besonders verlockende Schönheits-Behandlungen zum „Sonderpreis“, angebliche Rabatte von 30 % auf Luxus-Uhren, Marken-Parfüms und Bekleidungs-Artikel (natürlich ohne Hinweis auf die vorherigen, willkürlichen Preisaufschläge). Wie kann man solch „günstigen“ Angeboten widerstehen? Man braucht ausserdem auf dem Schiff kein richtiges Geld auszugeben. Es genügt, das Plastik-Kärtchen vorzuzeigen, das auch Kabinenschlüssel ist. Dank freudiger Ferienstimmung kommt da schnell allerhand zusammen. Häufig ist es zuletzt mehr, als die so günstig angebotene Kreuzfahrt bei der Buchung gekostet hat.
Der Empfang
In der Mitte der „Carnival Liberty“ findet sich die acht Stockwerk hohe Empfangshalle. Von einem Mitglied der Besatzung werden wir in einer derart liebenswürdigen Weise begrüsst, dass wir das bisher Ausgestandene schnell vergessen. Zweifellos handelt es sich um gut eingeschulte und standardisierte Begrüssungsfragen; wie die Anreise gewesen sei, wie man sich fühle, ob man bereits irgendwelche Wünsche habe?
An den Wänden der hohen Eingangshalle schweben Liftkabinen auf und ab, die auf drei Seiten verglast sind. Wir werden von einem Besatzungsmitglied – wieder in freundlichster Weise – zu unserem Deck hinaufbegleitet, wo wir durch einen endlos scheinenden Korridor zu der für uns reservierten Kabine gelangen.
Es wird uns gezeigt, wie sich die Türe mit dem Plastik-Kärtchen mühelos öffnen lässt, welche Lichter automatisch aufleuchten und welche man separat einschalten kann. Dann wird uns erklärt, wie man die Kühlung der Luft reguliert. Kaum alleine gelassen, haben wir aber den Apparat gleich für die ganze Reise abgeschaltet. Gerne verzichten wir auf die von Amerikanern innerhalb von Räumen als wünschenswert betrachtete Eiseskälte – besonders wenn draussen – als starker Kontrast – tropische Hitze herrscht.
Abgeschlappt nach all dem Überstandenen lassen wir uns auf die Betten fallen. Doch lange ist uns die Erholung nicht vergönnt. An der Türe wird sachte, aber anhaltend geklopft. Wir müssen aufstehen, die Türe öffnen und von der für unsere Kabine zuständige Philippinerin einen Begrüssungs-Schwall mit lauten Ausrufen entgegen nehmen. Das Ritual vollzieht sie so, als wären wir gute Freunde, die sich nach langer Zeit wiedersehen. (Wirklich perfekt diese konsequente Einschulung des gesamten Personals auf überströmende Freundlichkeit!).
Nachdem die Philippinerin kontrolliert hat, ob unsere Sanitär-Einrichtung mit der vorgeschriebenen Seife, Shampoo, Kleenex usw. korrekt bestückt ist und sich mit erneuten Freuden-Schreien verabschiedet hat, hoffen wir, die ersehnte Ruhepause endlich geniessen zu dürfen. Sie wird aber erneut unterbrochen. Ein Träger scheint ganz begeistert zu sein, die Ehre und das Vergnügen zu haben, uns die Koffer bringen zu dürfen. Angesichts all dieser so perfekt inszenierten Gastfreundschaft beginnen wir uns im Vergleich als miese Sauertöpfe vorzukommen .
Zum besseren Verständnis sei erwähnt, dass Carnival „all-inclusive cruises“ anbietet. Dabei wird ausdrücklich darauf hingewiesen, dass die Trinkgelder im Gesamtpreis bereits inbegriffen sind. Unabhängig von entsprechender zusätzlicher Entlohnung rezitiert also das Schiffspersonal die perfekt eingespielte Rolle einer fast überschäumenden Freundlichkeit; eine der wirkungsvollen Massnahmen, um die Passagiere zu beglücken. Wie grundlegend anders beim Personal fast aller Hotels und Restaurants auf dem Festland ! Das Lächeln wirkt oft erzwungen, der Blick bewusst abgewendet, um nicht zu verraten, man warte nur geduldig, bis endlich das Portemonnaie gezückt und das Almosen erteilt wird.
Schwarze und Weisse als Passagiere
Wie zu erwarten sind bei einer Kreuzfahrt ab Miami die meisten Passagiere Amerikaner. Vermutlich sind dank dem speziellen Konzept von Carnival- Kreuzfahrten etwa zwei Drittel Schwarze und ein Drittel Weisse. Für mich ist es eine ungewohnte und deshalb interessante Erfahrung, als Weisser mehrheitlich von so genannt „schwarzen Personen“ umgeben zu sein.
Dank den Schwarzen bleibt die Atmosphäre der ganzen Kreuzfahrt lauter, lebhafter, einfach fröhlicher. Das ist besonders intensiv, wenn sich grössere Gruppen von ihnen ansammeln, beispielsweise vor den Toren der beiden riesigen Restaurants, bevor diese jeweils pünktlich geöffnet werden. Es wird laut und freudig gelacht. Manchmal ertönt begeistertes Geschrei – Jemand muss wohl etwas besonders Lustiges erzählt haben.
Die Weissen stehen dabei meist stumm, mit abweisenden, etwas verkniffen wirkenden Gesichtern inmitten der Schwarzen. Deutlich ist zu spüren, dass unter den Amerikanern verborgener Rassismus immer noch schwelt, auch wenn dies nicht „politically correct“ ist und deshalb nie in negativen Worten geäussert wird.
Die Behauptung, alle Menschen seien gleich, ist ein Märchen. Es kann nicht weggeredet werden, dass beträchtliche Unterschiede zwischen Schwarzen und Weissen bestehen. Anderseits sollte man das akzeptieren und tolerieren, statt einfach als nicht vorhanden zu verleugnen.
Fasziniert beobachte ich ungewohntes Verhalten. Wenn irgendwo unerwartet Musik ertönt, kommen die schwarzen Damen sofort in Schwung. Ihre meist fülligen Körper beginnen wie von selbst im Takt der Musik seitwärts zu wackeln. Es ist richtig lustig, das zu erleben und ich interpretiere dies als Ausbruch einer stets vorhandenen, starken, inneren Fröhlichkeit, die sogar ansteckend wirkt.
Einem Zeitungsbericht konnte ich entnehmen, dass in den U.S.A. etwa ein Drittel der gesamten Bevölkerung Übergewicht aufweist. Bis zum Jahr 2030 soll das sogar auf die Hälfte aller Amerikaner ansteigen. Unter den schwarzen Gästen auf dem Schiff ist jedoch der Anteil an allzu schweren Personen wesentlich höher, besonders unter den Frauen. Einige von ihnen haben ein von mir noch nie gesehenes Volumen, das mich richtig staunen lässt. Allein der Anblick von derartigen Mitreisenden könnte Kreuzfahrt-Skeptiker von solchen Reisen abhalten.
Mich hat es dagegen wirklich fasziniert, wie diese teilweise geradezu ungeheuerlichen Fleischberge sich überhaupt noch fortbewegen können. Dazu halten sie den Oberkörper fast waagrecht und geben sich Energieschübe mit ausgreifendem Armschwingen. Die Beine werden in weitem Halbkreis von hinten nach vorne geschleudert, um die gewaltigen Oberschenkel zu umrunden. Die Füsse und die Hände dieser Damen haben jedoch normale Grösse und wirken deshalb vergleichsweise äusserst zierlich. Es bleibt für mich ein Rätsel, wie ihre kleinen Füsse das ganze Gewicht tragen können.
Auf den langen Gängen zwischen den Aussen- und den Innen-Kabinen kann man sich normalerweise mit entgegenkommenden Personen problemlos kreuzen, oder gemütlich spazierende Personen überholen. Es erweist sich jedoch gelegentlich als nicht möglich, an besonders umfangreichen und deshalb nur langsam voranschleichenden Damen vorbeizukommen. Infolge der so riesigen Hinterteile und den seitwärts rudernden Armen sind die Korridore nicht breit genug. Hinter den Kolossen bilden sich kleine Schlangen und jeglicher Gegenverkehr bleibt stecken.
Eine wahre Augenweide (ich verwende diesen Ausdruck in vollem Ernst, ohne jegliche Ironie oder gar Spott) sind bei den „black ladies“ die oft faszinierenden Frisuren. Ich vermute, die kunstvollen Haaraufbauten wurden speziell für die bevorstehende Kreuzfahrt kreiert. Oft ist ein Teil der Haare blond gebleicht und mit schwarz belassenen Haaren zu zweifarbigen Zöpfchen verflochten. Diese wiederum gab es manchmal versteift und strahlenförmig abstehend zu bewundern .
Andere Damen präsentieren die kleinen Zöpfe geringelt auf dem Kopf befestigt, der dann von lauter zweifarbigen Kreisen geschmückt ist. Generell gilt offenbar als besonders elegant, die typischen Kräuselhaare zu strecken, ebenso wie sich weisse Damen ihre geraden Haare oft in Wellen legen lassen.
Eine der schwarzen Schönheiten fällt besonders auf. Sie hat die begradigten Haare erst kupferrot färben lassen – sie ist dabei aber nicht die Einzige. Das Spezielle ist, dass ihre Haare mit Lack bandförmig zusammen-geklebt sind, wodurch sie wie breite, rote Nudeln wirkten. Es sieht tatsächlich so aus, als hätte man ihr einen Teller italienischer „tagliatelle al pomodoro“ auf dem Kopf ausgeschüttet. Zudem ist es dem Haarkünstler gelungen, ein besonders breites und langes Haarband in Form eines Fragezeichens aus der Mitte dieser „Minestra“ etwa 30 cm hoch aufragen zu lassen.
Unter den schwarzen Passagieren gibt es bedeutend weniger Männer als Frauen, schätzungsweise ein Viertel zu drei Vierteln. Bei den Männern ist der Anteil der Übergewichtigen im Vergleich zu dem der Frauen weit geringer. Der Grund dazu ist mir unerklärlich. Einige wenige Männer tragen stolze „dreadlocks“, langes, verfilztes Haar, am Hinterkopf meist durch ein Band zusammengehalten und teilweise auf dem Rücken bis zum Beinansatz herunter hängend.
Mit der Absicht, beim Abendessen im Restaurant elegant zu sein, tragen einige der schwarzen Herren einen Hut auf dem Kopf. Andere begnügten sich mit einer Schildmütze, wobei das eigentlich zur Abschattung der Sonne gedachte Schutzschild zum Nacken gekehrt wird.
Doch was soll’s! Schliesslich ist für gläubige Juden die Kopfbedeckung eine religiöse Vorschrift. Vor rund hundert Jahren war es doch auch bei weissen Damen angesagt, einen möglichst phantasievoll mit Federn von Paradiesvögeln, Reihern oder Straussen geschmückten Hut zu tragen, wenn sie bei einem feudalen Essen modisch auftreten wollten.
„Fun for all, all for fun“ !
So lautet das Motto bei Carnival. Als spezielles Konzept dieser Kreuzfahrten steht „FUN“ gross geschrieben im Zentrum. Spass muss sein ! 7 / 24 ! Die ganze Woche und rund um die Uhr ! Auf dieses Ziel hin ist jedes Detail bei Carnival konsequent programmiert. Allein der Namen der Reederei, Carnival, weist ja schon darauf hin.
Für viele Menschen ist beglückend, während mehreren Tage alles zu vergessen, nur noch Spass zu haben und sich richtig austoben zu können. Ich glaube, dass dies besonders bei der schwarzen Bevölkerung den Erfolg dieser Reisen begründet. (Gleichzeitig dürfte dieses Übermass an „fun“ auch viele Menschen davon abhalten, Kreuzfahrten ausgerechnet auf Carnival-Schiffen zu buchen).
„Fun“ ist wichtig im Theater
Jedes grössere Kreuzfahrt-Schiff muss einen Theatersaal haben. Auf der „Carnival Liberty“ umfasst dieser drei Stockwerke. Die variablen und raffinierten Beleuchtungs-Möglichkeiten und die Grösse von Bühne und Orchester-Graben würden dem Theater einer mittelgrossen Stadt auf dem Festland echte Ehre machen.
Während der Kreuzfahrt gibt es jeden Abend nacheinander zwei Vorstellungen, die meistens so beginnen: Nach der schwungvollen Ouvertüre des 10-Mann Orchesters öffnet sich der vielfarbig glitzernde Bühnen-Vorhang. Ein „talk master“ rennt hervor und ruft ins sehr laut eingestellte Mikrophon: „Are you happy all of you, are you having FUN ?“ Das Publikum schreit bejahend. Das genügt aber nicht. Die Frage wird noch zweimal wiederholt und immer lauter wird zustimmender Beifall gekreischt.
Nun geht es weiter mit ständig laut ausgerufenen Fragen, ob man glücklich sei und wirklich Spass habe: „Are you happy you don’t have to go to work ?! – Are you happy you don’t have to cook your meals ?! – Are you happy you can eat all you want ?! – Are you happy you can gamble and use slot machines ?! – Are you happy you can dance all night ?! „ Jede einzelne Frage wird schreiend bejaht.
Zuletzt und besonders laut die zusammenfassende Frage: „Are you happy you can have FUN FUN FUN ? ! “ Das Antwortgeschrei wird ohrenbetäubend. Viele Leute springen auf vor lauter entfesselter Begeisterung und beginnen die erhobenen Arme nach links und rechts zu schwenken und gleichzeitig mit den Füssen zu stampfen.
Während dem Stimmung machenden „Aufheizen“ durch den „talk-master“ stellen Bühnenarbeiter drei je fünf Meter hohe Buchstaben aus Schaumstoff auf die Bühne: F U N. Zwischen diesen Riesenbuchstaben erscheinen Tänzerinnen und Tänzer. Das Orchester setzt in schnellem Rhythmus ein und das Ballett beginnt. Die Choreographie gleicht allerdings eher einem rasch ablaufendem Energieprogramm in einem Fitnessklub. So geht es weiter, das Publikum ist begeistert und hat offensichtlich FUN – so wie bei allem, was auf diesem Schiff geboten wird.
FUN auch beim Essen
Das überreiche Nahrungsangebot ist offensichtlich eine ganz besondere Quelle der Freude. Unter den verschiedenen Futter-Krippen nehmen die vier langen Selbstbedienungs-Buffets eine wichtige Stellung ein. Sie werden täglich dreimal komplett abgeräumt und dann wieder mit einer neuen Auswahl von Speisen frisch beladen. Man kann dort die klassische Abfolge von Frühstück, Mittag- und Abendessen einhalten. Allerdings besteht schon allein das Frühstücks-Bffet aus einer derart grossen Auswahl von kalten und warmen Speisen, dass man sich daraus problemlos auch ein Mittag- und ein Abendessen zusammenstellen könnte.
Langsam schieben sich die Menschenschlangen den vollen Schüsseln entlang. Am Ende der Buffets sind die meisten Teller hoch aufgetürmt mit einer bunten Mischung der verschiedensten Gerichte. Nun gilt es, den übervollen Teller zu einem der gerade frei gewordenen Tische balancieren zu können. Oft verbleibt dann am Ende der Mahlzeit ein beträchtlicher Teil der Speisen auf dem Teller.
Ich bilde mir ein, ich sei ein ziemlich toleranter Mensch. Aber bei diesem Anblick nähert sich meine Toleranz ihren Grenzen. Doch sehr schnell verschwinden diese unschönen Reste, gleich weggetragen von dem bestens geschulten, aufmerksamen Personal. Ein säubernder Lappenwisch über den Tisch. Schon wieder ist ein vollgeladenes Tablett im Anmarsch.
Ausser den vier langen Buffets sorgen weitere Nahrungs-Quellen dafür, dass die Gäste nicht verhungern müssen: Zur Auswahl gibt es eine Pizzeria, einen „cake corner“, eine „wok-kitchen“, sowie Ausgabestellen für echtes amerikanisches „fast food“: Hamburgers und „hot dogs“ – das sind eine Art Wiener Würstchen, vollgeschmiert mit Ketchup und Senf, eingeklemmt in kleinen Semmeln .
An verschiedenen Stellen im Schiff kann man während 24 Stunden Kaffee oder Tee tanken sowie allerhand Säfte und Eiswasser. Auch hat es Apparate für „soft-ice“. Bei Hebeldruck quillt eine süsse, weiche Masse hervor, je nach Wahl von roter, weisser oder brauner Farbe.
Zusätzlich zu all den bisher aufgezählten Futter-Stellen gibt es vor allem noch zwei doppel-stöckige Speisesäle. Sie sind nach der jeweiligen Grundfarbe ihres üppigen und bemerkenswert kitschigen Dekors als „Golden Restaurant“ oder a1s „Silver Restaurant“ benannt. In Beiden ist der riesige Saal auf drei Seiten von einer darüber liegenden Galerie umrundet, mit vielen weiteren Tischen. Wer (auch) in diesen Restaurants essen will, bekommt zu Beginn der Kreuzfahrt einen Platz zugewiesen, der während der ganzen Reise reserviert bleibt.
Kellner als Kameraden
Man wird von dem für den Tisch zuständigen Kellner mit Händedruck begrüsst. Dabei gilt es in sympathisch demokratischer Weise den eigenen Vornamen mit dem des Bedienungspersonals auszutauschen. Fortan wird man jeweils mit dem freudigen Ausruf begrüsst: „Hello Ivaaaan ( oder Hello Bertoooo) how are you TODA-Y ?“ Das letzte Word wird stark betont, so als wäre gerade heute ein besonders glücksbringender Tag. Die Schulung des Personals ist wirklich perfekt. Ich kann mir allerdings vorstellen, dass für manche Gäste, die nicht aus den U.S.A. kommen, diese betonte Familiarität des Personals recht ungewöhnlich sein dürfte.
Menus mit vielen Gerichten
Die Speisekarte im „goldenen“ und im „silbernen“ Speisesaal sind einem erstklassigen Hotelrestaurant durchaus ebenbürtig. Dabei gibt es zu jeder Mahlzeit vier Gänge, jeweils mit einer Auswahl mehrerer Gerichte, darunter stets auch ein fleischloses.
Anfänglich hat es mich erstaunt, dass nicht alle Gäste das feine Essen im Restaurant geniessen. Der Grund ist offenbar, dass man im Restaurant nur eine gewisse (keineswegs knappe) Portion von jedem Gang serviert bekommt. Dabei sollte das eigentlich kein Problem sein. Ich kann nämlich beobachten, dass man sich auch im Restaurant richtig vollstopfen kann, wenn man das will. Einige Gäste bestellen einfach pro Gang gleichzeitig zwei verschiedene der angebotenen Gerichte. Ohne eine Miene zu verziehen stellt dann der gut geschulte Kellner einfach beide Teller nebeneinander auf den Tisch. Der Gast kann dann abwechselnd mal links mal rechts zugreifen .
Singende und tanzende Kellner
Fast jeden Tag gibt es beim Abendessen irgendwelchen „fun“. Die Lichter gehen aus. Ein Scheinwerfer beleuchtet einen von mehreren Kellnern gebildeten Chor. Sie intonieren einen bekannten Schlager und viele Gäste singen begeistert mit.
Ein anders Mal laden alle Kellner plötzlich die speisenden Damen zu einem Tänzchen zwischen den Tischen ein. Sie wählen – gut geschult – vor allem ältere Ladies, die dadurch offensichtlich beglückt werden. Oder die Gäste werden eingeladen. eine Menschenkette zu bilden, wobei man jeweils beide Hände auf die Schultern der voran laufenden Person ergreift. So schlängelt sich die jubelnden Schar zur lauten Musik kreuz und quer durch den Saal.
Ja, es ist wirklich viel „fun“ mit Carnival zu reisen ….. sofern man als besonderes Ferienglück diesen perfekt organisierten „fun“ nicht nur zu ertragen, sondern sogar richtig zu geniessen vermag !
Wie soll das weitergehen
Abschliessend noch einige generelle Angaben: Die grössten aller Kreuzfahrt-Schiffe gehören den Royal Caribbean Cruises mit Hauptsitz in Miami, Florida. Im Jahre 2009 lief die „Oasis of the Seas“ vom Stapel. Ein Jahr darauf folgte das Zwillings-Schiff „Allure of the Seas“. (Alle Schiffe dieses Unternehmens tragen zum Namen den Zusatz,, … of the Seas“). Die beiden soeben erwähnten bieten Platz für je 5400 Passagiere.
In der Mitte beider Riesen findet sich der mit echten Bäumen bepflanzte „Central Park“. Bisher hatte man die Wahl zwischen Kabinen mit Meeresblick auf den beiden Schiffsseiten, oder aber fensterlose Innenkabinen. Als Neuheit hat es in diesen beiden Schiffen auch Kabinen, bei denen man aus 15 Stockwerken zur Grünanlage in der Mitte des Schiffs herunterblickt.
Zusätzlich zum üblichen Angebot auf Kreuzfahrtschiffen hat es bei diesen Beiden auch eine 12 m hohe Kletterwand, ein Becken mit künstlichem Wellengang für „Surfboarder“ und einen Mini-Golf. Neu sind ferner die Kunsteisbahn und das Aqua Theater, die auch für Schauspiele dienen: Tanz-Akrobatik auf Schlittschuhen sowie Wasser-Ballett oder kunstvolle Sprünge vom Turm.
Aus dem Internet lässt sich entnehmen, dass noch gewaltigere Monstren als Drillinge auf uns zukommen: Im Herbst 2014: „Quantum oft he Seas“, im Jahr danach „Anthem of the Seas“, 2016 gefolgt von einem gleichen, aber noch namenlosen Schiff. Bereits kann man im Internet Einiges sehen, was da geboten werden soll. Auf der noch im Bau befindlichen Quantum konnten nämlich schon kleine Filme gedreht werden.
Beispiel: ein tapferer Grossvater und ein ebenso wild entschlossenes Grossmütterchen lassen sich vom Bedienungspersonal an Händen und Füssen ergreifen. Dann werden die betagten Herrschaften jubelnd auf ein grosses rundes Loch geschleudert. Statt darin zu versinken, ruhen sie nun mit ausgestreckten Armen und Beinen genussvoll darüber schwebend – getragen von einem kräftigen Luftstrom.
Ein bogenförmig durchhängendes Drahtseil ist befestigt zwischen dem Deck und einem tief darunter liegenden Stockwerk. Experimentierfreudige Personen, bekleidet mit einem Sturzhelm, lassen sich oben anketten und werden nach dem Hinuntersausen von anderem Bedienungspersonal sanft umfasst und sorgfältig wieder Iosgekettet.
Weniger abenteuerliche, jedoch möglichst schwindelfreie Personen begeben sich auf dem obersten Deck in die verglaste Kugel, befestigt unter einem weit ausgreifenden Träger. Darin umkreisen sie langsam das ganze Schiff – 100 m hoch über dem Meer.
Trotz all diesen für viele Menschen als verlockend erscheinenden Angeboten kann man sich doch ernsthaft fragen, ob solche Mega-Kreuzfahrten überhaupt noch sinnvoll sein werden. Bei der noch viel grösseren Anzahl von Passagieren wird vielleicht das Ein– und Aus-schiffen zuletzt unerträglich lang dauern. Bei dem überreichen Unterhaltungs-Angebot werden die Passagiere oft lieber auf dem Schiff bleiben, statt für Landausflüge Zeit und Geld zu verschwenden.
Vielleicht werden die schwimmenden Riesen zuletzt einfach bewegungslos verankert, wie das bereits bei der historischen RMS Queen Mary geschehen ist. Während drei Jahrzehnten, von 1936-1967, überquerte sie stolz den Atlantik zwischen Southampton und New York. Zuletzt wurde sie als Hotel und Spielcasino vor Kalifornien fest verankert. Auch andere, ehemalige Kreuzfahrtschiffe wurden bereits zu Hotels umfunktioniert und durch schwimmende Brücken mit dem Festland verbunden.
Gegenwärtig wird eine fast unglaubliche Vielzahl von Kreuzfahrten auf allen Meeren unseres Planeten angeboten – oft zu erstaunlich günstigen Preisen. Je nach persönlicher Einstellung und Toleranz gegenüber Massen von anderen Passagieren scheint es vielleicht nicht nur erträglich sondern sogar erfreulich, daran teilnehmen. Ebenso liessen sich aber Kreuzfahrten auch als nicht akzeptables, billiges und minderwertiges Reise-Vergnügen beurteilen.
Geschrieben anfangs Dezember 2013