In diesen Erinnerungen ist vor allem beschrieben, wie isoliert und geschützt man der Schweiz lebte, während rund um unseres Land der zweite Weltkrieg tobte.
Froschperspektive aus der Schweiz zum Weltkrieg II
Geboren bin ich in Dresden im Jahre 1924 als „Papierlischwyzer“. Meine beide Eltern stammen aus Russland und sind von der kommunistischen Revolution des Jahres 1917 vertrieben worden. In der Familie wurde russisch gesprochen und ich sollten mit dem volkstümlichen Namen „Ivan“ getauft werden. Der zuständige Beamte weigerte sich jedoch, einen solchen Namen einzutragen. ,,Dös is doch kommunisdisch“ war seine Meinung. Er schrieb einfach die deutsche Übersetzung „Johannes“ ins Geburtsregister. So blieb mir seither in allen offiziellen Papieren der Name Johannes. Dennoch werde ich aber Ivan genannt.
Mein Vater hatte in Dresden sein Studium der Chemie abgeschlossen und fand 1929 eine Stelle als Chemiker in Basel bei der damaligen CIBA. Für die Anstellung war der deutsche Pass kein Problem. Er wurde es aber für meinen Vater später aus moralischen Gründen. Bei Geschäftsreisen in Deutschland sah er gelb gestrichene „Schandbänke“ mit der Aufschrift „Nur für Juden“. Zuhause verfolgte er am Radio mit Betroffenheit die Nachrichten. Er war entsetzt, was sich in Deutschland abspielte. Dabei waren die schlimmsten Dinge damals noch keineswegs allgemein bekannt. Er beschloss, sein Sohn dürfe in einem solchen Land nicht Militärdienst leisten. Aus diesem Grund hat er dann gleich für die ganze fünfköpfige Familie – ich habe zwei jüngere Schwestern – das Bürgerrecht von Basel erworben. Das hat ihn Fr. 700.- gekostet, damals war das ein namhafter Betrag. Somit haben wir nun Schweizer Pässe.
Mit fünf Jahren bin ich in die Schweiz gekommen und habe mich immer als Schweizer gefühlt – mit allen Vorteilen die ich damit in meinem späteren Leben genossen habe. Ich musste dafür aber auch den von mir verhassten Militärdienst leisten.
Nach meiner Aussage, ich würde mich weigern, auf Menschen zu schiessen, wurde ich der Fliegerabwehr zugeteilt und musste Flugzeuge mit optischen Instrumenten beobachten. Diese Geräte gaben zwar die Befehle an die Fliegerabwehr-Kanonen weiter, schiessen musste ich aber nicht selber. Zudem gelang es mir später, als „Studierender“ das harmlosere Amt als Fourier-Gehilfe zu übenehmen. So hockte ich im Büro und stellte Proviantlisten zusammen. Eigentlich brauchte der Fourier meine „Hilfe“ gar nicht. Ein verständnisvoller Hauptmann gab mir deshalb während des langen Aktivdienstes wöchentlich einen Drei-Tage-Urlaub. So konnte ich mit meinem Studium der Nationalökonomie an der Universität Basel fast ungehindert fortfahren.
Dafür bin ich dem mir wohlgesinnten Offizier sehr dankbargeblieben. Ganz besonders war dies der Fall, als ich einmal beim Wiedereinrücken eine für mich entsetzliche Nachricht erfahren musste: Voller Stolz berichteten meinen Dienstkollegen, während meiner Abwesenheit sei es ihnen tatsächlich gelungen, ein amerikanisches Flugzeug abzuschiessen, das widerrechtlich die neutrale Schweiz überflog. Das Flugzeug wurde aber glücklicherweise nur am Flügel getroffen und konnte notlanden. Nach dem erlittenen Schrecken genossen der Pilot und die Soldaten-Besatzung ein frohes Leben. Sie wurden in einem Hotel in St. Moritz interniert und bekamen ein fürstliches Taschengeld. Den bald aufgetauchten jungen Damen konnten sie Uhren und andere Geschenke kaufen und sich allerhand Vergnügungen leisten.
Dies war nur eine der Absurditäten der neutralen Insel Schweiz. Noch absurder erschien mir, was ich von meinem Vater hören musste. Die CIBA hatte ihre Betriebe teilweise direkt am Rheinufer, nahe der Grenze. Zwischen Deutschen und Franzosen fanden Schusswechsel statt – über den Rhein und die sogenannte „Maginot-Linie“. In den Gängen der Ciba waren Schilder aufgehängt: „Es ist verboten, die Kriegshandlungen während der Arbeitszeit zu beobachten“. An den entsprechenden Aussichtsfenstern hatte man die Läden verriegelt.
Mein Vater fand ganz besonders die Beschränkung der unerlaubten Kriegsbeobachtungen auf die Arbeitszeit grotesk. (Damit sollte ja offenbar bloss vermieden werden, dass die Firma keinen Verluste an Arbeitszeit erleide). Jeden Abend brachten Lastwagen die als wichtig erachteten Dokumente von der Grenzstadt Basel „zur Sicherheit“ an einen geheimen Ort weiter ins Landesinnere und am frühen Morgen wieder zurück. Gearbeitet wurde aber völlig normal, wie in Friedenszeiten.
Mich – und wohl auch meine Schwestern- liess das die Schweiz umgebende Kriegsgeschehen aus meiner heutigen Sicht jedoch erstaunlich gleichgültig. Wir lachten zwar über das hysterische Geschrei des „Führers“, wenn unser Vater zum regelmässigen Abhören der Nachrichten das Radio eingeschaltet hatte. Im Übrigen berührten uns eher die indirekten Kriegs-Folgen für die Schweiz. So mussten beispielsweise meine Schwestern die Ferien teilweise im sogenannten „Landdienst“ verbringen, wovon ich infolge des Aktivdienstes verschont blieb.
Meinen Vater ärgerte die Vorschrift, dass er in unserem damaligen, recht grossen Garten in Arlesheim fortan Kartoffeln anbauen sollte. Um dafür den entsprechenden Platz zu gewinnen, musste er seine ausgedehnten, von ihm liebevoll gepflegten und bisher stets reichtragenden Erdbeerplantagen opfern. Es ärgerte ihn dabei ganz besonders, dass die Kartoffelernte gewichtsmässig geringer ausfiel, als der vorangegangene Erdbeersegen. So hatte auch meine Mutter keine Gelegenheit mehr, ihre herrlichen Konfitüren zuzubereiten und in Konservengläsern einen leckeren Wintervorrat anzulegen.
Zucker gab es ohnehin nicht in ausreichenden Mengen, war er doch rationiert. In diesem Zusammenhang ist mir die Geschichte der Ali Bersma in unvergesslicher Erinnerung geblieben. Sie war eine Holländerin, die sich als Schneiderin betätigte und mit der sich meine Mutter befreundet hatte. Zusammen nähten die Beiden mit grossen Geschick praktisch die ganze Garderobe für meine gerne elegant auftretende Mutter, sowie die Kleider für meine beiden Schwester.
Die grosse, hagere Ali Bersma war mit einem kleinen, dicken, italienischen Klavier-Stimmer liiert. Gemeinsam hatten sie sich im Tessin, am Seeufer zwischen Ascona und Porto Ronco, ein kleines Stück Land erworben und ein bescheidenes Holzhäuschen erbaut. (Solche Häuser wurden später verboten, wegen der im Tessin häufigen Brandgefahr). Ali fuhr zum Einkaufen mit ihrem klapprigen Velo stets nach Ascona. Als sie wieder einmal alles eingepackt und bezahlt hatte, fragte der Händler, ob sie vielleicht grössere Mengen brauchte, die er ihr dann bringen könnte. Übermütig hat sie eine Art „Wunsch-Gesang“ angestimmt mit der Aufzählung rationierter Lebensmittel:
„10 kg. Zucker, 10 Flaschen Öl, 24 Eier, 10 kg Mehl, 10 kg. Reis und 1 kg Butter“
und verliess danach lachend den Laden. Das Lachen ist ihr aber vergangen, als fast die ganze Menge der gesungenen „Bestellung“ am nächsten Tag tatsächlich im Pferdewagen zu ihren Häuschen gebracht wurde. Verlangt wurden dafür keine erhöhten, so genannte Schwarzmarktpreise, sondern der jeweilige, offizielle Preis. Das Total war aber für Ali dennoch zu viel Geld. Sie wurde beruhigt: „Nessun problema, pagherà la prossima volta!“
Im Tessin ist wirklich vieles anders als nördlich der Alpen. Davon will ich nun ein wenig berichten, denn im Tessin verbrachte ich – auch in späteren Jahren – die schönsten Zeiten meines Lebens.
Ali Bersma nähte auch die Kleider für eine deutsche Kundin, die sich im Tessin niedergelassen hatte. Meine Mutter erfuhr von Ali, dass diese Dame ein Stück Land von rund tausend Quadratmetern verkaufen wollte. Es lag – wie das von Ali – zwischen Ancona und Porto Ronco. Es lag jedoch nicht am Seeufer, sondern erregt aber der Ufer-Strasse. Somit war die Sicht umfassender und eigentlich schöner als direkt am Seeufer.
Meine Mutter hatte damals ganz unerwartet von einer verstorbenen, entfernten Verwandten den 32. Teil der Erbschaft zugeteilt bekommen. Es waren etwas über tausend Franken. Damit konnte meine Mutter das Land von der „lustigen Witwe“ kaufen, wie wir die Besitzerin später nannten. Sie verlangte nur einen Franken pro Quadratmeter, da sie das Land eigentlich gar nicht brauchte, hatte sie doch bereits unweit davon ein Rustico als Feriensetz ausgebaut.
Mit dem erhaltenen Geld genoss die „lustige Witwe“ zusammen mit ihrem Tessiner Maurer eine wundervolle Ferienreise. Bei ihrer Rückkehr fand sie ihr Rustico abgebrannt. Sie soll in die Hände geklatscht und dabei freudig ausgerufen haben: „Jez habene au ä Basäng!“. Ihr Begleiter hatte damit schon eine neue Arbeit: Die Steinwände des Rusticos wurden teilweise abgetragen, der Rest innen abgedichtet und mit Wasser gefüllt. So entstand ein Schwimmbecken.
Für den Bau eines Häuschen auf dem ehemaligen Land der „lustigen Witwe“ hatten meinen Eltern kein Geld. Ein Arbeitskollege meines Vaters in der Ciba steuerte aber Fr. 7’000.- als Darlehen bei. Das entsprach der Hälfte der benötigten Summe. Die andere Hälfte konnte mein Vater als Hypothek beim damaligen Bankverein aufnehmen (heute Teil der UBS). Die beiden Familien konnten lange Zeit das so entstandene, hübsche Steinhäuschen auf dem der Familie Ruperti gehörenden Grundstück halbjährlich abwechselnd und im besten Einvernehmen benützen.
Als aber der ältere Kollege pensioniert wurde, wollte er sich ein eigenes Haus im Tessin bauen, um es ganzjährig bewohnen zu können. Deshalb verlangte er ganz unerwartet die Rückgabe der seinerzeit von ihm eingeschossenen Summe.
Für meinen Vater war es aber damals gar nicht leicht, das benötigte Geld aufzubringen. Das hat ihm nervlich sehr zugesetzt, bis er die benötigten Summe doch noch aufbringen konnte. Er fuhr zuletzt- in Begleitung meiner Mutter – zur Erholung in die Ferien. Dabei hinterliess er mir einen Umschlag mit den 7’000.- Franken. Das war auch für mich damals eine erschreckend hohe Summe.
Ich begab mich also zu dem alten Herren, um ihm im Auftrag meiner abgereisten Eltern (die ihn ohnehin nie mehr wiedersehen wollten) das Geld zu überbringen. Ich wurde freundlich empfangen, aber der Umschlag mit dem vielen Geld wurde mir unerwarteter Weise zurückgewiesen. Ich erfuhr, dass der Herr sich im Tessin umgesehen und dabei festgestellt hatte, dass in der Zwischenzeit ein ähnliches Häuschen, mit dem entsprechenden Land im Tessin mindestens Fr. 50 000.- Franken kosten würde. Er wollte es deshalb nun doch lieber bei der alten Vereinbarung lassen.
Ich bestand aber äussert hartnäckig darauf, er sei verpflichtet das von ihm schriftlich gekündete Geld anzunehmen. Zu meinem Entsetzten begann der alte Herr zu weinen, er habe einen grossen Fehler gemacht. Ich war wutentbrannt – angesichts der Probleme die er meinem Vater mit seiner unerwarteten Rückforderung verursacht hatte. Ich knallte ihm den Umschlag auf den Tisch und verliess grusslos das Haus. Meinen Eltern habe ich ein später oft lachend zitiertes Telegramm in den Erholungsurlaub geschickt: ,,Ronco vom Teufel befreit!“.
Dieses Häuschen hat uns zu vielen glücklichen Tagen verholfen. Mir aber ganz besonders! Ich fuhr von Basel mehrmals mit dem Velo ins Tessin. Das beanspruchte auf den von damals noch praktisch autofreien Strassen zwei Tage. Die Nacht verbrachte ich jeweils in einer Jugendherberge.