Ansprache zu Marischas 90. Geburtstag

 

Ariane hatte die Feier vom 19. Februar 2017 zu Marischas 90. Geburtstag organisiert. Sie hatte natürlich auch mich eingeladen und wie alle Eingeladenen sollte ich bei dieser Gelegenheit ein gemeinsames Erlebnis mit Marischa schildern. Da ich aber nicht nach Basel kommen konnte, hat Karin an meiner Stelle meine Geschichte vorgelesen:

Meine liebe Schwester, verehrte Gäste zu Marischas Geburtstag,

Ariana hat mich aufgefordert, zu Marischa’s 90. Geburtstagsfest einen Beitrag zu leisten in Form eines Berichts über ein ungewöhnliches Ereignis, das ich gemeinsam mit meiner Schwester erlebt habe. Da muss ich an Marischa‘ s spontanes Angebot denken. Es war eine sowohl von ihr selber – als auch von mir – völlig unerwartete und etwas ungewöhnlich Dienstleistung, die dann eine nachhaltige Wirkung hatte.

Bevor ich darüber berichte, muss ich eine ganz andere Geschichte erzählen, mit der

Marischa zwar direkt nichts zu tun hat. Aber ohne diesem Vorwort dürfte für manche ihrer Geburtstagsgäste die von mir viel später mit Marischa erlebte Gegebenheit wohl kaum verständlich sein.

Ebenso wie die Geschichte mit Marischa, handelt auch diese Vorgeschichte von einem für mich ganz unerwartetes Ereignis. Ein seltsamer Zufall will es, dass sich das – auf den Tag genau – 45 Jahre vor Marischa’s heutigem Geburtstag ereignete:

Ich hatte im Tessin ein grosses Haus oberhalb von Brissago. Damals konnte man im Winter über dem von Brissago unweit gelegenen Locamo auf dem Berg Cardada wunderbar skifahren. Infolge der Klimaerwärmung ist das jetzt kaum mehr der Fall. In diese Winter sind die ehemaligen Skipisten von Cardada sogar durchgehend grüne Wiesen geblieben.

Besonders schön war das Skifahren auf Cardada im Februar; der Schnee war noch gut, aber es gab schon viel Sonne. Am gleichen Datum wie Marischa’s Geburtstag – also am 19. Februar – ist in Italien Feiertag; San Giuseppe. Das geschieht zur Ehren des Heiligen Josef, auf italienisch Giuseppe, der auf recht ungewöhnliche Weise – nämlich mit einer jungfräulich gebliebenen Frau – Vater eines bedeutenden Sohnes geworden ist.

In mehreren Jahren hatte ich jeweils, in Verbindung mit diesem Feiertag, Weekend-Gäste aus Mailand und wir vergnügten uns mit Skifahren auf Cardada. 1971, also vor 46 Jahren, hatten meine italienischen Freunde einen mir unbekannten, zusätzlichen Gast mitgebracht: etwas scheu, schwarzer Lockenkopf, Bart, 30 jährig, somit 16 Jahre jünger· als ich …. Trotzdem hat offenbar auch bei Adalberto sofort ein Blitz eingeschlagen – was man etwas weniger dramatisch auch beschreiben könnte als: ,,Liebe auf den ersten Blick“.

Kurz bevor meine Gäste wieder nach Mailand zurück fuhren, hatten Adalberto und ich ein ausführliches Gespräch. Wir stellten fest, dass wir zwar sehr verschiedenen Charakter haben. Aber gleichzeitig versprachen wir gegenseitig zu versuchen, Freunde zu werden und für immer Freunde zu bleiben. So voreilig eine solche Abmachung gewesen sein mag – nachdem wir uns ja nur ganz kurz kennen gelernt hatten – seltsamerweise ist es uns gelungen, unser damaliges Vorhaben tatsächlich zu verwirklichen.

Nun komme ich – mit einem Sprung aus dem 20. ins 21. Jahrhundert – endlich auf Marischa zu sprechen. Der Zeitunterschied zwischen der Vorgeschichte und dem unerwarteten Ereignis mit Marischa beträgt 36 Jahre.

Marischa hatte Adalberto und mich schon mehrmals erfreut, wenn sie zu uns ins Tessin kam. Als sie sich aber vor 10 Jahren – im April 2007 – zu einem Besuch anmeldete schien uns das etwas problematisch, denn wir hatten gleichzeitig bereits einen für uns wichtigen Termin. Trotzdem wollte ich ihr nicht absagen, war es doch jedes Mal besonders nett, wenn sie zu uns kam.

Während ihres Aufenthaltes baten wir Marischa um Entschuldigung, weil wir nach Lugano fahren müssen, um etwas für uns Wichtiges zu erledigen und sie deshalb am Nachmittag alleine zu Hause bleibe sollte. Das passte Marischa aber gar nicht und sie wollte unbedingt mit uns nach Lugano fahren. Uns schien es aber peinlich, ihr zu verraten, was wir vorhatten.

Nun bohrte Marischa so lange und hartnäckig an dem von ihr geschätzten und gutmütigen Adalberto herum, bis dieser endlich nicht anders konnte als ihr zu erklären, um was es sich handelte: Ein neu erlassenes Gesetz ermöglichte den Eintrag im Zivilstandesamt – unabhängig von dem bisher geforderten Geschlechtsunterschied – für alle sich zusammen gehörend fühlenden Paare. Und wir sollten die neu geschaffene, sogenannte „Partnerschaftsurkunde“ in Lugano im Standesamt unterzeichnen.

Marischa war völlig überrascht, zeigte sich richtig begeistert und verkündete spontan, sie wolle unbedingt dabei sei und zudem als offizielle Trauzeugin auftreten.

Für immer werde ich meiner lieben Schwester Marischa dankbar bleiben für ihre unvoreingenommene Mitunterzeichnung dieser mit einer so nachhaltigen Wirkung versehenen Urkunde!