Meine Mutter hat rund zwei Drittel ihrer Werke verkauft oder verschenkt. Mit dem restlichen Drittel konnte ich eine Gedächtnis-Ausstellung veranstalten, zu der mir das ganze Kunstmuseum von Mendrisio zur Verfügung gestellt wurde.
Im Katalog zu dieser Ausstellung schrieb Andreas Ruperti
Madeleine Elisabeth Marie van Rijckevorsel wurde am 13.5.1903 in Moskau geboren. Marie Catoire, ihre Mutter, gehörte einer seit Generationen in Russland ansässigen, streng katholischen, französischen Familie an. Ihr Vater, Karl van Rijckevorsel, auch er Katholik, war ein junger, aus Vught bei Herzogenbusch nach Moskau gekommener Holländer.
Aus „Madeleine“ ist das zärtliche Diminutiv „Madja“ entstanden und dieser Name blieb lebenslänglich erhalten. Zwei Jahre nach Madja wurde ihr jüngerer Bruder geboren und „Armand“ getauft, aber stets „Mulja“ genannt.
Über Madjas erste Kindheitserinnerungen geben einige von ihr in russischer Sprache verfassten Zeilen Auskunft, die ich in deutscher Übersetzung anbringen möchte:
„Wenn ich über meine Kinderjahre denke, muss ich immer darüber staunen, wie wenig ich mich daran erinnern kann. Nur einzelne Bilder sind erhalten geblieben. Dafür erscheinen sie in unwahrscheinlicher Klarheit, mit einer genauen Abbildung aller Einzelheiten meiner Umgebung. Sogar die Farben der mich umringenden Gegenstände haben sich derart meinem Gedächtnis eingeprägt, dass ich ein genaues Bild einzelner Begebenheiten malen könnte.
Bereits in meiner frühen Kindheit wurde ich durch meine Umgebung stark beeindruckt. Einzelne Zimmer, Wohnecken, einzelne Möbelstücke haben mich mehr beeindruckt, mir eine bestimmtere Richtung gegeben, als die Menschen meiner Umgebung, damals, als mein Leben anfing aus der ursprünglichen Unbestimmtheit und nebligen Ferne herauszutreten und bewusster empfundene Formen anzunehmen. Eines dieser ersten Bilder erscheint mir in ganz besonderer Klarheit.
Die Begebenheit fand in unserer Moskauer Wohnung statt, die sich im obersten Stockwerk eines grossen Hauses befand. Ich erinnere, dass mir weisse Söckchen aus glänzender weisser Seide, mit einem groben Faden umnäht, angefertigt werden sollten. Sie wurden mir anprobiert, etwas daran abgeschnitten und geändert. Und wieder erlebte ich den berauschenden Augenblick, in dem der kalte Stahl
der Schere meine Haut berührte und ein Schauer lief über meinen Rücken.
Was für komplizierte Dinge gehen in einer Kinderseele vor sich! Lebhafte, quälende Erlebnisse, in ihrer Intensität denjenigen Erwachsener nicht vergleichbar.”
Madja war sechs Jahre alt, als die Ehe ihrer Eltern in die Brüche ging. Ihre Mutter musste sich vom Katholizismus lossagen und der evangelischen Kirche beitreten, um eine Scheidung zu ermöglichen. Bald ging sie eine neue Ehe ein. Sie heiratete Wanja Rüchardt, einen Vetter meiner Mutter. Dessen Vater war Teilhaber des Handelshauses Wogau & Co., er selbst Wogaus kaufmännischer Angestellter. Er war ein lebenslustiger junger Mann, den alle gern hatten. Wir nannten ihn Onkel Wanja – seiner kurzen Haartracht wegen scherzweise auch Strischka-Martischka (geschorene Meerkatze). Er liebte Madja heiss, vielleicht sogar mehr als Lisa und Jura, seine eigenen Kinder. Er hat es auch verstanden, Madjas Herz restlos zu gewinnen.
Madjas Vater, Karl von Rijckevorsel, kehrte Moskau den Rücken und begab sich nach Holländisch-Indien. Zwischen ihm und seinen beiden Kindern blieb so wenig Kontakt, dass Madja sich kaum an ihn erinnern konnte. Er versuchte ihnen Geschenke zu schicken, aber das wurde als unerwünschte Einmischung in das Leben der Kinder aufgefasst und die Geschenke abgewiesen.
Als Madja neun Jahre alt war, wurde für sie und ihren Bruder Fräulein
Robesneck als „Kinder-Fräulein“ engagiert. Madja hat „Kapsa” mehr als ihre eigene Mutter geliebt. Die innige Bindung blieb bis zum Tode von Kapsa, die sehr alt wurde, erhalten.
Bei Beginn des ersten Weltkrieges wurde Ivan Rüchardt in unliebsamer
Weise an seine deutsche Staatsangehörigkeit erinnert. Wie die übrigen
Deutschen im Wehrdienstalter wurde er in die Moskauer Krutizki Kaserne
beordert und von dort in die Uralgegend, nach Ufa, als Zivilgefangener
verschickt. Seine Frau und die jüngeren Kinder folgten ihm nach, während Madja in Moskau blieb, um die Schule weiter zu besuchen. Sie wurde von meiner Grossmutter als lieber Gast aufgenommen und wohnte bei ihr während der ganzen Dauer des Krieges.
Nur die Sommermonate verbrachte sie bei ihren Eltern. Dazu musste sie jeweils die viele Tage dauernde Schiffsreise nach Ufa unternehmen. Man fuhr auf der
Wolga, dann auf ihrem Zufluss, der Kama, und schliesslich auf der Belaja, die in die Kama mündet. Jedesmal ist es ein reiches Erlebnis gewesen. Madja bekam einen Begriff von den unendlichen Weiten Russlands, die einen unauslöschlichen Eindruck auf sie machten.
Man kann sich keine erfreulichere Kriegsgefangenschaft vorstellen, als die der Rüchardts in Ufa. Wanja Rüchardt bezog weiter das ihm bei Wogau & Co. zustehende Gehalt, hatte somit keine Geldsorgen und war in der Lage, für die ganze Familie samt Dienstpersonal ein schönes und geräumiges Haus zu mieten, das für alle genügend Platz bot. Die Zeit wurde ausgefüllt mit Geselligkeit und Theateraufführungen, an welchen, ausser den Familienmitgliedern, befreundete deutsche Zivilgefangene teilnahmen.
Die „Gefangenschaft” beschränkte sich auf ein Verbot, sich weiter als 100 Werst von der Stadt zu entfernen, ohne zuvor eine polizeiliche Erlaubnis eingeholt zu haben. Der Provinzgouverneur war ein hochgebildeter Mann – er beherrschte elf Sprachen – der sich den Zivilgefangenen gegenüber sehr wohlwollend verhielt. Er
beehrte sogar eine der Theatervorführungen mit seiner Anwesenheit – mehr kann man wirklich nicht verlangen.
Nach Kriegsende wurden die Zivilgefangenen in Sonderzügen „repatriiert“. Mit einem dieser Züge haben die Rüchardts Russland verlassen. Madja war es bewusst, dass es sich um eine endgültige Trennung von ihrer russischen Heimat handelte und war darüber ganz verzweifelt. Nahe der Grenze stieg das fünfzehnjährige Mädchen aus dem Zuge, um von der russischen Erde Abschied zu nehmen. Sie hatte nicht die geringste Lust nach Deutschland zu kommen.
Nach kurzem Verweilen in Berlin wurde sie in das Landerziehungsheim Haubinda eingewiesen. Es war eine Knabenschule, in der nur wenige Mädchen mitunterrichtet wurden. In den oberen Klassen gab es Jünglinge, die bereits Kriegsdienst geleistet hatten.
Bald musste Madja auf Wunsch der Schulleitung Haubinda verlassen. Ihren Eltern
wurde mitgeteilt, ihre Anwesenheit verursache zu viel Unruhe bei den männlichen Schülern und der Unterricht würde dadurch gestört. Diese Abweisung hat Madja sehr verletzt. Sie war über den Brief an ihre Eltern empört, da sie unter den Schülerinnen die Einzige war, die alle Annäherungsversuche ihrer Verehrer stets strikte abgewiesen hatte.
Erfreulicherweise verstand es Papa Wanja sie aufzumuntern. Statt sie mit unberechtigten Vorwürfen zu empfangen, erklärte er ihr, auf das Benehmen seiner Tochter stolz zu sein! Er wies sie in das Landerziehungsheim Gaienhofen am Bodensee ein, wo nach den gleichen Methoden wie in Haubinda nur Mädchen unterrichtet wurden.
Im Sommer 1921 fuhr Madja mit ihrer Mutter und ihren Geschwistern nach dem Seebad Bansin, wo viele unserer russischen Bekannten ihre Sommerferien verbrachten. Dort trafen wir uns mit ihr zum ersten Mal als Erwachsene wieder.
Im folgenden Schuljahr wurde Madja in die Unterprima des Dresdener Mädchengymnasiums versetzt, was uns beiden sehr gelegen kam. Wir sahen uns regelmässig, da ich auf den guten Gedanken gekommen war, mir von Madja, zur Verbesserung meiner mangelhaften Deutschkenntnisse, Nachhilfestunden geben zu lassen.
Zur Verbringung der Weihnachtstage wurde ich zu Madjas Eltern nach
Schackenhof eingeladen, wo wir uns verlobten. Wir heirateten in Dresden im Frühling 1923, kurz nach Madjas Maturprüfung. Nach unserer dreiwöchigen Hochzeitsreise, die, dank der galoppierenden Inflation, mit den uns zur Hochzeit geschenkten 13,5 Dollar und 2 Pfund Sterling finanziert werden konnte, kehrten wir nach Dresden in die Wohnung meiner Eltern zurück. Dort befand sich bereits Manjas vierköpfige Familie – es war ziemlich eng. Am 4.1.1924 kam unser
Sohn zur Welt und es wurde noch enger.
Inzwischen hatte ich meine Diplomprüfung in der Hochschule bestanden und arbeitete an meiner Doktorarbeit unter der Leitung von Dr. Robert Haller in der „Katundruckerei Gebrüder Jentsch“ in Grossenhain. Die Entfernung zwischen dieser Stadt und Dresden zwang mich ein Zimmer in Grossenhain zu mieten – nur die Wochenenden konnte ich zusammen mit Madja verbringen.
Nach Abschluss meiner Doktorarbeit wurde ich für 200 Mark pro Monat bei Gebr. Jentsch angestellt und arbeitete weiter in Grossenhain, getrennt von meiner Familie. Es war recht unbefriedigend. Zum Glück hat es nicht allzulange gedauert. Haller wurde zum ausserordentlichen Professor am Institut für Farben und
Textilchemie der Technischen Hochschule ernannt, ich wurde sein Vorlesungs-assistent und gleichzeitig Assistent von Prof. König. Auch die Wohnungsfrage fand eine günstige Lösung – mein Grossvater hatte für seine jüngste Tochter ein zweistöckiges Haus bauen lassen, in dessen obere Etage wir einziehen durften.
Nun konnten wir aufatmen. Wir waren beisammen, mein Assistentengehalt war zwar knapp, doch ausreichend und wir wussten uns zu helfen. Madja verstand es, bei Altwarenhändlern und auf Auktionen gut erhaltene alte Möbel billig einzukaufen und die Wohnung geschmackvoll einzurichten. Wir hatten gute Freunde, sodass auch die Geselligkeit nicht zu kurz kam. Madja wurde die Seele von Festen und Variété-Aufführungen, die bei Pohls, einer befreundeten deutsch-russischen Familie, veranstaltet wurden.
Unsere Tochter Marischa kam zur Welt. Für mich war es höchste Zeit an mein weiteres berufliches Fortkommen zu denken. Immer konnte ich nicht Hochschulassistent bleiben. Zahlreiche Versuche, eine Stelle in der Industrie zu erhalten, scheiterten an der Wohnungsfrage. Im Hause meines Grossvaters lebten
wir „schwarz“ – ohne Genehmigung des Wohnungsamtes. Ein offizielles Anrecht auf eine Wohnung hatten wir nicht. Somit verfügten wir nicht über eine „Tauschwohnung“, ohne die es nicht möglich war in Deutschland, wo es auch sei, einen Wohnsitz zu bekommen. Alle meine 23 Stellengesuche sind eines nach dem anderen an der Wohnungsfrage gescheitert. Es war zum Verzweifeln!
Da kam der Vorschlag von Prof. Heuser, dem in Deutschland führenden Cellulose-chemiker, dessen Vorlesungen ich in Berlin besucht hatte, ihm als sein Mitarbeiter nach Kanada zu folgen. Er war als Leiter eines industriellen Forschungsinstitutes nach Hawkesbury berufen worden. Etwas besseres hätte ich mir gar nicht wünschen können! Ich sagte sofort zu und benachrichtigte Madja, die mit den Kindern in Schackenhof weilte.
Es war vorgesehen, dass ich zunächst ohne Familie nach Kanada fahre, um mich dort umzusehen und Fuss zu fassen. Frau und Kinder sollten erst später nachkommen. Das kam für Madja gar nicht in Frage. Kurz entschlossen kam sie aus Schackenhof angereist. Zusammen suchten wir Prof. Heuser in Berlin auf und es gelang ihr, ihn völlig umzustimmen und zu veranlassen, die Pläne zu ändern, um eine Uebersiedlung nach Kanada ohne Trennung der Familie zu ermöglichen.
Wir reisten alle zusammen nach Hawkesbury und verbrachten dort genau ein Jahr. Es war eine schöne Zeit, die wir sehr genossen. Leider sahen wir nicht viel von Kanada – wir besassen kein Auto und Madja erwartete ein Kind – unsere jüngste Tochter Karin ist in Kanada geboren.
Leider war meine Anstellung in beruflicher Hinsicht eine grosse Enttäuschung und ich wurde bald gezwungen, mich nach einer anderen Stelle umzusehen. Ich nahm das Angebot meines früheren Chefs, Prof. Haller, an, zu ihm nach Basel zu kommen, wo er inzwischen Direktor bei der CIBA geworden war. Wir verliessen Hawkesbury und fuhren in die Schweiz.
Während 34 Jahren, bis ich pensioniert wurde, habe ich als Forschungs-Chemiker bei der CIBA gearbeitet. Madja fiel es nicht leicht, sich mit dem Leben der Frau eines bescheidenen Chemikers abzufinden. Das Dasein war zu farblos und eintönig. Haushaltführung und Sorgen um die heranwachsenden Kinder genügten nicht, um ihr Leben auszufüllen. Sie wollte ihm mehr Inhalt geben und dachte daran, beruflich tätig zu werden.
In Basel hatte sie eine Gruppe junger Leute kennen gelernt, die sich regelmässig „zum Schwarzen“ im Bahnhofbuffet trafen. Unter ihnen war eine künstlerisch begabte holländische Schneiderin, Ali Bersma, mit der sie sich anfreundete und zu ihr schneidern ging. Viele Stunden verbrachten sie in gemeinsamer Arbeit. Madja lernte zuschneiden und nähen und wurde von dieser Arbeit so angetan, dass sie selbst Schneiderin werden wollte. Sie beschloss das Handwerk gründlich zu erlernen, vertraute die Kinder ihrer Mutter in Schackenhof an und fuhr nach
Berlin. Dort hat sie drei Monate lang bei einer Modistin gearbeitet und ausserdem an Tages- und Abendkursen teilgenommen, um nähen, zu-schneiden und das Machen von Hüten zu erlernen. Sie lebte äusserst sparsam, war unglaublich fleissig und arbeitete bis zu 12 Stunden am Tage.
In Berlin hat sie so viel gelernt, dass sie später stets in der Lage war, sämtliche Kleider für sich und die Kinder selbst anzufertigen. Die Mädchen waren immer so elegant angezogen, dass Wanja auf sie eifersüchtig wurde und Madja auch ihm einen Anzug nähen musste! Das Nähen für den Eigenbedarf half uns, viel Geld zu sparen. An die Eröffnung eines Nähateliers war aber nicht zu denken – viel zu sehr wurde Madja durch Haushalt, Kinderkrankheiten und sonstige Verpflichtungen in Anspruch genommen. Sie musste einsehen, dass die Ausübung des Berufes einer Schneiderin sich mit unserem Familienleben nicht verein-
baren liess.
Nun kam die Idee, Berufsfotografin zu werden. Auf diesem Gebiet besass sie bereits einige Vorkenntnisse und Erfahrungen, welche sie beim Zusammenarbeiten mit der alten Frau Rüchardt, der Mutter von Papa Wanja, erworben hatte. Fanny Rüchardt ist in ihren jungen Jahren eine der ersten und besten Amateur-Fotografinnen in Moskau gewesen. Die Technik und Kunst der Fotografie steckten damals noch in den Kinderschuhen, doch wurden von Tante Fanny ganz hervorragende Aufnahmen gemacht.
Später, als die Rüchardts auf ihrem Landgut in Schackenhof lebten, hat Madja ihrer Grossmutter gerne bei ihrer Arbeit in der Dunkelkammer und bei der Handhabung ihres riesigen Vergrösserungs-Apparates geholfen und viel dabei gelernt. Sie gewöhnte sich bei den Aufnahmen an, das zu sehen, auf was es wirklich beim Fotografieren ankommt und dann auch selbst gute Aufnahmen zu machen.
Es gelangen ihr hervorragende Portraits und Landschaftsbilder. Sie hatte bereits einige Aufnahmen gegen Entgelt gemacht, doch war es ihr bewusst, dass ihre Kenntnisse nicht ausreichten, um ihr Hobby berufsmässig ausüben zu können. Deshalb belegte sie einen Photokurs an der Gewerbeschule in Basel. Diesen hat sie mit Fleiss und Freude besucht, bis sie eines Tages, für sie völlig unerwartet, zur Direktion zitiert wurde. Sie bekam zu hören, sie sei von der Teilnehmerliste gestrichen worden und dürfe fortan am Unterricht nicht mehr teilnehmen. Die einzige Begründung der Abweisung: als Frau eines Chemikers hätte sie es nicht nötig, einen Beruf zu erlernen.
Damals, noch fremd in Basel, konnten wir uns gegen diese ungerechte Behandlung nicht wehren. So ist aus ihr keine Berufsphotografin geworden‘.
Dass sie Malerin werden könnte, kam ihr gar nicht in den Sinn. Gleich mir in einer bürgerlichen, denkbar unkünstlerischen Familie aufgewachsen, hatte Kunst in ihrer Entwicklung überhaupt keine Rolle gespielt. Als sie in Berlin eine Impressionisten-Ausstellung sehen wollte, wurde es ihr von Papa Wanja nicht gestattet. „Wenn du etwas sehen willst, so darfst du in das Kaiser Wilhelm Museum und nicht zu diesem Quatsch!“ wurde ihr gesagt.
Auch in meiner Familie war es nicht besser. Meine Mutter besuchte zwar stets die Vernissagen der „Peredwigniki“ (Wanderausstellung der massgebenden russischen Maler), doch tat sie es nicht aus Kunstinteresse, sondern mehr aus gesellschaftlicher Verpflichtung. Das bewirkte, dass sie ein sehr gutes Oelbild
erwarb und es die Wand unseres Herrenzimmers schmückte. Meine Mutter war eine geborene Marc, mit Franz Marc nahe verwandt, aber keiner wusste von der Existenz dieses bedeutenden Malers. Wie konnte auch ein Angehöriger einer angesehenen Kaufmannsfamilie Maler werden? Was für eine Schande! Am besten man sprach nicht darüber.
Auch in unserer kleinen Familie hat das Interesse an Kunst keine grosse Rolle gespielt. Nur das Zeichnen und Malen der Kinder fand bei Madja immer grosses Verständnis und sie bewahrte sorgsam alles auf, was die Kinder zustande brachten. Besonders Karins Arbeiten, die grosse Fertigkeit im Silhouetten-Schneiden entwickelte, fanden ihre Bewunderung.
Wanja nahm einen Schnitzkurs und schenkte uns zu Weihnachten 1943 eine schön gearbeitete Schale für Früchte. Dann kamen einige von ihm im Tessin gemachten Aquarelle zum Vorschein, die er schüchtern vorzeigte. Madja beurteilte sie als „sehr gut und talentvoll gemalt“. Auf den Gedanken, selbst einen Bleistift oder einen Pinsel in die Hand zu nehmen, kam sie gar nicht.
Erst im Juli 1944, als sie bereits 41 Jahre alt war, hat sie in Porto Ronco ihren ersten Malversuch gemacht. Wanja und Karin malten mit. Madja malte mit Wasserfarben, die Kinder erstmals mit Oel. Ein Sonnenblumenstrauss diente als
Vorlage. Marischa malte nicht mit, da sie „nicht pfuschen wollte“. Madja dagegen hat gerne mitgemacht und blieb mit dem Ergebnis anscheinend zufrieden, denn im Tagebuch hat sie ihren Malversuch wie folgt beurteilt: „anständig (für mich!) . Die Hauptsache, es macht Spass“.
Kurz darauf, während seines Militärurlaubes im Tessin, bewog sie unser Sohn, das Malen ernst zu nehmen. Er gab ihr den ihm geschenkten Malkasten zurück mit den Worten: „Ich brauche ihn nicht. Ich habe zu malen versucht, aber es gelingt mir nicht. Du aber kannst es bestimmt und sollst es auch tun.“ „Was fällt Dir ein, wie komme ich dazu?“ war Madjas Antwort. Doch Ivan, der damals von uns noch „Wanja“ genannt wurde, liess nicht locker, stellte eine kleine Vase mit einem Blümlein als Vorlage auf und befahl ihr, sie abzumalen. „Das kannst Du und wirst es auch tun“, waren seine Worte. Voller Zweifel folgte Madja dem strengen Befehl und siehe da – es schien ihr zu gelingen und machte riesigen Spass. So hat es angefangen in unserem Häuschen in Porto Ronco.
Diese Episode mit dem Farbkasten hat Madja als den Beginn ihrer Maltätigkeit angesehen. Sie berichtete darüber in einer von Mal zu Mal immer dramatischer werdenden Weise. Der Gedanke, ihr Sohn sei der Initiant ihrer Malerei gewesen, lag ihr am Herzen und der Vorfall wurde zur richtigen Malkasten-Legende. Bestimmt ist Wanjas Vertrauen in die Fähigkeiten seiner Mutter ein für sie wichtiger, vielleicht auch ausschlaggebender Ansporn gewesen. Ihr Selbstvertrauen wurde gestärkt und sie begann sich als angehende Künstlerin zu fühlen.
Nach dieser Episode kaufte sie sich Oelfarben und fing an ernsthaft zu malen. Es war ihr bewusst, dass sie nichts von Maltechnik verstand und sehr viel zu lernen hatte. Nach ihrer eigenen Aussage wusste sie damals nicht einmal, wie ein Pinsel richtig zu halten sei, oder welche Beschaffenheit ein Malgrund haben müsse. Mit der ihr eigenen Gründlichkeit wollte sie diesem Mangel durch eine Ausbildung an der Gewerbeschule abhelfen.
Zum Glück hat ein Freund, Architekt Paul Seibert, ihr diese Absicht ausgeredet. Er war der Ansicht, dass eine Ausbildung gemeinsam mit lauter Jünglingen nur dazu führen könnte, ihr den Unterricht gänzlich zu verleiden. Sie liess sich überzeugen
und bat eine ältere Malerin, Gertrud Schwabe, ihr Privatstunden zu geben. Die Art, wie sie in die Anfänge der Malerei von Fräulein Schwabe eingeführt wurde, hat Madja gepasst. Zusammen mit zwei anderen Damen ging sie gern und regelmässig in ihre „Malklasse“. Sie lernte mit Wasserfarben und auch mit Oel umzugehen, malte eine Aussicht auf Arlesheim, ein Stilleben mit Maske, ein weiteres mit Früchten, einen blühenden Zwetschgenbaum und das Portrait eines alten Mannes. Letzteres war ihr erster Versuch der Auseinandersetzung mit
dem menschlichen Antlitz, eine Aufgabe, die sie eine Zeitlang sehr gefesselt hat. In der kurzen Zeit von etwa einem Jahr hat Madja gelernt, was sie brauchte. Für die verständnisvolle Art, wie diese notwendigen Kenntnisse ihr vermittelt wurden, ist sie Frl. Schwabe immer dankbar geblieben.
Neben ihren Malstunden hat Madja auch selbständig gearbeitet. Im Frühling 1945 notierte sie in ihr Tagebuch:„Das Malen begeistert mich immer mehr. Ich habe eine Birslandschaft gemalt, dann ein gelbes Rapsfeld, ein Tulpenbild habe ich angefangen. Ich empfinde eine riesige Freude darüber, dass ich imstande bin, etwas zu „erschaffen“, ein Stückchen von mir weiterzugeben. Wenn es sich nicht als Täuschung erweist und ich es in mir entwickeln und mich damit weiter befassen
könnte! Vieles im Leben würde mir dann keine Angst mehr machen!“
Als sie zum Geburtstag einen Malblock und neue Farben bekam, notierte sie ins Tagebuch: „Sehr angenehm, aber es verpflichtet!“ Im Sommer 1945 begann Madja im Tessin ein Stilleben in Oel zu malen. Drei Wochen hat sie an einem Peperoni-Bild fleissig gearbeitet. Diese waren längst verdorben und halbvertrocknet, bevor das Bild fertig wurde. Dafür ist es wirklich gut gelungen. Die „Peperoni” und das
ihnen folgende „Steingarten“-Bild hat sie dann in die Weihnachts-Ausstellung der Basler Künstler eingereicht. Die Bilder wurden nicht nur angenommen, sondern der „Steingarten“ sogar verkauft.
Das war ihr erster grosser Erfolg, der aber auch seine negative Seite hatte. Es
wurde nicht gerne gesehen, dass eine Frau ohne jegliche Kunstausbildung, und dazu noch die Frau eines Chemikers, an der Ausstellung der Basler Künstler mit Verkaufserfolg teilnahm. „Sie hat es wirklich nicht nötig“, war die allgemeine Meinung. Das hatte zur Folge, dass während der vier folgenden Ausstellungen Madjas Werke nicht mehr angenommen wurden. Mit der Qualität derselben hatte es nichts zu tun – es war reine Missgunst.
Unbeirrt malte sie weiter – Oelbilder in Arlesheim, Gouaches im Tessin, meistens Aussichten, gesehen von unserem Häuschen oder „im Hafen von Porto Ronco“. Ein Jahr später malte sie in Arlesheim Blumen, Gemüse, Blätter, in der Natur oder zu Stilleben arrangiert, die Mehrzahl in Oel. Gouaches entstanden auf Reisen, die meisten in Italien, denn nun wurden stets Wasserfarben und ein Malblock mitge-
nommen.
1948 wurde wenig zu Hause, dafür umso mehr bei Aufenthalten im Ausland gemalt. Während eines längeren Verweilens in St.Tropez, zu dessen ersten Nachkriegsgästen wir gehörten, wurde Madja von Booten- und Hafensujets besonders fasziniert. Als ich zur ihr nach St.Tropez kam, legte sie mir eine ganze Bildersammlung vor – ein Oelbild und dreizehn Gouaches.
Im gleichen Jahr hat sie auch in Paris gemalt. Sie stellte ihre Staffelei an irgend einer Strassenecke auf und malte darauf los, ohne sich von den sie umringenden Kindern und ihren „sachkundigen“ Bemerkungen stören zu lassen. Es gelang ihr, die Atmosphäre dieser Stadt gut wiederzugeben und fast alle ihre Pariser Bilder wurden bald verkauft.
Durch Helen Burckhardt hat Madja in Paris Jean Arp kennengelernt – Helen ist damals seine Sekretärin gewesen. Das war der Anfang sehr guter Beziehungen mit Arp, die bis zum Lebensende/bestehen blieben. Besonders die Gedichte von Arp haben Madja gefallen und sie schätzte ihn mehr als Poet, denn als Bildhauer. Er anerkannte Madjas malerische Begabung, hat an sie geglaubt und ihr immer wieder Mut gemacht. Das half ihr, eigene Zweifel zu überwinden. Während Ivans Pariser Studienzeit war Madja wiederholt zu ihm gefahren. Sie besuchte Ausstellungen und Galerien, hat auch während kurzer Zeit im Atelier von Francis Bott gemalt, dagegen nicht mehr auf der Strasse.
Zu Hause, in Arlesheim, kam sie damals nur wenig zum arbeiten. Es sind nur einzelne Oelbilder entstanden, darunter „Die Bardame“ und zwei Abbildungen von Maria Bilger, einer Künstlerin aus Österreich. Während eines Kuraufenthaltes in Schinznach hat sie den Park mit Gouache-Farben gemalt. Das war ihr erster Versuch, sich von ihrer bisherigen naturalistischen Malweise zu lösen.
Die wiederholte Abweisung ihrer Einsendungen zur Weihnachtsausstellung empfand Madja als ungerecht. Sie beschloss sich zu wehren und ihre Arbeiten im eigenen Hause zu zeigen. Freunde rieten ihr entschieden davon ab. „Du bist wohl verrückt, das ganze Dorf kommt Dir ins Haus und beschmutzt alles“, sagte der Eine. „Was stellt Du Dir vor, es kommt ja keiner“, meinte der Andere. Die negativen, jedoch einander widersprechenden Voraussagen konnten Madja nicht davon abhalten, ihre Haus-Ausstellung zu veranstalten. Es wurde ein voller Erfolg.
Die Ausstellung sah sehr hübsch aus, nichts wurde beschmutzt oder verdorben. Zahlreiche Interessenten kamen, sowohl aus Basel wie aus dem Dorf. 12 Bilder wurden verkauft. Das hat Madja sehr wohl getan. Sie fühlte sich anerkannt, nicht mehr ausgeschlossen. Ihre Arbeiten wurden ab 1951 wieder an den Weihnachtsausstellungen angenommen
Der Publikums- und Verkaufserfolg sind vermutlich auf die gefälligen
Sujets der Bilder – Blumen, Landschaften, Bilder von Paris – und auf die naturalistische Malweise zurückzuführen. „Da versteht man wenigstens was gemalt wird. Nicht dieses moderne Zeug“. So oder ähnlich äusserten sich die Besucher, nicht ahnend, dass im Nebenzimmer lauter Bilder waren, die bereits eine deutliche Abkehr vom Naturalismus aufwiesen. Wohlweislich sind sie nicht gezeigt worden.
Nach der Ausstellung kam Madja allmählich immer weiter weg von ihrer ursprünglichen Malweise. Die neu gemalten Bilder waren zwar noch
gegenständlich, doch nicht mehr von der Natur abgemalt. Sie suchte Wege, ohne ein bestimmtes Ziel vor Augen zu haben. Es entstanden sehr verschiedene Werke, die als Versuche zu gelten haben. Daneben malte sie mehrere Portraits, darunter eines von Prof. Stepun und ein anderes von ihrem Schwager, dem Dirigenten Issay Dobrowen. Beide sind ihr gut gelungen. Stepuns Portrait ist zwar übersetzt, doch ziemlich naturgetreu gemalt und gibt die markante Persönlichkeit gut wieder.
Das Portraitieren ihres Schwagers ist für Madja keine leichte Aufgabe gewesen. Nur widerwillig hatte er sich bereit erklärt, ihr als Modell zu dienen. Ihren Wunsch, ihn im Dirigenten-Anzug abzubilden, lehnte er mit Empörung ab, erschien sichtlich gelangweilt zu den Sitzungen und wollte, während sie ihn malte die Zeitung lesen. Sein herablassendes und wenig entgegenkommendes Verhalten brachte Madja derart aus der Fassung, dass sie sich gar nicht auf ihr Arbeiten konzentrieren konnte. Nach drei Sitzungen war das Portrait nur halbfertig und ganz unbefriedigend. Dobrowen reiste ab. In ihrem Aerger malte Madja seinem
Konterfei Hörner auf, genoss ihre Rache und zerstörte das Bild. Nun malte sie aus dem Gedächtnis und an Hand der gemachten Skizzen ein völlig neues Bild. In wenigen Stunden war das Portrait fertig. Naturalistisch nur noch Zeichnung und Portraitähnlichkeit, ganz wild die Farben – grünes Gesicht auf gelbem Fond. Madja glaubte den konzentrierten Gesichtsausdruck des Dirigenten mit einem Hintergrund, der an die russischen Weiten denken liess, gut wiedergegeben zu haben und war mit ihrer Arbeit zufrieden.
Als eine Dobrowen-Verehrerin das Protrait sah, wollte sie es sofort haben. Madja, die an einen Verkauf gar nicht gedacht hatte, hielt 300 Franken für angemessen, doch die Verehrerin fand den Preis „lächerlich“ und zahlte 1000. Das war Madjas erster „Grossverkauf“ – damals waren ihre Preise äusserst bescheiden.
1950 entstand das erste ungegenständliche Bild, dessen Titel „Begegnung im Walde“ immerhin auf eine gegenständliche Anregung hinweist. Im nächsten und übernächsten Jahr bilden ungegenständliche Bilder den Hauptteil der Produktion. Daneben entstehen aber immer wieder andere Bilder – Blumen, Stilleben, Landschaften – die von der Natur abgemalt sind.
1952 und 1953 schickte sie mehrere Bilder nach Paris in den „Salon des Réalités Nouvelles“ ein, die angenommen und ausgestellt wurden. Das hatte ihr Jean Arp empfohlen und vermittelt. Arp stellte sich überhaupt Madjas Kunstschaffen gegenüber sehr positiv ein und hat ihr immer wieder Mut gemacht, weiter zu arbeiten, wenn sie Zweifel hatte.
Zu ihrer ersten Ausstellung in New York, im Jahre 1957, hat er auf eines ihrer Bilder ein Gedicht geschrieben, das den Einladungskarten beigelegt werden sollte. Zu unserer grossen Enttäuschung weigerte sich Lilienfeld, der Galerie-Inhaber, es zu tun. So etwas könne er seiner Kundschaft nicht zumuten‘. Wir waren in einer dummen Lage Arp gegenüber. Er hatte Madja einen Gefallen erwiesen und sollte
nicht enttäuscht werden. Wir liessen das in englische Sprache übersetzte Gedicht in einer beschränkten Anzahl Exemplare in Basel drucken und schickten es Lilienfeld mit der Bitte, es den Einladungen an die Adressaten unserer Liste beizulegen. Arp haben wir nichts davon gesagt.
Lilienfeld, ein guter Kenner der Malerei alter Schule, hatte Gefallen an Madjas Bildern gefunden. Er bewunderte ihre schönen Farben, hatte aber für ihre Wendung zur Abstraktion keinerlei Verständnis. Mehrere ihrer gegenständlichen Bildern hat er in New York verkauft, einige zusätzlich in Gruppenausstellungen gezeigt und drei Jahre später sie nochmals in seiner Galerie ausgestellt.
Leider haben Madja ihre New Yorker-Ausstellungen wenig genützt. Die von der Galerie verfolgte Kunstrichtung war gänzlich ungeeignet, um Madja zu vertreten.
Die Ausstellung in New York war Madjas zweite Einzelausstellung. Die erste hatte zwei Jahre zuvor im Frankfurter Kunstkabinett stattgefunden. Madja hatte Erfolg.
Sie lernte Dr. Zachau, Präsident der Bank Deutscher Länder, kennen. Er kaufte ein Bild und zeigte ihr die Bildersammlung der Bank. Frau Bekker vom Rat lud uns zum Uebernachten zu sich nach Hofheim ein und liess es sich nicht nehmen, Madjas Frühstück ihr persönlich ins Zimmer zu bringen. Madja fühlte sich durch den Empfang, der ihr bereitet wurde, sehr geehrt. Sie hat sich mit Frau Bekker gut verstanden und sie sehr lieb gewonnen.
Anders als bei der vorangegangenen Ausstellung in Arlesheim und der späteren Ausstellung in New York, waren es in Frankfurt nicht ausschliesslich naturalistische Bilder – Madja’s Entwicklung weg vom einfachen Abbilden der Natur hatte bereits eingesetzt. Kurz nach der Ausstellung im Dezember 1956, hat sie folgendes über ihre damalige Arbeitsweise geschrieben: „In letzter Zeit versuche ich einen Weg zu finden zwischen figurativer und nicht-figurativer Malerei. Meine Stilleben male ich nicht nach der Natur, denke jedoch an bestimmte Gegenstände, ohne sie vor Augen zu haben. Ich versuche ihren Ausdruck, ihr Leben einzufangen, um sie herum zu dichten und zu fantasieren. Der Gegenstand gibt lediglich den Impuls. Um ihn herum entsteht eine eigene kleine Welt. Auch eine Stimmung, ein Lichtreflex, vielleicht auch nur der Raum zwischen zwei Gegenständen können Ausgangspunkt zum Bilde werden. Ob gegenständlich oder ungegenständlich, darauf kommt es mir nicht an – ich male das was ich malen muss“
In kurzer Zeit hat sie auf der Suche nach eigenem Wege ziemlich alles ausprobiert, was die Entwicklung der modernen Malerei geprägt hatte. Ein oder zwei Jahre lang traten in ihrer Kunst so viel Wechsel auf, dass ich, von meiner Arbeit nach Hause kommend, immer wieder durch etwas völlig für mich neues überrascht wurde.
Der von Madja erwähnte Weg zwischen figurativer und nicht-figurativer Malerei führte sie, über eine Flaschenperiode, zur vollen Abstraktion. Die Formen und die Transparenz der Flaschen hatten sie besonders in ihren Bann gezogen und blieben während nahezu drei Jahren ihr Lieblingsthema. In den darauffolgenden, gegenstandslosen Bildern waren immer wieder vertikale Formen vorherrschend, was sie mit Eindrücken von Wald, Bäumen und ihren geliebten Flaschen in Zusammenhang brachte.
Nur in den späteren Jahren wurden waagrechte Linien vorherrschend. Es entstand eine Reihe von Bildern, die sicher auf Jugenderinnerungen an die Weiten des russischen Landes zurückzuführen sind und die sie „Horizonte“ genannt hat. Möglicherweise haben auch die Südamerikanischen Steinwüsten, die sie stark beeindruckt hatten, dabei eine Rolle gespielt.
Doch das Wesentliche ist für sie immer weniger die Form, als die Farbe gewesen, wofür sie eine besondere Sensibilität aufwies. Auch hier ist mancher Wendepunkt eingetreten, indem sie von den lebhaften Farben der Frühzeit zu immer gedämpfteren überging, ja manchmal sich mit schwarz-weiss begnügte.
Auf der Suche nach neuen Wegen wurde auch die Arbeitstechnik vielfach geändert. Anfänglich hat Madja nur Oel und Gouachefarben verwendet. 1956 entstand die erste Collage. Ab 1958 wurden Collagen ein wesentlicher Bestandteil ihrer Arbeit, da diese Technik ihr ganz besonders lag. Sie entwickelte darin eine solche Perfektion, dass ihr Collagen oft mehr Spiel als ernsthafte Arbeit schienen und sie deshalb manchmal an der Gültigkeit ihrer Werke zweifelte.
Aus dieser Zeit stammt eine Eintragung von ihr, die Aufschluss darüber gibt, wie sie die Aufgabe eines Malers gesehen hat. Vermutlich 1958 geschrieben.
„In meiner Ausstellung in Ascona hängen 26 Bilder – eine farbige Schau, die einen guten und starken Eindruck macht. Da sind Bilder, die ich mehr oder weniger gern habe, auch einige, die mir ausgesprochen unangenehm sind. Davon ist ein grosses – Hochformat 70 x 140. Es ist sehr intensiv – in roten, gelben, rosa, violetten Tönen. Ich bin überzeugt, dass es ein Bild ist, das leicht verkäuflich ist. Eines, das auch
Dr. Lilienfeld begeistern wird. Er weiss eben noch nicht, auf was es eigentlich ankommt, was eigentlich das Wesentliche in einem modernen Gemälde ist.
Das wissen die Wenigsten – aber Lilienfeld, trotzdem ihm diese Richtung wesensfremd ist, fühlt es mit einer typisch jüdischen, unendlich differenzierten Einfühlungsgabe: „Ich habe ihre Bilder gerne, obwohl sie abstrakt sind, – ich schätze die Quantität der letzten Produktion und die Qualität der Quantität“.
Er hofft, dass ich das Beherrschen des Technischen, das ich an meinen Bildern zu einer grossen Vollkommenheit gebracht habe, auch auf die direkte Betrachtung der Natur und die Uebertragung von der Natur auf die Leinwand in Zukunft anwende. Dass ich es nicht tun soll, zeigt mir dieses grosse rote Bild in der Ausstellung – „Bouquet rose“ – das viel Anklang findet, bei mir aber, beim Betreten der Galerie,
ein Unbehagen hervorruft.
Ich habe nun plötzlich verstanden, weshalb: die Richtung der Malerei, in der ich mich bewege und die heute wohl die Richtung der Malerei schlechthin sein sollte, dahin geht, dass der Künstler sich nicht mehr vor einen Gegenstand hinstellt, und ihn malt – gleichgültig in welcher Art – er kann ihn gegenständlich, abstrakt, ganz gegenstandslos, in abgewandelter Farbe malen – er kann ihn malen, wie er will – aber wenn er den Gegenstand so gemalt hat, wie ich mein „Bouquet rose“ gemalt habe, so ist es falsch. Ich habe mir einen grossblumigen rosa Tessiner Strauss auf den Tisch
gestellt und, nach verschiedenen Abwandlungen und stets grösseren Vereinfachung, festgehalten. Das ist eine Betrachtungsweise, die vom Maler zum Gegenstand führt und umgekehrt.
Nicht das ist das Wesentliche – der Maler hat eine viel grössere, schwierigere Aufgabe, die ihm nur in einer gesegneten Stunde gelingt: er verwandle sich in das Objekt, das er malt – ob es nun eine Landschaft, ein Stilleben ist, ob ein abstrakter Farbklang festgehalten wird, ein seelisches Erlebnis – der Maler muss sich mit dem, was er malt so identifizieren, dass er ganz Objekt, nicht mehr Betrachter ist. Der Raum um ihn, er selbst, umringt vom Raum und Zeit, Raum ohne Perspektive, als Fläche gemalt und empfunden, aber doch Raum bleibend, der alle Gegenstände vereint und eins mit dem Maler werden lässt – wenn das gelingt, so ist es gut – dann strahlt das Bild eine Unmittelbarkeit des Erlebnisses aus, das auf den Beschauer direkt übertragen wird und, wie Chagall sagt: „ihn als frischer Wind anweht“.
Solche Bilder entstehen nach langer, qualvoller innerer Vorarbeit, einer Arbeit, die nie, auch in Gesellschaft nicht, auch Nachts nicht abbrechen darf, entstehen aber in einer spontanen Arbeitsweise. Das Herz klopft schnell, es ist wie ein Schwindel-gefühl, das einem überfällt: nur schnell malen, bevor der Intellekt mit seiner kalten Kritik sich dazwischen schiebt und einen Strich durch die Rechnung macht.
Geht es nicht weiter, so stelle man das Bild ruhig weg – es lebt weiter in sich selbst und oft auch unbewusst im Maler. Nach einer Zeitlang nimmt man es wieder hervor, zerbricht es, übermalt es. Es ist ein qualvoller Prozess, es tut weh und es braucht einen gewissen Mut zu dieser Zerstörung. Man zögere aber nicht kleinlich! Aus der Zerstörung heraus wächst es meist wieder in neuer Gestalt, aber in der ursprünglichen Konzeption. So sind einige meiner letzten Stilleben entstanden – in heller Farbe, weiss in weiss, der Gegenstand oft nur als Strich, als Andeutung – der
Raum ist im Bild, der Gegenstand im Raum vom Maler aus gesehen, der selbst mit in diesem Raum ist.“
Solange Madjas Bilder durch abmalen von der Natur entstanden, liess sie sich bei ihrer Arbeit durch äussere Einwirkungen nicht stören. Sie hat sogar mehrere Bilder in Paris mitten auf der Strasse gemalt, ohne von den gaffenden Kindern und Passanten gestört zu werden. Doch später, bei ihren abstrakten Bildern, musste sie sich konzentrieren, um ungestört arbeiten können. Bereits in Arlesheim sah sie sich gezwungen, ein Zimmer ausserhalb unseres Hauses, bei einem Handwerker zu mieten, wohin sie vom Haushalt, Kindern und allen Ablenkungen flüchten konnte.
In unserer Wohnung in der Aeschenvorstadt, in die wir 1957 aus Arlesheim zogen, hatte sie es besser. Es war eine eigenartige mehrstöckige Altwohnung, mit einem langen schmalen Gang und einem, mittels Wendeltreppe zugänglichen Turm, mit je einem kleinen Zimmer in jedem Stockwerk. Im ersten Stock hatten wir unser
Schlafzimmer, im zweiten wurde ein winziges Atelier für Madja eingerichtet.
Dieses, ihr erstes Atelier war so klein, dass sie grössere Bilder nicht darin malen konnte. Die mussten unten, in der eigentlichen Wohnung gemalt werden und auch dort war es nur im erwähnten schmalen Gang möglich. Der mangelnde Abstand vom Bild wurde in Kauf genommen. In diesem Gang sind Gemälde von erstaunlichen Dimensionen entstanden.
Im „Palazzun“ von Incella erhielt Madja ein herrliches Atelier – das ganz verglaste obere Stockwerk. Es war bewundernswürdig schön und bot mehr Platz, als man sich wünschen konnte. Merkwürdigerweise hat Madja in diesem einmaligen Raum nicht arbeiten können. Er war zu grossartig, es fehlte ihr die Intimität, sie wurde zu sehr durch die herrliche Aussicht und den Wunsch ins Freie zu kommen, abgelenkt.
Hausfrauensorgen, Telefonanrufe und Gäste haben sie gestört. Wir entschlossen uns, ihr ein Atelier ausserhalb des Palazzòns einzurichten. Zu diesem Zweck erwarben wir den „Cornocc“, ein Konglomerat verfallener Häuser im Dorf, das wir umbauen wollten. Wir beabsichtigten, dort ein Atelier für Madja und eine Siebdruck-Werkstatt für den mit uns befreundeten Herrn Dornberger aus Stuttgart einzurichten.
Aus den Siebdruckplänen ist nichts geworden, dagegen hat Madja ein wirklich gutes, allen ihren Wünschen entsprechendes Atelier erhalten. Da konnten beliebig grosse Bilder entstehen und auch die Spritz-Apparatur verwendet werden, die sie bei ihren geometrischen Gemälden gebraucht hat. Später haben wir den „Cornocc“ nochmals umgebaut und aufgestockt, wobei Madja ihr Atelier im gleichen Hause, aber in einem eigenen Stockwerk hatte.
Im Jahre 1979 sind wir nach Miasino, Italien, umgezogen. Als in der neuen Wohnstätte alles umgebaut und eingerichtet wurde, stand Madja eine ganze, separate Wohnung als Atelier zur Verfügung. Sie hat dort gut gearbeitet, hing aber nicht, besonders an ihrer neuen Arbeitsstätte.
Demgegenüber befriedigte sie ihr letztes Atelier in Basel in jeder Beziehung. Es lag in einer anderen Etage des gleichen Hauses und sie konnte vor dem Schlafengehen sich noch einmal ihr Tageswerk ansehen.
Madja hat nie eine Galerie gehabt, die sie konsequent vertreten hätte. Auch sie selbst hat nicht viel getan, um ihre Arbeiten öffentlich sehen zu lassen, da es ihr zuwider war, sich „aufzudrängen“ Trotzdem hatte sie genügend Gelegenheiten, ihre Arbeiten sowohl in Kollektiv-, wie auch in Einzel-Ausstellungen zu zeigen.
Von 1951 ab ist sie stets an den Weihnachtsausstellungen der Basler Künstler vertreten gewesen. 1972 sind ausser ihrer Bilder, Werke von zwei weiteren Familienmitgliedern angenommen worden – der Tochter Karin und des Enkels Michael. Drei Generationen in einer Ausstellung – das hat sie ganz besonders gefreut!
Über die Annahme und den Verkauf ihrer Collage in der Weihnachtsausstellung 1981 hat sie sich nicht mehr freuen können, denn sie starb am 5. Dezember 1981.
Madja hat auch regelmässig an den Ausstellungen der Künstler-Vereinigungen teilgenommen, denen sie angehörte. Solange die GSMBA keine Frauen annahm, war sie Mitglied der paralellen Frauen-Organisation, später trat sie in die Männer-Vereinigung über. Ausserdem ist sie noch Mitglied des im Tessin entstandenen „Movimento 22“ gewesen. Abgesehen von den Vereins-Veranstaltungen hat sie noch an vielen Gruppenausstellungen teilgenommen, auf deren Aufzählung, ich verzichten möchte.
Nach ihrer ersten, 1949 zu Hause in Arlesheim durchgeführten Einzel-Ausstellung folgte 1955 die Bilderschau in Frankfurt und 1957 in New York. Danach hatte sie Jahr für Jahr, ausgenommen 1967 und 1976, eine oder mehrere Einzel-Ausstellungen, die im folgenden Verzeichnis aufgeführt sind.
Verzeichnis der Einzelausstellungen von Madja Ruperti
1949 Hausausstellung Arlesheim
1955 Frankfurter Kunstkabinett, Frankfurt
1957 Van Diemen Lilienfeld Galleries, New York
1958 Galerie Castelnuovo, Ascona
1959 Galerie Riehentor, Basel
1960 Van Diemen Lilienfeld Galleries, New York
1960 Galerie Rue de Vemeuil, Brides les Bains
1961 Galerie Hilt, Basel
1961 Städtisches Museum, Wuppertal
1962 Galerie Castelnuovo, Ascona
1963 Calerie Chichio Haller, Zürich
1963 Frankfurter Kunstkabinett, Frankfurt
1963 Galerie Maywald, Paris
1964 Galerie Gerhard, Basel
1964 Galerie Harald Halvarson, Oslo
1965 Galerie Castelnuovo, Ascona
1966 Galerie Hilt, Basel
1968 Galerie Chichio Haller, Zürich
1969 Galerie Castelnuovo, Brissago
1970 Galerie del Nara, Leontica,
1970 Galerie Spatz, Riehen
1971 Galerie II Claustro, Lugano
1972 Aenni von Mühlenen, Bern
1972 Galerie Skovby, Dänemark
1973 Galerie Al Vecchio Pastificio, Cavigliano
1974 Galerie Bolo Tonino, Campione
1974 Galerie Skovby, Dänemark
1974 Galerie de Sfinx, Amsterdam
1975 Trudelhaus, Baden
1975 Galerie Moderne, Bad Zwischenahn
1977 Galleria Mastro Giacinto, Gozzano
1978 Galerie Moderne, Bad Zwischenahn
1978 Trudvang Galerie, Larvik
1979 Galleria Adelphi, Padua
1980 Galerie Germann, Zürich
1981 Galerie Germann, Zürich
Mit den meisten ihrer persönlichen Ausstellungen konnte Madja zufrieden sein und war es auch. Sie haben gut ausgesehen, wurden gut besucht und haben sich auch materiell rentiert. Eine Ausnahme waren die Ausstellungen in Brides les Bains, Bern und Amsterdam.
Die Bilderschau in Brides les Bains war von der guten Pariser Galeristin, Susanne de Coningh, organisiert worden. Am Tage der Vernissage befanden sich die Bilder leider noch immer am französischen Zoll, obwohl wir sie vor einem Monat abgeschickt hatten. Statt Vernissage mussten wir mit der Galeristin einige Hundert Kilometer zum Zoll fahren, um die Bilder loszueisen. Eigentlich war es kein Unglück, denn die Ausstellung wurde sowieso kaum von jemandem besucht.
Unerfreulich war auch die, auf Tapisserien und Textilcollagen beschränkte, Ausstellung bei Aenni von Mühlenen in Bern – kein Verkauf und dazu noch ein Prozess als Folgeerscheinung.
Und schliesslich das volle Fiasco in der unmöglichen Galerie „de Sfinx“ in Amsterdam. Ausser Madjas holländischer Verwandtschaft ist kaum jemand gekommen und wir hatten grosse Mühe, die Bilder zurück in die Schweiz zu bekommen.
Demgegenüber hatte Madja einige Ausstellungen als besonders angenehm
empfunden. Grund dafür war nicht ihr materieller Erfolg, sondern die besonders harmonische Erscheinung und sympathische Ausstrahlung. Nebst anderen waren es die Galerien „Pannelle 8“ in Locarno, „Al Vecchio Pastificio“ in Cavigliano, „Bolo Tonino“ in Campione und der winzige Raum von Mastro Giacinto in Gozzano.
Die Bilderschau bei der „Galleria del Nara“ in Leontica war schon aus dem Grunde Madja angenehm, weil sie ihr zu Ehren veranstaltet wurde. Ein Jahr zuvor hatte sie in einer von in- und ausländischen Künstlern beschickten Ausstellung bei der Abstimmung durch das Besucher-Publikum den ersten Preis bekommen und wurde mit dieser Einzelausstellung belohnt .
Auch an die Ausstellungen in Bad Zwischenahn hatten wir die besten Erinnerungen, bis auf den Umstand, dass ich beim Aussteigen aus dem Zuge ungeschickt gefallen und, statt an der Vernissage teilzunehmen, im Spital gelandet war. Die Galerie war mit viel Geschmack eingerichtet, der Erfolg liess nichts zu wünschen übrig und es war auch lustig, wie es zur Ausstellung gekommen war. Der Galerist, Rolf Kröger, war der Sohn unseres deutschen Nachbars in Incella, der das von Ivan gebaute „Tasso“ gekauft hatte. Als vierzehjähriger Jüngling hatte er einmal Madjas Bilder in ihrem Atelier gesehen. Sie hatten ihn derart
beeindruckt, dass er sich ernsthaft für Kunst zu interessieren begann. Er machte später eine steile und glänzende Karriere in der Konditoreibranche.
Doch als er bereits Direktor eines grossen Werkes war, gründete er nebenbei seine schöne Galerie in Bad Zwischenahn, machte auch selbst einige Malversuche und spielte sogar mit dem Gedanken, die Tätigkeit in der Industrie mit einer solchen auf dem Gebiete der Kunst zu vertauschen. Doch als ihm noch weitere Aufstiegs-möglichkeiten geboten wurden, hat er sich für die Industrie entschlossen und seine Galerie aufgegeben. Schade für Madja, der damit eine schöne Galerie und ein von der Qualität ihrer Bilder überzeugter Galerist verloren gingen.
Mit dem Verkauf ihrer Bilder in Zwischenahn hatte sie jeden Grund zufrieden zu sein. Auch mit dem Verkaufserfolg bei ihren letzten zwei Ausstellungen bei der Galerie Germann in Zürich, den sie in diesem Masse gar nicht erwartet hatte.
Noch zu ihrer Lebzeit hat Madja ihre drei letzten Ausstellungsverträge unterzeichnet – drei Ausstellungen, die posthum durchgeführt werden
mussten. Die eine in Lausanne mit der Textilgalerie Filambule, die beiden anderen in Basel, im Hotel Hilton und in der Galerie Gisèle Linder. Den Vertrag mit dem Hotel hatte Madja nur ungern und gegen besseres Wissen abgeschlossen, sich dagegen gefreut, ihre Bilder in der ihr zusagenden Galerie Linder zu zeigen. Beide Basler Ausstellungen wurden gleichzeitig von der Galerie Linder in den eigenen Räumen und im Hotel Hilton durchgeführt. Auch später hat sich Gisèle Linder mit den Bildern von Madja befasst und sie 1983 nochmals ausgestellt.
Für 1984 ist eine grössere Gesamtausstellung des Nachlasses in Vorbereitung.
Madja ist viel gereist, wenn auch nicht so viel, wie sie sich es gewünscht hätte. Sie brauchte es, um neue Anregungen für ihre Arbeit zu bekommen. In den meisten europäischen Ländern ist sie gewesen, hat Ferien in Marocco, in Tunis und auf einer Mittelmeer-Reise verbracht, ist zweimal während mehreren Wochen auf den Kanarischen Inseln geblieben, hat Mittel- und Südamerika vier Monate lang ausgiebig bereist. Von den Vereinigten Staaten hat sie, ausser New York, nur wenig gesehen, auch nicht viel von Kanada, obwohl wir dort ein ganzes Jahr
verbracht haben.
Ich glaube, dass die russischen Flachland-Reisen, dann Marocco, Mexico, die vulkanische Kanarische Insel Lanzerote und die unglaublich farbigen Steinwüsten von Peru zu den wichtigsten künstlerischen Eindrücken von Madja gehörten. Beim Reisen pflegte sie die empfangenen Eindrücke in Form von schnell hingeworfenen Skizzen festzuhalten, jedoch nicht direkt von der Natur, sondern aus dem Gedächtnis heraus, möglichst noch am gleichen Tag. Erst viel später, auch jahrelang später, wurden solche Eindrücke beim Malen verwertet.
Sie brauchte den Kontakt mit anderen kunstschaffenden Menschen, doch liess sie sich in ihrem Kunst-Empfinden wenig von ihnen beeinflussen. Sie malte wie ein innerliches Bedürfnis es ihr vorschrieb, ein Meinungsaustausch mit Kollegen war ihr aber wertvoll. Das Anerkennen ihrer Arbeiten stärkte ihr Selbstvertrauen und das hatte sie sehr nötig, denn oft wurde sie von Zweifeln am eigenen Können geplagt.
Abgesehen von den Basler Malern kam sie mit manchem anderen Künstler in Beziehungen, die von nur oberflächlicher Bekanntschaft bis zur wahren Freundschaft gereicht haben. Ich führe hierzu eine Reihe von Namen in rein alphabetischer Reihenfolge an, wobei ich mir bewusst bin, dass wohl noch andere zu nennen wären, an die ich nicht gedacht habe: Arp, Bissier, Bott, Calderara, Craemer, Floriani, Fontana, Helbig, Kowaliska, Paulucci, Richter, Ruoff, Selmoni, Spoerri, Sugai, T’ang.
Wie gesagt, grossen Einfluss in künstlerischer Beziehung haben diese persönlichen Kontakte nicht gehabt. Madja ging ihren eigenen Weg, malte das, was sie nach ihrem inneren Empfinden „malen musste“. So sind auch ihre Bilder, nach Aussage vieler Kunstfreunde, bei aller Verschiedenheit von Sujets und Maltechnik, stets als von Madja Ruperti gemalt zu erkennen.
Es hat aber eine Ausnahme gegeben – ihre „Geometrische Perdiode“. Da besteht ein Zusammenhang mit unserer Bekanntschaft mit dem deutschen Maler Ruoff, der, gleich Madja, Serigraphien bei Dornberger gemacht hatte. Wir haben ihn und seine Frau durch Dornberger kennengelernt und uns mit beiden gut angefreundet. Madja fühlte sich durch Ruoffs Arbeiten besonders angesprochen, da sie in ihnen den Ausdruck einer künstlerischen Verwandtschaft spürte und in seinem Werdegang gewisse Aehnlichkeiten mit der eigenen Entwicklung sah. Ruoffs Serigraphien entsprachen dem aufkommenden geometrischen Trend und haben seinem Erfolg in Deutschland sehr geholfen.
Unter dem Eindruck von Ruoffs Arbeiten, die ihr gefielen, unterlag Madja der Versuchung, in der gleichen Richtung zu malen und fertigte für Dornbergers Jahreskalender eine Anzahl geometrischer Entwürfe an. Zu ihrer grossen Enttäuschung wurden diese weder von Dornberger, noch von Ruoff anerkannt.
Das hielt aber Maja nicht davon ab, die einmal eingeschlagene Richtung weiter
zu verfolgen. Sie machte keine weiteren Entwürfe für Dornberger, sondern fing an, grossflächig mit Acrylfarben zu malen. Der Umgang mit den schnell trocknenden Farben nach dem Spritzverfahren, unter Verwendung peinlich genauer Abdeckmethoden, entsprach ihrer technischen Geschicklichkeit und ihrem angeborenen Hang zur Exaktheit. Dazu kam noch der Umstand, dass sie sich von mir bei der Handhabung von Druckflaschen und sonstigen technischen Apparaturen helfen lassen konnte. Sie arbeitete gerne mit mir zusammen, solange es sich um handwerkliche Dinge handelte. Nur bei kreativer Betätigung musste sie allein sein, um nicht gestört zu werden.
Die geometrischen Bilder hatten äusseren Erfolg – eine Bank erstand ein grossformatiges Werk. Mehrere kleine Bilder wurden in der Schweiz und in Deutschland verkauft, Madjas Personalausstellung in der Galerie „II Claustro“ wurde von ihr ausschliesslich mit geometrischen Bildern beschickt und hat gut ausgesehen.
Trotzdem fühlte Maja, dass es nicht der für sie richtige Weg sei. Sie „musste“ keine solchen Bilder malen, sondern tat es lediglich, um einer zeitgemässen Tendenz zu entsprechen und Erfolg damit zu haben. Deshalb sind auch keine unverkennbaren Ruperti Bilder entstanden, sondern solche, die auch ein anderer hätte malen können.
Eine Zeitlang hat sie versucht, die rein geometrischen Formen durch
Hinzufügen von Schlangenlinien, Wolken und dergleichen lebendiger zu
gestalten und sie persönlicher zu machen, hat aber diese Versuche
aufgegeben. Später empfand sie ihre „geometrische Periode“ als tempo-
rären Irrweg und als Abweichung von ihrer eigenen Malweise.
Beim Blättern in einem Katalog während ihrer Ausstellung in Frankfurt
erfuhr Madja von der Existenz des Malers Francis Bott. Eine gewisse äussere Aehnlichkeit seiner Bilder mit ihren eigenen fiel ihr auf und sie wurde neugierig, ihn kennen zu lernen. Die Gelegenheit dazu bot sich, als Bott in Basel bei Suzanne Feigel ausstellte. Bald entstand ein freundschaftliches Verhältnis mit dem in Paris wohnenden deutschen Maler und seiner jüdischen Frau. Sie war eine viel stärkere Persönlichkeit als er und verstand es, ihn zu dominieren. Skandale und stürmische Szenen gehörten zwar zur Tagesordnung, doch waren die ständigen
Drohungen mit einer definitiven Trennung kaum sehr ernst gemeint. Beide
waren in jeder Beziehung voneinander abhängig. Frau Bott war sehr zu bedauern, da sie schwer an einer unheilbaren Krankheit litt, an der sie dann, wenige Jahre nach unserer Bekanntschaft, auch gestorben ist.
Zur Familie gehörte noch das „Katzerle“. Als das von Frau Bott heiss geliebte Kätzchen zu ihrer grenzenlosen Verzweiflung in Paris starb, wurde es in einem prachtvollen, mit weissem Samt ausgelegten Sarg auf dem Katzenfriedhof beigesetzt. Mit grossem Ernst wurde die Frage erörtert, ob es statthaft sei, auf dem Grabstein die Bezeichnung „Katzerle Bott” eingravieren zu lassen.
Gleich Madja hatte Francis Bott keine Maler-Ausbildung gehabt. Autodidakt
wie sie, besass er mehr Erfahrung und technisches Können. Die gewisse Aehnlichkeit in der Malweise bestand bereits vor der Bekanntschaft mit ihm, sonst hätte Madja gar nicht den Wunsch gehabt, ihn kennen zu lernen. Doch handelte es sich nicht, wie bei Ruoff, um ein inneres Mitschwingen, sondern um etwas rein Aeusserliches und irgendwie Zufälliges. Nur in technischer Beziehung hat Bott Madja etwas gegeben, sonst aber keinerlei Einfluss auf sie als Malerin ausgeübt. Leider hatte er die Tendenz, sie als Bott-Schülerin oder Nachahmerin anzusehen und auch auszugeben, was sie geärgert und ihr auch geschadet hat. Das führte dazu, dass es in Paris zu einer grossen Auseinandersetzung kam und Madja Botts Atelier nach einem richtigen Krach verliess. Das war das Ende der freundschaftlichen Beziehungen.
Ohne dass Madja je „Botts Schülerin“ in wahrem Sinne des Wortes gewesen wäre, sind ihr seine Ratschläge sehr nützlich gewesen. Sowohl bei seinen Besuchen in Arlesheim, wie bei sich in Paris, liess er sie willig an seinen Erfahrungen teilnehmen, machte sie auf manche technischen Einzelheiten aufmerksam und ermutigte sie, grosszügig vorzugehen, Spachtel statt Pinsel zu verwenden, nicht zaghaft zu sein. Das hat ihr genützt und sie ist ihm dafür auch dankbar gewesen.
Wichtiger war die Freundschaft mit Arp, die Madja sehr viel bedeutet hat. Seine Anerkennung stärkte ihr Selbstvertrauen und gab ihr immer wieder Mut, ihre Arbeit fortzusetzen» Sie sah und schätzte in ihm noch mehr den Poeten, als den bildenden Künstler. Wie sehr sie sich in seine poetische Art hineinfühlen konnte, geht aus den Zeilen hervor, die sie, nach einem Besuch in seinem Atelier, niedergeschrieben hat. Im Unterschied zu ihren Bildern, bei denen keinerlei Einfluss von Arp festzustellen ist, sind diese dichterischen Zeilen in Geist
und Gestaltung direkt Arp in Reinkultur!
Frühling 1961, nach einem Besuch bei Arp
Ronco dei fiori
Rote Wand
Im weichen Wind weisse Camelien, Camelienblätter
Im Atelier nur blaue Kühle und Linien
– Kurven gekurvte
fliegende
flackernde
folge ihr
fliege mit ihr
Bumerang
Bum – erang – ang.
Der Linien schön gekurvter langer Weg
voll Geheimnis und Sehnsucht
Linien umfliessen die Form
formen die Fläche
heben die Form
und entschweben, die Form leicht berührend
mit weiten Flügeln in ewiger Wandlung. Mensch oder Stein?
Gesang oder Worte?
Klang?
Linie fliesse die Form
hebe die Form
norme, erkenne die Form
Stille
Erfüllung …..
Zwei klare Augen sehen mich an. Im Garten, draussen, blendet
die Sonne, an roter Wand sind weisse Camelien.
Wenn Madja ganz Arp-mässig fühlen konnte, so war auch er imstande, ihre Arbeiten nachzuempfinden. Als sie in bat, eine Einführung in den Katalog ihrer ersten Ausstellung in New York zu schreiben, lehnte er dieses Ansinnen ab, versprach aber, statt dessen ihr ein Gedicht zu schreiben, falls ein Bild von ihr ihn dazu inspirieren würde. Einige Tage nach dem abgegebenen Versprechen kam ein sehr zufriedener Anruf von ihm – er hätte sich von einem ihrer Bilder inspirieren lassen und das Gedicht geschrieben. Erstaunlich wie Verständnis- und liebevoll er darin auf die Einzelheiten des Bildinhaltes eingegangen ist.
Vom bekannten Maler Calderara hatten wir bereits gehört, bevor wir nach Italien zogen. Die Aussicht, dort in unmittelbarer Nachbarschaft von ihm zu leben, war eine der Verlockungen, die uns bewogen haben, den Wohnsitz nach Miasino zu verlegen. Madja brauchte den Kontakt mit kunst-interessierten Menschen und stellte sich vor, in Italien viel eher die Möglichkeit dazu finden zu können, als im Tessin. Diese Hoffnung war völlig unberechtigt. Die Gegend, in die wir kamen, erwies sich in Bezug auf Kunst als absolut sterile und rückständige Provinz.
Der einzige Lichtblick war Calderara und die Menschen, die zu ihm kamen. Er wohnte, oder besser gesagt, residierte in einem Miasino benachbarten Dorf und war der unbestrittene Kunstpapst der Region. Zusammen mit seiner Frau und seiner Sekretärin hauste er in einem sehr schönen, mit viel Geschmack und Komfort ausgebauten, antiken Haus. Gegenüber lag das „Museum“, das Calderaras Sammlung von Werken prominenter moderner Künstler enthielt.
Viele Menschen von nah und fern trafen sich im gastfreundlichen Hause. Feierlichkeiten wurden veranstaltet, es gab auch eine Art „Jour Fix“. Calderara liebte und verstand es, sich in Szene zu setzen. Er und seine Damen waren sehr
freundlich zu uns. Er machte Madja viele Komplimente, die vielleicht nicht allzu ernst gemeint waren, denn ein Bild von ihr hat er in seine Sammlung nicht aufgenommen, obwohl sie gerne bereit war, ihm eines zu schenken.
Madja schätzte seine früheren Werke und hielt ihn für einen guten Maler. Doch erschien ihr seine plötzliche Wendung zur Abstraktion als wenig glaubwürdig. Sie bedauerte die Wandlung eines guten gegenständlichen Malers in einen nichtssagenden gegenstandslosen, dessen Arbeiten, ungeachtet ihrer technischen Perfektion, ihr unbedeutend erschienen. Den oft gehörten Bericht darüber, wie, in einer gesegneten Stunde, als er im Spital lag, ihm der umwerfende Einfall kam, einen der vertikalen Bandstreifen seiner Standard-Komposition in diagonale
Lage zu bringen, nahm sie ihm einfach nicht ab.
Calderara war sehr eitel und sein Wunsch war, jung, modern und fortschrittlich zu erscheinen. Deshalb wendete er sich der gegenstandlosen‘ Malerei zu, deshalb auch seine gern zur Schau getragenen, kommunistischen Sympathien, die genau so unglaubwürdig waren, wie seine moderne Malweise. Sein Ziel, eine führende Rolle in der Reihe der jüngeren, arrivierten Malergeneration zu spielen, gelang ihm nur ausserhalb seiner Heimat zu erreichen – er wurde hauptsächlich in
Deutschland und in Holland bekannt. In Italien war er weit weniger geschätzt und seine Bedeutung war eher die einer Lokalgrösse. Es ist ihm immer sehr schmerzlich gewesen, dass er nie zur Teilnahme an der Biennale aufgefordert worden war. Wichtig ist es nicht, ob Calderara zu hoch oder zu niedrig eingeschätzt wurde – eine markante und sympathische Persönlichkeit ist er sicher gewesen und nach seinem Tode ist es sehr leer in der Gegend um Miasino geworden!
Der in Ascona lebende Maler Bissier hat uns öfters in Incella besucht. Unangemeldet erschien er in Madjas Atelier, besah sich ihre Arbeiten kritisch aber wohlwollend, konnte sich aber nie enthalten zu sagen: „Warum müssen Sie denn immer so grosse Bilder malen? Sie wollen doch nur auffallen!“ Da irrte er sich. Madja hatte auch Miniaturbilder gemalt, doch meistens empfand sie das Bedürfnis, grosse Bilder zu malen und tat es dann auch. Ganz im Gegensatz zu Bissier, dessen Arbeiten meistens so klein waren, dass eine ganze Ausstellung in einer Handmappe untergebracht werden konnte. Grossformate lagen ihm einfach
nicht. Ueber eine bestimmte Grösse hinaus nahm die Qualität seiner Werke ab und das war ihm wohl bewusst. Jedem das Seine!
Den deutschen Maler, Kurt Craemer, der gelähmt und auf den Rollstuhl angewiesen war, lernten wir in Positano kennen. In allen Ländern der Welt hatte er Freunde, die ihn bewunderten und gerne zu ihm nach Italien kamen. Er war ein guter gegenständlicher Maler, aber vor allem ein grosser Lebenskünstler, der es verstand, trotz seiner schweren Behinderung, dem Leben die besten Seiten abzugewinnen. Täglich wurden die Abende bis in die späten Nachtstunden, unter ergiebigem Alkoholgenuss, in anregenden Gesprächen verbracht. Madja, die Kurt
mehrfach besucht hat, fühlte sich ihm sehr nahe – als Mensch und als Maler hat er ihr viel bedeutet. Die Nachricht von seinem plötzlichen Tod bei einem Autounfall hat sie sehr tief betroffen.
Bei Craemer haben wir Irene Kowaliska kennengelernt. Madja hat sich mit ihr sehr gut verstanden und sich über jedes Zusammentreffen gefreut. Die begabte und tapfere Frau brachte es fertig, mit ihrer kunstgewerblichen Arbeit nicht nur sich selbst, sondern dazu noch Mann und Sohn zu erhalten. Sie war mit dem deutschen Schriftsteller Wegener verheiratet. Ein grosser Idealist, hatte sich für die Armenier eingesetzt, als sie von den Türken gemordet wurden und auch den Nazis von Anfang an Widerstand geleistet. Letzteres führte ihn in ein Konzentrationslager, wo er starken Misshandlungen ausgesetzt wurde. Anscheinend hat er sich nie völlig erholen können. Frei geworden, hatte er seine schriftstellerische Tätigkeit wieder aufgenommen, war aber nicht imstande, etwas fertig zu schreiben. Gutes von ihm Geschriebenes habe ich nicht gelesen und kann es nicht beurteilen, ob es je so etwas gegeben hat. Ich weiss nur, dass er für seine tapfere politische Haltung sehr geehrt und gefeiert wurde. Madja konnte ihn nicht leiden – in ihren Augen war er nur eine schwere, kaum zu ertragende Belastung
im Leben ihrer Freundin. Neben vielem anderen hat Irene schöne Hinterglasbilder gemalt. Sie versuchte Madja zur Hinterglasmalerei zu bekehren, aber ohne Erfolg. Nach einem misslungenen Versuch hat Madja diese Technik aufgegeben.
Fontana haben wir in seinem Mailänder Atelier besucht und uns auf den
versprochenen Gegenbesuch in Incella gefreut. Daraus ist aber leider
nichts geworden.
Der letzte in der alphabetischen Reihenfolge ist unser bester Malerfreund, der Chinese T’ang. Sohn von ehemals wohlhabender Eltern, war T’ang vor etwa 30 Jahren nach Paris gekommen, um dort Medizin zu studieren. Statt dessen hat er gemalt und aus ihm wurde ein guter abstrakter Maler mit chinesischer Kaligraphie-Tradition, denn sein Grossvater war Kaligraph gewesen. T’angs Eltern leben in Rotchina und eine Verbindung mit ihnen besteht so gut wie nicht. Sein Lebensunterhalt hängt ausschliesslich vom Verkauf seiner Bilder ab und es ist ihm oft materiell sehr schlecht gegangen. Doch ist er immer Optimist geblieben und hat es verstanden, ein interessantes und abwechslungsreiches Leben zu führen. Ganz Indien hat er bereist, ist mehrmals in den USA gewesen, in vielen europäischen Ländern natürlich auch. Madja hat mit ihm zusammen in Dänemark ausgestellt. Danach fuhren wir in seinem Wagen nach Holland, dann zu seinen Freunden nach England.
Wir hatten T’ang während seiner Ausstellung in Ascona kennengelernt. Seither haben wir uns unzählige Male bei uns oder bei ihm in Paris gesehen und vieles gemeinsam erlebt. Oft hat er bei uns gewohnt, gemalt und gekocht – denn zu allen seinen sonstigen Qualitäten ist er noch ein ausgezeichneter Koch! T’ang hatte uns beide gerne und fühlte sich bei uns geborgen und zu Hause. Getrennt von seinen wirklichen Eltern, wählte er uns als Ersatz-Wahleltern und ernannte sich als unsern Adoptivsohn. Diese intime Beziehung hat uns geschmeichelt und glücklich gemacht, denn wir konnten stolz sein, einen derartigen „Sohn“ zu haben!
Madja hat ihre künstlerische Tätigkeit sehr ernst genommen und ausserordentlich fleissig gearbeitet. Allzu oft ist sie vom Malen durch Krankheiten, Kuren, Reisen, Kinder, Gäste, Haushalt und immer wieder erfolgten Bauten, Umbauten und Einrichtungen von Häusern oder Wohnungen abgehalten worden. Dessen ungeachtet hat sie ein umfangreiches „Oeuvre“ hinterlassen, hauptsächlich Bilder.
1967 und 1972 hat Madja 19 Tapisserien gemacht. Später musste sie, wegen Rückenschmerzen, auf diese Arbeit verzichten. Am liebsten ist ihr die Arbeit an Glasfenstern gewesen, da sie sich an den herrlichen, leuchtenden Farben der Gläser nicht sattsehen konnte. Sie hat die Gläser nie bemalt, sondern nur zu farbigen Kompositionen zusammengesetzt und es stets bedauert, dass Glasfenster nur auf Bestellung und nicht, wie andere Werke, auf Vorrat gemacht werden konnten. In der Kirche von Brissago, in der Kapelle von Incella, in einem Privathaus in Basel und in einer Fabrik in Burbach, Deutschland, sind Glasfenster
von ihr zu sehen.
Es gibt nur wenige graphische Werke von ihr: einige Serigraphien, eine Serigraphie-Mappe, eine Steindruck-Mappe, eine Mappe mit Illustrationen zu Gedichten des Tessiner Dichters Orelli, Illustrationen zum Gedichtbüchlein der Pariserin Penzo de la Tour.
Ihre im Alter erlittenen drei Herzinfarkte, begleitet von Angina pectoris, hielten sie nicht davon ab, fast täglich einige Stunden im Atelier zu verbringen. In ihren letzten Jahren wurde sie noch von einer unerkannten Krebserkrankung geplagt, die häufige Magenschmerzen, sowie Schluck- und Atembeschwerden verursachte.
Alles hat sie tapfer und ohne zu klagen ertragen und weiter im Atelier
gearbeitet. Sie hatte einen unersättlichen Lebenshunger, fühlte sich nicht alt,
wollte nicht alt werden. Es war ihr unverständlich und unerträglich, dass ihr Leben zu Ende gehen sollte, wo sie noch so viel sehen, erleben und malen wollte. Das Wissen über die Kürze der ihr noch verbliebenen Zeit bedrückte sie.
Wenige Monate vor ihrem Tode hat sie noch an einem Wettbewerb teilgenommen, der die Herstellung eines drei Quadratmater grossen Bildes erforderte. Sie war sich völlig bewusst, keinerlei Aussichten zu haben, den Wettbewerb zu gewinnen. Sie wollte nur wissen, ob sie noch fähig wäre, eine derartige Aufgabe zu bewältigen. Es ist ihr auch gelungen, eine grosse, rote, dreiteilige „Collage-Peinture“ in den vorgeschriebenen Dimensionen fertigzustellen und einzureichen.
Bald nach der Vollendung desselben erhielt sie den Bericht, dass die Beschwerden, an denen sie in letzter Zeit zu leiden hatte, auf einen Magenkrebs zurückzuführen
seien. Dagegen wollte sie ankämpfen. Nachdem sie ihre Dispositionen
für den Fall ihres Ablebens, bis auf die Form, in welcher ihre Bestattung
zu erfolgen hätte, genau getroffen hatte, lies sie sich willig zur Ope-
ration in das Klara Spital einweisen. Auch nach erfolgter Operation
zeigte sie einen erstaunlichen kämpferischen Lebenswillen. Doch war die
Krankheit bereits viel zu weit fortgeschritten, um sie retten zu können.
Bis zu ihrem Lebensende hat Madja mit vollem Einsatz gearbeitet und ist, trotz Krankheiten und hohem Alter, nicht wirklich alt geworden, sondern als geistig immer noch „junger“ Mensch am 5. Dezember 1981 im Klara-Spital von Basel sanft eingeschlafen und verstorben.