Vorwort
Das Jahr 1968 war für mich besonders arbeitsreich. Die von mir vor rund zehn Jahren in Zürich gegründete Werbeagentur ist inzwischen auf einem Höhepunkt angelangt. Nur dank intensivster Tätigkeit gelingt es mir – mit Hilfe treuer Mitarbeiter/innen – die laufenden, stes wachsenden Geschäfte zu meistern.
Zur unumgänglichen Entspannung flüchte ich jedes Wochenende aus Zürich ins Tessin. Dort erhole ich mich vom Geschäftsbetrieb mit genussvoller Gartenarbeit – bis zur körperlichen Erschöpfung.
Doch die Krönung meiner Aktivitäten ist kreativer Natur: ein architektonisches Hobby. Obwohl Laie auf diesem Gebiet gelingt es mir, schwierige Umbauten zu planen oder neue Häuser zu entwerfen.
Bruno Bellini, ein junger Tessiner, verwirklicht meine Ideen. Ich habe ihn bei der Gründung seines kleinen Bau-Unternehmens finanziell unterstützt.
Auch daraus ergibt sich eine intensive Tätigkeit, sowohl für mich als auch für Bruno. Zur Beendigung des 1968 für uns Beide besonders erfolgreichen Arbeitsjahres beschliessen wir, eine abenteuerliche Reise zu unternehmen. Die Wahl fällt auf das damals touristisch noch fast unbekannte Kamerun.
Bei der nachfolgenden Reisebeschreibung handelt es sich weitgehend um die Kopie handschriftlicher Notizen in einem Heft, das ich unterwegs als Tagebuch benutzte.
Donnerstag, 19. Dezember 1968 (Zürich – Frankfurt)
Wichtigstes Gepäckstück sind für mich: 30 Ektachrome Filme mit je 36 Aufnahmen und 3kg Bonbons für meine zukünftigen Foto-Opfer.
Um 19.00 fliegen wir von Zürich nach Frankfurt. Abendessen im Flugzeug und dann nochmals im Flughafen-Restaurant von Frankfurt.
Freitag, 20.Dezember 1968 (Frankfurt – Duala – Tiko – Buéa)
Gegen Mitternacht fliegen wir fahrplanmässig mit dem Air-Afrique-Jet von Frankfurt ab. Es gibt für uns das dritte Abendessen, dass uns kaum mehr schmeckt. Dann versuchen wir, in den engen Sitzen ein wenig zu schlafen. Um 0630 landen wir in Duala. Hier herrscht ein dichter, warmer Nebel.
(Duala ist die grösste Stadt von Kamerun und war früherHauptstadt des Landes. Seit 1920 ist aber Yahoude die Hauptstadt. Duala liegt am Fuss des Kamerunberges im Delta des Kamerun-Flusses Wouri, 24 km vom Meeres-Ufer entfernt. Es ist einer der Orte mit den weltgrössten Regenmengen) .
Nach einigem Warten gelangen wir von Duala mit dem Flug in einer kleinen Maschine in nur 10 Minuten nach Tiko.
Von Tiko fahren wir mit einem Bus hinauf nach Buéa. Das Mountain Hotel Buéa gefällt uns. Alles recht einfach aber sauber, hübsche Terrasse, eigenes Badezimmer.
(Buéa liegt auf rund 1000 m.ü.M., am Fuss des „Mount Cameroon“, ein etwas mehr als 4’000 m hoher Vulkan, der höchste Gipfel von ganz Süd-West Afrika).
Meine Zufriedenheit kann auch durch die laut über das „grässliche Hotel“
schimpfenden Deutschen nicht gemindert werden. Dabei hatte gerade dieses junge Ehepaar, das im Flugzeug neben uns sass, nicht nur attraktiv, sondern auch intelligent und reise-erfahren gewirkt.
(Nachträgliche Bemerkung. Das Mountain Hotel Buéa galt bis von einem Jahr
als das beste Hotel in ganz Westkamerun. Dann wurde in der Küstenstadt Victoria
das unter deutsch-schweizerischer Leitung stehende Hotel Miramar eröffnet mit Swimming Pool und lärmender Air-Condition, in das die Deutschen gleich umsiedeln).
Während Bruno sich von der Reise ausruht, gehe ich zu Fuss anderthalb Stunden zum Ortszentrum von Buéa. Ich muss Zahnpasta, Seife usw. kaufen.
Was für unglaubliche Motive sehe ich zum Fotografieren! Es übertrifft meine kühnsten Hoffnungen. Dabei scheinen hier die Leute freundlich zu sein und sie sind wohl nicht so foto-scheu wie in Ostafrika. Auch hat es keine Bettel-Belästigungen. Gelegentlich ertönen frohe Kinderrufe: „white man, white man“, aber es gibt hier keine lawinenartig anwachsenden, schreienden Kinderschwärme wie in Kenya.
Erfreulich der allgemeine erste Eindruck – für afrikanischen Standard: Sauberkeit und relativer Wohlstand.
Übermüdet nach dem langen Tag sind wir abends bald eingeschlafen. Plötzlich erschallt direkt neben unserem Zimmer überlaute Musik. Offenbar gibt es hier jeden Abend Tanz zum schwarzen Beat- und South-America-Style Hausorchester, der gesellschaftliche Höhepunkt der hiesigen „besseren“ Bevölkerung und der Quelle-Hotelgäste. Ich mache Stunk bei der Direktion. Morgen wird das Zimmer gewechselt.
Mein improvisierter Gehörschutz ist gegen die Anstrengungen des Orchesters hinter der dünnen Wand wenig hilfreich: mit Nivea eingefettetes, am Ende zusammengerolltes Klopapier, flügelförmig aus beiden Ohren vorstehend. Bruno ist sehr erheitert, wie ich – ehrlich gesagt diesen Lacherfolg erwartend – so geschmückt aus dem Badezimmer komme.
Nach vergeblichen Schlafversuchen ziehe ich mich wieder an und schreibe die ersten Tagebuchnotizen ins neue, gelbe Heft für diese Reise.
Samstag, 21. Dezember 1968 (Buéa – Victoria – Buéa)
Unausgeschlafen – die laute Kapelle, wenige Meter von unseren Betten, spielte bis spät in die Nacht zum Tanz – stehe ich früh auf. Bruno schläft weiter, während ich als einziger Passagier mit dem Safari-Bus nach Victoria fahre. Der Chauffeur, ein junger Deutscher, erzählt dauernd von seinen Freuden des Lebens (Saufen und Weibervögeln). Er muss in Victoria Leute zum Sightseeing abholen.
(Anmerkung beim Abschreiben der Tagebuch-Notizen: Die Hafenstadt Victoria nennt sich heute Limbe)
Ohne Schwierigkeiten erhalte ich in der Renault-Garage einen Mietwagen der gerade neu angekommen ist. Obwohl ich nicht genug Geld bei mir habe, überlässt man mir gleich diesen Wagen. Ein Chauffeur fährt in einem anderen Auto gleichzeitig mit mir nach Buea, wo ich ihm das restliche Depotgeld aushändige.
Im Hotel erwirke ich den Umzug in ein ruhigeres Zimmer, das sich auch als viel netter erweist.
Wir geniessen das afrikanisch-skandinavische Buffet . Es gibt Fisch, ein ganzes gebratenes Ferkel und was mir am meisten behagt – vielerlei Salate. Zuletzt frische Ananas sowie rote Beeren, die sowohl Himbeeren als auch Erdbeeren ähneln.
Am Nachmittag mache ich ein Schläfchen. Dann fahren Bruno und ich erstmals in „unserem“ Wagen aus. In dem vor einer Woche eröffneten, bescheidenen „Café Hibiscus“ trinken wir Tee und Kaffee an einem der zwei im Freien stehenden Tische. Die junge ,deutsche Besitzerin bedient uns abwechselnd mit ihrer schwarzen Magd,die einen Kopf voll komischer abstehender Haarschwänzchen hat.
Die Deutsche ist mit einem dicken Schwarzen verheiratet. Sie plaudert mit uns, wobei sie sich über die monatelang durchgehende Regenzeit im hiesigen Sommer beklagt. Sie ist erst ein Jahr in Kamerun, hat aber offenbar schon genug und leidet an Heimweh.
Dann spazieren wir durch die belebte Geschäftsstrasse von Buéa. Ich geniesse es restlos. Herrliche Coiffeur-Schilder mit naiven Zeichnungen von Köpfen auf denen alle hier erhältlichen Frisuren dargestellt sind. Darunter Hinweis, dass Personen mit Läusen keinen Zutritt haben.
Nachher im Hotelgarten Blumen fotografiert. Beim Sonnen-Untergang mache ich einen Spaziergang durch das umliegende Viertel. Saubere kleine Villen mit Wellblech-Dächern in ordentlich gepflegten Gärten. Herrliche Ruhe mit Grillen-Konzert als Hintergrund-Musik.
Sonntag, 22. Dezember 1968 (Buéa)
Kurz nach sechs Uhr stehe ich auf und fahre ins alte Zentrum von Buéa zum Fotografieren. Aufnahmen des Sonnen-Aufgangs mit meinem neuen Teleobjektiv. Doch bald verbirgt sich die Sonne wieder hinter den Nebelwolken, die selbst jetzt im Winter – in der hiesigen sogenannten Trockenzeit – offenbar fast immer den Fuss des Kamerunberges beschatten.
Zum Frühstück kehre ich ins Hotel zurück. Kurze Wolkenöffnungen lassen ein wenig Sonnenschein durch. Ich fahre erneut ins Zentrum von Buea, um zu fotografieren. Bruno kommt zu Fuss nach. Er findet es skandalös, dass ich jedem fotografierten Kind nur ein Bonbon gebe. Er möchte alles mit vollen Händen verschenken und denkt nicht an das Fotografieren auf der weiteren Reise.
Ich setze mich auf ein Mäuerchen und kann mit wenig Mühe interessant wirkende Personen optisch „heranholen“. Wenn bemerkt wird, was ich vorhabe – was nicht schwer ist, dank dem zielenden Rohr des Tele-Objektivs – erfolgt Kichern, Abwinken usw., doch im Allgemeinen ist es hier problemlos möglich, Menschen zu fotografieren.
Mit Bonbon-Bestechungen halten Kinder – zwar manchmal etwas ängstlich – brav still für Nahaufnahmen ihrer reizenden Gesichter. Raffiniert sind die Farbzusammenstellungen auf Kleidern vieler Frauen.
Montag, 23. Dezember 1968 (Buéa – Victoria – Buéa)
Wir machen einen sehr schönen Spaziergang. In einer musterhaft angelegten Farm trinken wir eine Flasche herrlich, kühler, pasteurisierter Milch. Es ist – wie ich später erfahre – die beste Farm des Landes. Sie wird von Sträflingen bewirtschaftet. Alle Männer sind gleich gekleidet und arbeiten gruppenweise, beaufsichtigt von einem uniformierten Mann.
Vor dem Mittagessen ein Bad in dem im Hotel-Prospekt speziell erwähnten Schwimmbecken: einfach ein grosses, rundes Plastic-Becken, mitten auf die Wiese gestellt.
Am Nachmittag fahren wir hinunter zur Meeresküste, nach Victoria. Unterwegs bei einer Hütte Trommelmusik und Tanz im Freien. Eng aneinander gedrängt, in Einerkolonne, stampfen Frauen und Männer langsam Schrittchen für Schrittchen voran. Die Menschenschlange bildet einen Kreis um das Trommel-Orchester. Aufgeregt parkiere ich den Wagen in einiger Entfernung – und dann geht’s los mit dem Teleobjektiv.
Nach dem Abendessen im Hotel gibt es eine Überraschung für die Gäste. Eine einheimische Truppe tanzt auf der Wiese vor der Hotel-Terrasse. Wir haben einen Tisch ganz vorne. Zuletzt tanzen halbnackte Männer. Nach kurzer Zeit bemerkt Bruno: „Tutte le mucche del mio zio non facevano mai tanto odore“.
Dann setzt sich ein anderes, besseres Orchester auf den Boden ins Gras. Nun tanzen Frauen rund um das Orchester. Eine ist hochschwanger. Bei anderen Frauen entdecke ich auf ihren Rücken das Köpfchen eines Säuglings – tief schlafend. Kein Wunder bei solchen Wiegenliedern und dem schaukelnden, wippenden und rotierenden Popos der Mutter.
Kleine Kinder werden einfach in den Kleiderstoff mit eingewickelt und so auf dem Rücken der Mutter festgebunden. So merkt die Mutter, wenn es ihr warm den Rücken herabläuft und kann das Kind gleich säubern, eigentlich viel hygienischer als bei uns, wo Kinder manchmal stundenlang in verschmutzten Windeln bleiben müssen.
Dienstag, 24. Dezember 1968 (Buéa – erste Schutzhütte zum Aufstieg auf Mount Cameroon – Buéa)
Wir unternehmen eine Wanderung, den Pfad Richtung Mount Cameroon hinaufsteigend. Im Dschungel begegnen wir halbnackten Gefangenen aus der am Vortag besuchten Farm, die auf dem Kopf Holzstämme zu Tale balancieren. Streckenweise ist der Pfad von ihrem raubtierartigen Schweissgeruch erfüllt. Fantastische Vegetation und neblige Atmosphäre umgibt uns im Regenwald.
Nach fast drei Stunden gelangen wir schweissgebadet an die Baumgrenze, wo plötzlich die Sonne scheint. Hier, etwa 2’000 m.ü.M., findet sich die erste der drei Schutzhütten für Gipfelbesteiger des 4070 m hohen Vulkans. 1959 erfolgte der letzte Lava-Ausbruch, lief bis zum Meer herab, hindurch zwischen den Hütten, ohne grossen Schaden anzurichten. Die Schutzhütte ist eine einfache Angelegenheit aus grün gestrichenem Wellblech.
Nach dem anstrengenden Spaziergang schläft Bruno fast den ganzen Nachmittag. Ich mache wieder Blumenfotos im Hotelgarten und kaufe Literatur im Blechkiosk der Basler Mission – einfach alles, was sie dort über Kamerun haben. Darunter erweist sich eine Studie über den Fon (Häuptling) von Bafut als besonders interessant, den wir deshalb besuchen wollen.
Mittwoch, 25. Dezember 1968 (Buéa -Nkongsamba – Bafoussam – Bamenda)
Erst nach einigen Hindernissen können wir endlich abfahren. Es erweist sich als kolossal umständlich, das deponierte Geld retour zu erhalten, oder Briefmarken zu erstehen usw.. Ich lasse mir – eine Riesenarbeit – vom freundlichen Hotelsekretär ein 4-zeiliges Schreiben ausstellen wonach wir im Mountain Hotel Buéa vorausbezahlt hätten, damit wir statt dessen in dem der gleichen staatlichen Organisation angehörenden Hotel von Bamenda die Mahlzeiten nicht zu bezahlen brauchen. In Buéa ist das Haupthotel – es hat noch fünf weitere.
Beim Verlassen von Buéa sehe ich auf einem Haus das Schild: „Ministry of Tourism and Information“. Kurz entschlossen halte ich an, um meine äusserst spärlichen Informationen über die geplante Rundfahrt womöglich zu erweitern.
Nach einem schriftlichen Audienzgesuch werde ich vom netten, gut englisch sprechenden Minister empfangen. Er schreibt von Hand einen Brief und befiehlt einem Untergebenen, dies auf der Maschine abzuschreiben. Für die 5 Zeilen braucht er mehr als eine halbe Stunde und nach der Unterschrift nochmals 10 Minuten, um den verlangten offiziellen Stempel anzubringen. Mit diesem Brief versehen sollen wir die neue „Kimbi Wildlife Reserve“ besuchen können. Was das auch immer sein wird!
(Anmerkung bei der Abschrift: dort wo man sich Malaria holt).
Durch Wälder und Bananen-Plantagen fahren wir auf der meist noch geteerten Strasse nach Nkongsamba. Manchmal muss ich unerwartete tiefe Schlaglöcher im zerstörten Strassenbelang geistesgegenwärtig umkurven.
Unterwegs sehen wir die Arbeiten für eine Bahnlinie, die Westkamerun mit Ostkamerun verbinden soll. Bisher gab es noch keine Bahnverbindung, ein Problem für den Warentransport. Für grosse Lastautos sind die schlechten Strassen und die teilweise prekären Brücken nicht befahrbar.
Nkongsamba befindet sich in Ostkamerun, dem französisch sprechenden Teil des Landes. Im Restaurant „Le Relais“ wird uns ein unfasslich gutes Essen aufgetischt – und was vielleicht das erstaunlichste ist – es wird uns serviert, ohne dass wir endlos lange warten müssen, wie das in Westkamerun üblich zu sein scheint.
Der weisse, französische Patron hilft selbst mit beim Bedienen der Gäste – deshalb ist wohl alles so tadellos, wie es in einem europäischen Restaurant kaum besser sein könnte. Zu trinken gibt es Evian-Wasser und der Kaffee wird im lächerlichen und schlecht funktionierende „filtre“ serviert – also alles genau so wie in Frankreich.
Wir fahren weiter, stets höher hinauf. Allmählich weniger Bäume, statt dessen offene Landschaft, die Sonne bleibt nicht mehr hinter dunstfeuchten Wolken versteckt. Sträucher mit roten Kaffeebeeren wachsen fast vor jeder Hütte. Am Strassenrand liegen auf dem Boden Kaffeebohnen zum Trocknen, manchmal von Männern mit einer Art Rechen gewendet.
Nach Bafoussam endet die geteerte Strasse. Hinter uns entsteht auf der Piste eine dichte, rot-orange Staubfahne. Durch herrliche Berg-Landschaften und über einen hohen Pass gelangen wir – schon bei völliger Dunkelheit – und dem letzten Tropfen Benzin, endlich nach Bamenda.
Wir nehmen Quartier im „Ringway Hotel“. Hier werden wir erwartet – offenbar hat man wegen der Mahlzeiten-gratis-Angelegenheit schon von Buéa aus telefoniert.
Donnerstag, 26. Dezember 1968 (Bamenda – Nkombé)
Ich lasse Bruno weiterschlafen und rolle um 6 Uhr zur glücklicherweise tiefer gelegenen Tankstelle. Dann fahre ich auf die Bergrippe, die am Rande von Bamenda ca 300 m fast senkrecht ansteigt. Oben hat es ein Plateau, auf welchem hübsche, kleine Villen, umgeben von Gärten, zu sehen sind.
Auf der Rückfahrt zum Hotel höre ich einen grossen Lärm. Ich wohne einem Umzug seltsamer Gestalten bei, die dunklen Gesichter teilweise mit hellem Lehm oder Asche verschmiert, teilweise maskierr. Sie trommeln und hüpfen tanzend in die Häuser, offenbar um dort böse Geister zu vertreiben.
Dann entdecke ich etwas fast Unglaubliches: Eine schöne Baptistenkirche, davor -statt Kirchturm mit Glocken – ein strohgedecktes Pavillion, getragen von Säulen aus hölzernen Masken und Tiergestalten. Innen statt der Kirchenglocke eine riesige Trommel aus einem hohlen Baumstamm hergestellt, die von zwei Personen bedient wird.
Nach dem Frühstück fahre ich mit Bruno nochmals zu dieser ebenso schönen wie interessanten Kirche. Wir hören im Kirchenraum dem Chor zu, der christliche Lieder singt, in einer Art schnellen, recht fröhlich tönenden Blues, begleitet von verschiedenen Rassel-Instrumenten und Trommeln.
Ich mache Fotos vom papagei-farbig gekleideten Priester, der ebensoviel Freundlichkeit wie Würde ausstrahlt. Dann eine Menge Fotos von festlich gekleideten, fröhlich wirkenden Familien, die mit vielen entzückenden Kindern zum Gottesdienst eintreffen.
Wir fahren ab und überqueren einen hohen Pass. Trommelmusik ertönt und von ferne hörbarer Gesang. Plötzlich sehen wir es – ein Platz voller unglaublich prächtig gekleideter Frauen, in ihrer Mitte ein Orchester von Männern.Die Frauen sind eng zusammengedrängt, in ständiger Bewegung mit schnellen kleinen Tanzschritten sich langsam durcheinander bewegend, ständig neue Formationen bildend und als Gesamtmenge eine feine Staubsäule aufwirbelnd.
Aufgeregt stürze ich mich mitten in die Menge und fotografiere wie wild gleich zwei ganze Filme hintereinander. Die Frauen lassen sich kaum stören, tanzen aber kaum merklich immer näher auf mich zu. Es behagt ihnen offensichtlich, fotografiert zu werden – verzeihliche kleine Eitelkeit, da sie sich so herrlich herausgeputzt haben.
Viele Frauen haben gold- oder silberglänzende Tücher um den Kopf gebunden. Manche haben seltsame Frisiuren und schönen Schmuck in den Zöpfen. Sie haben „edlere“ Züge und etwas hellere Haut, als die Schwarzen, die wie bisher sahen. Sie erinnern mich in vielem an Araber.
(Anmerkung beim Abschreiben: Tatsächlich sind Araber in den nördlichen Provinzen Kameruns recht verbreitet. Zu denen gehören die Fulani-Stämme, denen wir offenbar hier begegnet sind)
Es hat auch prächtig geschmückte Pferde mit stolzen Reitern, die sich gerne fotografieren lassen. Ganz erschöpft vor Erregung über das farbenfrohe, unerwartete Erlebnis fahre ich mit Bruno weiter.
Bruno hat sich in der Zeit, in der ich fotografierte auf eine Grasböschung gelegt und ist bald von einer freundlichen Schar von Männern und Knaben umlagert, die sich mit ihm gut zu unterhalten und zu verständigen scheinen – wie, das ist mir unklar geblieben.
Gegen 16h kommen wir in Nkombé an, eine der höchsten Ortschaften entlang der Ring Road. Grosses Hin- und Her beim Abgeben unseres offiziellen Empfehlungs-Schreibend im hiesigen „Resthouse“. Wir sind die einzigen Gäste. Wir treffen nur einen lustigen, grünäugigen, hellbraunen Verwalter/Koch an, der offenbar von Palmwein schon ziemlich betrunken ist. Er begrüsst uns schon von weitem rufend und winkend.
Dann muss ich mit ihm zusammen nochmals ins Zentrum von Nkombé, ca 4 km zurückfahren. Bruno bleibt im Resthouse – wir sind beide ziemlich müde. Der Koch benützt diese Fahrt – Vorwand: Lebensmittel einkaufen für unser Abendessen — um allen Leuten die er kennt (das scheint fast die gesamte Bevölkerung des Dorfes zu sein) durch Rufen und Zum-Fenster-hinauswinkend zu beweisen, dass er tatsächlich in einem Auto spazieren fährt. Er veranlasst mich – trotz meiner Erschöpfung und mehrfach geäussertem Unwillen – in die unwegsamsten Seitenpfade zu fahren.
Es wird mir allmählich klar: er will, dass die Leute in den Hütten ihn im Auto heranfahren sehen. Als Respektsperson kriegt er überall zu trinken und wird dadurch immer ausgelassener. Mir gegenüber versichert er mehrmals, er suche zwei Hilfsköche, die ihm helfen müssen, das Abendessen für uns als unerwartete Gäste herzurichten.
Auf einem Platz zwischen strohgedeckten Hütten ertönt Trommelmusik. Ein Juju-Fest, sagt mir mein Begleiter und verschwindet desinteressiert in einer der Hütten zum Trinken. Ich sehe mit grossem Genuss halbberauschten Tänzern zu. Das Orchester kauert in der Mitte des Platzes am Boden. In Einerreihe tanzen die Leute, einen grossen Kreis bildend, um den Platz. Zuerst die Männer, einige mit wilden Masken, andere halb europäisch angezogen, aber mit Speeren oder schwertgrossen in der Luft herumgefuchtelten Messern. Zu hinterst in der Reihe die kleinen Knaben. Ausser der Reihe tanzen schwankend einige ältere Weiber, immer wieder einen Schluck Palmwein aus einem ausgehölten Ziegenhorn geniessend.
Endlich findet mein Begleiter seine beiden „notwendigen“ Hilfsköche und wir können ins Resthouse zurückfahren. Unterwegs muss ich aber noch einen Fussgänger aufladen, der mir als „Minister of Education“ vorgestellt wird. Fragen über die Bevölkerungszahl von Nkombé, oder die Höhe über Meer, kann er aber nur mit dem wenig präzisen „much, much“ beantworten. Er kann zwar ziemlich fliessend Pidgin English sprechen – an das ich mich schon einigermassen gewöhnt habe – meine Fragen übersteigen aber offensichtlich seine Kenntnisse.
Hier herrscht allgemein die Gewohnheit, Titel zu „vergrössern“. Dieser „Erziehungs-Minister“ wird wohl ein Primarschullehrer sein. Er führt mich in seine Hütte, um mir seine schwangere Frau zu zeigen, die strickend auf dem fast raumfüllenden Bett sitzt. Sie bleibt unbeweglich, während er über sie spricht. Er hebt das Strickzeug hoch und zeigt darunter auf den sich vorwölbenden Leib: „Out here next son will come“. Einem anschliessend offerierten Palmwein-Drink kann ich glücklicherweise entgehen.
Zuletzt sind wirklich alle Abenteuer bestanden und alle Umwege gemacht. Nur noch halbwach gelange ich zurück ins Resthouse. Ich schlafe – trotzdem sehr kalt geworden ist – gleich ein. Auch Bruno legt sich hin. In dieser Zeit – zwei Stunden lang! – wird das Nachtessen zubereitet. Resultat: Reis mit hartem, ungeniessbarem Fleisch jedoch mit einer schmackhaften Sauce. Dazu gibt es Tee.
Nachher gehen wir gleich wieder schlafen. Ich befreie mich aber noch vom roten Strassenstaub mit Hilfe des zum Auto gehörenden Plasticeimers, indem ich einen Eimer voll kaltem Wasser über mich giesse.
Freitag, 27. Dezember 1968 (Nkombé – Kimbi)
Bei der Einkaufs – und Sich-Zeigen-Fahrt ins Dorf, kaut der Koch ununterbrochen laut schmatzend an einem knorpeligen Fleischknochen – offenbar der Rest vom gestrigen Abendessen. Zwischendurch legt er den Knorpel-Knochen ins Handschuhfach, um sich die fetten Finger abzulecken – äusserst widerlich, allein schon der Geruch dieses Fleisches und dann das Geräusch, wenn er wieder ein Stück Knochen abbeisst. Wir sagen ihm, wir wünschten nur Gemüse und Früchte serviert zu bekommen, was er mit gelassenem Erstaunen zur Kenntnis nimmt..
An der einzigen Tankstelle des Dorfes ist vor 10 Tagen das Benzin ausgegangen. Wir erhalten nach einigem Palaver aus dem Besitz der Regierung ein Jerry Can mit einer Gallone Benzin geliehen.
Dann werden wir noch auf der Präfektur verhört, müssen die Pässe vorweisen, werden aber freundlich behandelt. Der lokale Radiosende hat schon berichtet, dass zwei Weisse in Nkombé angekommen seien, die in die Kimbi-Reserve weiterfahren wollen. So weiss der Präfekt eigentlich schon Bescheid über uns, hält sich trotzdem umständlich und langsam an die vorgeschriebenen Formalitäten.
Endlich können wir abfahren, nachdem ich lange versucht habe, das Reise-Tagebuch nachzuführen, dabei jedoch abwechslungsweise durch Bruno und den Koch gestört werde.
Nach einer holperigen, zweistündigen Fahrt über unwahrscheinliche „Strassen“ sind wir glücklich in Kimbi angekommen. Hier in Kimbi hat es ein hübsches, kleines Resthouse, aus Natursteinen erbaut, nur mit einem einzigen Raum. Dieser ist aber von einer kurz vor uns angekommenen Amerikaner-Familie besetzt.
Wir werden in einer noch im Bau befindlichen Hütte untergebracht. Sowohl Wände wie auch das Dach dieser scheusslichen Hütte sind aus Wellblech, ein Material, das importiert werden muss und deshalb wohl als etwas besonders Feines gilt – im Gegensatz zum hübschen Naturstein-Bau.
Die Amerikaner sagen uns vielversprechend, es hätte in der vorherigen Nacht nicht einmal für sie genügend Betten gehabt. Nun wird es sich zeigen, wie wir schlafen werden.
Der uns begleitende Koch aus dem Resthouse wird – hoffentlich – in absehbarer Zeit aus dem mitgebrachten Gemüse ein Essen hergestellt haben. Ich bin hungrig und freue mich, wenn’s endlich zu essen geben wird. Dies wird jedoch wohl kaum bald der Fall sein. Schon ist es fast dunkel. Wie schnell hier die Uebergänge sind.
Samstag, 28. Dezember 1968 (Kimbi – Banso – Nkombé)
Es war wirklich keine gute Nacht, die wir in Kimbi verbracht haben. Wir erhielten je ein wackliges Feldbett ohne Matratze, nur mit einer dünne Decke. Obwohl wir alles angezogen hatten, was wir an Kleidung bei uns hatten, froren wir auf der Stoffbespannung ohne Matratze. Mitten in der Nacht riss unter meinem Gewicht ein Teil des morschen Stoffs.
Wir krochen zusammen auf das nicht zerrissene Feldbett. Es war schon für eine Person recht schmal, wir hatten aber wenigstens je von einer Seite etwas warm. Dicht aneinandergedrängt konnten wir „hochkant“ ein wenig schlafen. Wir erwachten aber bei vielstimmig krähenden Hahnen lange vor der Zeit, wie gerädert.
(Nachträgliche Anmerkung bei der Reinschrift der Reisenotizen: Ausserdem waren wir an den blossen Stellen – an Kopf und Händen – von kleinen Mückenstichen bedeckt. Sie taten nicht besonders weh – angesichts der anderen, schwerwiegenderen Unannehmlichkeiten dieser Nacht schenkten wir dem keine besondere Beachtung.
Dank diesen Mücken haben wir aber beide Malaria bekommen!).
Ich wecke den Koch, der im Auto geschlafen hat. Nach dem Frühstück fahren wir zum nahe gelegenen Wildpark. Die Strasse ist äußerst schlecht, wirklich unvorstellbar. Manchmal besteht sie aus einer von Regengüssen tief ausgewaschenen Längsrinne und wir müssen uns mit je einem Rad links und rechts den Grabenrändern entlang schlängeln. Oder grosse Steine bilden schwer überwindbare Hindernisse.
In der „Wildlife Reserve“ werden wir von einem freundlichen Pygmäen begleitet. Er trägt grüne Shorts, ein grünes Hemd und eine grüne Mütze. Es ist die gleiche Uniform wie die der Wildhüter in Tanzania. Eine spezielle Ausbildung für ihren Beruf haben die hiesigen dagegen offenbar nicht erhalten. Unser sympathischer Führer kann meine Fragen über den Park und die darin lebenden Tiere nicht beantwortet.
Wir sehen einige Antilopen (Waterbucks und Cob). Den Genuss dieses Ausfluges bilden aber nicht die Tiere, sondern die Landschaft: Grassland wie bisher auf der ganzen Ring Road, hier aber nur teilweise verbrannt und hier flache kahle Granitfelsen sowie Baumstreifen längs einiger Wasserläufe als willkommene Unterbrechungen der sonst gleichförmigen Landschaft.
Wir bleiben nicht lange. Bruno fährt zusammen mit unserem Koch auf der schwierigen Strasse zurück zur Wellblech-Hütte. Ich dagegen gehe zu Fuss durch den Dschungel, geführt von dem kleinen Wildhüter . Der Weg ist von ihm angelegt worden, zusammen mit 4 Arbeitern.
Als Lohn erhalten die Arbeiter den von der Regierung vorgeschriebenen Tagessatz von Frs. 135. Unterkunft und Essen müssen sie selber bestreiten, da sie aus der Gegend kommen. (Vergleichsweise kostet eine Flasche Kamerun-Bier im einheimischen Restaurant Frs 125, im Hotel mehr. Kein gültiger Masstab ist allerdings der Vergleich mit dem fast überall gleichen Preis einer Mahlzeit für Touristen im jeweiligen Hotel oder Resthouse einer Ortschaft: Frs 700 – würde also rund dem Lohn von 5 Tagen entsprechen.)
Wir packen unsere Sachen und fahren nach Nkombé zurück. Unterwegs halten wir an zwei Orten, weil der Koch Eier und Gemüse kaufen will. Ich fotografiere, zuerst auf einem grossen Marktplatz, in Holzrahmen aufgespannte Kuhfelle zum trocknen, dann plötzlich auftauchende, sich selber in Fotopositur stellende Fulani-Frauen.
Dann besuchen wir Bekannte des Kochs in einer Hütte. Dort befindet sich zufällig auch ein Agrarinspektor. Er zeigt mir Avocado-Bäume und Mango-Bäume. Diese Bäume wachsen von selber – meist aus Kernen, die von Menschen weggeworfen werden, nachdem sie die Früchte gegessen haben. Die Bewohner einer Hütte, in deren Nähe einer dieser Bäume aufwächst, darf diesen als sein Eigentum deklarieren. Er kann jedoch bei Bedarf ohne Entschädigung wieder enteignet werden, so z.B. wenn Missions-Kirchen gebaut werden sollen, die den Platz brauchen.
Wir werden mit weissem Palmwein bewirtet, sieht aus wie Pastis, schmeckt stark nach Hefe. Dann wird mir gezeigt wie dieser ständig getrunkene, recht berauschende Wein durch Abzapfen der Palmen in Kalebassen gewonnen wird. Dazu muss man dreimal täglich ganz nach oben klettern. Der abgezapfte Saft ist an der Sonne schon in wenigen Stunden vergoren und zum Trinken bereit.
Ich kann eine Frau beim Stillen ihres Kindes fotografieren – „fat african woman, hahaha“ ist das Kommentar des stolzen Vaters. Sie ist tatsächlich besonders dick was wünschenswert zu sein scheint.
Die junge Frau, die den Wein ausschenkt, kichert andauernd. Der Agrarinspektor erklärt schliesslich den Grund ihrer Heiterkeit: sie findet es sehr komisch, dass Bruno – „a white man“ – nicht normal spricht. Für sie sprechen eben alle Weissen Englisch, doch bei Bruno stimmt etwas nicht und das erscheint ihr äusserst komisch.
Unterwegs bemerken wir das Haus mit den geschnitzten Masken an den Eingangstüren. Es war mir schon beim erstenmal auf der Durchfahrt aufgefallen. Wir waren aber zu müde, um anzuhalten. Der Koch hat uns jedoch heute schon zum voraus erklärt, wir müssten in Banso halten, um dem herrschenden Fon die Reverenz zu erweisen. Der Koch ist aus dem Stamm dieses Fons.
Der Fon von Banso erweist sich als hochgewachsener Enddreissiger. Wir werden von ihm mit heiterer Würde empfangen. Er widmet uns eine halbe Stunde, ausgefüllt mit gegenseitiger, interessierter Befragung. Bei manchen meiner Bemerkungen wird der Fon ganz ausgelassen vor Fröhlichkeit, streckt eine lange, hellrosa Zunge heraus – mit einem dicken weissen Belag – und hüpft von einem Bein aufs andere.
Wenn er mir Fragen stellt, wirft er dabei kurz den Kopf zurück und blickt mir mit vorgestrecktem Kinn fest in die Augen. Das wirkt sehr herrisch. Er will unbedingt meine Meinung kennen über die Polygamie. Weil ich dieses System als sehr gut taxiere gerät der Fon in hüpfende Begeisterung,
Meine Frage nach der Zahl seiner Ehefrauen beantwortet er jedoch ausweichend. Er habe zwar viele Frauen, aber er habe auch die Ehefrauen von seinem Grossvater und von seinem Vater geerbt. Meine offenbar zutreffende Bemerkung, er würde sicher seinen jüngsten Frauen den Vorzug geben, versetzt ihn in einen ausgelassenen von Zungenschnalzen unterstrichenen Freude-Tanz.
Zuletzt erzählt er mir, er sei Baptist. Um getauft zu werden, mussten auch alle seine noch nicht zum Christentum bekehrten Frauen – ohne gefragt zu werden – sich als Baptistinnen taufen lassen.
Das Haus mit den Masken erweist sich als „The Fon’s Palace“, ein Trinkhaus, das nur von Männern betreten werden darf. Hier pflegten sie sich zusammen zu berauschen, bevor sie zum Krieg auszogen. Heute scheint es zum Bedauern des Fon’s zwar keine Kriege mehr zu geben, doch das gemeinsame Trinken besteht aber noch. Ich erfahre auch, dass dieser Fon zusammen mit dem Fon von Bafut den höchsten Rang einnehmen. Deshalb dürfen nur sie beide zu besonderen Anlässen eine Kappe aus Elefanten-Schwanzhaaren tragen.
Wenn ich recht verstanden habe, unterstehen diesem Fon direkt etwa 20 000 Menschen, dann noch 13 weitere Fons, was ein Total von einer Viertel Million Untertanen ausmacht. Zusammen haben die beiden Haupt-Fons rund eine halbe Million Leute unter sich. Diese Angaben scheinen mir aber nicht sehr zuverlässig zu sein.
Ich hatte im Bücherkiosk der Basler Mission in Buéa eine sehr interessante Broschüre gekauft: Robert and Pat Ritzenthaler: „Cameroun Village, an Etnography of the Bafut“, Milwaukee, 1962. Das Werk enthält detaillierte Angaben über das Leben des Fon von Bafut, zweifellos bestehen viele Parallelen zum Fon von Banso.
Wir machen noch Fotos: Fon und ich, Fon und Bruno. Dabei beginnt er plötzlich ein ganz unerwartetes, intensives persönliches Interesse an Bruno zu zeigen, ihn zu umarmen, zu lachen und lüstern mit der Zunge zu schnalzen. Bruno befreit sich erschrocken aus seiner Umarmung. Wir rennen zum Auto und fahren so schnell als möglich davon. Ich finde, der Kerl sollte wirklich schon mehr als genug haben mit seinen Frauen, auch wenn davon nur etwa ein Dutzend als „wives for personal use“ benutzt werden, wie der Koch uns nachher recht anschaulich erklärt.
Im Resthouse von Nkombé sind wir diesmal nicht die einzigen Gäste. Wir begrüssen ein französisches Ehepaar und drei französisch-kanadische Lehrer. Alle arbeiten hier im Auftrag ihrer Regierungen, im Rahmen von Hilfs-Programmen, als Lehrkräfte.
Sonntag, 29. Dezember 1968 (Nkombé – Wum – Nkombé)
Bei der Abfahrt von Kimbi mussten wir gestern das geliehene Benzin in den völlig leeren Tank füllen.
In Nkombé ist aber die Tankstelle immer noch trocken. Wir beschliessen deshalb zur nächsten Ortschaft zu fahren, in der Hoffnung, dort volltanken zu können und ausserdem Benzin zu kaufen, um das von der Regierung geliehene zurück erstatten zu können.
Bis zu Wum, der nahegelegensten Ortschaft sind es 40 km und so ergibt sich, dass wir einen Tages-Ausflug vn 80 km machen müssen. Das hat sich aber gelohnt. Die Fahrt ist landschaftlich sehr schön – die Strasse dagegen unmöglich. Mehrmals muss ich aussteigen und schieben, damit Bruno über ein steil ansteigendes Strassen-Stück fahren kann, das eher einem trockenen Bachbett voller Felsen gleicht
In Wum geniessen wir in einem Eingeborenen-Hotel ein unerwartet gutes Mittagessen. Als Nachspeise essen wir eine frische Ananas, die ich auf dem Markt gekauft habe. Dazu serviert man uns schweizerischen Nescafe in einer längst nicht mehr im Handel befindlichen Packung – er schmeckte auch danach – sowie heisses Wasser in einem Thermos-Krug.
In Wum zeigen sich die meisten Frauen in interessanter Aufmachung. Die Haare in Zöpfchen, von Gold umwickelt, links und rechts der Schläfen abstehend und am Ende büschelförmig aufgekraust.
Nachmittags: Ausruhen, Wagen- und Wäschewaschen im Resthouse von Nkombé mit der prächtigen Aussicht.
Der Präfekt kommt, um seine Aufwartung zu machen und ausserdem um uns zu bestätigen, dass wir die Jerry Can mit dem Regierungsbenzin ordnungsgemäss zurückgebracht hätten. Er ist selber vor einer Woche in der Kimbi Reserve gewesen und kann sich gar nicht davon erholen, zum ersten Mal in seinem Leben wilde Tiere gesehen zu haben.
Montag, 30. Dezember 1968 (Nkombé – Bafut – Bamenda)
Auf dem letzten Teil der Ring Road verlassen wir die grasbewachsenen Bergkuppen und fahren durch immer üppiger werdende Waldstreifen, unterbrochen von Grasflächen und einzelnen, kleinen Plantagen.
Plötzlich sehen wir ein Schild am Weg: “Menchum Falls“. Unmittelbar neben der Strasse blicken wir auf das grandiose Naturschauspiel der tosenden Wassermengen zwischen üppigem Tropenwald.
Beim Weiterfahren geschieht es dann doch – die erste „Platte“. Bruno behebt den Schaden bald und wir fahren weiter, in bester Stimmung.
In Bafut ist die Benzinstation unbedient und sieht schon ganz verrostet aus. Wir fahren zum nahen „Compound“ des Fon. Dort herrscht eine seltsame Stimmung. Bald erfahren wir warum: am 15. Dez. 1968 sei der alte Fon nach 36-jähriger Regierungszeit gestorben. Ein Mann führt uns umher – das meiste dürfen wir aber nicht betreten. Alles wirkt vernachlässigt, überall liegt Unrat.
Das war nach der Beschreibung der Amerikaner in der erwähnten interessanten Studie über das Reich dieses Fon früher ganz anders. Hässliche Weiber laufen herum – fett, nur mit einem Grasschurz bekleidet und mit Asche beschmiert – offenbar in Trauer um ihren gemeinsamen, verstorbenen Ehemann. Im Gegensatz dazu sind aber die jüngeren Frauen hübsch und farbenfroh gekleidet. Es hat auch viele Kinde innerhalb des von Mauern umgebenen „Compound“. Einige fallen durch ihre helle Haut und grüne Augen auf.
Zum sogenannten neuen Palast des Fons hinauf, führt eine steile Treppe. Oben angelangt kann ich eine Aufnahme über den ganzen Compound machen, mit den Häusern der jungen Gattinen und der Gruppe der Häuser der alten Gattinen – wo die nackten Weiber waren – sowie den hohen Palast aus Holz und Stroh, den der vorherige Fon erbaut hatte.
Durch die offenen Türen sehe ich im neuen Palast Chinesen, die eifrig Ping Pong spielen. Sie gehören zu einer landwirtschaftlichen Mission, die der hiesigen Bevölkerung den Reisbau lehren soll. Auf dem zentralen Platz hängt ein Schild an einem Baum. Darauf steht geschrieben, man solle keinen neuen Fon mehr wählen, dies sei der Untergang von Bafut. Dies ist unterschrieben von „den Söhnen und Töchtern“.
Von einer jungen Amerikanerin, die der landwirtschaftlichen Mission angehört, erfahren wir, der alte Fon habe vor seinem Tode einen 15-jährigen Sohn als seinen Nachfolger ernannt. Gemäss meinem Buch geschieht dies, indem der sterbende Vater dem auserkorenen Sohn auf die Brust spuckt. Aber noch am Bett des soeben verstorbenen Fon sollen sich die älteren Brüder auf diesen Jungen gestürzt haben in der Absicht, ihn zu töten. Die Polizei konnte ihn gerade noch retten. Jetzt sei er in Schutzhaft im Gefängnis.
Wie aufregend dies alles tönt. Wie weise von dem alten Fon einen ganz jungen Nachfolger auszusuchen. Er wird geahnt haben, dass nach diesem wohl kein weiterer Fon mehr regieren wird. So sollte das bisherige System wenigstens möglichst lange dauern.
Die älteren Geschwister wollen aber nicht riskieren, dass dieser Junge als Fon den Forderungen der Regierung Folge leisten könnte: die private Besteuerung der Untertanen des Fons, zugunsten einer generellen, staatlichen Besteuerung aufzugeben. Dadurch hätten diese Geschwister kein Geld mehr zum Besuch der Colleges usw.
In Bamenda lassen wir den Pneu flicken. Ich mache Fotos von einem zivilisierten Markt im Vergleich zu denen, die wir entlang der abgelegenen Ring Road in den Grassteppen des Hochlandes gesehen haben. Die schauerliche Mischung von Zivilisation und primitiver Buntheit hat auch ihre etwas perversen fotografischen Reize. Was wir in den letzten Tagen gesehen hatten, wirkt schon fast folkloristisch-dokumentarisch.
Im „Ringway Hotel“ von Bamenda ist alles besetzt und wir werden auf das ältere „Fort Hotel“ verwiesen. So landen wir glücklich auf der 300 Meter hohen Bergrippe über der Stadt. Es gefällt uns hier viel besser – entgegen anders lautenden Informationen und Vorhersagen. Die Luft ist spürbar besser als unten in der Stadt, sauberer, trocken und angenehm kühl.
Das Hotel befindet sich neben dem ehemaligen Fort, das zu den historischen Denkmälern des Landes gerechnet wird, obwohl es erst zu Beginn dieses Jahrhunderts von den Deutschen als extremer Vorposten gebaut wurde. Offenbar benötigten sie dies als Schutz gegen die verschiedenen, kriegerischen Fons.
Begeistert baden wir – sogar warmes Wasser kommt eine zeitlang aus dem Hahn.
Bruno schläft schon sanft. Er ist sehr zufrieden, wieder sauber zu sein, befreit vom roten feinen Staub, von dem wir nach der Fahrt ganz eingepudert sind. Mit unserem Gepäck, den dunkelbraunen, weichen Stamoid-Koffern, haben wir gute Erfahrung gemacht, In die Koffer konnte der Staub fast nicht eindringen. Offenbar sind die Reissverschlüsse ganz dicht.
Ich will nun auch probieren zu schlafen, obwohl ich dazu eigentlich noch viel zu aufgeregt bin, nach all den Erlebnissen dieses Tages.
Dienstag, 31. Dezember 1968 (Bamenda – Foumban)
Von Bamenda fahren wir nach Foumban. Wir erreichen unser Ziel zur Mittagszeit. Die Besitzerin der „Auberge de Foumban“ ist eine nette Französin aus den Vogesen – seit 30 Jahren in Kamerun. Sie bedauert, uns nicht bei sich beherbergen zu können, da sie 20 Quelle-Touristen erwartet. Sie begleitet uns zu einer Familie von Eingeborenen, die ihr tadellos sauberes Haus mit neuen Betten ausstaffiert haben, sodass die geschäftstüchtige Französin hier ihre überzähligen Gäste unterbringen kann.
Die Haus-Eigentümer wohnen im Nebenhaus. Gelegentlich besuchen uns einzelne Familienangehörige, durchwegs schöne, würdige, junge Menschen – nur um uns freundlich zuzulächeln.
Wir haben ein Riesenbett mit neuen. steifen Bettüchern. Erst nachdem wir den raschelnden Plasticbezug von der bisher noch unbenützten Matratze entfernt haben, können wir schlafen ohne allzu stark zu schwitzen.
Ueberall im Haus hängen gerahmte Koransprüche, alle Möbel sind durch gestickte Decken verziert – Kamerun auf gut bürgerlich. Dem Stolz des Hauses – einer sehr sonor jede Viertelstunde anzeigenden Wanduhr – halte ich bald den Pendel an.
Nachdem wir etwas ausgeruht haben, besichtigen wir von aussen die Moschee – nebeneinander, aber getrennt, je ein Gebäude für Männer und für Frauen. Gemeinsames Minarett, von dem gerade der Muezzin zum Gebet aufruft.
Wir besuchen das nahegelegene Museum des Sultan-Palastes. Es wurde 1959 mit den Einrichtungs-Gegenständen des alten Palastes eröffnet, als der Sultan seinen Sitz aus diesem Gebäude in ein modernes verlegte.
Der Wärter des Museums ist der Mann der es eingerichtet und eröffnet hat. Er zeigt uns verschiedene Gegenstände: den mit Perlen verzierten Thron usw, die dem Vater des heutigen Sultans gedient haben.
Es muss ein grosser und einflussreicher Mann gewesen sein. Als junger Herrscher bekehrte er sich vom Christentum zum Islam. Ein islamischer Nachbarstamm hatte ihm gegen seinen eigenen, verräterischen Kriegsminister Hilfe geleistet als dieser die Macht an sich reissen wollte. Dem ehemaligen Christen muss dabei der aus dem Glauben geschöpfte Kampfesmut so grossen Eindruck gemacht haben, dass er die Religion wechselte.
Dieser Sultan führte die Schrift ein und brachte das Handwerk zur hohen Blüte (Schnitzereien, Bronceguss, Weberei). Er schrieb ein Tagebuch, das sich im Museum befindet und sammelte die Kunstwerke, die das Museum aufbewahrt: Tanzmasken, breite, verzierte Messer und die Gebisse der damit geköpften Feinde, an einem runden Gefäss befestigt, auf dem der Sultan seinen Arm aufzustützen pflegte.
Der jetztige Sultan hat nach dem Tod seines Vaters 900 Ehefrauen geerbt. Ausserdem hat er eine geheim gehaltene Zahl weitere Frauen geheiratet.Der Museumsleiter erklärt, es sei die Aufgabe eines Sultans, ein Volk zu bilden („former un peuple“), also nicht im Sinne eines regierenden Oberhauptes, sondern offenbar in erster Linie einfach in der Funktion eines Zuchtbullens. Bestätigung: „tout le peuple devrait avoir du sang royal, ainsi il vient fort et uni“.
Wir besichtigen das schöne Gebäude des alten Palastes, 1917 erbaut, das sich in schlechtem Zustand befindet. Die UNESCO hat laut Museumswärter Geld bereitgestellt zur bevorstehenden, vollständigen Restauration. Statt Wellblech werden, wie früher, gebrannte Tonziegel das Dach bilden und auch sonst wird es wohl sehr viel brauchen. Der Sultan wird nach der Restauration wieder in diesen Palast zurückkehren.
In einer speziellen Abteilung zeigt uns der Museums-Direktor Dinge, die gekauft werden können. Ich finde eine alte, hölzerne Maske besonders interessant, die den Träger in einen Elefanten verwandelt. Obwohl ich zum voraus fest beschlossen hatte, auf dieser Reise nichts zu kaufen – wohin damit – beginne ich zu feilschen. Ich erhalte die Maske zuletzt für $ 60. Hiesige Francs habe ich keine mehr. Deshalb ist nun ein Besuch bei „Madame“ notwendig, die als Expertin die Echtheit und den Wert des unbekannten Geldes zu begutachten hat.
Ein Soldat kommt an unseren Tisch und stellt fest „ce sont des droles de francs“. Bruno und ich trinken Coca-Cola. Auf unsere wiederholte Aufforderung hin, sich etwas auszusuchen, bestellt der Museums-Direktor ein Bier. Der offenbar ungewohnte Alkohol macht ihn sehr gesprächig. Er erzählt ausführlich die sehr interessante Geschichte des Sultans und seines Volkes. Dabei vergeht viel Zeit. Die Sonne, die vor dem Museumsbesuch zu hoch stand um zu fotografieren, steht bereits – kurz vor dem Untergang – zu tief. Nur noch die Baumwipfel und Hausdächer sind von den letzten Strahlen beleuchtet. Schade, hier sahen wir die schönsten Menschen, die wir auf der Reise bisher angetroffen haben. Ob das wohl dem königlichen Zuchtbullen-System zuzuschreiben ist?
Im architektonisch wohlgelungenen „Centre Culturel“ (Hölzsäulen, Strohdach, und dabei doch modern) warten wir vergeblich anderthalb Stunden auf die um halb sieben angesagte Vorstellung einer Sportsgruppe. Nach dem Abendessen kehren wir zurück und sehen nun doch wie teilweise fabelhaft gebaute Neger Jiu Jitsu, Catch, Karate und Akrobatik vorführen. Das Publikum macht herrlich mit. Es handelt sich um einen kleinen Sportsverein aus der Hauptstadt Yaounde, der eine Tour durchs ganze Land macht.
Mittwoch, 1. Januar 1968 (Foumban – Bafoussam – Bameng – Nkosamba)
Heute sind wir besonders früh losgefahren. Wieder eine schwierige Pistenfahrt. Nach ca 30 km Irrfahrt gelangen wir auf dem schwer erkennbaren Weg zum schönen, sich friedlich spiegelnden Kratersee „Lac Manoum“.
Vier Kilometer nach Bafoussam, besichtigen wir die sehenswerte „Chefferie de Bameng“. In der Chefferie wird für den 2. Januar ein grosses Fest vorbereitet. Ein riesiges Haus mit Kuppeldach, ohne Nägel – nur aus hiesigen pflanzlichen Materialien – ist fast fertig gebaut. Um mich zu ärgern, sagt Bruno, dies würde doch nur für Quelle-Touristen hingestellt und versucht damit vergeblich meine Begeisterung über dieses hochinteressante Bauwerk im Zaum zu halten.
Von einem erhöhten Platz, der von verschiedenen, seltsamen Gebäuden umringt ist (strohgedeckt, teilweise mit Schnitzereien verziert), sieht man hinab auf den riesigen Neubau im traditionellen Stil und dahinter die Reihen niedriger moderner wirkenden Bauten mit Wellblech-Dächern, wo wahrscheinlich die grosse Zahl der Frauen dieses Chefs untergebracht sind. (im französisch sprechenden Gebiet sagt man „Chef“, im englisch sprechenden wird das einheimische Wort „Fon“ verwendet). Eine herrliche friedliche Stimmung herrscht auf diesem erhöhten Platz. Ziegen weiden unter einigen riesigen Bäumen, bei denen Luft und Stützwurzeln von ausladenden Aesten herabhängen.
Anschliessend fahren wir zur nahegelegenen Leprastation, die uns beide sehr beeindruckt. Die Krankenschwester kommt zu unserer Begrüssung heraus. Ich gebe ihr Geld und sie erklärt aufschlussreich, wie hier vorgegangen wird: Dank einer regelmässigen Unterstützung aus Bern kann diese 1935 gegründete Leprastation weiter existieren. Mit diesen Geldern wurden 55 Betten angeschafft und die entsprechenden Hütten gebaut. Ein Tropfen auf den heissen Stein, angesichts der 1400 Kranken, die sich auf dieser Leprastation befinden und buchsttäblich im Dreck liegen.
Ich erhalte bereitwillig Erlaubnis, eine der vielen Frauen zu fotografieren. Sie hoffen alle auf eine Heilung ihrer aufgerissenen und abfaulenden Füsse und anderen, in gleicher Weise erkrankten Körperteile.
Ich frage ob ein daneben stehender Junge, ohne Lepraschuhwerk, aber mit sehr verkrüppelten Füssen, schon als geheilt gelten würde – soweit dies bei Lepra möglich ist. Es stellt sich heraus, dass dieser Jüngling seine kranke Mutter hergebracht hat. Er selber sei gesund, behauptet er. „Tu te présenteras au medecin cet après-midi“ befiehlt die Schwester freundlich aber bestimmt.
Wir kehren sehr beeindruckt von allem was wir gesehen haben nach Bafoussam zurück, wo wir im Hotel Carrefour ein gutes Mittagessen erhalten. Bruno wartet schon lange ungeduldig bis ich auf der schattigen Hotelterasse endlich fertig geschrieben habe, damit wir weiterfahren können nach Nkongsamba. Dort quartieren wir uns ein im „Relais“ von dessen Essen Bruno seit unserem letzten Besuch so schwärmt.
Mir geht es mehr darum, mit dem Hotelbesitzer einen Tiefflug über Elefanten-Herden zu arrangieren. Ich habe gehört, dass er dies für seine Gäste macht. Von ihm selbst erfahre ich, dass er seit drei Monaten eine neue Cessna besitzt, aber ausgerechnet jetzt habe er grade keine Zeit. Er müsse Vorbereitungen treffen für ein grosses Fest.
Das Abendessen ist wirklich so gut, dass es mich über die enttäuschte Hoffnung fast hinwegtröstet: soupe aux poissons, tournedos aux pates, cressons, fromages, fruits.
Ist es, weil ich zuviel gegessen habe, oder die Anstrengungen der letzten Tage oder sonst ein Grund? Ich fühle mich plötzlich sehr unwohl! Ich beginne zu frieren, es schüttelt mich am ganzen Körper. Dann muss ich mitten in der Nacht erbrechen. Von diesem Moment an schwitze ich übertrieben und kann nur stossweise atmen.
(Anmerkung beim Abschreiben – das war der erste Malaria-Schub!).
Donnerstag, 2. Januar 1968 (Nkosamba – Buéa – „mile sixteen“ – Buéa)
Ich versuche die ganze Nacht, Bruno nicht zu sehr zu stören – was mir nur teilweise gelingt – und male mir die unangenehmsten Dinge aus, die passieren können, wenn ich hier ernstlich krank werde. Der eindrückliche Besuch auf der Leprastation hilft wohl mit, meine Fantasie zu den unangenehmsten Vorstellungen anzufeuern, wie es wohl weitergehen wird.
Beim ersten Tagesdämmern wecke ich Bruno, bestelle Tee und lasse mich von Bruno nach Buéa zurückfahren. Ueberhaupt ist Bruno beim zweiten Teil der Reise fast immer am Steuer gesessen, wie ich am Anfang.
Statt dass sich mein Zustand bei der Autofahrt verschlimmert, geht es mir allmählich wieder besser. Ein heisses Bad, das ausgeglichene Höhenklima von Buéa und anschliessende Bettruhe während drei Stunden haben mich – oh Wunder – wieder ganz hergestellt. Habe ich wohl in der schlimmen Nacht in Nkongsamba alles herausgekotzt, was ich nicht in mir haben sollte – heute geht es mir wieder recht gut und wir beschliessen, an den Strand zu fahren.
Ein Quelle-Reiseführer hat uns zwar gewarnt, ohne Vierradantrieb könne man von Victoria aus nicht nach „mile six“ und erst recht nicht nach „mile fourteen“ fahren – Namen von Ortschaften in Strandnähe, in entsprechender Distanz von Victoria. Wir versuchen es trotzdem und finden die Holperstrasse – verglichen mit der Ring Road zwischen Ngambe und Wum – nun doch nicht unmöglich zu befahren. Immerhin, in den ersten Tagen unserer Reise – der feuchten Hitze ungewohnt, dazu eine derartig schlechte Strasse, das hätten wir wohl kaum bezwingen können.
Wir fahren langsam im ersten Gang – nur gelegentlich im zweiten – vorbei an Plantagen (meist Oelpalmen) und gelegentlichen Resten des Urwaldes. Kurz vor dem Ziel haben wir eine „Platte“ – unsere zweite auf der ganzen Reise – wobei Bruno nun schon fast im Handumdrehen den Radwechsel ausführt.
Wir geniessen das Meeresbad am Strand mit schwarzen Lavafels-Buchten und feinem schwarzem Sand. Die dunkle Farbe wird fröhlich kontrastiert durch das frische Grün üppiger Urwaldvegetation, die bis an die Grenze des obersten Flutpegels vorstösst. Das Meer hat nur geringen Wellengang und das Wasser ist wohlig warm. Auch ist es nicht allzu heiss – die Sonne kommt nur vorübergehend aus den Wolken hervor. Selbst dann sind die Strahlen durch die grosse Feuchtigkeit der Luft merklich gedämpft. Der ständige, leichte Wind vom Meer herkommend, lässt uns Feuchtigkeit und Wärme nicht lästig werden.
Ich mache eine Menge Fotografien, wie im Nu vergeht der schöne Nachmittag. Nette Kinder besuchen uns und führen Tänze und Ringkämpfe vor, kleine schwarze Schweine – wohl halbverwildert – kommen immer wieder zögernd aus dem Gehölz.
Schliesslich verziehen wir uns nach einer etwas einsameren Badebucht und können rückwärts blickend beobachten, wie die neugierigen Schweine und gleicherweise die Kinder unseren Picknickplatz nach irgend etwas Verwertbarem absuchen. Ich fotografiere weiter. Wir baden und begeistern uns an den Blüten des wilden Hibiscus direkt am Strand.
Glücklicherweise bemerkt Bruno gerade noch rechtzeitig, das die steigende Flut uns in unserer Bucht abzuschneiden droht. Wenn wir mit der Rückkehr
nach länger gewartet hätten, wäre dies wohl eine schwierige Kletterei über Lavafelsen und Wurzeln gewesen. An einer armdicken Liane, die von einem Baum herabhängt, schwinge ich mich hin und her und komme mir vor wie Tarzan im Kino.
Auf der Heimfahrt sehen wir mehrmals musizierende und tanzende Gruppen, teilweise mit einem, teilweise mit drei maskierten Anführern (Juju). Dabei tanzen in der jeweiligen Gruppe entweder nur Burschen, oder nur Mädchen und Frauen. Vor einer Bar tanzen zur modernen Raidio- oder Grammofonmusik
junge Männer – es ist keine Frau dabei – zusammen zu Rock ’n Roll Musik, aber noch in der Art des Jitterbug, seeligen Angedenkens.
Überall rufen Kinder, teilweise auch Erwachsene: „abinuji“ – das verstümmelte Überbleibsel von „Happy New Year“. Erneut hatte ich die Bonbon-Munition im Hotel vergessen – wie schon bei der Fahrt ins Hochland und wieder ärgere ich mich, meine Foto-Opfer nicht mit einer Kleinigkeit erfreuen zu können.
Offensichtlich ist der Einfluss des Tourismus auf das Benehmen der Bevölkerung hier schon grösser, als wir an anderen Orten festgestellt haben. Sogar
vereinzelte Bettelei gibt es hier in der Nähe von Victoria, die aber (noch) nicht lästig geworden ist.
Freitag, 3. Januar 1969 (Buea – Victoria – Tiki – Duala)
Nach dem Frühstück fahren wir hinunter nach Victoria. Dort geben wir den Renault zurück, der uns so gut gedient hat, für mehr als 2000 km.
Wir besuchen den Zoo, wo Bruno sich vor den kleinen Schimpansen
etwas ekelt, ich jedoch grosse Sympathie zu den drolligen Tieren empfinde. Die jungen Affen klettern geschickt an mir empor, klammern sich mir am Rücken oder auf einer Schulter fest und beginnen dort gemütlich ihre Mahlzeit – eine Dose Kondensmilch – auszusaugen, die der Wärter mit zwei kleinen Löchern durchbohrt und jedem Affen eine in die erwartungsvoll ausgestreckten Hände gibt. Bei der weiteren Besichtigung des Zoos purzeln uns die Affen am Boden den
ganzen Weg voraus – es ist zu komisch.
Wir essen an der Küstenpromenade in Victoria im Hotel, das zur gleichen Kette gehört wie das Mountain Hotel Buna. Wir verbringen den Nachmittag in Victoria bis uns der Autobus nach Tiki bringt. Von dort Flug nach Duala, dann langes Warten.
Samstag, 4. Januar 1969 (Duala – Frankfurt – Zürich)
Abflug von Duala um Mitternacht. Nach sieben Stunden Flug, Landung in
Frankfurt. Wir holen gleich die deponierte, warme Wäsche und die Mäntel aus der Gepäckaufgabe und finden die kühle Temperatur eigentlich gar nicht unerträglich. Nach zwei Stunden Weiterflug nach Zürich.
Hier enden die Tagebuch-Notizen und beginnen erst wieder anfangs Februar. Kaum hatte ich begonnen, mich wieder in der Werbeagentur zu betätigen, erlitt ich am Arbeitsplatz einen heftigen Malaria-Anfall. Anschliessend war ich schwer krank, doch nach einem Monat war es vorbei und ich hatte die Malaria ohne Folgen überstanden.