Meine erste Wüsten-Reise

Bei meinen Reisen haben mich die Wüsten besonders stark beeindruckt. Angesichts unendlich scheinender Weite – nichts als Sand und Fels – fühlte ich mich nur noch als winziges, verlorenes Wesen. Dieses Gefühl überwältigte mich ebenso in der Antarktis – auch eine Art Wüste – aber aus Eis und Schnee.

Im algerischen Teil der Sahara erlebte ich 1971 zum ersten Mal meine eigene,  vollständige Bedeutungslosigkeit angesichts der bis zum Horizont reichenden, (scheinbar) menschenleeren Wüste aus weichen Wellen von Sand mit unvermittelt daraus steil aufragenden Felsen.

Die Algerien-Reise verdanke ich Richard Amstad. Unsere langjährige Freundschaft begann beim Besuch der gleichen Klasse im Gymnasium. Sie setzte sich fort beim gemeinsamen Studium der Volkswirtschaft an der Universität von Basel, das wir am gleichen Tag mit dem Doktor-Examen beendeten.

Danach war Dr. rer. pol. Richard Amstad erfolgreich im Bankwesen tätig, anfänglich im Hauptsitz des einstigen Bankvereins in Basel. (Es war die zweitgrösste Bank der Schweiz, die später mit der grössten der Schweiz, der U.B.S. fusionierte).

Ric wurde zum leitenden Direktor der Filiale des Bankvereins in Bern ernannt. Sofern mich meine Erinnerung nicht täuscht, ist diese Filiale mit seiner Hilfe gegründet worden. Später – nach unserer gemeinsamen Algerien-Reise – leitete er in London die bedeutendste unter den ausländischen Filialen des Bankvereins.

Für den Herbst des Jahres 1971 plante Ric eine etwas abenteuerliche Algerien-Reise. Er lud mich ein mitzukommen. Ich hatte gerade meine Werbeagentur in Zürich an ein international tätiges Werbe-Unternehmen mit Hauptsitz in New York übergeben. So war ich nicht  gebunden und konnte voll Begeisterung den Vorschlag zur Teilnahme an dieser Reise annehmen.

Unerwartet zeigten sich verschiedene Schwierigkeiten, die den ursprünglichen Plan wesentlich veränderten. In Folge eines Brandes im Bahnhof Zürich erreichte ich Genf mit grosser Verspätung, verpasste den vorgesehenen Flug und musste in Genf übernachten. Am nächsten Tag gab es jedoch keine Flüge aus Genf nach Algier. So musste ich nach Paris fliegen um von dort mein erstes Etappenziel zu erreichen.

Alles Weitere kopiere ich aus meinem damals geführten Tagebuch:

Montag, 22. November 1971  (Genf – Paris – Algier)

Der Flug von Paris nach Algier dauert 2 Stunden. Im Hotel St. Georges – leicht vergammelter Kolonial-Luxus – begrüsse ich Ric und Monica. Sie machen mich bekannt mit Gioia Mehrlin, von Ric zur Teilnahme an der Reise eingeladen. Gioia hat gerade das Studium der Medizin beendet.

Ric versucht vergeblich, in einer Bank Geld zu wechseln. Das kann man aber offenbar als Tourist nur beim Air Algerie Reisebüro.

Dann fahren wir zum Istitut Pasteur, wo Gioia, als Ärztin, kostenlos Schlangen-und Skorpion-Serum erhält. Um zu wirken, müsse das Serum aber spätestens 10 Minuten nach dem Biss eingespritzt werden – wohl eine Illusion, falls das irgendwo in der Wüste geschehen sollte.

Zuletzt begeben wir uns zu Mohammed Youssfi, dem ehemaligen algerischen Botschafter in der Schweiz. Ric hatte früher in Bern geschäftlich mit ihm zu tun und ist auch nach Ende der Amtstätigkeit von Youssfi mit diesem in Kontakt geblieben. Für die Planung unserer Algerienreise hatte Ric bei Youssfi Ratschläge eingeholt.

Youssfi empfängt uns in einer gestreiften Djella, ein lebhafter, schlanker Mann mit ungewöhnlich grossen, weit auseinander liegenden Augen, in einem ausgemergelten, fast durchgeistigt wirkenden Gesicht. Einen krassen Gegensatz zu diesem schönen und interessanten Mann bildet die Gattin – ein kleines Pummelchen, wie eine französische Kleinbürgerin wirkend, wenn auch in Algerien geboren.

Youssfi zeigt uns stolz seinen auf drei Terrassen angelegten Garten, in dem eine junge Tommy-Gazelle frei lebt.  Das Haus umfasst zwei Etagen und ist vollgestopft mit Möbeln in pseudo-antiken Stil.  Stolz berichtet uns Youssfi, dass für die Inneneinrichtung ein Dekorateur aus Lausanne speziell nach Algier kommen musste.

Auch Amrusch, ein dicklicher Textilhändler ist mit seiner Gattin gekommen, der aber – ebenso wie sein Freund Youssfi – wenig gewillt scheint, die geplante Reise mit uns zu unternehmen. Offenbar kommt ihnen die vorgesehene Reise als zu anstrengend vor. So wird es immer deutlicher, dass wir entgegen vorheriger Zusagen der Algerier nur eine rein schweizerische Vierer-Gruppe bilden werden.

Wir plaudern unverbindlich, spielen mit dem entzückenden 7-jährigen Youssfi-Sohn.  Auf dem Leibchen des Kindes ist zu lesen: „Future Président“. Nacheinander müssen wir unbedingt von jeder der vier Sorten von Mme. Youssfi selbst gemachter, übersüsser Patisserie kosten.

Zuletzt bringt uns Amrusch ins Hotel St. Georges, nachdem die Algerier erklärt haben sie könnten „bedauerlicherweise“ nicht an der Reise teilnehmen. Offenbar war die seinerzeitige Zusage nur eine Form der gegenüber Fremden üblichen Höflichkeit, obwohl ein solches Abenteuer tatsächlich für die Beiden nie in Frage gekommen war.

Mit vollen zwei Stunden Verspätung erscheinen der Generaldirektor und der kaufmännische Leiter des Reisebüros bei dem Ric die Reise gebucht hatte. Infolge geringfügiger Abänderungen soll unsere Reise statt 2’700 nun 3’800 Dinar pro Person kosten, also statt etwa 2’000 rund 3’000 Franken. Nach einigem Palaver sagen wir die angeblich „bereits für uns organisierte“ Reise einfach ab.

Ric und Gioia bleiben im Hotel und ich gehe mit der netten Monica ins Sindbad, ein einfaches Fischrestaurant am Hafen. Wir plaudern angeregt, lernen dabei unsere Lebensumstände näher kennen. Monica deutet an, dass sie und Ric eine erfreulich freie, gegenseitig weitgehend unabhängige Existenz führen

Dienstag, den 23, November 1971 (Algier – Tamanrasset)

04h45 Tagwache. Wider Erwarten gibt es so früh schon Frühstück. Trotz gegenteiliger Behauptung hatte das unzuverlässige Reisebüro keine entsprechende Vouchers für uns abgegeben. Am Flugplatz sind weder die versprochenen Flugkarten deponiert worden, noch sind Plätze für uns reserviert.

Wir warten lange Zeit – immer im Ungewissen ob wir doch noch mitkommen können – denn eigentlich sei die Maschine voll. Zuletzt werden wir zur ersten Flug-Etappe zugelassen, also bis Ghardaia. Der Weiterflug sei aber bereits ausgebucht und deshalb unsicher. Dabei hatten wir uns gestern bereit erklärt für diesen ersten Teil der Reise noch die „Dienste“ des Reisebüros im Anspruch zu nehmen. Der Vertreter kommt nach den Reklamationen von Ric zum Flugplatz, mit lauter Lügen, Freundlichkeiten und Entschuldigungen, kann aber zuletzt doch nichts für uns in Ordnung bringen.

Kaum sitzen wir endlich im Flugzeug, müssen wir wegen „technischer Störung“ wieder aussteigen. Die weitere Stunde Wartezeit verbringen wir mit  Geldwechseln. Gioia gibt die soeben gegen Schweizerfranken eingetauschte Dinars zurück, weil sie an einem Schalter unmittelbar daneben für Travellers Checks erheblich mehr bekommen kann. Offenbar ist der zuerst von ihr benützte Schalter die Algerische Nationalbank.

Endlich können wir abfliegen. Nach einer weiten Kurve über das wolken-verhangene Meer dreht die Maschine ab nach Süden. Algerien ist flächenmässig das grösste Land auf dem afrikanischen Kontinent. Von Algiers nach Tamanrasset, i äusssersten Süden des Landes, ist es gleich weit wie von Algier nach Amsterdam – in der Luftlinie 1600 km. Wir fliegen in vier Etappen: Ghardaia, dann über den Grand Erg Oriental (Erg = Sand), ab Amenas über eine stets farbiger und aufregender werdende Landschaft mit ockerfarbenem Sand und schwarzen Felsbergen nach Djanet und zuletzt erreichen wir Tamanrasset.

Der beim Abflug noch wolkige Himmel ist im Süden blau und die Temperatur am Boden sehr warm. In der Luft dagegen ist es kalt, denn es gibt keine gute Heizung in unserem Motorflugzeug.

Tamanrasset überrascht als wichtiges Handels-Zentrum mitten in der weiten Wüste. Nach dem endlos lang scheinenden Etappenflug über gelb-roten Sand aus dem stellenweise schwarze Felsen aufragen – hier plötzlich eine Stadt voller Menschen: würdevolll wandelnde Gestalten, ausschliesslich Männer, in leuchtend blauem, bodenlangem Gewand und weissem Turban. Vom Turban wird ein Teil über den Mund geschlungen, so dass nur die Augen hervorblitzen. Frauen sind keine zu sehen.

Vom hiesigen Vertreter des nationalen Reisebüros (ATA = Agence Touristique Algerienne), lassen wir uns das vorgesehene Reiseprogramm neu offerieren.

Nach dem Abendessen wollte ich eigentlich bald schlafen gehen – statt dessen tanze ich dann aber wie wild mit den beiden Damen in einer Art Schuppen beim Eingang des einfachen Hotels, während Ric sich draussen in einem Liegestuhl ausruht.

Ausser uns drei Schweizern hat es in diesem Bar-Schuppen ausschliesslich Männer. Vor dem Erscheinen der beiden Schweizerinnen haben die Männer wohl oder übel zusammen tanzen müssen. Gleich stürzen sich mehrere von ihnen auf Monica und Gioia, kaum habe ich mit den Frauen getanzt. Nun wollen einige Männer sogar mit mir tanzen, doch unter den gegebenen Umständen verzichte ich auf das Vergnügen.

Wir erhalten auch Reise-Angebote, unter anderem von einem Mann, der sich als  Boumedienne vorstellt. Er sei Cousin des Staatspräsidenten und Leiter einer geologischen Mission von 800 Leuten, davon 62 Russen. Da könnten auch wir mitkommen. Tatsächlich spricht dieser Mann ganz ordentlich Russisch, was ich ausprobiert habe. Was wir aber am nächsten Tag erfahren – er ist Chauffeur für einige Geologen.

Mittwoch, 24. November 1971  (Tamanrasset)

Wir einigen uns definitiv auf das vom lokalen ATA-Vertreter neu berechneten Programm für unsere Reise. Nun kostet es viel weniger, als dafür in Algier vom Hauptsitz der ATA verlangt wurde.  Bald danach erscheint ein Mann, ganz in Weiss. Von ihm zu sehen sind fast nur seine grossen dunklen Augen.  Der uns  für die ganze weitere Reise zugeteilte Abdallah ist uns sofort sympathisch.

Der erste Tag mit Abdallah steht im Zeichen des berühmten Père Foucault.

Charles de Foucauld, 1858 als Sohn einer der reichsten Familien von Frankreich geboren, führte ein ebenso abwechslungsreiches, wie auch abenteuerliches Leben. In der Schule war er der Schlechste seiner Klasse, im Militärdienst wurde er mehrmals bestraft und zuletzt unehrenhaft entlassen.

Er erbte den Adelstitel als Graf, zusammen mit einem beträchtlichen Vermögen. Dieses verjubelte er mit Prostituierten und Trinkgelagen.

Obwohl Foucault sich in jungen Jahren bewusst von jeglicher Religiosität und Kirche distanziert hatte, befreundete er sich mit einem Rabbiner, der nach einem vorherigen ausschweifenden Leben streng religiös geworden war. In seiner Begleitung reiste Foucauld nach Marokko, damals für Christen hermetisch abgesperrt, nicht aber für Juden. Deshalb gab sich Foucault als russischer Rabbiner aus. Er begann die Thora zu lesen und interessierte sich gleichzeitig immer mehr für den Islam. Nur mit einem Kompass ausgerüstet, durchquerte er das Atlas-Gebirge, damals noch ein weisser Fleck auf den Landkarten.

Foucauld wurde religiös und entschied sich zuletzt zum Christentum, obwohl ihn der Islam lange Zeit stärker beeindruckt hatte. Fortan versuchte er zwischen den beiden Religionen zu vermitteln.

Als Einsiedler liess er sich in Tamanrasset nieder, in der Wüste am Fuss des Hoggar-Gebirges. Der einstige Karawanen-Stützpunkt lag an der wichtigsten Piste zur Durchquerung der Sahara. Hier lebte schon damals das islamische Nomadenvolk der Tuareg. Focault publizierte ein 2000 Seiten umfassendes Wörterbuch ihrer und der französischen Sprache.

1916 wurde Foucauld in den Wirren des ersten Weltkrieges, der sich bis in die Wüste Sahara ausgewirkt hatte, versehentlich erschossen.

(Nachträglich entnehme ich aus dem Internet: Basierend auf den von Foucauld schriftlich hinterlassenen Regeln für ein Leben als Mönch sind neun religiöse Orden entstanden. 2005 wurde „Père Foucauld“ vom Papst selig gesprochen).

Im Landrover bringt uns Abdallah zur Eremitage des Père Foucauld. Der Bau aus rotem Ton ist recht schmal, weil die quer gelegten Schilfhalme, die das Dach bilden, nur eine gewisse Länge haben. Der Boden besteht aus grobkörnigem Sand. An einem Ende des langen Gebäudes der kleine Altar – am gegenüber liegenden Ende schlief Foucauld.

Die Eremitage war seinerzeit das erste gemauerte Haus in dieser Nomaden-Gegend. Erbaut wurde sie im Jahre 1908, am Ufer eines seither ausgetrockneten Flusses.

Wir plaudern mit einer der „Petite Soeurs de Jesus“, die einen Orden bilden, der basierend auf den von Père Foucauld hinterlassenen Regeln nach dessen Tod gegründet worden ist.

Die Ordens-Schwestern enthalten sich jeder Missionstätigkeit und bilden nur eine „présence“. Sie erhalten sich durch handwerkliche Arbeiten und gelegentlich arbeitet eine dieser Frauen – mit dem angesichts ihres Alters etwas komisch werkenden Namen der „kleinen Jesusschwestern“ – als Aushilfe im hiesigen Spital.

Anschliessend werden wir vom Priester der winzigen christlichen Gemeinde (ausschliesslich Europäer, rund 30 Personen) nett empfangen und in  ein „Bourj“ geführt – die Festung in welcher Père Foucauld während des Ersten Weltkriegs die letzten Monate seines Lebens verbrachte.

Anschliessend fahren wir hinaus in die Wüste, diese faszinierende Landschaft der Formen und Farben. An verschiedenen Stellen zeigt uns Abdallah interessante „gravures rupestres“, mit hellen Ockerstrichen auf  dunklen glatten Grantiwänden angebrachte Zeichnungen. Abgebildet sind verschiedene, gut erkennbare Tiere aus der Zeit der noch grünen Sahara und gelegentlich Reihen von Schriftzeichen.

Heimfahrt beim Sonnenuntergang. Ich kaufe 3 Meter Baumwolltuch als Turban und als Staubschutz. Statt im Hotel, in dem wir übernachten, essen wir besser und billiger im kleinen Restaurant der hiesigen Karawanserei. Für uns Vier zusammen kostet das umgerechnet nur Fr. 12.-.

Donnerstag, 25. November 1971  (Tamanrasset – Tuareg-Siedlung)

Um 7 Uhr fahren wir los. Abdullah ist ein denkbar angenehmer Chauffeur und Reisebegleiter. Er macht auf den Rastplätzen herrlichen grünen Tee. Wir fühlen uns gut bewacht von seinen aufmerksamen und freundlichen Augen, die zwischen dem weissen Kopf-  und Mundschutz-Tuch hervorblitzen. Gemessen, aber eifrig tätig bewegt er sich er auf dem Rastplatz im bodenlangen, weissen Gewand, das zwischen den Falten seinen überschlanken Körper erkennen lässt.

Wir fahren durch wechselvolle Landschaften – ockerfarbene Sandflächen, dann  Hügel aus glatten, dunklen, schwarzen Granitkuppeln auf denen. scheinbar schwebend, grosse vom Sand abgeschliffene Steine und manchmal ganze runde Felsklötze liegen.

Dann fahren wieder durch ein Oued (ausgetrocknetes Flussbett), in dem  verdorrte Sträucher vegetieren. Gelegentlich zeigen sich Gewächse mit frischgrünen, breiten Blättern. Diese grossen Büsche haben in Dolden zusammenstehende violette Blüten und grüne, luftgefüllte, ballon-artige Früchte. Abdallah reisst eine solche auf, damit ich die Fasern im Innern und die austretende Milch fotografieren kann.

Dann zeigt er mir ein Kraut mit dem die Tuareg ihre Hände waschen. Er zerreibt ein kleines Stück und sagt, ich solle ihm dabei etwas Wasser über die Hände giessen. Es beginnt gleich wie Seife zu schäumen.

Wir rasten unter einem schattenspendenden Baum. Gleich kommen Tuaregs aus der benachbarten kleinen Siedlung. Eine sehr dicke Frau stillt ihr Kind aus unwahrscheinlich üppigen Brüsten. Monica beginnt mit ihr einen lebhaften Tauschhandel, dann mit Männern, die später eintreffen. Armbänder und Anhänger werden gegen Maria Theresia-Taler eingehandelt. Ric hatte jedem von uns als Reisegeschenk zehn dieser historischen und hier hochgescätzten Taler mitgebracht hat und uns in ledernen Beutelchen überreicht.

Am frühen Abend erreichen wir eine Siedlung aus Schilfhäusern, das Winterquartier der Tuareg. Hier lebt Amenokal, der Tuareg-König, den wir besuchen wollen.  Er ist aber krank und wir wissen nicht, ob er uns empfangen kann. Abdallah fährt einen weiten, respektvollen Halbkreis um die Siedlung und parkiert vor der äussersten Hütte. Dort warten wir, bis zwei Gestalten auf uns zukommen. Gegenseitig stellt man sich vor, wobei Abdallah übersetzt.

Dann betet einer der beiden Männer, wobei er sich rituell mit Sand wäscht, niederkniet und mit der Stirne gegen Mekka gewendet den Boden berührt. Wir sitzen den Tuaregs schweigend gegenüber bis endlich in einer grösseren Schilfhütte eine Türe aufgeht. Dies ist das Zeichen, dass der Amenokal uns nun empfangen will. Er sitzt auf einer Decke – ein alter Mann in schwarzer Kleidung, der uns aus fast blinden Augen prüfend mustert. Nach Händedrücken setzten wir uns auf eine daneben ausgebreitete Decke, wobei wir der Sitte gemäss die Schuhe ausziehen.

Ric übergibt dem König die automatische Uhr mit blauem Zifferblatt, der Lieblingsfarbe der Tuareg. Dann behandelt Gioia die entzündeten Augen des alten Herrschers mit der von ihr mitgebrachten Augensalbe und gibt ihm Schlaftabletten, da er über Schlaflosigkeit klagt. Wir wussten bereits vom italienischen Arzt im Spital von Tamanrasset – den Gioia und ich aufgesucht hatten – dass der Amenokal zuckerkrank ist. Wir erfahren nun, dass er mit seinem „Marschall“ in die Schweiz fahren soll zur Spitalpflege in Bern.

Welch fürchterlicher Gedanke, dass der alte Mann diese Reise und die für ihn damit verbundenen Anstrengungen auf sich nehmen und voraussichtlich in einer für ihn beängstigend fremden Umgebung sterben wird. Er kann nicht einmal arabisch sprechen – und nun soll er in ein mehrstöckiges, gemauertes, schweizerisch perfektes Krankenhaus kommen!

Zum Fotografieren ist es längst zu spät infolge der zeremoniell langsamen Abwicklung der Gespräche. Man stellt uns eine der Schilfhütten zur Verfügung.

Mit Hilfe von mitgebrachtem Butagas kann Abdallah eine wohlschmeckende, warme Mahlzeit zubereiten: Spaghetti mit Tomaten und Pimento-Paste und anschliessen gibt es den rituellen Grüntee.

Ein kleiner Junge, Mohammet, sitzt bei uns, schweigend, mit dunklen, weit aufgerissenen Augen. Man hat uns gebeten, ihn nach Tamanrasset mitzunehmen, zu seinem Vater, der krank ist und in einem Spital auf seinen Sohn wartet.

Ich versuche mit den Anderen im Schilfhaus zu schlafen, lege mich aber später mit dem Daunenschlafsack alleine im Freien, unter zahllosen Sternen, in den Sand. Es ist zwar kalt, aber ich bin bis auf die Nasenspitze eingepackt und friere nicht.

Freitag, den 26. November 1971  (Tuareg-Siedlung – Tamanrasset)

Rückfahrt nach Tamanrasset. Am Flugplatz warten wir vergeblich auf die versprochene Ankunft von Youssfi. Das Flugzeug musste wegen einem Sandsturm nach Algier zurückfliegen.

Die kluge Monica hatte eine Wette abgeschlossen gegen Ric, der nach ihrer Meinung zu leicht glaubt, was ihm gewisse Menschen sagen. Es ging darum, ob Youssfi tatsächlich kommen würde. Nun hat Monica einen Maria -Theresia -Taler gewonnen.

Am Nachmittag bringt Abdallah Ric zur Sicherheit nochmals zum Flugplatz, nachdem er die beiden Damen und mich in seinemHaus abgeladen hat. Hier werden wir als Ehrengäste empfangen. Die jüngere Schwester von Abdallahs Frau hat ein grünglänzendes Festtagskleid angezogen und kichert aufgeregt. Ihr Kopf ist umringt von kleinen, vorstehenden Zöpfchen.

Die schwarzgekleidete Schwiegermutter hockt am Boden und wäscht den kräftigen zweijährigen Sohn von Abdallah. Wir warten lange – ohne Schuhe – auf den für uns ausgebreiteten, farbig gestreiften Wolldecken am Boden sitzend. Der Boden des ganzen Hauses besteht aus sauberem Sand.

Der zeremonielle Tee wird serviert. Jeder erhält dreimal sein winziges Glas vollgeschenkt. Jedesmal wenn alle ausgetrunken haben werden die Gläser eingesammelt und  Tee für die nächste Runde in zwei kleinen, blau emaillierten Eisen-Kännchen frisch zubereitet. Dabei wird der Tee mehrmals mit einem hohen Strahl demonstrativ von einer Kanne in die andere gegossen, bis er fast schaumig wird. Der Zucker ist schon drin – er besteht aus Stücken, die von einem Zuckerhut abgeschlagen wurden.

Endlich erscheint die schöne, obwohl kleingewachsene Frau von Abdallah. Sie war bei Nachbarn, half bei Hochzeits-Vorbereitungen. Sie zieht eilends ihr Festkleid für uns an. Abdallah trifft ein und kleidet sich ebenfalls festlich, um sich für die Polaroid-Foto vorzubereiten. Er will der Familie seiner aus Djanet stammenden Frau dieses Bild überbringen.

Die ganze Nachbarschaft nimmt lebhaften Anteil an der Fotografiererei. Die Mädchen verschwinden und sind plötzlich alle wieder da, nun in ihren Festkleidern. Fotografieren lassen sie sich aber nicht und laufen kreischend davon, wenn ich das Objektiv gegen sie richte. Abdallah erklärt den Grund der Angst: Falls nämlich ein Mädchen auf einer Postkarte erkannt wird, hat es keine Chancen mehr, je einen Mann zu finden.

Ich hatte den Zusammenhang bereits erklärt bekommen: Nach dem Koran muss eine Frau von Kopf bis Fuss völlig verschleiert sein, damit kein Blick eines Mannes auf sie fällt, sonst ist sie „berührt“ und gilt nicht mehr als keusch gebliebene Jungfrau.

Gioia und ich fotografieren vor dem Haus Kamele, die mit unter dem Bauch zusammengelegten Beinen am Boden liegen (oder soll man sagen sitzen) und dabei von blau gekleidete Männer aus hingehaltenen Schüsseln gefüttert werden. Die Tiere fressen mit hoheitsvollem Ausdruck, ohne aufzustehen. Wir erfahren, dies seien unsere für den nächsten Morgen bestellten Kameltreiber und ihre Tiere.

Ich verziehe mich alleine auf einen windigen Hügel, um den Sonnenuntergang fotografieren zu können. Es ist nicht einfach, von den beiden fast allzu netten  Damen loszukommen.

Samstag, 27. November 1971  (Tamanrasset)

Um sieben Uhr geht es los mit dem Kamelritt zur „Source Chapuis“ – drei Stunden hin und drei zurück. Wir kommen vorbei an seltsam geformten Bergen, gerippte Basaltzylinder, die senkrecht aufragen – am Fuss dieser Berge Stein-Kegel aus abgebröckeltem Material.

Die Quelle ist an einem Berghang gefasst – natürliches Sprudelwasser, das sehr gut schmeckt. Die Kameltreiber bereiten Tee, den wir in der üblichen Form geniessen, nacheinander drei kleine Gläschen.

Dann gehe ich alleine zu Fuss voraus durch die Wüste. Von einem kleinen Berg aus braunrotem Gestein überschaue ich die weite Ebene mit dem Oued (Trockenfluss) in dem einzelne vertrocknende Büsche und dornige Bäume zu sehennsind.  Glücklich geniesse ich lange Zeit völlige Einsamkeit bis die Kamel-Karawane ankommt.

Auf dem letzten Teil des Weges reite ich wieder. Es ist auf den Kamelrücken recht kühl und wir müssen uns eng in die malerischen Wolldecken einhüllen, die sich unter den Sätteln befanden. Ein starker Wind bläst und Staubwolken vernebeln die Sicht. Die Damen sprechen nachher von ihrem Erlebnis des „Sandsturms“.

In Tamanrasset bezahlen wir im lokalen Touristenbüro den Reisetag mit den Kameltreibern und ihren Tiere – eine viel geringere Summe als es durch Vermittlung des Hauptsitzes in Alger gekostet hätte. Abdallah geht mit uns Lebensmittel einkaufen. Dies geschieht auf Kosten der Reiseorganisation und Abdallah ist nicht zu sparsam, weiss er doch, dass er den nicht verwendeten Rest am Schluss für sich behalten kann.

Nach dem angenehmen Duschen im Hotel essen wir wieder in der Karawanserei. Man serviert uns Suppe, Ragout und Kartoffeln, Tomatensalat, Datteln und Tee. Das kostet pro Person 4 Dinar, ca Fr. 3.-

Soeben habe ich auf der Terrasse nachgesehen: die vorhin von mir gewaschenen Sachen sind – während wir gegessen haben – schon fast trocken geworden. Selbst nachts ist hier die Luft sehr trocken – ich finde das sehr angenehm.

Sonntag, 28, November 1971  (Tamanrasset – Ideles)

Wir fahren bei herrlich klarem Wetter durch malerische Landschaften zur zweiten, der beiden nacheinander Père Foucauld bewohnten Eremitagen. Die Berge ragen auf mit senkrechten Rippen über kegelförmigen Schutthalden. Die Wüste ist mit dunkelbraun-roten Steinen bedeckt, machmal lauter faustgrosse, manchmal grössere oder kleinere, aber alle haben runde Formen und eine glatte Oberfläche. Offenbar werden sie durch den mit Sand vermischten Wüstenwind geschliffen.

Auf der Unterseite sind die dunklen Steine ganz hell, ockerfarben. Offenbar oxydieren sie infolge der starken Sonnenbestrahlung. Die von Steinen befreite Piste zieht sich als helles Band durch die Landschaft. Die Felsen sind jedoch kupferrot bis schwarz. Ausser den senkrecht gerippten Felsen hat es manchmal bizarre Rundformen, wie riesige Eier, die rot aus der dunkleren Steinwüste, oder aus dem helleren Sand aufragen.

Wir schlängeln uns eine Pass-Strasse hinauf, vorbei an einem einsamen DKW  mit Berner Nummer und aufgemalter Route bis Johannesburg. Hier hat die Reise offenbar ein unerfreuliches, vorzeitiges Ende gefunden, mitten in der Einsamkeit.

Der Assekrem ist mit seinen 2800 Meter der höchste aus dem Hoggart-Gebirge aurende Gipfel. Auf der flachen Kuppel des Berges, findet sich die zweite für Père Foucauld erbaute. Sie ist noch kleiner, als seine erste unten in der Ebene. Wir klettern die letzten 200 Meter von der Passhähe der Strasse zum Assekrem-Gipfel zu Fuss einen steilen Pfad empor und bringen dem „Petit Frère de Jesus“, Jean-Marie, Lebensmittel, die uns eine der „Petite Soeurs de Jesus“ für ihn mitgegeben hat.

Vom Hochplateau öffnet sich eine herrliche Aussicht auf die bizarren Formationen des Hoggart. Auf dieser Höhe soll es selbst im Sommer nie wärmer werden als 25 Grad. Jetzt ist es bissig kalt. Wir sind froh, dass wir nicht hier oben auf dem Assekrem übernachten müssen.

Wir fahren hinunter in eine weite Ebene und nach einer Fahrzeit von drei Stunden erreichen wir das Oasendorf Ideles – gerade rechtzeitig zu einem herrlichen, schwefelgelben Sonnenuntergang .

Im Verlauf des Tages, hält Abdallah mehrmals an, damit wir Gruppen von Gazellen beobachten konnten. Abdallah brachte uns auch zu zwei Gueltas – Wasserstellen mit Schilf und umgeben von Oleanderbüschen – mitten in der Wüste. Sehr starke Erlebnisse, plötzlich dieses Grün und Leben in der gewaltigen Einöde. Eine Ente schwirrt plötzlich auf – Vögel zwitschern.

Zuletzt erreichen wir Ideles, eine Oase bewohnt von 400 Personen. Mit selbstverständlicher Gastfreundschaft stellt man uns eine Schlafgelegenheit zur Verfügung. Durch das Tor in einer Mauer gelangen wir in einen offenen Hof, dann in einen mit dünnen Balken und darüber gelegten Schilf überdachten Teil, wo wir übernachten werden.

Beim Tagebuch-Schreiben werde ich unterbrochen. Ric holt mich zu einem Tamtam- und Tanz-Fest, das die Kinder im Sand, mitten in der Siedlung aufführen. Sie tanzen herrlich, die Buben wild, die Mädchen schlingen dagegen mit Tüchern ihre Röcke eng zusammen und wackeln rhythmisch und gekonnt mit ihren kleinen Popos.

Nach dem leckeren, von Abdallah zubereiteten Abendessen, das wir aus der gemeinsamen Schüssel löffeln, gehen wir nochmals zum Tanzplatz. Jetzt sind es Erwachsene, die auf einer Jerry Can Rhythmen schlagen und dazu eintönig singen. Majestätischen Gestalten, die Männer in langen weissen Gewändern und weissem Turban auf dem Kopf, dagegen die Frauen ganz schwarz gekleidet, statt einem Turban ein schwarze Tuch über den Kopf gebunden. Es wirkt seltsam wie sie im Mondschein unerwartet erscheinen, herannahen und dann in die dicht aneinander gedrängte Menschengruppe eintauchen. Ich fühle mich wohl bei diesen freundlichen Nomaden, so ungewöhnlich sie mir auch vorkommen. Wie schade, dass die „Zivilisation“ wohl bald stärker hierher reichen und dann diese uns fremde Welt zerstören wird.

Montag, 29. November 1971  (Ideles – Camping in der Wüste)

Gegen drei Uhr morgends spüre ich immer stärkere Magen-Beschwerden und allgemeines Unwohlsein. Nur mit Mühe finde ich im Koffer Klopapier. Den Schlafsack um die Schultern gehängt, gehe ich durch die sehr kalte Nacht aufs Klo: ein Loch im Boden, von einer niederen Mauer umgeben, und entlade mich von einem schlimmen Durchfall. Gegen fünf Uhr ist es noch ärger – Gioia will besorgt wissen, was denn los sei mit mir – aber ich kann ihr nicht antworten – ich gelange nur noch bis zum Vorhof, wo ich mich in den Sand übergebe.

Bis zur Abfahrt unseres Landrovers muss ich mich auf ein Bündel Zement-Röhren legen. Die Fahrt ist nachher ziemlich schlimm. Beim Pausenhalt erhole ich mich jeweils ein wenig, habe jedoch den Zeitbegriff verloren. Ich kann es Monica kaum glauben, die mir später versichert, wir hätten das eine Mal eine Stunde und das andere Mal 40 Minuten angehalten – ich wanke nur aus dem Wagen, lege mich mit meiner Decke auf den Sand und weiss nichts mehr bis zur Weiterfahrt.

Abends geht es mir etwas besser. Ich ordne meine Gedanken im Zelt, das die Frauen für mich an einem Baumstrunk aufgespannt haben.  Alle Symptome sind gleich, wie seinerzeit bei meinem ersten Malaria-Anfall im Kamerun im Dezember 1968,. Eine eventuell neu ausbechende Malaria will ich hier auf keinen Fall riskieren. Das darf  ich weder den Anderen noch mir selber gegenüber zumuten, besonders während der ab Djanet geplanten 5-tägigen Wanderung im Tassili-Gebirge. Ich beschliesse, von Djanet heimzukehren, also genau eine Woche vor den Anderen

Ich liege entspannt unter meinem Zeltdach, höre die Anderen schwatzen und lachen. Sie haben beim nächsten Baumstrunk ein Feuer gemacht. Später stehe ich auf und setze mich ein wenig zu ihnen, trinke wieder einmal die drei winzigen Gläschen, die Abdallah in Abständen mit seinem würzigen, süssen Tee füllt. Schmeckt besonders gut, nachdem ich den ganzen Tag gefastet habe. Herrlicher Mond! Sehr eindrücklich dieses Biwak in der Wüste.

Dienstag, 30. November 1971  (Wüstenbiwak – Djanet)

Die Nacht ist kalt, aber dank meiner Bekleidung mit Trainer über Unterwäsche, Pullover, Ski-Starterhosen, Roger-Staub-Mütze und Skifäustlingen – und im Daunenschlafsack eingemummelt, der auf einer Wolldecke liegt – ist es im Zelt erträglich. Jedenfalls fühle ich mich wieder ziemlich wohl.

Die Anderen übernachten im Freien. Die beiden Frauen schlafen mit der kleinen Tanini als grosses Paket zusammengenuschelt. Tanini ist die Tochter von Abdallah, die er zu ihren Grosseltern nach Djanet bringen wird. Ric und Abbdallah schlafen einzeln, nahe vom Landrover.

Um 06.30 fahren wir los. Heuten kann ich die Fahrt besser geniessen als gestern. Oft sehe ich schwarze Kegel, wohl vulkanischen Ursprungs, die sich aus dem Urgestein erheben, das nur mit einer dünnen Schicht von Kies oder Sand bedeckt zu sein scheint. Immer wieder kommt diese graugrünliche Urgestein-Schicht zwischen dem ockerfarbenem Sand oder den Kies-Steinchen hervor. Manchmal hat es auch grosse, dunkle Granitfelsen, die  aus der ebenen Weite aufragen.

Abdallah hält vor dem Wrack eines neuen Landrovers, in dem vor 2 Monaten eine Jerry Can explodierte. Elf Kinder waren von Djanet unterwegs nach Tamanrasset in die Oberschule (sixième classe). Sie mussten dann zu Fuss etwa 60 Kilometer weit gehen, bis sie aufgefunden wurden. Ich nehme den Deckel der Jerry Can mit für Daniel Spoerri. So wie ich ihn kenne wird er dieses bedeutungsvolle Teilstück gerne in einem seiner dreidimensionalen Kunst-Werke verwenden.

Auf dem letzten Teil der Fahrt nach Djanet benützen wir nicht die auf der Karte angegebene Piste, sondern durchqueren hohe Sanddünen. Der Wagen schlingert stark. Trotz perfekter Beherrschung seines Fahrzeuges muss Abdallah mehrmals neu starten, bis er im 4-Rad-Antrieb weiterkommt.

Wir halten zur Mittagsrast mitten im Sand. Hier ist es seltsamerweise gar nicht heiss, trotz der blendenden Helle, ja im Schatten des Wagens – wo ich mich vorsichtigerweise hinlege – sogar eher kühl. Abdallah und Tanini ziehen ihre Festtagskleider an und sind die letzten zwei Stunden bis Djanet richtig übermütig vor Freude.

Aus der Sand-Ebene kommen wir in die Ausläufer des Tassili Gebirges und erreichen die Palmen-Oase Djanet, die sich zwischen zwei Bergzügen erstreckt. Die weissen Häuser sind auf den dukeln Felshängen errichtet. Djanet wirkt viel ursprünglicher als die wasserarme, palmenlose Durchgangsstation Tamanrasset, mit ihrem aus dem Sudan importierten Baustil. Es ist seltsam, wieder viele Menschen zu sehen.

Mittwoch, 1. Dezember  (Djanet – Algier)

Ich liege auf einem harten Hotel-Bett, halb wach, halb dösend. Ab 3 Uhr beginnen zahllose Hähne zu krähen0 – auch Esel und Ziegen geben Laute von sich, die aus der Oase zu uns heraufsteigen. Wir befinden uns in einem Hotel bei der halb zerstörten militärischen Festung, auf dem die Siedlung beherrschenden Hügel.

Ich verabschiede mich von den Reisegefährten und danke Ric für die vielen Erlebnisse, die er mir ermöglich hat. Eigentlich waren es nur wenige Tage, die mir aber dank dem Reichtum an Eindrücken als eine wesentlich längere Periode erschienen.

Beim Flug über die mir vertraut gewordene Wüste  kann ich nun mit Sicherheit unterscheiden, was Steine sind und was Sträucher in den Oueds. Besonders interessant sind die helleren Verästelungen der Trockenflüsse im fast schwarz gebrannten Gebirge. Später löst das endlos scheinende Sandmeer mit seinem regelmässigen Muster der rosa-gelben Dünen-Wellen die dunklere Berg- und Schotter-Wüste ab.

Zwischenlandung in Amenas, dem Zentrum der Petrol-Industrie. Am fernen Horizont einige rote Punkte (Flammen), denen widerliche, schwarze Rauchfahnen entsteigen. Das kleine, aber moderne Flughafen-Gebäude – umgeben von ein paar älteren Bauten – steht mitten in einer von Menschen verschmutzten Wüstenlandschaft. Oelfässer, Autoteile usw. liegen im Sand herum.

Ein junger Mann beobachtet mich (wohl etwas misstrauisch) beim Fotografieren und spricht mich an. Ich gebe mich als harmloser, interessierter Tourist, sodass er mir zuletzt sogar eine der Wohnbaracken zeigt, in denen das Flughafen-Personal wohnt. Er selber sei der Flugplatz-Kommandant. Die Baracken sind jeweils für eine Person bestimmt, haben zwei Räume und in der Mitte eine Dusch- und eine Kochzelle.

Diese Baracken werden – wie ich einem Schild entnehme – in Casablanca hergestellt. Mein Begleiter erzählt mir, sie würden auf Achse über die Piste hierher geschleppt. Die Wände sind aus isolierendem Kunststoff. Es hat Aircondition-Anlagen, weil es im Sommer tagsüber 45 – 50 Grad heiss werde – bei dieser trockenen Hitze sei das zwar nicht unerträglich. Es hat aber auch eine elektrische Heizung – nachts im Winter falle das Thermometer bisweilen sogar unter null. Selbst im Sommer seien die Nächte kühl.

Weiter erfahre ich, es habe in diesem Gebiet rund 1000 Männer – Frauen sind nicht zugelassen. Nach 2 Monaten Arbeit, jeweils 2 Wochen Ferien mit Gratisflug. Die Baracken werden kostenlos gestellt. Es habe auch ein Kino und ein Schwimmbecken mit Olympia-Format. (Wie viel Wasser da wohl verdunsten muss ?). Das Wasser wird aufbereitet, weil es aus ca 150 Meter Tiefe unter einer Petrolschicht heraufkommt und zunächst schlecht schmeckt. Ich trinke etwas Wasser aus dem Hahn in der Baracke und es schmeckt wirklich tadellos.

Nach einem weiteren Zwischenhalt in Ghardaia, der grossen Wüsten-Oase, hat es Wolken und so kehre ich in den Norden und die Kälte zurück. Bei der Landung in Algier bemerke ich, dass überall der Boden spiegelt – Wasser steht auf den Feldern! Ich erfahre, es habe so ungewöhnlich stark geregnet, dass die Verbindung vom Flughafen zur Stadt zwei Tage unterbrochen blieb. Welch Gegensatz zum angenehmen, trockenen Wüstenklima. Ich empfinde sofort die Feuchtigkeit als störend.

Im Hotel St. Georges ist kein Zimmer für mich frei – vielleicht bin ich nicht elegant genug gekleidet. Ich bin jedoch froh darüber, da mir das zum Beginn der Reise benützte Hotel wenig gefallen hatte.  Ich hole meine hier zurückgelassenen  Kleidungsstücke, die gewaschen worden sind. Der Portier will dafür keine Bezahlung annehmen, wohl weil er mir kein freies Zimmer geben kann. Er will mir dann doch noch eines „finden“, aber ich winke ab und fahre im Taxi ins Zentrum, wo mir im dritten Hotel (Michelet) ein billiges aber anständiges Zimmer zugewiesen wird.

Lange gehe ich noch spazieren – obwohl etwas müde – und klettere in der Casbah steile, schmutzige Stufen empor, zwischen malerischen gewinkelten Häusern. Weit hinauf und dann aus diesem menschliehen Ameisenhaufen wieder hinunter zum Meeresufer.

Nach einigem Wählen zwischen den zahllosen kleinen Restaurants, die unwahrscheinlich billiges Essen angeschrieben haben, entschliesse ich mich endlich zu einem relativ vertrauens-erweckenden. Das Essen ist dort wirklich sehr schmackhaft und die halbe Flasche algerischen Weines – weniger gibt es nicht – hilft mir, die lärmige Fernseh-Uebertragung eines Fussball-Matches (offenbar aus Deutschland) als kaum störend zu empfinden. Die anderen Gäste – wie überall ausschliesslich Männer – gucken übers Essen hinweg mit gebanntem Interesse auf die Flimmerscheibe.

Trotz meiner Uebermüdung kann ich nach dem langen Tag nicht gleich einschlafen und lese im Hotelbett eine algerische Propagandaschrift, die das verbesserte Schulwesen beschreibt, sowie die Rohöl-Lieferungen Algeriens.  Erdgas wird nach den U.S.A. verschifft in flüssiger Form (bei 160 Grad unter Null) in einem Riesentanker, der einer schweizerischen Holding gehört.

Donnerstag, den 2. Dezember 1971 (Algier – Milano)

Flug nach Rom – von dort nach Mailand. Bald bin ich wieder zuhause im Tessin. Ich fühle mich glücklich, besonders weil mein starkes Unwohlsein zum Schluss der Reise nur eine vorübergehende Störmung war und nicht eine erneute Malaria-Erkrankung, wie ich befürchtet hatte.