Rede zur Abdankung von Madja Ruperti

Sascha Draeger war ein langjähriger Freund von mir, sowie meiner ganzen Familie. Im Dezember 1981 hielt er anlässlich der Abdankung meiner Mutter die nachfolgend wiedergegebene, einfühlsame Rede. Sascha ist seither selber gestorben.

Madja Ruperti wurde am 13. Mai 1903 in Moskau geboren. Am 5. Dezember l98l, am vergangenen Samstag, ist sie hier in Basel im Clara-Spital gestorben.

Als Kind besuchte sie in Moskau eine deutsche Schule, und in der Revolutionszeit – damals bereits ein junges Mädchen – floh sie mit ihrer Familie nach Dresden. 1923 – also mit zwanzig Jahren – heiratete sie dort André Ruperti, den sie seit ihrer Kindheit kannte, denn ihre und seine Familie waren eng miteinander verbunden gewesen.

André war als junger russischer Offizier aus dem Bürgerkrieg nach Deutschland gekommen und begann in Dresden Chemie zu studieren. Madja gab ihm Deutschunterricht. Zwischen 1924 und 1928 wurden Ivan, Marischa und Karin Ruperti geboren Nach Beendigung seines Studiums zog André 1928 mit seiner jungen Familie nach Kanada, um sich dort eine Existenz zu schaffen. Karin wurde dort geboren. Aber bereits ein Jahr später wurde er von der Firma CIBA nach Europa zurückberufen, und die Familie liess sich 1929 in Basel nieder, wo sie seither ansässig ist, 1935 das Bürgerrecht erwarb und wo André bis zu seiner Pensionierung als Chemiker arbeitete.

Diese biographischen Daten mit Farbe zu erfüllen und über das Leben Madjas in dieser Zeit zu berichten, vermag ich nicht – erstens weil ich darüber nichts – oder nur wenig weiss, und zweitens weil dies alles in einer Autobiographie nachzulesen sein wird, die Andre Ruperti zur Zeit schreibt und die er Madjas und seinen Freunden sicher zugänglich machen wird. Es bedarf jedoch nicht viel Phantasie, sich vorzustellen dass das Leben für eine junge Frau mit drei Kindern in der Emigration schwer und opfervoll gewesen sein muss. Dass sich Madja trotzdem – oder gerade deswegen – „selbstverwirklicht“ und „emanzipiert“ hat, um hier zwei Modeausdrücke aufzugreifen, sagt etwas über ihre Natur aus und über ihren Willen, das , Leben in den Griff zu bekommen. Doch darüber wird noch zu sprechen sein.

Die Familie lebte in den dreissiger und vierziger Jahren in Arlesheim und besass, ein kleines Sommerhaus in Porto Ronco – Ausgangspunkt des späteren Lebens im Tessin, den Madja besonders liebte. Nachdem sie jahrelang für sich und die Familie genäht hatte, begann sie Ende der dreissiger Jahre zu photographieren – dies nicht etwa nur als Hobby, sondern mit durchaus professionellen Absichten.

1945 schenkte Ivan Ruperti seiner Mutter einen Farbkasten, und sie begann Malstunden zu nehmen. Sie hat über diese Etappe ihres Lebens selbst etwas schriftlich mitgeteilt: „Das war der entscheidendste Augenblick in meinem Leben“, schreibt sie. „Ich versuchte zu malen und stellte fest – es ging! Ich studierte Kataloge, Bücher, ging in Ausstellungen und reiste oft nach Paris. Immer mehr kam ich so in Berührung mit der Welt der Kunst.“ Und so fand sie – im Alter von über vierzig – ihre eigentliche Aufgabe und Berufung: Malerin zu sein.

Es ist übrigens ein interessantes Phänomen, das in der Kunstgeschichte der letzten hundert Jahre häufig beobachtet werden kann: Frauen, die kreativ werden und sich künstlerisch ausdrücken möchten, wählen den Umweg über die Photographie, um endlich zu ihrem eigentlichen Ziel, der Malerei, zu gelangen. Dort eingetroffen, empfinden sie es als Befreiung, das alte, technische Medium verlassen zu dürfen, um sich dem neuen, dem wohl wirklich Schöpferischen zuwenden zu können. Das hängt damit zusammen, dass es für Frauen sehr viel schwieriger ist, sich als „Künstler“ zu definieren, als für Männer. Viel stärker als der Mann ist die Frau bei kreativen Leistungen genötigt, gegen die eigene Selbstzensur, gegen Abhängigkeiten, Unverstand und Minderwertigkeitsgefühle anzukämpfen.

Ich glaube, dass es wichtig ist, darauf hinzuweisen, dass Madja – wie andere Künstlerinnen auch – gegen zahllose „Obwohls“ anmalte. Sie malte, o b w o h l  sie drei Kinder geboren und aufgezogen hat; o b w o h l  sie einen Mann zu versorgen und grossen Haushaltungen vorzustehen hatte , o b w o h l  sie nicht die Möglichkeit hatte, eine Akademie zu besuchen, o b wo h l  es für sie als Frau schwieriger war, Ausstellungen zu bekommen, und o b wo h l  es für sie unangenehm sein musste, sich selbst anzupreisen und zu managen. – Aber zurück zur Biographie.

Weitere Stationen in Madjas Leben waren 1957 der Kauf eines Hauses in Incella bei Brissago; später – nach der Pensionierung Andrés – der Bau eines neuen Hauses, ebenfalls in Incella; und schliesslich, Mittte der siebziger Jahre, der Kauf und Umbau einer Villa am Ortasee in Italien.

Da sich Madja und André in diesem letzten Haus nicht so wohl fühlten, wie sie gehofft und angenommen hatten, zogen sie vor anderthalb Jahren zurück nach Basel, in ein Altersheim, und Madja hat die kleine Dachwohnung und das Leben in der Stadt bis zu ihrem Eintritt ins Krankenhaus am 19. Oktober sehr genossen.

Diese Lebensstationen – von mir spröde und lückenhaft aufgelistet, weil Brauch und Sitte ihre Erwähnung verlangen – können in der Tat kein Persönlichkeitsbild geben, sondern stellen allenfalls einen äusserst groben Raster dar, der die Umrisse einer Persönlichkeit mehr ahnen als erkennen lässt. Es ist also sehr viel mehr und vor allem auch ganz anderes zu sagen, um Madja erinnernd zu beschreiben und etwas über sie mitzuteilen. Dass solche Beschreibung persönlich und subjektiv, also wiederum vorläufig und unzuverlässig bleiben muss, versteht sich von selbst. Trotzdem soll der Versuch gemacht werden.

Meine erste und letzte Begegnung mit Madja ähneln sich. Beide Male machte mir vor allem ihr Sinn für Effekte Eindruck. An den Anlass der ersten Begegnung erinnere ich mich nicht mehr – ich weiss nur, dass ein grösserer Kreis von Menschen dabei anwesend war und dass “ Madja einen gewaltigen Ring trug, der – wie ich später lernte – aus Glas und Eisen bestand und ein Modell war, das eine Enkelin angefertigt und ihr geschenkt hatte. In meiner Erinnerung sehe ich nur die Hand mit diesem Ring: Sätze unterstreichend, Signale gebend, Einwände vom Tisch wischend oder sich vor das lachende Gesicht legend.

Das letzte Mal habe ich Madja vor etwa drei Wochen im Spital gesehen. Sie war klein geworden und sah angestrengt, gequält und herzzerreissend aus; aber ihr Sinn für Effekte hatte nicht gelitten. Sie liess sich ihren feuerroten Bademantel über das Bett legen, drapierte am Kragen ein schwarz-weisses Wolltuch als Hermelinkragen und lag da wie eine schöne, alte, kranke Königin.

Nun mag manch einer die Erwähnung solcher Eindrücke als überflüssig und sogar unpassend empfinden. Ich bin anderer Meinung. Das Arrangieren wirkungsvoller Effekte war eine von Madjas grossen Begabungen, die ihr Äusseres, ihre Umgebung, ihre Häuser und auch ihre Bilder geprägt hat – und niemand nenne dies oberflächlich. Rodin hat dazu einmal gesagt: „Die Kunst ist die Sprache des schöpferischen Menschen, und der blendende Effekt ist in dieser Sprache eine wichtige Vokabel.“ Rodin versteht den Effekt also als ein Mittel und nicht als Selbstzweck.

Effekthascherei und pures Eindruckschinden sind auf die Dauer langweilig, denn wer Erwartungen weckt, muss irgendwann auch versuchen, ihnen zu entsprechen. Madja hat das sehr genau gewusst. Wer ihre Bilder betrachtet, wird feststellen können, dass er zwar zuallererst von den Farben und ihren geschickten und dekorativen Kombinationen angezogen wird, um sodann aber mit Materialien, Techniken, Räumen und Strukturen konfrontiert zu werden, mit denen er nicht gerechnet hatte. Sie verwirren und überzeugen zugleich, weil sie in hohem Masse künstlich sind und zugleich seltsam natürlich.

In fast allen Bildern Madjas kommen Materialien oder optische Ideen vor, die von der Erde genommen sind und aus realen Landschaften in die Landschaften der Phantasie transferiert wurden, um hier – ohne ihren Ursprung zu verleugnen – neue Bedeutungen zu signalisieren und zu gewinnen. 

Und damit bin ich bei etwas, was den künstlerischen Ausdruck dieser Bilder ganz wesentlich bestimmt und für Madja selbst charakteristisch zu sein schien: nämlich die sehr instinktive Beziehung zur Erde, zum Raum, zu Wasser, Steinen und Pflanzen. Ich glaube, dass dies etwas mit Russland zu tun hat. Auch in den Werken der russischen Kunst finden wir überall die starke Beziehung zur Landschaft und die Prägung des Menschen durch die Landschaft, die selbst dort noch zum Ausdruck kommt, wo Landschaft gar nicht direkt das Thema ist.

Diese Beziehung zum Natürlichen ist vielen von uns abhanden gekommen – auch vielen Künstlern leider-, und dort, wo wir sie wiederfinden, erleben wir sie mit Überraschung und Erleichterung, denn das, was uns verloren schien, ist ja in Wahrheit noch vorhanden: tagtäglich um uns herum, und eben auch in diesen Bildern.

Madja hat selbst einmal gesagt: „Mein stärkster Eindruck war die farbige Wüste in Peru, der unendlich weite Horizont. Eigentlich ist in allen meinen Bildern immer die Vision davon vorhanden. Wenn ich male, sind oft Formen und Farben aus der Natur, die in meiner Erinnerung lebendig geblieben sind, der Ausgangspunkt.“

Diese Überlegung geht über den optischen Effekt, das kompositorische Kalkül hinaus und sucht in Farbe und Form den Sinn. Damit gelangen wir zu einem weiteren unübersehbaren Merkmal der Bilder, das ebenfalls etwas über die Malerin mitzuteilen vermag. Abgesehen von den Anfängen und ersten Jahren, in denen Blumenstücke, Landschaftsbilder und Stillleben entstanden, sind alle Bilder seit den späten fünfziger Jahren abstrakt – eine Eigenschaft, die dem Wesen der Malerin auf den ersten Blick zu widersprechen scheint.

Abstrakte Kunst ist eine fragende Kunst und keine antwortende, wie ja überhaupt die moderne Kunst – auch wenn sie konkret ist – Fragen stellt und Antworten verweigert. Darum tun sich so viele Menschen schwer mit ihr, denn jahrtausendelang hat die Kunst – im Verein mit Religion und Philosophie – die Welt zu deuten und zu erläutern versucht, schuf sie Harmonie statt Chaos. Dies hat sich in unserem Jahrhundert geändert; der Künstler als Seismograph seiner Umgebung kann – will er ernst genommen werden – die Kälte, Kompliziertheit, Unordnung und Brutalität des modernen Lebens nicht ignorieren, sondern muss sie in seinem Werk widerspiegeln. Dabei findet er (und mehr und mehr auch sein Publikum) eine neue ästhetische Befriedigung im Spiel mit ungewöhnlichen Materialien, elementaren Formen und unvermischten Farben.

Diese Rückkehr der Kunst zu ihren Anfängen macht es für uns, die wir fast alle noch die Wege des Gewohnten beschreiten, schwer, Echtes von Scharlatanerie, Wertvolles von Wertlosem, Kunst von Nichtkunst zu unterscheiden. Eines der wenigen Hilfsmittel, das sich uns zur Unterscheidung oder zum Erkennen anbietet, ist die persönliche Feststellung, ob ein Künstler auf seine Fragen wirklich Antworten sucht oder ob er um des Fragens willen fragt, das heisst, ob sein Chaos Ratlosigkeit bedeutet oder Einfallslosigkeit. Denn eines ist sicher und fast schon ein Allgemeinplatz: Wir sind an einem Punkt unserer geistigen Entwicklung angelangt, wo wir Antworten nötiger brauchen als Fragen, und wir müssen diese Antworten schnell finden, wenn wir an unseren Fragen nicht zugrunde gehen wollen.

Und damit komme ich zurück zu Madjas Bildern, das heisst zu ihr selbst. Einer der Gründe, warum ich im Moment hier stehe, ist vermutlich der, dass ich in Gesprächen mit Madja verstanden hatte, dass ihre Fragen ernsthaft waren, gelegentlich sogar verzweifelt ernsthaft. Da aber diese Fragen nur selten als Fragen erkennbar waren, sondern meistens aussahen wie ein Bild oder wie ein Haus und gelegentlich den Klang der Forderung hatten, war es für Madja schwierig die erwartete Resonanz zu finden. Ich weiss, dass sie Antworten suchte; da ich sie in den letzten zwei Jahren leider nur selten sah, weiss ich nicht, ob sie ihnen nähergekommen ist.

Madja Ruperti, eine gute Malerin, hat ihr letztes Bild für die Weihnachtsausstellung der Basler Künstler 1981 gemalt. Es heisst „La cathedrale“ und hängt in der Ausstellung zusammen mit den Bildern ihrer Töchter Marischa Burckhardt und Karin Schaub. Es ist das erstemal, dass die Auswahljury die Bilder aller drei Künstlerinnen gleichzeitig akzeptiert hat. Im nächsten Jahr werden Madjas Bilder in Ausstellungen in Basel und in Lausanne gezeigt werden. – Alles das sind Antworten, wie mir scheint.

An den Schluss dieser lückenhaften Gedanken möchte ich Madja diesen letzten Freundschaftsdienst erweisen mit einem Versprechen: Unsere Liebe, Verehrung und Freundschaft für Madja und André gilt jetzt allein André. Obwohl wir ihn über seinen unersetzlichen Verlust nicht zu trösten vermögen, wird Madjas Sorge, dass er allein bleibt, unbegründet sein.