Rückblick auf meine Reisen

In meinem abwechslungsreichen und interessanten Leben haben Reisen nie die Hauptrolle gespielt, jedoch dazu erfreuliche Beiträge geleistet.

Das begann schon mit Velo-Fahrten auf den zur Zeit des letzten Weltkrieges fast verkehrsfreien Strassen – von Basel ins Tessin. Dort hatten meine Eltern in Porto Ronco über dem Lago Maggiore ein kleines Ferienhaus erbaut. Wenn ich mit der Bahn hinfuhr, nahm ich mein Faltboot mit, um auf dem See zu fischen. Bei einer Heimreise habe ich in Flüelen das Boot wieder ausgepackt und paddelte in drei Tagen über den Vierwaldstättersee, die Aare und den Rein bis nach Basel. Für die Übernachtungen stellte ich irgendwo am Ufer mein kleines Zelt auf, was damals noch problemlos möglich war und auch nichts kostete.

Kaum war der Krieg zu Ende, paddelte ich auf gleiche Weise von Genf auf der Rhone ins Mittelmeer. Von da an gab es immer mehr Reisen nach ferneren Zielen, besonders viele nach Afrika. In meiner ersten Lebenshälfte waren das oft echte Abenteuer. So durchquerte ich die Sahara drei Mal auf verschiedenen Routen im selbstgesteuerten Geländewagen und übernachtete dabei oft unter dem mit Sternen übersäten Himmel, eingehüllt in einem warmen Schlafsack auf dem nächlich kühlen Wüstensand.

An andere Afrika-Reisen – zu damals noch recht isolierten Volks-Stämmen – erinnert mich meine kleine Sammlung ausdrucksvoll geschnitzter Holzmasken. Von einer besonders abenteuerlichen, ungewöhnlich interessanten Reisen kehrte ich jedoch, von Fieber geschüttelt, mit einer heftigen Malaria-Erkrankung zurück in die Schweiz. Viel harmloser erwies sich dagegen die Teilnahmen an mehreren organisierten Safaris, die mich mit fesselnden Tierbeobachtungen beglückten.

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Meine zweiten Lebenshälfte bildete den grössten Gegensatz zu der vorangegangenen. Auch die Reisen bekamen einen völlig anderen Charakter.

Am 19. März 1971 lernte ich in Brissago durch einen glücklichen Zufall Adalberto, einen damals, scheu wirkenden, jungen Italiener kennen. Kurz danach führten wir ein längere Besprechung, bei der wir verabredeten, den Versuch zu wagen, eine dauernde Lebensgemeinschaft aufzubauen – erstaunlich, dass uns dies tatsächlich gelungen ist!

Noch im gleichen Jahr 1971 konnte ich die in Zürich von mir mit Null gestartete und zu ansehnlichem Erfolg gebrachte „Werbeagentur Ruperti AG“ an eine amerikanische, international tätige Kette von Werbeagentur übergeben, als deren neue Filiale in der Schweiz. Adalberto kündigte seine Stelle als Chefbuchalter einer Firma in Mailand. Wir mieteten eine Wohnung in London. Adalberto betätigte sich als Verkäufer im berühmten Warenhaus Selfridges, und perfektionierte später sein Englisch an einem College in Oxford.

Ich dagegen liess mich von John Brookes, als ältester Kurs-Teilnehmer an seiner Schule, zum „garden designer“ ausbildet. Dank seinen zahlreichen Gartenbücher und mehreren Goldpreisen an der Chelsea Garden Show wurde John Brookes eine sehr bekannte Persönlichkeit. Er ist auch ein guter Freud von mir geworden. Zu meinem Start in einer völlig neuen Berufstätigkeit kam er mehrmals nach Italien, um mich bei der Ausarbeitung bei meinen ersten Gartenprojekten zu unterstützen.

1986 machte der mit mir befreundete, seither verstorbene Chefredaktor der Zeitschrift „DU“ den überraschenden Vorschlag, ich solle eine Reise für DU-Leser zum Besuch von Gärten veranstalten. Schnell waren alle Plätze ausgebucht, die im DU ausgeschrieben waren unter dem Titel: „Die schönsten Gärten von Südengland“. Damals waren Reisen mit Gärten als Besuchsziele noch eine  Neuheit.

So entstanden die „Ruperti-Reisen“, die einen überraschenden Erfolg verzeichneten. Immer wieder machte ich Erkundungs-Reisen in verschiedenen Länder. Es galt besonders interessant scheinende Gärten auszuwählen (aber auch nette Hotels). Die dabei zusammengestellten Programme wurden jeweils im darauffolgenden Jahr als Gruppen-Reissen veranstaltet.

Stets lud ich Freundinnen oder Freunde ein, mitzukommen. Obwohl keine dieser Personen je eine Reise geleitet hatte, wollten sie das gerne versuchen und leiteten dann selber Wiederholungen von Programmen, die sich als besonders erfolgreich erwiesen hatten. Es hat mich gefreut, dass ausgerechnet meine allererste Reise: „Die schönsten Gärten von Südengland“ den Rekord aufgestellt hat. Geleitet von verschiedenen Personen konnte sie im Laufe der Zeit nicht weniger elf Mal erfolgreich veranstaltet werden.

Ausser zu vielen europäischen Ländern konnten „Ruperti-Reisen“ auch veranstaltet werden nach Japan, China, Russland und den U.S.A..

Erika Höhle – eine liebe Freundin und damalige Nachbarin – betreute die Organisation der „Ruperti-Reisen“, nahm die Anmeldungen entgegen reservierte Hotels, Restaurants, Bahnfahrt- oder Flug-Karten und betreute perfekt sämtliche finanzielle Angelegenheiten. Doch der wachsende Erfolg der „Ruperti Reisen“ (und die damit verbundene, stetig grösser werdende Verantwortung) wurden für sie – ebenso wie für mich – mit der Zeit zu einer allzu schweren Belastung.

1988 übertrug ich die Organisation an die nicht sehr grosse, aber sympathisch naturverbundene Reisefirma „Arcatour“ in Zug. Unter dem Namen „Natur- und Kulturreisen“, wurden fortan Reisen veranstaltet, bei denen ich – wie bisher -zur Erkundung und als Leiter tätig war.

Im Jahre 2010 endete diese Zusammenarbeit. Geblieben ist mir eine wertvolle Freundin, Margrit Mathys, die für die Organisation der Garten-Reisen bei Arcatour verantwortlich gewesen ist. Seither bewohnen Margrit und ihr ebenfalls pensionierte Gatte René oft unser Haus in Caslano, wenn Adalberto und ich auf Reisen waren. Liebevoll betreuen sie unsere beiden Perserkatzen, die weisse Lulu und die schwarze Zizi. Auch füttern sie die zwölf farbenfrohen Kois im-Brunnen-Teich.

Auch nach meinem 80-sten Lebensjahr machte ich zusammen mit Adalberto viele weite Reisen, einmal sogar rund um die ganze Welt. Ausserdem begannen wir, an Kreuzfahrten teilzunehmen. Als besonders interessant bleibt uns die Kreuzfahrt ab Ushuaia ins Eis des südlichen Polarmeeres in Erinnerung – ebenso eine in den hohen Norden zu den Spitzbergen. Ausserdem genossen wir mehrere Kreufahrten in der Karibik, sowie mehrere zu den Kanaren und im Persischen Golf.

Nachdem ich 90 Jahre alt war, begann Adalberto zu protestieren, wenn ich wieder eine neue Reise vorschlagen wollte. „Wir“ seien doch einfach zu alt geworden, um immer noch in der Welt herumzuschwirren. (Dabei ist er volle 16 Jahre jünger als ich!). Zuletzt hat Adalberto aber doch jedes Mal meinem Drängen nachgegeben und hat dann die Reise ebenso sehr genossen wie ich.

Leider hat sich die Kreuzfahrt im Dezember 2017 als die am wenigsten erfreuliche aller bisherigen Reisen erwiesen. Das hat Adalberto ausgenützt indem er mich nach unserer Heimkehr überreden konnte, definitiv Schuss mit der Reiserei zu machen. Schweren Herzens musste ich am Weihnachtstag (was Adalberto als „Geschenk“ bejubelt hat!) per e-mail die für den März und den Mai gebuchten Reisen absagen. Dabei hatte ich für beide bereits Anzahlungen geleistet. Ganz besonders bedauere ich, die Südafrika-Rundreise nicht erleben zu dürfen. Ich war schon zweimal in Südafrika, bereiste aber nur die Umgebung von Capstadt, während Adalberto noch nie in Südafrika gewesen ist.

Leider muss ich Adalberto Recht geben. Obschon ich mich immer noch bester Gesundheit erfreue, im Alter von 94 Jahre hätte es für mich vielleicht doch zu anstrengend sein können – die langen Busfahrten auf der weiten Strecke zwischen Kapstadt und Johannesburg – täglich in einem anderen Hotel den Koffer aus- und wieder einzupacken und dabei auch noch all die vielen Sehens-würdigkeiten zu erleben.

Nun muss ich die eigentlich für mich völlig unpassende Rolle spielen, als ein alter und vernünftig gewordener Mann. Doch es wird für mich kein Problem sein, fortan Adalberto’s Reise-Verbot einzuhalten. Auf der ganzen Welt habe ich nämlich keinen Ort entdeckt wo ich lieber leben würde als im Südtessin, mit seinem so angenehmen, ausgeglichenen Klima und dem harmonischen Zusammenspiel von glitzernder Seefläche und bewaldeten Hügeln.