{"id":738,"date":"2016-06-19T20:35:04","date_gmt":"2016-06-19T20:35:04","guid":{"rendered":"http:\/\/ivanruperti.info\/?p=738"},"modified":"2019-08-04T08:20:42","modified_gmt":"2019-08-04T08:20:42","slug":"tsunami","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/ivanruperti.info\/?p=738","title":{"rendered":"Auf den gelben Fluten des Mekong &#8211; jenseits des Tsunami"},"content":{"rendered":"<p><em>Ein leichter, k\u00fchlender Wind erm\u00f6glicht einen angenehmen Aufenthalt auf dem Oberdeck, trotz der feuchten tropischen Hitze. Das nach einem alten Modell weitgehend aus Teakholz gebaute Schiff versetzt gedanklich in koloniale Zeiten. Es ist Januar 2009 und ich schreibe Notizen \u00fcber die interessante Reise die ich zusammen mit Adalberto erlebe.<\/em><\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Auf den gelben Fluten des Mekong erreichen wir bald die Grenze zu Vietnam und werden Kambodscha hinter uns lassen. Der 4&#8217;500 lange Fluss entspringt im Hochland von Tibet. Nach einer langen Strecke durch China bildet der Mekong den Grenzfluss zu Burma (heute Myanmar genannt), Laos und Thailand. Nach seiner Durchquerung von Kambodscha teilt sich der Strom in Vietnam im fruchtbaren Mekongdelta in viele Arme, bevor er sich ins Chinesische Meer ergiesst.<\/p>\n<p>Die Farbe des Wassers zeugt vom reichen Schlammgehalt, das der Mekong mit sich bringt und so die Landwirtschaft und die Ern\u00e4hrung von Millionen der in seinem unteren Drittel lebenden Menschen erm\u00f6glicht. Zwar \u00fcben die Chinesen strengste Geheimhaltung; dennoch ist durchgesickert, dass im chinesischen Oberlauf des Mekong (der dort einen anderen Namen tr\u00e4gt) mindestens 15 Dammprojekte geplant sind. Bei einigen sollen die Bauarbeiten sogar schon begonnen haben &#8211; eine bevorstehende Katastrophe f\u00fcr die stromabw\u00e4rts liegenden L\u00e4nder.<\/p>\n<p>Leise gleiten die Ufer des breiten Stromes an meinen Augen vorbei. Jetzt, in der so genannten Trockenzeit im Dezember und Januar, ist der Wasserpegel niedrig. In der sommerlichen Regenzeit liegt er drei Meter h\u00f6her, in manchen Jahren sogar dar\u00fcber. Die von riesigen Urwaldb\u00e4umen \u00fcberschatteten Holzh\u00fctten am Ufer stehen auf hohen Pf\u00e4hlen und lassen erkennen, wie weit das Wasser ansteigen kann. In der Regenzeit ist der Verkehr zwischen den H\u00fctten nur in Booten m\u00f6glich. Aber viele Familien leben ganzj\u00e4hrig auf dem Wasser.<\/p>\n<p>Wir fahren vorbei an schwimmenden Fischerd\u00f6rfern mit malerischen M\u00e4rkten. Die K\u00e4uferinnen paddeln zu den Verkaufsbooten auf denen Fr\u00fcchte und Gem\u00fcse, fertig gekochte Mahlzeiten, ja sogar Kleider und elektronische Ger\u00e4te angeboten werden. Fast \u00fcber jeder der bauf\u00e4lligen Holzh\u00fctten am Ufer, sowie \u00fcber den bewohnten Booten erhebt sich ein hoher Fernsehmast.<\/p>\n<p>Immer wieder sind auf grossen verankerten Holzfl\u00f6ssen bewohnte Wellblech-H\u00fctten zu sehen. Wir hatten gerade ein solches Floss besucht. Es sind Fischzuchten, jeweils betrieben von einer Grossfamilie, die ganzj\u00e4hrig auf ihrem Floss lebt. In einem grossen Kessel wird \u00fcbel riechendes Fischfutter gekocht. Den dampfenden Brei verschleudert ein Apparat mehrmals t\u00e4glich \u00fcber einer grossen \u00d6ffnung in der Mitte des Flosses. Darunter brodelt das Wasser von den silbrig aufblitzenden Leibern der gierig schnappenden Fische. Die &#8222;catfish&#8220; &#8211; eine Welsart &#8211; gedeihen in einem K\u00e4fig aus Drahtgitter, der unter dem Floss bis 5 Meter tief ins Wasser reicht. Die Fischhalter kaufen aus speziellen Zuchtfarmen die kaum aus den Eiern geschl\u00fcpfte Fischbrut. Dank der \u00fcppigen Nahrung werden die Fische in nur 6 Monaten eine halben Meter gross. Die Ernte wird von Zwischenh\u00e4ndlern gekauft und in Konservenfabriken abgeliefert, die dann das fertige Produkt ins Ausland verschiffen.<\/p>\n<p>In Gedanken blicke ich zur\u00fcck auf die bisherigen Erlebnisse dieser Reise. Es begann mit dem Besuch der wichtigsten Tempelanlagen von Angkor. (Angkor Thom, Angkor Wat, die Elefanten Terrasse und Bayon). Sie wurden von den Herrschern der Khmer im 12. und 13. Jh. angelegt, sp\u00e4ter aus unbekannt gebliebenen Gr\u00fcnden verlassen und vom Urwald \u00fcberwuchert. Nun sind die meisten Tempel von den Lianen und Wurzeln befreit und weitgehend restauriert. Die mit Touristen-Bussen \u00fcberf\u00fcllten Parkpl\u00e4tze und das tausendk\u00f6pfige Touristenheer (meist Asiaten und Australier) haben meine urspr\u00fcnglich grosse Erwartung und Vorfreude beim Besuch dieser ber\u00fchmten Sehensw\u00fcrdigkeiten ged\u00e4mpft.<\/p>\n<p>Interessant war auch die Besichtigung von Phnom Penh, der Hauptstadt von Kambodscha. Besonders eindr\u00fcckliche\u00a0erwies sich der Besuch des \u00a0prachtvollen k\u00f6niglichen Palastes inmitten des bettelarmen Landes.<\/p>\n<p>Mich fasziniert die abenteuerliche, bizarre Lebens-Geschichte von Norodom Sihanouk, weshalb ich sie hier kurz zusammenfassen m\u00f6chte:<\/p>\n<p><em>Die franz\u00f6sischen Kolonialherren glaubten ein beeinflussbares Werkzeug in der Hand zu haben, als sie den 19 j\u00e4hrigen Prinzen im Jahre 1941 zum K\u00f6nig ernannten. Zuerst spielte er brav die ihm zugedachte Rolle. Sp\u00e4ter aber vertrieb er die Franzosen aus seinem Land. Nach einer langen Kette von Liebesaff\u00e4ren heiratete er die Halbitalienerin Monique Izzi. Die Staatsgesch\u00e4fte interessierten Sihanouk weniger als die Filmkunst. Er dankte zugunsten seines Vaters ab. (Er liess sich allerdings lange Zeit sp\u00e4ter erneut zum K\u00f6nig kr\u00f6nen).<\/em><\/p>\n<p><em>In den Jahren 1965-1969 schrieb und produzierte Sihanouk nicht weniger als neun Grossfilme. Dabei amtete er gleichzeitig auch als Regisseur und manchmal sogar als Hauptdarsteller. So spielte er den Geist des Waldes, ein anderes Mal einen Feldherrn. Um seinen Filmen internationale Geltung zu verschaffen, liess Sihanouk &#8211; als Konkurrenz zu Cannes &#8211; zweimal ein internationales Filmfestival in Phnom Penh veranstalten. Es war kein Zufall, dass die Filme von Sihanouk mit den besten Preisen ausgezeichnet wurden.<\/em><\/p>\n<p><em>Eine Zeitlang war er dann Gefangener der Khmer Rouge, wurde aber relativ gut behandelt. Dagegen sind viele seiner zahlreichen Kinder, Enkel und andere Verwandte der K\u00f6nigsfamilie umgebracht worden. Als die Vietnamesen in Kambodscha einmarschierten, gelang Sihanouk die Flucht nach Peking, wo er sich zum Kommunismus bekehrte und politisch aktiv wurde. Er verb\u00fcndete sich mit seinen einstigen Feinden und kehrte mit deren Hilfe nach Kambodscha zur\u00fcck. Sp\u00e4ter wurden die Khmer Rouge vertrieben und von 1993 bis 2004 amtete Sihanouk erneut als K\u00f6nig des heutigen, konstitutionellen K\u00f6nigreiches von Kambodscha. Aus Alters- und Gesundheitsgr\u00fcnden hat er im letzten Oktober abgedankt.<\/em><\/p>\n<p><em>Seine Nachkommen lehnten der Reihe nach ab, die W\u00fcrde zu \u00fcbernehmen. Die meisten Prinzen sind n\u00e4mlich Minister und in diesem vollst\u00e4ndig korrupten Land sind es solche Posten, die m\u00fchelos zu grossem Reichtum f\u00fchren. Zuletzt wurde ein Sohn zum Thronfolger ernannt, der seinen Lebensunterhalt bisher als Ballettt\u00e4nzer in Paris verdient hatte.<\/em><\/p>\n<p>Wir besuchen im ausgedehnten ummauerten Gel\u00e4nde mit den k\u00f6niglichen Palastgeb\u00e4uden unter anderem auch die Silber Pagode. Der Namen bezieht sich auf den aus \u00fcber 5000 Platten bestehenden Fussboden. Die Platten sind aus reinem Silber und wiegen je 1 kg. In dieser Pagode sind goldene, mit Diamanten und anderen Edelsteinen geschm\u00fcckte Statuen aufgestellt, unter anderem der so genannte Smaragd-Buddha.<\/p>\n<p>Zu sehen ist auch das schwere, aus Goldf\u00e4den gewebte Gewand, in dem der neue K\u00f6nig gekr\u00f6nt worden ist. Aber nicht nur das Gewand wiege schwer, erkl\u00e4rt uns der Reiseleiter augenzwinkernd: Der K\u00f6nig m\u00fcsse nun heiraten, was in seinem bisherigen Beruf als Ballettt\u00e4nzer den meiste homosexuellen M\u00e4nnern kaum als w\u00fcnschenswert erscheint. Ausserdem gen\u00fcge es nicht, nur zu Heiraten; der Ungl\u00fcckliche m\u00fcsse sich dann sogar noch anstrengen, um einen Thronfolger zu zeugen.<\/p>\n<p>Gerne w\u00fcrde ich mit solchen Erz\u00e4hlungen weiterfahren, aber ich muss nun endlich auf das f\u00fcr mich wichtigste Erlebnis dieser Reise zu sprechen kommen: W\u00e4hrend ich in Gedanken versunken, wohlig im Rattansessel ausgestreckt auf dem Oberdeck des Schiffes ausruhe, r\u00fcttelt das Handy in meiner Tasche und gibt seine musikalischen T\u00f6ne von sich. Ein besorgter Anruf aus Italien: ob es mir gut gehe? Ja &#8211; und ob ich denn nichts geh\u00f6rt habe von dem Ungl\u00fcck, bei dem vermutlich gegen 100 Menschen umgekommen sind? Das m\u00fcsse doch in der N\u00e4he geschehen sein, wo ich jetzt bin ?<\/p>\n<p>Eine von mir gesch\u00e4tzte Annehmlichkeit des Schiffes ist, dass es kein Fernsehen hat. Ich befrage andere Passagiere, die aber auch nichts von einem solchen Ungl\u00fcck wissen. Doch vom n\u00e4chsten Tag an drehen sich die Gespr\u00e4che haupts\u00e4chlich um den <span style=\"text-decoration: underline;\">Tsunami<\/span>, von dem wir bruchst\u00fcckweise immer mehr erfahren. Aus einer Unterhaltung mit dem netten Josef Felber, Flughafendirektor von Unique Z\u00fcrich, der die Reise beim gleichen Veranstalter gebucht hat wie wir, erfahre ich, dass er gerade telefonisch den R\u00fccktransport der Verunfallten nach Z\u00fcrich mit Hilfe seiner Mitarbeiter organisiert. Es handle sich um 9 Leichen und 70 Verletzte und deren Angeh\u00f6rige.<\/p>\n<p>Schon das schien erschreckend. Was dann weiter durchzusickern beginnt, brauche ich nicht zu beschreiben. Jedenfalls konnten wir Schiffspassagiere alle besorgten Anrufer beruhigen, wir seien erstens nicht in der N\u00e4he des Meeres und zweitens auf der zum Chinesischen Meer gewendeten Seite von S\u00fcdost-Asien und nicht auf der Seite zum Indischen Ozean, also &#8222;jenseits des Tsunami&#8220;.<\/p>\n<p>Nach dem K\u00f6nigreich Kambodscha gilt der zweite Teil der Reise dem kommunistisch regierten Vietnam. Wir besuchen allerdings nur den s\u00fcdlichen Teil dieses so langen, schmalen Landes. \u00c4hnlich wie in China zeigt sich auch hier der moderne Kommunismus als extremer Gegensatz zwischen protzigem Reichtum von Einzelnen, inmitten genereller Armut. Dies \u00e4ussert sich besonders krass in der auf \u00fcber 5 Millionen Einwohner angewachsenen Stadt Saigon, heute offiziell Ho Chi Minh City genannt.<\/p>\n<p>Wir sind in einem der 20-st\u00f6ckigen Luxushotels untergebracht. Eine Reiseteilnehmerin ist vor 5 Jahren in Saigon gewesen und berichtet mir, es habe damals noch kein einziges dieser modernen Hochh\u00e4user gegeben. Die wohl als erstrebenswerter Luxus betrachtete, eisige Unterk\u00fchlung im Hotel und in den f\u00fcr Ausl\u00e4nder geeigneten Gastst\u00e4tten &#8211; gepaart mit der jeweils br\u00fcsken Abwechslung zum feuchtschw\u00fclen Aussenklima &#8211; bewirkt bei mir eine unangenehme Erk\u00e4ltung, die ich erst zuhause im Tessin wieder loswerde.<\/p>\n<p>Ein ersch\u00fctternder Tagesausflug gilt einer Gedenkst\u00e4tte im Urwald, wo in beeindruckender Weise der Vietnamkrieg gedanklich nachvollzogen werden kann. So sehen wir einen Teil des von den Vietnamesen ausgegrabenen, unterirdischen Tunnel-Systems. Es umfasst \u00fcber 100 km. Darin verschwanden tags\u00fcber Soldaten und Dorfbewohner. Sie tauchten nachts aus den Verstecken auf, um \u00fcberraschte Amerikaner umzubringen.<\/p>\n<p>In Ermangelung moderner Waffen haben die Vietnamesen unter anderem viele unsichtbare Fallen gebaut. Die feindlichen Soldaten fielen hinein und wurden von zugespitzten Baumbusrohren aufgespiesst.<\/p>\n<p>Ein aus mehreren Hallen bestehendes Kriegsmuseum umfasst neben anderen Schrecklichkeiten auch Glasbeh\u00e4lter. Darin schwimmen Totgeburten in Konservierungsmitteln. Infolge des von den Amerikanern verspr\u00fchten Entlaubungsmittel, dem so genannten &#8222;Factor Orange&#8220;, haben sie fehlende, oder missgebildete \u00c4rmchen und Beinchen.<\/p>\n<p>Der Vietnamkrieg wurde ohne jegliche Kriegserkl\u00e4rung gef\u00fchrt und kann schon deshalb als verbrecherisch betrachtet werden. Allein die so genannte Tet-Offensive soll nach amerikanischen Statistiken den Tod von nicht weniger als 165 000 Zivilisten sowie \u00fcber 2 Millionen Fl\u00fcchtlinge bewirkt haben.<\/p>\n<p>Auch der Tsunami hat schreckliche Folgen. Aber d\u00fcrfen die Medien dies wirklich in so sensationsl\u00fcsterner Art ausschlachten, wie sie das jetzt getan haben? Sind nicht all die unn\u00f6tigen kriegerischen Taten von Menschen noch viel schlimmer zu bewerten als die Folge der nicht von Menschen verschuldeten Naturkatastrophen?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein leichter, k\u00fchlender Wind erm\u00f6glicht einen angenehmen Aufenthalt auf dem Oberdeck, trotz der feuchten tropischen Hitze. Das nach einem alten Modell weitgehend aus Teakholz gebaute Schiff versetzt gedanklich in koloniale Zeiten. 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