{"id":383,"date":"2016-04-18T17:30:15","date_gmt":"2016-04-18T17:30:15","guid":{"rendered":"http:\/\/ivanruperti.info\/?p=383"},"modified":"2016-12-08T20:56:07","modified_gmt":"2016-12-08T20:56:07","slug":"kuraufenthalt-in-piestany","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/ivanruperti.info\/?p=383","title":{"rendered":"Thermalkur in Piestany"},"content":{"rendered":"<p><em>Nach einem Sturz musste mir eine k\u00fcnstliche H\u00fcfte eingesetzt werden. Da diese lange nicht heilen wollte, riet mir der Arzt zu einer Kur in Piestany. Daraus ergab sich f\u00fcr Adalberto und mich ein sehr angenehmer sowie abwechslungsreicher Aufenthalt im Herbst 2002. Es gefiel uns so gut, dass wir in den beiden kommenden Jahren wieder f\u00fcr je drei Wochen ins gleiche, traditionsreiche Hotel Thermia Palace zur\u00fcckkehrten.<\/em><\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Piestany befindet sich im S\u00fcdwesten der Slowakei und gilt als das bedeutendste Heilbad des Landes. Zwei Flussarme der V\u00e1h (auch Waa geschrieben), umfassen eine lange, schmale Insel. Aus einer Tiefe von 2000 Metern sprudeln hier t\u00e4glich \u00fcber drei Millionen Liter Mineralwasser aus dem Boden. Das Wasser hat eine Temperatur von 67-69\u00ba und enth\u00e4lt, neben 1500 mg mineralischer Anteile pro Liter, vor allem Schwefelwasserstoff. Verd\u00fcnnt und abgek\u00fchlt dient es den Thermalb\u00e4dern.<\/p>\n<p>Der Heilschlamm ist ein Sediment der V\u00e1h, das sich in Jahrtausenden bei der Flussinsel angesammelt und mit den heilenden Mineralien angereichert hat. Die Eigenschaften des Thermalwassers und des Schwefelschlamms haben das Heilbad Piestany vor allem f\u00fcr die Behandlungen von Rheuma und Erkrankungen des Bewegungsapparates pr\u00e4destiniert.<\/p>\n<p>Diese Informationen entnehme ich den Prospekten des Touristenb\u00fcros. Darin wird aber nichts \u00fcber den delikaten Duft des Wunder wirkenden Wassers erw\u00e4hnt. Meine eigenen, &#8222;tief&#8220; greifenden Forschungen haben den Beweis erbracht, dass dieses Heilwasser direkt an der H\u00f6lle vorbei geflossen ist und sich dabei erw\u00e4rmt hat. Es hat n\u00e4mlich deutlich erkennbare Duftspuren, die auf die Gattin des dortigen Verwalters hinweisen. Madame le Diable ben\u00fctzt stets das bekannte Parf\u00fcm &#8222;sulfure no. 5&#8220;. Dazu mischt sich auch eine Spur ihres eigenen K\u00f6rpergeruchs. Im Gegensatz zu ihrem Ehemann, der so fleissig die einst b\u00f6sen Menschen plagt, ist sie selber nur ein &#8222;faules Ei&#8220;.<\/p>\n<p>Auf der Kurinsel im Fluss hat es keine Wohnh\u00e4user. Dagegen finden sich hier die wichtigsten Hotels und balnearen Einrichtungen. Das St\u00e4dtchen Piestany hat 35000 Einwohner und erstreckt sich an dem der Insel gegen\u00fcberliegenden Ufer der V\u00e1h. Hier hat es noch mehrere weitere, meist kleinere Hotels.<\/p>\n<p>Die Entwicklung des Kurorts Piestany begann 1720, als die Ansiedlung Eigentum der Adelsfamilie Erd\u00f6dy wurde. Die ersten, primitiven Kurgeb\u00e4ude wurden auf der Insel aus Holz gebaut. 1820 errichtete man das bis heute benutzte Napoleon-Bad. Im Jahre 1912 kam das Hotel Thermia Palace dazu. Dieses Hotel ist durch einen geheizten Korridor mit dem gleichzeitig er\u00f6ffneten Irma-Bad verbunden. Zusammen mit dem nur wenige Schritte entfernten, 2001 perfekt renovierten Napoleon-Bad, mit seinem eleganten Empire-Stil, bilden die beiden Jugendstil-Pal\u00e4ste ein architektonisch faszinierendes Dreigestirn.<\/p>\n<p><strong>Das Hotel Thermia Palace<\/strong><\/p>\n<p>Das im Mai 1912 er\u00f6ffnete Luxushotel Thermia Palace war schon binnen einer Woche von wohlsituierten Ausl\u00e4ndern ausgebucht. Der erste bedeutende Gast war der bulgarische Zar Ferdinand I, dem andere gekr\u00f6nte H\u00e4upter folgten, wie der deutsche Kaiser Wilhelm I. Zu ber\u00fchmten G\u00e4sten z\u00e4hlten die S\u00e4nger Fjodor Schaljapin und Richard Tauber, die Schriftstellerin Selma Lagerl\u00f6ff, die amerikanische Schauspielerin Lilian Gish, oder dann der Nizam von Hyderabad, sowie Sir Ibrahim Sultan von Johore. Besonders gesch\u00e4tzt wurden die Kuraufenthalte der Kaiserin Sissy. Daran erinnert ein ihr gewidmetes Denkmal.<\/p>\n<p>Noch heute wird das Hotel fast nur von Ausl\u00e4ndern ben\u00fctzt, die haupts\u00e4chlich aus Deutschland kommen. Bei den Tischgespr\u00e4en lernte ich aber auch Damen aus Kanada kennen, sowie eine Familie aus dem Lebanon. Unter den \u00fcbrigen G\u00e4sten sind besonders zwei schwarze Damen aufgefallen, Mutter und Tochter, in ungewohnter Kleidung.<\/p>\n<p>Thermia Palace und das Bad Irma sind charakteristische Architekturbeispiele im Stil der Wiener Sezession. Sie unterscheiden sich aber voneinander durch ihre \u00e4ussere Form und die verwendeten Dekorationen. Diese sind auch heute noch zu bewundern, wenn auch vieles vergammelt ist. Doch das hat mich wesentlich weniger gest\u00f6rt, als die plumpen Renovationen nach der Enteignung durch den kommunistischen Staat.<\/p>\n<p>Das kr\u00f6nende Juwel der ganzen Anlage ist der gr\u00f6ssere der beiden Speises\u00e4le. Er wurde erst nach der Wende restauriert und dies geschah in perfekten Weise. Die Decke des zwei Stockwerk hohen Raumes wird durch vier S\u00e4ulen aus rosa Marmor getragen, unterst\u00fctzt von acht Halbrelief-S\u00e4ulen aus dem gleichen Material an den Seitenw\u00e4nden des Speisesaals. Die S\u00e4ulen haben quadratischen Querschnitt. Man soll aber nicht merken, dass es gar nicht S\u00e4ulen aus massivem Marmor sind. Deshalb wurden die Ecken, wo vier relativ d\u00fcnne Marmorplatten aneinander stossen, vom Boden bis weit hinauf mit einem Ornament von versilberten Bl\u00e4ttern verkleidet.<\/p>\n<p>Auf den Kapitellen stehen insgesamt 32 silberne Adler. Sie haben goldene F\u00fcsse und ebensolche Schn\u00e4bel. Sie st\u00fctzen die weissen Balken der Decke mit geneigten K\u00f6pfen und ausgebreiteten Schwingen. Auf der Decke setzen sich die silbernen Dekorationen in anderen Formen fort und dazwischen h\u00e4ngen Kristall-Leuchter.<\/p>\n<p>An einer Wand springt auf halber H\u00f6he eine Musikempore in den Raum vor. Unter dieser Empore umarmen sich drei offensichtlich lesbische Grazien aus Gips. Abends lassen zwei jungen Hausmusiker auf dem Klavier geklimperte und mit der Violine geseufzte Melodien von der Empore \u00fcber die tafelnden G\u00e4ste schweben. Am Schluss wird dankend geklatscht. Ich klatsche mit &#8211; aus Freude, dass man jetzt ungest\u00f6rt weiter essen kann.<\/p>\n<p>Das Essen? Man bekommt jeweils die Speisekarte schon f\u00fcr den \u00fcbern\u00e4chsten Tag vorgelegt. Die gew\u00fcnschte Nummer aus dem Angebot von jeweils acht Vorschl\u00e4gen f\u00fcr das Hauptgericht m\u00fcssen auf einer pers\u00f6nlichen Karte notiert werden. Vier Gerichte tragen jeweils den Buchstaben D vor der Nummer. D kennzeichnet die Speise als geeignet bei einer Di\u00e4t. Einen wirklichen Unterschied zwischen mit und ohne D konnte ich jedoch kaum feststellen. F\u00fcr mich ist die Auswahl eingeschr\u00e4nkt weil in beiden Abteilungen je drei Angebote auf Fleisch beruhen, das ich nicht gerne zweimal t\u00e4glich essen mag. Dies besonders hier, wo die Fleischgerichte (jeweils zwischen 120 bis 150 Gramm, gem\u00e4ss Angabe auf dem Menu) sich fast alle als gleichartig erweisen: faserig, verkocht und fast ohne Salz oder Geschmack. Ausserdem gibt es allerdings jeweils noch ein fleischloses Alternativgericht. Das sind Angebote wie &#8222;Topfen mit Tee&#8220;, &#8222;Slowakischer Reis&#8220;,&#8220;Paprikaschoten mit K\u00e4ssekreme&#8220; (sic.!), &#8222;Nudelpudding mit Marmelade und Tee&#8220; &#8211; und \u00e4hnliche Seltsamkeiten.<\/p>\n<p>Kaum hat man sich an seinen vorgeschriebenen Platz gesetzt, wird ein Teller serviert mit der zwei Tage zuvor schriftlich bestellten Speise. Das Essen schmeckt mir durchaus nicht schlecht, aber doch nie so, dass es mich zum Nachbestellen verf\u00fchrt h\u00e4tte. Fabelhaft: ohne je das geringste Hungergef\u00fchl versp\u00fcrt zu haben, verringert sich unbemerkt mein Gewicht und erreicht am Ende der Kur wieder das tabellarisch f\u00fcr meine Gr\u00f6sse angegebene, sogenannte Idealgewicht.<\/p>\n<p>Nach dieser kulinarischen Abschweifung zur\u00fcck zu einem Thema, das mich wesentlich mehr besch\u00e4ftigt als die Essensfrage: die sch\u00f6nen und weniger sch\u00f6nen Aspekte des heutigen, offiziell mit nur noch drei Sternen klassifizierten Hotels.<\/p>\n<p>Ich erkenne auf alten Fotos, dass sich in fr\u00fcheren Zeiten vor dem Thermia Palace eine weitl\u00e4ufige \u201eBroderie des Fleurs&#8220; erstreckte. So nennen sich die besonders in der ersten H\u00e4lfte des 20. Jahrhunderts beliebten Rabatten mit kunstvoll angeordnetem Blumenschmuck, der dreimal j\u00e4hrlich erneuert werden musste. Davon \u00fcbrig geblieben ist nur ein kreisrunder Rasen direkt vor dem Hoteleingang. Im Rasen ist ein Stern ausgestochen und die Erde mit gelben Stiefm\u00fctterchen bepflanzt. Wohlwollend umgeben heute noch vier Statuen griechischer Gottheiten diesen kl\u00e4glichen Bl\u00fcmchenstern.<\/p>\n<p>Der Rasen ist von einem neuen, scheusslichen Pflaster aus kleinen Betonf\u00f6rmchen eingefasst (in der vergeblichen Hoffnung, dass dies an eine sch\u00f6ne, historische Kopfsteinpflasterung erinnern k\u00f6nnte). Diese gepflasterte Fl\u00e4che dient zum Parkieren der Autos. Fr\u00fcher kamen die G\u00e4ste mit Pferdekutschen und die Kranken wurden in den speziellen S\u00e4nften des Kurorts herumgetragen, von denen im Napoleon-Bad noch ein Exemplar ausgestellt ist.<\/p>\n<p>Der Portikus vor dem Hoteleingang ruht auf hohen S\u00e4ulen, geschm\u00fcckt mit Reliefs badender Damen und Herren. In der Mitte \u00fcber den S\u00e4ulen breitet sich ein Pfauenschwanz aus. Dies war urspr\u00fcnglich das Wahrzeichen der Insel, von der man gesund und deshalb stolz &#8222;wie ein Pfau&#8220; wieder nach Hause kehren kann.<\/p>\n<p>Der Erbauer des Hotels brauchte aber f\u00fcr die Werbung ein deutlicheres Symbol. Von mehreren K\u00fcnstlern liess er Menschen darstellen, die ihre Kr\u00fccke wegwerfen. Zuletzt fand sich ein noch direkter wirkendes Bild zur Veranschaulichung der Wirkung des Heilbads; ein J\u00fcngling zerbricht mit beiden H\u00e4nden eine Kr\u00fccke \u00fcber dem Knie. Dieses Symbol ist heute in Piestany \u00fcberall anzutreffen: am Ende der Fussg\u00e4ngerbr\u00fccke zur Thermalinsel als Statue aus Bronze, in Form von Reliefs an Hausw\u00e4nden und sogar auf den Untergestellen der B\u00e4nke im Park, am Bahnhof mit Leuchtr\u00f6hren nachgebildet usw.. Dieses Symbol wurde gar zum Stadtwappen Piestany erhoben. Um es noch deutlicher zu machen, steht oft darunter noch; &#8222;<em>surge et ambula<\/em>&#8222;, erhebe dich und wandle!<\/p>\n<p>Wir betreten die runde Eingangshalle des Hotels. In der Mitte steht ein kleines Monument im sch\u00f6nsten Jugendstil: auf vier L\u00f6wenf\u00fcssen ruht ein Blumenbecken. Auf den Raubtiertatzen sitzen und vergn\u00fcgen sich zwei nackte Putten, obwohl ihnen die H\u00e4ndchen l\u00e4ngst abgebrochen sind. Sie lehnen sich an eine kurze S\u00e4ule, die das Becken tr\u00e4gt. Von der einen Seite h\u00e4ngen Sonnenblumen herab, w\u00e4hrend sich ein langer, schwarzgr\u00fcn gefleckter Schlangenleib zur Gegenseite streckt. Wahrscheinlich hat die Schlange einst drohend gez\u00fcngelt, doch das kann ich nicht sicher behaupten, da ihr Kopf irgendwann abgebrochen ist. Aus dieser herrlichen, historischen Keramik-Szenerie erbl\u00fcht &#8211; jede Woche erneuert &#8211; ein geschmackvoll zusammengestellter \u00a0Blumenstrauss.<\/p>\n<p>Diese runde Halle muss man nicht nur beim Eingang ins Hotel betreten, man durchquert sie auch jeweils, um zum Speisesaal zu gelangen. Jedes Mal, wenn ich in diese Halle komme, konzentriere ich meinen Blick auf das zentrale Schmuckelement. So erspare ich mir den Anblick der restlichen Einrichtung, \u00fcber die ein mitleidiger Mantel des Schweigens ausgebreitet werden soll.<\/p>\n<p>Mehrere Glasbilder sind in erstaunlich gutem Zustand erhalten geblieben. Besonders angetan hat es mir der Pfau, das einstige Symbol des Stolzes \u00fcber den hier erzielten Heilerfolg. Sein wallender Schweif, aus gr\u00fcnen und blau leuchtenden Glasst\u00fccken, erstreckt sich \u00fcber drei Fenster des Treppenhauses. Dazu passt perfekt das dekorativ ausgestaltete Treppengel\u00e4nder. Es brauchte nur an wenigen Stellen geflickt zu werden. Dabei wurde der ehemalige Handlauf aus Messing leider durch ein St\u00fcck Rohr ersetzt.<\/p>\n<p>Die Rundung des Rohres ist sicher bequemer, aber doch ein bedauerlicher Stilbruch zum \u00fcbrigen Gel\u00e4nder, das den Regeln der Wiener Sezession folgend einen quadratischen Querschnitt hat. Die Stufen der Treppe, vermutlich aus Marmor, sind jetzt unter verschiedenen, teilweise durchgescheuerten L\u00e4ufern versteckt. In den Fluren sind die B\u00f6den (urspr\u00fcnglich wohl Parkett?) mit diversen Spannteppichen ausgelegt. Dabei hat die Direktion der staatlichen Verwaltung besonders f\u00e4hige Innenarchitekten ernannt. Ihr K\u00f6nnen bestand n\u00e4mlich darin, Teppiche mit Sprenkelmustern in den h\u00e4sslichsten Farben auszuw\u00e4hlen und diese in besonders grausiger Art zu kombinieren.<\/p>\n<p>\u00dcber den Zimmert\u00fcren sind noch die urspr\u00fcnglichen Bronzeschilder mit den Zahlen in Jugendstil-Schrift erhalten geblieben. Die T\u00fcren selbst und deren Umrahmungen wurden jedoch wahrscheinlich von den gleichen, begabten Innendekorateuren mit weiteren Spannteppichgeweben zugeklebt. Sie sind nun durchgehend ziegelrot und die Oberfl\u00e4che dieser Textilkunst ist noch versch\u00f6nert durch eine raffinierte Musterung, gebildet aus unterschiedlich weit vorstehenden Fadenschlingen.<\/p>\n<p>In den Zimmern wiederholt sich die Zusammenstellung unpassender Teppichfarben zwischen Eingangsbereich und dem Schlafteil. Und auch hier sind die senkrechten Fl\u00e4chen mit gemustertem Teppichstoff beklebt: die Schrankt\u00fcren, die Vorderfronten der Schubladen und sogar das Bettgestell \u2013 durchgehend br\u00e4unlich-himbeerfarben.<\/p>\n<p>Trotzdem ist der Aufenthalt in diesem Zimmer angenehm. Die Betten werden jeden Tag frisch bezogen. Die Untergestelle der Matratzen sind nicht wie in gewissen historischen Hotels durchh\u00e4ngend. Sie bestehen n\u00e4mlich einfach aus Holzbrettern, so dass die daraufgelegten Matratzen nicht durchsacken, was ein wohltuendes Schlafen erm\u00f6glicht.<\/p>\n<p>Die Zimmerfrau ist t\u00fcchtig, sehr freundlich und fast ebenso breit wie hoch. Sie hinterl\u00e4sst die beiden Sanit\u00e4rr\u00e4ume und das Schlafzimmer jeweils in perfekter Sauberkeit. Wenn diese nette Kugel aus Knoblauch, Zwiebeln und Schweiss herausgewabbelt ist, braucht man nach dem Betreten des Zimmers nur noch die Glast\u00fcre zum Balkon aufzureissen. Schon nach einer guten halben Stunde ist die Luft wieder rein und duftet nur noch nach dem Parf\u00fcm &#8222;sulfure no. 5&#8220;. Interessanterweise machte sich dieser Duft aus der Unterwelt nur gerade in den ersten paar Tagen leicht bemerkbar. Genauer gesagt; zu meinem eigenen Erstaunen habe ich diesen Geruch bald gar nicht mehr bemerkt.<\/p>\n<p><strong>Ludovit Winter, der gute Geist von Piestany<\/strong><\/p>\n<p>Anf\u00e4nglich haben sich auf der Thermalinsel kranke Menschen zur Heilung in nasse Erdgruben gelegt. Sp\u00e4ter wurden die ersten Mineralquellen gefasst und 1820 wurde das heute noch bestehende Napoleon-Bad \u00fcber einer der Quellen erbaut.<\/p>\n<p>Die Firma Alexander Winter &amp; S\u00f6hne unterzeichnete 1889 einen langfristigen Pachtvertrag zur Nutzung der Thermen. Kurz danach \u00fcbernahm Ludovit Winter, einer der S\u00f6hne, im Alter von nur 20 Jahren, die Leitung des Unternehmens. Er begann, Badehotels zu errichten und widmete sein ganzes, langes und zuletzt tragisches Leben der Entwicklung des Kurorts.<\/p>\n<p>Sein besonderer Stolz war das von ihm erbaute Luxushotel Thermia Palace und das Bad Irma, genannt nach dem Vornamen der Grundeigent\u00fcmerin, Gr\u00e4fin Erd\u00f6dy. Unerm\u00fcdlich erweiterte Ludovit Winter den Kurort mit weiteren Badehotels in der Ortschaft Piestany. Er verband die Flussinsel mit dem St\u00e4dtchen durch zwei Br\u00fccken \u00fcber den Hauptarm der V\u00e1h, gr\u00fcndete den Golfklub usw.<\/p>\n<p>Ludovit Winter entstammte einer j\u00fcdischen Familie, war aber ein streng religi\u00f6ser Katholik. F\u00fcr die aus nah und fern anreisenden Patienten errichtete er eine katholische, sowie eine protestantische Kirche und eine Synagoge.<\/p>\n<p>Mit dem Ausbruch des ersten Weltkrieges begannen schwere Zeiten f\u00fcr den Kurort und besonders f\u00fcr den durch seine grossen Investitionen zu dessen Ausbau hoch verschuldeten Ludovit Winter. Es gelang ihm aber in der Zwischenkriegszeit wieder einen gewissen Aufschwung zu bewerkstelligen. Doch im Jahre 1940 wurde sein Besitz durch den Staat enteignet.<\/p>\n<p>Als Spross einer j\u00fcdischen Familie kam Ludovit Winter in das Konzentrations-lager Theresienstadt, \u00fcberlebte aber wie durch ein Wunder. Als 80-j\u00e4hriger machte er einen neuen Start zum weiteren Ausbau des nicht mehr ihm unterstellten Kurortes, was ihm aber nur teilweise gelang. Er war in st\u00e4ndigen Finanzn\u00f6ten. Ein Sturz aus dem fahrenden Zug machte ihn zum Kr\u00fcppel.<\/p>\n<p>Mit 97 Jahren schrieb er seine ersch\u00fctternden Memoiren und starb 1968, ein Jahr danach, als armer, verfolgter Mann. Seine Memoiren wurden erst 2001 publiziert, Man hat auch die zentrale Strasse von Piestany nach ihm benannt. Die &#8222;Ulica Winterova&#8220; liegt in der Fussg\u00e4ngerzone und ist beidseitig mit zweist\u00f6ckigen, architektonisch reizvollen, reich dekorierten H\u00e4usern geschm\u00fcckt.<\/p>\n<p>Heute ist Thermia Palace als Hotel mit drei Sternen klassifiziert. In den 70er Jahren des 20. Jahrhuunderts entstanden auf der oberen Seite der Flussinsel mehre moderne Hotels und balneare Einrichtungen, die einen geschlossenen Komplex bilden, mit insgesamt \u00fcber 1000 Betten. Die beiden besten Hotels sind ebenfalls mit drei Sternen bezeichnet. Hier sind die Preise gleich wie im Thermia Palace. Alle andere Hotels haben nur ein oder zwei Sterne und entsprechend noch g\u00fcnstigere Preise.<\/p>\n<p>Das einstige Luxushotel Thermia Palace hat heute eine gewisse \u00c4hnlichkeit mit einer traditionellen, gut organisierten Klinik. Das ergibt sich schon aus der Tatsache, dass die G\u00e4ste in den internen Informationen als &#8222;Patienten&#8220; bezeichnet werden. Auch die f\u00fcr die Mahlzeiten festgesetzten Zeiten &#8211; Mittagessen um 11h30, Abendessen um 18h00 &#8211; erinnern an ein Krankenhaus. Dazu kommt, dass man in den Korridoren dieses Kurhotels vor allem Menschen in Badem\u00e4nteln begegnet, die von einer Therapie zur n\u00e4chsten pilgern.<\/p>\n<p><strong> Arztvisite und Kurverordnung<\/strong><\/p>\n<p>Eine nette, ziemlich fliessend deutsch sprechende Krankenschwester will mehr von mir wissen, als ich mich teilweise \u00fcberhaupt noch erinnern kann; welche Krankheiten und welche Beschwerden ich in Laufe meines Lebens gehabt h\u00e4tte, aber nicht nur ich, sondern auch meine Eltern und sogar meine Geschwister, welche Medizinen ich ben\u00fctzte oder noch ben\u00fctze usw.. Gem\u00e4ss meinen Antworten f\u00fcllt sie laufend einen mehrseitigen Fragebogen aus.<\/p>\n<p>Dann wird der Blutdruck gemessen. Zuletzt wird mir noch Blut entnommen (das hasse ich). Ich muss auch ein kleines Gef\u00e4ss voll Urin abliefern. F\u00fcr den n\u00e4chsten Tag bekomme ich einen Termin f\u00fcr die Arztvisite und die Erlaubnis, schon gleich das exklusiv den Hotelg\u00e4sten vorbehaltene, warme Thermal-Schwimmbad im Freien zu benutzen.<\/p>\n<p>Die Arztvisite ist l\u00e4nger und gr\u00fcndlicher als alles, was ich auf diesem Gebiet bisher erlebt habe. Auf Grund der verschiedenen, \u00fcber Nacht bereits abgeschlossenen Laboruntersuchungen meiner K\u00f6rpers\u00e4fte gibt mir die freundliche \u00c4rztin angenehme Informationen \u00fcber die verschiedensten Werte, die mich betreffen. &#8222;<em>Fir irre Alter alles s\u00e4rr gutt<\/em>&#8222;.<\/p>\n<p>Nun werde ich genauestens befragt, betrachtet, betastet, beide Beine werden mir von ihr vorsichtig gestreckt und nach allen Seiten gedreht. Der Vergleich zwischen dem gesunden und dem operierten Bein ruft bei der \u00c4rztin Stirnrunzeln hervor. Ihr Schreibstift saust unabl\u00e4ssig \u00fcber einen Papierbogen und an schematischen Abbildungen des K\u00f6rpers werden Zeichen angebracht. &#8222;<em>Biite-scheen, Herr Ruperti, in eine Woche<\/em>\u00a0<em>Sie kommen zu mir zweite Mal, aber wenn Probl\u00e8mm, biite-scheen, Sie kommen<\/em>\u00a0<em>gleich, immer fir Sie Zeit.<\/em>&#8220;<\/p>\n<p>Im Labyrinth des Irma-Badepalastes finde ich nun den mir angegebenen Schalter, wo man die Formulare in einen Schlitz einwerfen muss. Durch die geschlossene Glast\u00fcre beobachte ich neugierig, wie die Krankenschwester mit meinen Papieren in der Hand neben einer jungen Frau mit knallrot gef\u00e4rbten Haaren steht und auf sie einredet. Die Rothaarige tippt eifrig meine Daten in einen Computer.<\/p>\n<p>Dann bekomme ich meine pers\u00f6nliche, schon nach kurzer Zeit ausgedruckte &#8222;Kurverordnung&#8220; ausgeh\u00e4ndigt. Von nun an muss ich sie immer bei mir tragen und jeweils in den verschiedenen Abteilungen vorlegen. Auf dieser Verordnung sind f\u00fcr alle Tage meines Aufenthaltes die Zeiten angegeben, wann und wo welche Therapien f\u00fcr mich eingeplant sind. Es sind zwischen 5 und 7 pro Tag und jede Therapie ist mit einem besonderen Symbol versehen, damit keine Verwechslungen entstehen.<\/p>\n<p>Im Lauf der Tage werden mir in abwechselnder Reihenfolge verordnet: Reflex- Massage, Schlammpackung, Unterwasser-Massage, Parafango, individuelle Heilgymnastik, Sauna, Hydrokinesitherapie (erweist sich sp\u00e4ter einfach gesagt als Wassergymnastik), Moorbad, Spiegelbad und gew\u00f6hnliche Massage.<\/p>\n<p>Dazu gesellen sich Symbole f\u00fcr elektrische Behandlungen. F\u00fcr mich wurden vorgeschrieben: Pamatron, Ultraschall, Endo und Biolampe, doch alle ohne Zeitangaben. Die elektrischen Therapien soll man selber zwischen die anderen, festgelegten Zeiten einsetzen, denn bei den elektrischen Behandlungen werden die Termine f\u00fcr die Hotelg\u00e4ste nicht aufeinander abgestimmt. Vom Personal sind n\u00e4mlich jeweils nur wenige Handgriffe zur Einschaltung der Apparaturen in den Behandlungs-Zellen erforderlich. Trotzdem ergeben sich bei diesen Therapien manchmal gewisse Wartezeiten, bis ein Platz frei wird und man drankommt.<\/p>\n<p>Zus\u00e4tzlich wird noch empfohlen, t\u00e4glich die Fitness-Einrichtungen, sowie das Thermal-Schwimmbad im Freien zu benutzen. Der Geist ist willig, doch das Fleisch ist schwach. An manchen Tagen war ich \u2013 besonders am Anfang \u2013 von all den Therapien derart m\u00fcde, dass ich diese Zus\u00e4tze auch mit bestem Willen nicht mehr schaffte. Dies umso mehr, als die ersten Behandlungen teilweise schon um 6h30 beginnen. Mich trafen aber nur dreimal so fr\u00fche Anfangszeiten.<\/p>\n<p><strong> So wird man behandelt<\/strong><\/p>\n<p>Auf einer niederen Holzliege breitet der weiss gekleidete Pfleger dunkle T\u00fccher aus. Ein junger, starker Angestellte in schwarzer Sportkleidung rollt auf einem W\u00e4gelchen schwere Kessel heran. Sie dampfen, sind gef\u00fcllt mit tiefschwarzem Schlamm.<\/p>\n<p>Der Weissgekleidete breitet diesen Schlamm \u00fcber die T\u00fccher. Seinen Handzeichen folgend, habe ich mich inzwischen entbl\u00f6sst und versuche nun, mich mit dem R\u00fccken auf die schwarzen Masse zu legen. Heiss, oh wie heiss! Doch dies ist nur der erste Moment, man gew\u00f6hnt sich schnell daran.<\/p>\n<p>Der Weissgekleidete kommt auf mich zu. In der erhobenen Hand h\u00e4lt er einen bedrohlich wirkenden Apparat, angeschlossen an einem langen, gr\u00fcnen Schlauch. &#8222;<em>Herzkiller!<\/em>&#8220; fl\u00fcstert er mir zu. (An den W\u00e4nden fordern ja die Tafeln: \u201eBitte Ruhe. Lautes Sprechen verboten&#8220;). Ich erschrecke ein wenig, sch\u00fcttle den Kopf, denn ich weiss nicht, was er beabsichtigt. Er versteht mich anders, aber eigentlich richtig: nein, ich h\u00e4tte dies nicht n\u00f6tig.<\/p>\n<p>Nachher habe ich begriffen, um was es dabei geht. Durch ein System d\u00fcnner, kreisf\u00f6rmiger Metallr\u00f6hrchen fliesst kaltes Wasser. Menschen mit schwachen Herzen wird dieser Apparat bei der Schwitzkur auf die linke Brustseite gelegt als &#8222;Herzk\u00fchler&#8220;.<\/p>\n<p>So liegt man da, auf schwarzem Schlamm gebettet, vom Weissgekleideten eng eingepackt, erst in T\u00fccher, dazu noch in eine Wolldecke. Nur gerade der Kopf bleibt frei. Bald l\u00e4uft der Schweiss \u00fcber das ganze Gesicht und tr\u00e4ufelt in die Augenh\u00f6hlen. Die Heilige Veronika gibt es schon lange nicht mehr und ihr nach 1500 Jahren geschickt nachempfundenes Schweisstuch (wenn auch nicht mit zeitlich korrektem Karbongehalt) ruht fest verschlossen seit rund 500 Jahren in einem Schrein aus Silber in Turin. Anstelle der wohltuenden Veronika erscheinen jedoch ab und zu ebenso n\u00fctzliche Weissgekleidete. Statt eines Heiligenscheins, schwebt \u00fcber ihnen der Geruch des hier so beliebten und von mir verhasstem Knoblauch. Mit sanften Handbewegungen und einem kleinen Tuch wischen diese duftenden Engel mir den Schweiss aus dem Gesicht.<\/p>\n<p>Dann wird man wieder ausgepackt, mit einer Handbewegung in die bereits angedrehte Dusche geschickt. Diese befindet sich auf der Hinterseite der Zelle und dient gemeinsam je zwei Abteilen. Mit einer auf Rollen h\u00e4ngenden, seitlich verschiebbaren, verwitterten (historischen ?) T\u00fcre wird die Dusche abwechselnd zu der einen oder der anderen Zelle zug\u00e4nglich gemacht. Die frei liegenden Wasserrohre sind mehrfach mit weisser Farbe \u00fcberstrichen, doch der Rost kommt darunter stets wieder hervor. Das heisse Wasser verbreitet den \u00fcblichen Duft. Es ist offenbar dem Metall ebenso sch\u00e4dlich, wie uns Menschen n\u00fctzlich.<\/p>\n<p>Nun wird man angewiesen, immer noch splitternackt, in die Massageabteilung zu wandeln. Ein Masseur kommt, \u00f6ffnet weisse, tadellos sauberen Vorh\u00e4nge zu einer Kabine. Ich werde auf einen in der H\u00f6he verstellbaren Tisch gelegt. Der Masseur beginnt meinen R\u00fccken energisch zu kneten und zu reiben. Dann muss ich aufsitzen und die Arme werden behandelt. F\u00fcr Brust und Bauch gibt es keine Massage. Die Prozedur hinterl\u00e4sst bei mir eine ausgetrocknete Haut, die ich nach der R\u00fcckkehr ins Hotelzimmer mit Niveamilch pflegen muss.<\/p>\n<p>Nicht zu verwechseln mit der Schlammpackung ist das Schlammbad. Der Badepalast Irma wird von einer zentralen Kuppel \u00fcberragt. In dem darunter liegenden, vier Stockwerk hohen Saal befindet sich das Schlammbad. Der m\u00e4chtige Kuppelsaal ist quer durch eine nur ein Stockwerk hohe Wand geteilt, sodass der Blick hinauf zum Kuppelgew\u00f6lbe mit dem Oberlicht von beiden Seiten frei bleibt. Die Zwischenwand trennt die Damen von den Herren im gemeinsamen Bad. Mit den F\u00fcssen steht man im heissen Schlamm. Dar\u00fcber ist das riesige, runde Becken brusthoch mit 40\u00ba warmem, schwarzem Wasser angef\u00fcllt.<\/p>\n<p>An den W\u00e4nden weisen aufgeh\u00e4ngte Schilder mit dem Symbol eines durchge-strichenen Mannes, dass Schwimmen nicht erlaubt sei. Ich h\u00e4tte ohnehin keine Lust dazu &#8211; bei dieser W\u00e4rme. Vor allem muss ich aber die grossartige Architektur bestaunen. Die Besch\u00e4digungen an Figuren und Mosaiken, die Flecken an den W\u00e4nden st\u00f6ren mich wenig. Sie sind eher Zeugnisse der gloriosen Vergangenheit dieser vergammelten Pracht.<\/p>\n<p>14 Rippen an der Wand streben auf zur Kuppel. Von beide Seiten der vorstehenden Rippen grinst in regelm\u00e4ssigen Abst\u00e4nden der Kopf von Neptun auf den Badegast hinunter. Die b\u00e4rtigen G\u00f6ttergesichter sind in grauer Keramik dargestellt und in ein Quadrat eingebaut, das formal beliebteste Element des Jugendstils der Sezession.<\/p>\n<p>Rund um die Wand zieht sich ein Band mit Reliefs aus bunter Keramik. Aus gr\u00fcnlich-bl\u00e4ulichen Wellen glotzen gross\u00e4ugige Meerestiere. In regelm\u00e4ssigen Abst\u00e4nden ragen ferner quadratische Elemente hervor, die abwechselnd gold-, silber- oder kupfer-farbig gl\u00e4nzen. In gr\u00fcn gekachelten Nischen zwischen den S\u00e4ulenrippen wechseln sich die Reliefs ab; ein schn\u00e4belndes Pelikanenpaar, dann zwei B\u00fcbchen, danach wieder die beiden V\u00f6gel usw.. Was diese Symbole verk\u00f6rpern sollen bleibt mir unverst\u00e4ndlich.<\/p>\n<p>Jedenfalls hat es zwischen den beiden Figuren jeweils einen Hahn, aus dem wohl einst Wasser in die darunter befindlichen Gef\u00e4sse geflossen ist, die mit grauen Seepferdchen verziert sind. Aus der Mitte der sittlichen Trennwand zwischen den beiden Geschlechtern erhebt sich ein kunstvoller Brunnen. Drei quadratische Neptungesichter speien &#8211; schon lange nicht mehr &#8211; Wasser in das Becken. Ihre keramischen B\u00e4rte sind teilweise abgebrochen.<\/p>\n<p>Nach der vorgeschriebenen Zeit begebe ich mich treppauf, dann wieder treppab zum kleineren quadratischen Becken mit dem sogenannten Spiegelbad. Ich bin nur mit Badesandalen bekleidet, die anderen M\u00e4nner meist mit gar nichts. Gl\u00fccklicherweise habe ich keine unn\u00f6tigen Probleme mit k\u00f6rperlichen Schamgef\u00fchlen. Dennoch blicke ich diskret zur Seite, wenn all die haarigen W\u00e4nste an mir vorbeiwatscheln und die m\u00fcden Figuren dahinschleichen. Ich bin ja so gl\u00fccklich, in einem Breitengrad zu leben wo das Klima von jeher der Anlass war, sich durch Stoffe zu sch\u00fctzen. Wie sch\u00f6n, dass die Mode-Industrie Dinge schafft, die eine Selbstdarstellung erm\u00f6glichen und so die Menschen interessanter und sch\u00f6ner erscheinen l\u00e4sst, als sie es in Wirklichkeit sind.<\/p>\n<p>Ausser in den Nacktabteilungen ist das Pflegepersonal \u00fcberall weiblich und scheint durchgehend intelligenter zu sein, als die eher primitiv wirkenden M\u00e4nner. Das zeigt sich schon bei den Sprachkenntnissen. Zu gewissen Massagen schickt mich die &#8222;Kurverordnung&#8220; ausnahmsweise nicht zu Irma (Bad), sondern zu Napoleon. Dieses Bad ist offensichtlich renoviert worden. Ich versuche vom Masseur die Auskunft zu bekommen, wann die Renovation gemacht wurde. Er nickt verst\u00e4ndnisvoll, zeigt mir freundlich grinsend das Fl\u00e4schchen mit dem Massage\u00f6l und antwortet nicht sehr genau auf die ihm gestellte Frage: &#8222;<em>Ell s\u00e4rr<\/em> <em>gutt<\/em>&#8222;. Ich versuche noch zwei Mal die Frage langsam und deutlich zu stellen, doch die Sprachbarriere l\u00e4sst sich nicht \u00fcberbr\u00fccken.<\/p>\n<p>Ich erfahre sp\u00e4ter, dass man die Renovation im Jahre 2001 gemacht hat. Von aussen wurden die beiden langen, parallel liegenden, scheinbar einst\u00f6ckigen Geb\u00e4ude perfekt restauriert. Die breit ausladenden D\u00e4cher ruhen auf weissen, dorischen S\u00e4ulen. Die Hausw\u00e4nde sind frisch bemalt in dem nach der Kaiserin Maria Theresia benannten, warmen, leuchtenden &#8222;Theresiengelb&#8220;. Zwischen den S\u00e4ulen und den W\u00e4nden sind breite offenen Wandelhallen, wo man sich wie fr\u00fcher in der frischen Luft auf B\u00e4nken ausruhen kann. Innerhalb der Geb\u00e4ude ist aber alles vollst\u00e4ndig erneuert worden. Im Erdgeschoss und verborgen im grossen Dachgeschoss mit Oberlicht finden sich moderne sanit\u00e4re Installationen, Kabinen aus hellen Holzw\u00e4nden und Schwimmhallen mit Keramikfliesen, die in ihrer Anordnung andeutungsweise den einstigen Empire-Stil verk\u00f6rpern. Eine Meisterleistung!<\/p>\n<p><strong>Trinkgeld oder Korruption?<\/strong><\/p>\n<p>Im geschlossenen Parkteil auf der R\u00fcckseite des Thermia Palace findet sich das bereits erw\u00e4hnte, exklusiv den Hotelg\u00e4sten zug\u00e4ngliche Thermal-Schwimmbecken. Das Wasser ist von Anfang November bis Ende M\u00e4rz angenehme 32-33\u00ba warm. Im Sommer wird es etwas mehr abgek\u00fchlt auf 30-31\u00ba. Zarte Dunstschleier, mit einem Hauch des unterirdischen Parf\u00fcms &#8222;sulfure no. 5&#8220; schweben \u00fcber der Wasserfl\u00e4che. Ein Kopf kommt auf mich angeschwommen, l\u00e4chelt mir zu und spricht mich an. Mir ist r\u00e4tselhaft, wie die mir fremde Dame herausgefunden hat, dass ich G\u00e4rten gestalte. Jedenfalls gibt mein Kopf \u00fcber dem Wasser ihr bereitwillig die Ausk\u00fcnfte, welche Pflanzen f\u00fcr den mir beschriebenen Garten bei einem neuen Haus auf einer Meeresinsel im Norden Deutschlands empfehlenswert sein k\u00f6nnten.<\/p>\n<p>Die Richtung der Ratschl\u00e4ge kehrt sich um. Der Kopf der Dame, die hier schon mehrmals als Kurgast weilte, erkl\u00e4rt mir nun als Gegenleistung f\u00fcr meine Gartenberatung, zu welchem Betrag und in welcher Weise Trinkgelder hier am besten verteilt werden sollten.<\/p>\n<p>Die empfohlene Menge scheint mir recht bescheiden, das Vorgehen hingegen ungewohnt. Unbedingt bevor, nicht erst nach den einzelnen Therapien m\u00fcsse Geld gegeben werden. Es sei n\u00e4mlich erstaunlich, wie sich dadurch jedes Mal der Service verbessert.<\/p>\n<p>Ich nehme die Hinweise dankbar entgegen. Ich war zwar in den ersten Tagen mit allen Dienstleistungen zufrieden und besonders angenehm \u00fcberrascht hat mich die stete Freundlichkeit des Personals. Etwas z\u00f6gernd versuche ich es nun mit der mir empfohlenen Korruption. Als solche muss man doch eigentlich eine Geld\u00fcbergabe bezeichnen (selbst wenn sie noch so bescheiden ist) die zur\u00a0Verbesserung einer nachfolgenden Dienstleistung dienen soll. Ein kleines Geschenk, wie gewohnt erst nachher zum Dank\u00a0ist ganz etwas anderes.<\/p>\n<p>Doch ich habe mich schnell an dieses System der kleinen Korruption gew\u00f6hnt. Es bewirkt tats\u00e4chlich Wunder: Der Geldschein verschwindet blitzschnell. Pl\u00f6tzlich vergr\u00f6ssert sich die aufgeh\u00e4ufte Schlammmenge wesentlich, der Schweiss wird \u00f6fter aus dem Gesicht gewischt, das Kneten des Masseurs wird wie von selber st\u00e4rker und dauert l\u00e4nger usw. So habe ich in einem der \u00f6stlichen, europ\u00e4ischen L\u00e4nder, die bekanntlich seit jeher die Korruption mit besonderer Hingabe gepflegt haben, diese n\u00fctzliche Kunst erlernen k\u00f6nnen &#8211; wenn auch nur in sehr bescheidenem Umfang.<\/p>\n<p><strong>Geistige Gymnastik<\/strong><\/p>\n<p>Einige Therapien sind zwar mit gymnastischen \u00dcbungen verbunden, die meisten muss ich aber in v\u00f6lliger Passivit\u00e4t \u00fcber mich ergehen lassen: mit Schlamm bewegungslos eingepackt, auf Massagetischen und unter elektrischen Ger\u00e4ten. Um zwischen all diesen rein, auf den K\u00f6rper bezogenen Zeitabschnitten doch nicht geistig v\u00f6llig abzustumpfen, erweist sich der mitgenommene Laptop als sinnvolles Gegenmittel.<\/p>\n<p>Er dient mir bei einer l\u00e4ngeren \u00dcbersetzung vom Russischen ins Deutsche. Das ist f\u00fcr mich eine noch ungewohnte und deshalb n\u00fctzliche, geistige Turn\u00fcbung. Es handelt sich um ein 64-seitiges, handschriftliches Manuskript. Die Autorin hatte ich bei einer Einladung zu einer von meiner Schwester Marischa in Basel veranstalteten, russischen Osterfeier kennen gelernt. Wir hatten aber bei dieser bisher einzigen Begegnung nur wenige Worte gewechselt. Irina Marc und ich sind ziemlich entfernt miteinander verwandt, dank einer gemeinsamen Ur-Urgrossmutter. Aus Deutschland nach Russland ausgewandert, hatte es die aus Kaufleuten und Bankiers bestehende Familie in der neuen Heimat zu Ansehen und grossem Reichtum gebracht. Beides ging bei der Kommunistischen Revolution im Jahre 1917 verloren.<\/p>\n<p>Im Gegensatz zu fast allen anderen Personen der weit verzweigten Familie &#8211; unter anderem auch meiner beiden Eltern &#8211; ist der Vater von Irina auch nach der Revolution in Russland geblieben.<\/p>\n<p>Der damals noch sehr junge Mann glaubte fest an die kommunistische Illusion von Gleichheit und Br\u00fcderlichkeit und weigerte sich deshalb, sein Geburtsland zu verlassen, in dem nun das neue Paradies verwirklicht werden sollte. Voll Begeisterung stiftete er aus seinem pers\u00f6nlichen Besitz einen Beitrag zur Verwirklichung dieser Ideale in der H\u00f6he von zwei Millionen Rubel (nach heutigem Wert rund 20&#8217;000&#8217;000 \u20ac).<\/p>\n<p>Doch als Dank daf\u00fcr wurde ihm sp\u00e4ter sein gesamter \u00fcbriger Besitz abgenommen und er vegetierte mit seiner Familie zusammengepfercht in einem Zimmer einer ihm staatlich zugewiesenen, mit mehreren anderen Familien geteilten Wohnung. Aber auch dieses Gl\u00fcck w\u00e4hrte nicht lange. Irina war f\u00fcnf Jahre alt, als er festgenommen wurde, kam er doch aus einer &#8222;nicht sozial angeglichenen Schicht&#8220; und war erst noch deutscher Abstammung. Irina beschreibt, wie sie erst Jahre sp\u00e4ter von der Erschiessung ihres Vaters erfahren hat und wie die Mutter &#8211; nur weil sie dessen Frau war &#8211; lange Jahre in einem Gulag in Sibirien bleiben musste, sowie andere schreckliche Dinge aus dem Alltag unter Stalin.<\/p>\n<p>Irinas Vater und sein Schwager, Ivan Salomon, wurden am gleichen Tag verhaftet. Die KGB (politische Polizei von Sowjetrussland) hat Salomon so lange gefoltert bis der ungl\u00fcckliche, willenlos gemachte Mann &#8211; in der falschen Hoffnung dadurch sein eigenes Leben zu retten &#8211; die von seinen Peinigern erw\u00fcnschten, v\u00f6llig unwahren Verh\u00f6rprotokolle unterschrieb. Damit hatten die Folterknechte den gew\u00fcnschten Vorwand, Irinas Vater, als angeblichen Spion und Volksfeind mit einem Anschein von Justiz zur Erschiessung zu verurteilen.<\/p>\n<p>All das zu erfahren ging mir sehr nahe. Auch erfuhr ich erst bei dieser \u00dcbersetzungsarbeit, dass Euphrosia Salomon die Witwe dieses verr\u00e4terischen Schwagers war. Auch sie war lange Jahre nach Sibirien verbannt. Der Zufall will es n\u00e4mlich, dass ich dieser Frau bei einem Besuch in Moskau vor etwa 30 Jahren pers\u00f6nlich begegnet bin. Die Schwester meines Vaters hatte mir einen kleinen Koffer mit warmen Kleidern und einigen Lebensmitteln f\u00fcr ihre in Russland verbliebene Jugend-freundin auf meine Reise mitgegeben.<\/p>\n<p>Ich werde nie vergessen, mit welcher Angst die vor Alter geb\u00fcckte, aber intelligent wirkende Frau mich als Ausl\u00e4nder begr\u00fcsst hat. Sie wollte mich hastig \u00fcber tausend Dinge ausfragen, wagte aber nicht, allzu lange mit mir zusammen zu bleiben. Es schien mir dann besonders grotesk, unter welchen Vorsichtsmassnahmen ich ihr die damals so begehrten, aber streng verbotenen Geschenke aus dem Ausland \u00fcbergeben musste.<\/p>\n<p>Nachdem ich die \u00dcbersetzung gemacht hatte, fuhr ich fort mit dem Tippen auf den Laptop. Ich notierte meine Beobachtungen in dem mir bisher noch nicht bekannten Land. Es ergab sich daraus ein buntes Mosaik pers\u00f6nlicher Eindr\u00fccke. Zuletzt kam mir der Gedanke, dass dies vielleicht nicht nur f\u00fcr mich eine private Erinnerungshilfe w\u00e4re, sondern auch einige Bekannte interessieren k\u00f6nnte. Deshalb schrieb ich diesen vorliegenden Bericht.<\/p>\n<p><strong>Zwei Ausfl\u00fcge nach Bratislava<\/strong><\/p>\n<p>Die Hauptstadt liegt direkt an der Grenze zu \u00d6sterreich, in der \u00e4ussersten s\u00fcdwestlichen Ecke der Slowakei. Fr\u00fcher wurde Bratislava &#8222;Pressburg&#8220; genannt und war von 1526-1784 die Hauptstadt des Ungarischen Reiches. Die Entfernung zu Piestany betr\u00e4gt 80 km.<\/p>\n<p>Man kann im Reiseb\u00fcro Theaterkarten in Verbindung mit dem Zubringerdienst bestellen. P\u00fcnktlich werden wir vom Chauffeur im Hotel abgeholt. Er stellt sich als Wladimir vor und gibt w\u00e4hrend der Fahrt mit grosser Bereitwilligkeit Ausk\u00fcnfte \u00fcber sein Land. So erweist sich bereits die Fahrt nach Bratislava als interessant, ja fast noch lohnender als der Theaterabend.<\/p>\n<p>Wladimir hat in seinen 28 Lebensjahren schon Vieles unternommne. Nach Abschluss der Hotelfachschule flog er jeweils in ein fremdes Land, soweit das jeweils vorhandene Geld f\u00fcr den Flug reichte. Dort schlug er sich irgendwie durch, erlernte dabei mehrere Sprachen und verdiente gen\u00fcgend, um zuletzt doch wieder nach Hause zu kommen. Jetzt ist er als Chauffeur t\u00e4tig und &#8211; wenn er nicht selber am Steuer ist &#8211; auch gelegentlich als Reiseleiter f\u00fcr Einzelpersonen oder Kleingruppen. Hier in Piestany soll es f\u00fcr diese T\u00e4tigkeit das ganze Jahr Arbeit geben, fast ohne Saison-Schwankungen.<\/p>\n<p>Interessant scheint mir auch die Karriere seines Auftraggebers, Inhaber des Reiseunternehmens. Nach der politischen Wende vor zehn Jahren hatte dieser im Alter von 23 Jahren damit begonnen, den nun immer mehr aus dem Ausland eintreffenden G\u00e4sten touristische Dienstleistungen anzubieten. Heute unterh\u00e4lt er eine Flotte von kleinen und gr\u00f6sseren Bussen, besch\u00e4ftig zahlreiche Personen und hat alleine in Deutschland Kontakte mit \u00fcber 100 Reiseb\u00fcros, die ihm Kunden schicken.<\/p>\n<p>So gelingt es einzelnen, initiativen Pers\u00f6nlichkeiten nach Ende der kommunistischen Zwangswirtschaft selbst\u00e4ndig ein erfolgreiches Unternehmen aufzubauen. Das sind aber seltene Ausnahmen. Dem Grossteil der Bev\u00f6lkerung geht es bei einem monatlichen Durchschnittslohn von 300 \u20ac wirtschaftlich im Vergleich mit Westeuropa noch keineswegs gut. Dennoch sind \u00fcberall Fortschritte zu verzeichnen und Wladimir ist \u00fcberzeugt, dass auch sein Land in 10 Jahren den Westen eingeholt haben wird.<\/p>\n<p>\u00c4usserlich ist von der relativen Armut schon jetzt kaum mehr etwas zu sehen. Bemerkenswert scheint mir jedoch das Gef\u00e4lle von West nach Ost innerhalb der Slowakei. Laut den Angaben von Wladimir betr\u00e4gt die Arbeitslosigkeit in Bratislava gegenw\u00e4rtig nur 2,8 %, in Piestany jedoch schon 8 %. Gegen Osten steigt die unerfreuliche Zahl bedenklich an und umfasst unweit der Grenze zur Ukraine ganze 35 % der Bev\u00f6lkerung im arbeitsf\u00e4higen Alter.<\/p>\n<p>Das Staatstheater steht an einem grossen Platz am Rande der reizvollen Altstadt von Bratislava. Neben Gastspielen aus Wien, arbeitet das Theater haupts\u00e4chlich mit einer erstaunlich grossen Zahl von fest angestellten Schauspielern, S\u00e4ngern und T\u00e4nzern und bietet ein abwechslungsreiches, vielseitiges Programm. Wir besuchen das Ballett von Tschaikowski, dass dieser auf Russisch &#8222;Spjaschija Krasavitza&#8220;, nannte. Die Engl\u00e4nder nennen es korrekt \u00fcbersetzt &#8222;Sleeping Beauty&#8220;, auf Deutsch l\u00e4uft es dagegen unter dem verf\u00e4lschten Begriff &#8222;Dornr\u00f6schen&#8220;.<\/p>\n<p>F\u00fcr die Auff\u00fchrung in Bratislava wurde die historischen Choreografie des ber\u00fchmten Ballettmeisters Marius Petipa \u00fcbernommen. Bei den Kost\u00fcmen hat man eine halbherzige Modernisierung versucht, statt etwas wirklich Neues zu erfinden, oder aber das historische Vorbild auch in dieser Hinsicht zu befolgen. Das Gleiche k\u00f6nnte f\u00fcr das B\u00fchnenbild gesagt werden. Trotzdem gefiel mir die Auff\u00fchrung recht gut.<\/p>\n<p>Die B\u00fchne ist nicht gross genug, wenn mehr als 40 T\u00e4nzer sich gleichzeitig darauf bewegen, doch das st\u00f6rt nicht allzu sehr.<\/p>\n<p>Adalberto dagegen bem\u00e4ngelte dies und das; nicht eine einziges &#8222;Fouett\u00e9&#8220; bringen die hier fertig! Er vergleicht &#8211; was mir etwas unfair erscheint &#8211; mit dem von ihm in der Scala genossenen Ballettabend. (\u00dcbrigens, auch italienisch war dieser korrekt \u00fcbersetzt getitelt: &#8222;La Bella Addormentata&#8220;).<\/p>\n<p>Zuf\u00e4llig sehen wir am Fernsehen zwei Abende danach ein anderes Ballett, und das war nun wirklich atemberaubend: eine \u00dcbertragung aus dem Pariser Palais Chaillot, Tschaikowskis &#8222;Nussknacker&#8220; von keinem Geringeren als Maurice B\u00e9jart in genialer Weise modernisiert! Und was f\u00fcr Talente, selbst im Chor ist jede T\u00e4nzerin und jeder T\u00e4nzer qualitativ ein Solo-Star.<\/p>\n<p>Am zweiten Sonntag des Kuraufenthaltes begeben wir uns nochmals nach Bratislava. Am Sonntag hat das Badepersonal frei, nur das Hotelpersonal (Zimmerdienst und Restaurant) m\u00fcssen arbeiten. Es gibt also keine Therapien und so haben auch die G\u00e4ste\/Patienten einen &#8222;freien Tag&#8220;.<\/p>\n<p>Diesmal fahren wir mit der Eisenbahn. Erstaunlich ist das Ausmass der landwirt-schaftlichen Fl\u00e4chen. In leuchtendem Gr\u00fcn gl\u00e4nzen die ausgedehnten mit Winter-Weizen bes\u00e4ten \u00c4cker. Die grossen Maisfelder sind gepfl\u00fcgt, ebenso die Kartoffelfelder. Fett und dunkel erstrecken sich die umgekehrten Erdschollen in endlos scheinenden Reihen.<\/p>\n<p>Die Grossgrundbesitzer wurden von den Kommunisten enteignet und auch kleinere ehemalige Bauernbetriebe wurden verstaatlicht, um einheitlich und grossfl\u00e4chig im Kollektiv arbeiten zu k\u00f6nnen. Die riesigen Felder werden meist durch kleine B\u00e4che getrennt; deren Ufer sind von einem schmalen Band mit Gestr\u00e4uch und B\u00e4umen bewachsen, die einen willkommenen Windschutz f\u00fcr die weiten Fl\u00e4chen bieten. Erschreckt durch den vorbeifahrenden Zug springen immer wieder Hasen aus diesen Verstecken hervor.<\/p>\n<p>Bei den Siedlungen \u00e4ndert sich pl\u00f6tzlich das Bild. Statt den grossen Fl\u00e4chen der Staatsbetriebe umgeben kleine, schmale Parzellen die H\u00e4usergruppe. Diese im Privatbesitz verbliebenen St\u00fcckchen Erde sind bepflanzt mit Kohl, mit kurzen Reihen Spalierobst, oder Himbeerstr\u00e4uchern usw. Manchmal sind sogar einige Farbtupfer von bl\u00fchenden Chrysanthemen zu sehen.<\/p>\n<p>In Bratislava bringt uns ein Taxi zur historischen Burg mit den vier weithin sichtbaren T\u00fcrmen hinauf. Der Blick schweift \u00fcber die Donau und das H\u00e4usermeer. Eine interessante, moderne Br\u00fccke \u00fcberquert den Strom. Zwei riesige Pfeiler beidseits der Br\u00fccke st\u00fctzen in grosser H\u00f6he ein Rundsicht-Restaurant. Von dieser St\u00fctze spreizen sich f\u00e4cherf\u00f6rmig Stahlkabel (interessant: nur nach einer Seite) und tragen so in eleganter Weise die ganze lange Br\u00fccke, nur von einem Punkt verankert.<\/p>\n<p>Ein angenehmer Spaziergang f\u00fchrt hinunter zur St. Martins Kathedrale. Gerade ist Gottesdienst in dieser sch\u00f6nen und historisch interessanten Kirche. Wir beschliessen deshalb, am Nachmittag nochmals hineinzuschauen. Das hat sich gelohnt, schon wegen der herrlichen, sp\u00e4tgotischen Gew\u00f6lbeb\u00f6gen. Besonders prachtvoll sind die beiden riesigen, goldenen Alt\u00e4re mit vielen, aus Holz geschnitzten, farbig bemalten Figuren.<\/p>\n<p>Direkt an die Kirche seitlich angebaut erstreckt sich ein grosses, etwas vergammeltes Geb\u00e4ude. Vielleicht war dies der einstige Bischofspalast? Jetzt ist es aber ein sehr originelles Kunst-Museum. Das Tor ist verschlossen, obwohl eine t\u00e4uschend naturgetreu darauf gemalte Treppe zum Eintreten l\u00e4dt. Von den Fenstern l\u00e4chelt Leonardos Gioconda auf den Betrachter hinunter und imitiert Warhols Marilyn, indem sie sich in grellen, wechselnden Farben wiederholt.<\/p>\n<p>In einem der anderen Fenster ist die Kopie der so teuer verkauften Sonnenblumen zu sehen. Gleich daneben das Selbstportr\u00e4t des rothaarigen Holl\u00e4nders, der zu seiner Lebzeit nur eines von all seinen heute so kostbar gewordenen Bildern verkaufen konnte und sich zuletzt verzweifelt ein Ohr abgeschnitten hat. W\u00e4hrend eine Seite dieses h\u00f6chst am\u00fcsanten Kunstmuseums an die Kathedrale angebaut ist, erstrecken sich die Zitate aus der Kunstgeschichte in grellen Farben \u00fcber alle Fenster der drei freistehenden Fassaden.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend uns der Weitblick \u00fcber die Donau auf die neue Stadt eine Ansammlung von langweiligen Plattenbauten zeigte, die zuletzt an eine ausgedehnte Raffinerie grenzen, ist die direkt unter der Burg gelegene Altstadt von grossem Reiz. Der Spaziergang durch diese autofreie Zone bietet dauernd neue architektonische \u00dcberraschungen. Pr\u00e4chtige Adelspal\u00e4ste, vor allem aus dem 18. und 19. Jh., bis hin zu einem ganz besonders sch\u00f6nen, grossen Geb\u00e4ude im Jugendstil wechseln ab mit entz\u00fcckenden alten, teilweise nur einst\u00f6ckigen B\u00fcrgerh\u00e4usern.<\/p>\n<p>Nur ganz wenige H\u00e4user sind noch halb verfallen. Fast alle sind wieder gut bis perfekt restauriert und erfreuen mit ihren ganz verschiedenen Farben, mit interessantem Reliefschmuck und anderen Verzierungen. Dabei wirkt der Spaziergang auch h\u00f6chst am\u00fcsant, denn der Humor der originellen Kunstschau neben der Kathedrale zeigt sich immer wieder. Der Teerbelag in der Altstadt ist historisch korrekt durch Pflastersteine ersetzt worden. Pl\u00f6tzlich ist irgendwo der Fussabdruck eines Menschen auf einer Bronzetafel zwischen den Pflastersteinen im Boden eingelassen. Dies sei das Denkmal f\u00fcr einen Mann der besonders grosse F\u00fcsse hatte, keine passende Schuhe kaufen konnte und deshalb barfuss gehen musste. An einer anderen Stelle ist eine Schriftplatte aus Bronze im Boden. Sie begl\u00fcckt die Japaner mit der tr\u00f6stlichen Inschrift: &#8222;Now Japan has also a place in Central Europe&#8220;.<\/p>\n<p>Ich versuche mir das Resultat vorzustellen, falls im seri\u00f6sen Z\u00fcrich ein K\u00fcnstler versuchen w\u00fcrde, der Stadt ein so lustiges Kunstwerk zu \u00fcbergeben, zur Freude der Einwohner und seiner Besucher. Doch in Z\u00fcrich &#8211; da gibt\u2019s nichts zu lachen! Dort reicht die Toleranz h\u00f6chstens zu ernsten, klobigen Bill Balken an der Bahnhofstrasse.<\/p>\n<p>Bei einem italienischen Restaurant mit dem Namen &#8222;Paparazzi&#8220; versteckt sich tats\u00e4chlich ein solcher hinter der Ecke und filmt die Vorg\u00e4nge auf der Querstrasse. Diese so echt wirkende, lebensgrosse Figur ist in schwarz patinierter Bronze erstarrt.<\/p>\n<p>Vor wenigen Jahren ist in Bratislava eine stadtbekannte Figur gestorben. Der Mann sei immer sehr seltsam und doch elegant gekleidet gewesen. Er habe die Passanten angesprochen und mit lustigen Spr\u00fcchen unterhalten. Bevor ich das erfahren habe, lerne ich jedoch diesen Mann kennen, wie er noch immer, silbergl\u00e4nzend aus Aluminium, mit einer ausladender Armbewegung die Fussg\u00e4nger auf dem Gehsteig anzusprechen scheint.<\/p>\n<p>Fast w\u00e4re ich \u00fcber eine lustige Figur gestolpert, obwohl ein dar\u00fcber aufgestelltes Schild warnt &#8222;Men at work!&#8220; Ich hatte nicht einmal Zeit zu \u00fcberlegen: warum englisch und nicht slowakisch? Tats\u00e4chlich, da hat ein Kerl in Arbeitskleidung einen Dohlendeckel im Gehsteig beiseite geschoben. Man sieht nur seinen Oberk\u00f6rper. Er versucht, sich aus der Kanalisation emporzuheben. Das tut der schmutzige Mann aus dunkler Bronze schon lange erfolglos.<\/p>\n<p>Ich bin total ersch\u00f6pft, weil ich vor lauter Vergn\u00fcgen gar nicht gemerkt habe, wie lange der Spaziergang war. Gleich hinter dem aus dem Boden hervor kriechenden Arbeiter ist der Eingang zu einem Restaurant. Es heisst &#8222;Dolce vita&#8220;, bietet eine h\u00f6chst willkommene Ruhepause und ein italienisches Mittagessen. Was f\u00fcr ein Genuss nach der braven Kost im Thermia Palace! Die Portionen sind allerdings so gross, dass wir bedauernd fast die H\u00e4lfte stehen lassen m\u00fcssen und kein Dessert bestellen. So kostete das Mittagessen inklusive Wein und Mineralwasser f\u00fcr uns Beide zusammen 15 \u20ac. (Fast peinlich).<\/p>\n<p>Als wir sp\u00e4ter an einem hocheleganten, allzu verf\u00fchrerisch aussehenden Kaffeehaus vorbeispazieren, k\u00f6nnen wir nicht widerstehen und wollen das Dessert doch noch nachholen. Welche endlose Reihe der allerfeinsten Konditoreiwaren im ersten Raum! Dahinter mehrere S\u00e4lchen, mit dunkelrotem Samt bezogene, gepolsterte St\u00fchle, Vitrinen mit kleinen kostbaren Antiquit\u00e4ten als Wandschmuck und die erkl\u00e4rende Inschrift: &#8222;Ehemals k. und k. Hoflieferant&#8220;. Dieser Besuch einer Welt vor hundert Jahren, zusammen mit Kaffee und Kuchen, ist nun auch f\u00fcr uns ein &#8222;k\u00f6niglich und kaiserliches&#8220; Vergn\u00fcgen \u2013 und das zum Totalbetrag von 6 \u20ac!<\/p>\n<p><strong> Geschehen Wunder ?<\/strong><\/p>\n<p>Es bereitet mir M\u00fche, an Wunder zu glauben. Dabei gilt wohl mit Recht, dass Glauben stark, ja sogar selig machen kann. Aber vielleicht habe ich ungl\u00e4ubiger Mensch nun doch ein Wunder erleben k\u00f6nnen. Jedenfalls konnte ich bereits am zehnten Tag meines Kuraufenthaltes meine bisher unumg\u00e4nglich scheinende Gehhilfe in eine Zimmerecke wegstellen. Nur einmal habe ich den Spazierstock hervorgeholt, als ich den Sonntagsausflug nach Bratislava unternahm. Bei dem so interessanten, stundenlangen Spaziergang war ich doch wieder froh \u00fcber diesen bisher treuen Begleiter. Aber jetzt darf ich mich definitiv von ihm verabschieden.<\/p>\n<p>Dies erinnert mich an ein Erlebnis vor vielen Jahren. Ich hatte Lourdes besucht und mich dem Zug vieler Menschen angeschlossen, die unerm\u00fcdlich Ave Maria singend die heilige Grotte des Hirtenm\u00e4dchens Bernadette umkreisten. Pl\u00f6tzlich ein Aufschrei! Ein Mann hat seine Kr\u00fccke auf den Haufen der kunstvoll arrangierten Sammlung von vielerlei Gehst\u00fctzen geworfen und schreitet stolz davon. Ich am\u00fcsierte mich innerlich \u00fcber die erfolgreiche Auff\u00fchrung. Sicher ein genialer Werbetrick des Touristenb\u00fcros, zu dem sich der Mann nun vermutlich begibt, um sein Honorar f\u00fcr die vorgespielte, pl\u00f6tzliche Heilung in Empfang zu nehme! So versuchte ich eine mir akzeptabel scheinende Erkl\u00e4rung solcher Wunder. Oder soll man es w\u00f6rtlich nehmen, dass Glauben stark macht?<\/p>\n<p>Ich bin in solchen Sachen \u00e4usserst skeptisch, beneide aber immer alle, die das nicht sind. Wie aufregend muss doch das Leben der vielen Wundergl\u00e4ubigen sein, die irgend eine ihnen nicht gewohnte Erscheinung am Himmel zu beobachten glauben und nun mit Spannung die baldige Landung der Ausser-irdischen erwarten. Ebenso weit entfernt f\u00fchle ich mich innerlich von Menschen, die mit Sicherheit wissen, dass die Jungfrau Maria auf das Vergn\u00fcgen verzicht hat, das normalerweise die Voraussetzung f\u00fcr eine Geburt bildet. Die Liste meiner Glaubensprobleme liesse sich verl\u00e4ngern.<\/p>\n<p>Jetzt ist mir aber tats\u00e4chlich selber ein solches Wunder passiert, indem mein Stock verschwindet. F\u00fcr immer, oder nur f\u00fcr eine gewisse Zeit? Das wird sich zeigen. Jedenfalls versuche ich nun wirklich fest daran zu glauben, dass manchmal Wunder geschehen. Deshalb habe ich Adalberto und mich am Schluss der Kur bereits f\u00fcr eine Wiederholung nach einem Jahr angemeldet, also wieder zum Beginn des Winters, wenn G\u00e4rten weniger Freude schenken k\u00f6nnen als in den anderen Jahreszeiten.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nach einem Sturz musste mir eine k\u00fcnstliche H\u00fcfte eingesetzt werden. Da diese lange nicht heilen wollte, riet mir der Arzt zu einer Kur in Piestany. Daraus ergab sich f\u00fcr Adalberto und mich ein sehr angenehmer sowie abwechslungsreicher Aufenthalt im Herbst 2002. 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