{"id":380,"date":"2016-05-30T15:23:27","date_gmt":"2016-05-30T15:23:27","guid":{"rendered":"http:\/\/ivanruperti.info\/?p=380"},"modified":"2018-02-11T17:02:04","modified_gmt":"2018-02-11T17:02:04","slug":"erste-grosse-auslandsreise-nach-dem-kriegsende","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/ivanruperti.info\/?p=380","title":{"rendered":"Erste grosse Auslandsreise nach dem Kriegsende"},"content":{"rendered":"<p><em>Die Familien Kornfeld und Ruperti wohnten in Basel unweit von einander. Zusammen mit Ebi Kornfeld besuchte ich die Primarschule in der gleichen Klasse und wir verbrachten auch die Freizeit oft zusammen. Im Herbst 1946 unternahmen wir eine Reise nach Belgien und Holland. <\/em><\/p>\n<p><em>Eberhard W. Kornfeld erlangte als Autor und Kunsth\u00e4ndler internationale Ber\u00fchmtheit. Doch schon damals hatte er unter anderem Interesse und bereits gute Kenntnisse der niederl\u00e4ndischen Kunstgeschichte und wollte deren Spuren verfolgen. <\/em><\/p>\n<p><em>Ich dagegen wollte erstmals einige Gross-Tanten m\u00fctterlicherseits besuchen. Meinen nicht mehr lebenden Grossvater, den Holl\u00e4nder van Rijckevorsel, hatte ich nie kennen gelernt. Zur Erinnerung an unsere kurz nach dem Krieg noch recht abenteuerliche Reise verfasste mein Jugendfreund nachfolgenden Bericht.<\/em><\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Wir<em>\u00a0<\/em>hatten unsere Treffen in<\/p>\n<p><strong>Br\u00fcssel<\/strong><\/p>\n<p>verabredet. Wanja kam aus Paris, ich aus der Schweiz.<\/p>\n<p>Viel gab&#8217;s am ersten Abend zu erz\u00e4hlen, an dem wir \u00fcber die grosse Br\u00fcsseler Messe bummelten. Es war Kermesszeit in den Niederlanden, \u00fcberall begegneten uns bunten Buden und frohe Geselligkeit. Die Flamen m\u00fcssen ein abergl\u00e4ubiges V\u00f6lklein sein, denn eine solche Menge von wahrsagenden Hexen, von handlesenden alten Vetteln und Horoskope speiender Apparate hatte ich noch nie auf einem Messeplatz gesehen.<\/p>\n<p>Schon an diesem Abend trat Wanjas erste Untugend zu Tage; er konnte an keinem Glac\u00e9-Stand vorbeigehen. Das sei sein Lebenselement, behauptete er in einer Seelenruhe und verschlang Unmengen dieser undefinierbaren Massen.<\/p>\n<p>Als es gegen elf Uhr ging war es aus mit unserer Lebensfreude. Uns beiden sassen die langen Bahn-Reisen in den Gliedern.<\/p>\n<p>Auch am zweiten Tag bescherte uns Petrus zwar wolkiges, aber doch angenehmes Wetter. Der Marktplatz von Br\u00fcssel, <em>Grand&#8217;Place<\/em> oder<em> Groote Markt<\/em>, hat zwar im &#8218;Baedecker&#8216; nur zwei Sternchen, aber es d\u00fcrfte wohl in Europa wenige St\u00e4tten geben, die einen solchen Zauber ausstr\u00f6men Es war eine gewisse Andacht dabei, als wir das Bild auf uns wirken liessen. Eine solch wunderbare, geschlossene architektonische Einheit!<\/p>\n<p>Vor dem Rathaus, dessen Belfried schon 1454 vollendet war, sind einst die K\u00f6pfe Egmonts und Hoorns gerollt. Schade, dass das gegen\u00fcberliegende <em>Brodhaus<\/em> neueren Datums ist, daf\u00fcr entsch\u00e4digen aber die pr\u00e4chtigen Gildenh\u00e4user, deren goldgeschm\u00fcckte Fassaden den Platz einfassen.<\/p>\n<p>Das <em>Maison des Brasseurs<\/em> mit seinem stolzen Reiter auf dem Giebel des Hauses sticht unter all den sch\u00f6nen Bauten besonders hervor. Das Bild wurde belebt durch all die Blumenst\u00e4nde mitten auf dem Platz. Dieses sch\u00f6ne Erlebnis hatte unsere Meinung \u00fcber Br\u00fcssel positiv beeinflusst. V\u00f6llig ausges\u00f6hnt hat uns dann der kleine Manneken Pis, das originelle Brunnenfig\u00fcrchen, das sein Wasser auf die nat\u00fcrlichste Art und Weise spendet. Das Br\u00fcnnchen muss den Touristen grossen Eindruck machen, da die Umgegend um das ber\u00fchmte Fig\u00fcrchen nur aus Souvenirl\u00e4den besteht.<\/p>\n<p>Ein kleiner Stadtbummel kreuz und quer durch die alten Strassen, bei dem wir vor mancher sch\u00f6nen und typischen Fassade standen, liess uns Zeit zum koordinieren unserer Pl\u00e4ne. Schade, dass wir Br\u00fcgge und Gent fallen lassen mussten, aber unsere belgischen Franken hatten unter dem Eindruck der recht hohen Preise die Schwindsucht bekommen. So mussten wir sehen, gleich Richtung Holland weiter zu kommen. Schade, dass wir uns etwas verrechnet hatten!<\/p>\n<p>So zogen wir nach einem letzten Rundgang durch die Innenstadt mit Sack und Pack gegen den Bahnhof. Ein schneller Zug brachte uns durch die topfebene Landschaft nach<\/p>\n<p><strong>Antwerpen<\/strong><\/p>\n<p>Pulsierendes Leben herrschte in der Stadt, und wenn man einmal eine lange Strasse vor sich hatte, dann konnte man an deren Ende schon ein paar Schiffsmasten mit flatternden Wimpeln sehen. Der erste Kontakt mit der See!<\/p>\n<p>Auf Wanja muss das appetitanregend gewirkt haben, denn schon sorgte er daf\u00fcr, dass wir beide uns in einer grossen Markthalle an goldgelben R\u00fcbchen und \u00e4hnlichen Dingen g\u00fctlich tun konnten. Ich will ja nicht b\u00f6se sein, aber eine Fresslust hat der gute Kerl im Laufe der Tage entwickelt!<\/p>\n<p>Durch eine andere T\u00fcre ging\u2019s wieder hinaus ins Freie und schon standen wir vor dem Rubensdenkmal und der grossen, siebenschiffigen Kathedrale, dem gr\u00f6ssten kirchlichen, gotischen Bauwerk der Niederlande. Herrlich der Blick auf den wundersch\u00f6nen Nordturm mit der durchbrochenen Turmspitze. Der S\u00fcdturm ist leider unvollendet geblieben. Die sieben Schiffe im Innere der Kirche haben einen besonderen Reiz. Eine selten sch\u00f6ne, wohl einzigartige architektonische L\u00f6sung!<\/p>\n<p>Dann fesseln uns die wunderbaren Rubensbilder. Im Querschiff h\u00e4ngen die \u00a0<em>Aufrichtung des Kreuzes<\/em> von 1610 und die <em>Kreuzabnahme<\/em>, die in den Jahren 1611-14 entstanden ist, w\u00e4hrend die <em>Himmelfahrt Maria<\/em> aus dem Jahre 1626 den Hochaltar schm\u00fcckt.<\/p>\n<p>Es waren unsere ersten grossen Rubens, die wir zu sehen bekamen. Schade, dass noch nicht alle der zum Teil sch\u00f6nen Glasgem\u00e4lde eingesetzt waren. So wirkte das Licht auf dem hellgrauen Sandstein etwas hart. Aber gleichwohl, der Eindruck war ein wirklich grosser!<\/p>\n<p>Reizend aber auch der sch\u00f6ne schmiedeiserne Brunnen von Quentin Massys, der vor der Kathedrale auf dem <em>Handschoenmarkt<\/em> steht und aus dem Ende des 15. Jahrhunderts stammt.<\/p>\n<p>Ein schmales G\u00e4sschen f\u00fchrt zum <em>Grooten Markt<\/em> hin. <em>Grand&#8217;Place<\/em> heisst er nicht mehr, denn hier stecken wir mitten im fl\u00e4mischen Sprachgebiet. Eine Reihe sch\u00f6ner Gildenh\u00e4user schliesst auch hier den Platz ab, an dem als sch\u00f6nstes Geb\u00e4ude das aus den sechziger Jahren des 16. Jahrhunderts stammende Rathaus steht.<\/p>\n<p>Quer durch die Altstadt spazieren wir zum Plantin-Museum. Aber da bietet sich uns ein schrecklicher Anblick. Der reizende Platz, mit dem wunderbaren Haus des Buchdruckers Christoph Plantin, dem ersten dieser ber\u00fchmten Familie als Mittelpunkt, ist ein grauer Tr\u00fcmmerhaufen. Eine V-2 hat eines der sch\u00f6nsten Renaissanceh\u00e4user der Niederlande in Tr\u00fcmmer gelegt.<\/p>\n<p>Die Fassaden sind noch einigermassen erhalten. Vielleicht kann dahinter ein neues Haus erstehen, getreu dem alten. Der alte Geist aber wird nicht mehr in den neuen Bau zur\u00fcckkehren. Es werden nicht mehr die Mauern sein, die einst das Entstehen der ber\u00fchmten Druckwerke gesch\u00fctzt haben.<\/p>\n<p>Etwas bedr\u00fcckt gehen wir von der Ruinenst\u00e4tte weg. Erst die Wirkung des Magnetismus eines Heeringladens auf Wanja bringt wieder Leben in die Situation. Damit wird es langsam sp\u00e4ter Nachmittag; im zick-zag Kurs durch die alten Strassen bummeln wir zum Bahnhof zur\u00fcck und klettern in einen Vorortzug, der uns nach <em>Esschen<\/em>, dem letzten belgischen Dorf vor der holl\u00e4ndischen Grenze bringt.<\/p>\n<p>Auf Schusters Rappen ziehen wir \u00fcber die Grenze, nachdem die Z\u00f6llner eine solche Freude an unserer Wanderlust gehabt hatten, dass sie uns nicht einmal die Rucks\u00e4cke aufmachten!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Holland<\/strong><\/p>\n<p>Vorerst geschah gar nichts. Es kam weder ein Kanal, noch eine Windm\u00fchle, oder ein holl\u00e4ndisches Meisje mit einem weissen H\u00e4ubchen. Etwas entt\u00e4uscht \u00fcber diesen recht trockenen Empfang, aber guter Dinge ziehen wir auf der endlosen Landstrasse los. Topfeben die Landschaft, \u00fcber uns die gewaltige Himmelskuppel, deren Gr\u00f6sse wir noch nie so gef\u00fchlt haben.<\/p>\n<p>Die ersten holl\u00e4ndischen K\u00fche am Wegrand besorgen uns einen Liter wunderbare, kuhwarme und rationierungsfreie Milch. Der Hirt hatte zwar etwas M\u00fche unseren ausgefallenen Wunsch zu verstehen.<\/p>\n<p>Dann kam das erste Dorf; kleine backsteinige Bauernh\u00e4user. Auch hier hatte der Krieg seine Spuren hinterlassen &#8211; die Tr\u00fcmmer allerdings waren schon wieder sauber auf die Seite ger\u00e4umt. Unbesch\u00e4digt stand die einzige Windm\u00fchle da. Es war die erste, die sich uns zeigte.<\/p>\n<p>Mittlerweile war es Abend geworden und wir begannen uns umzusehen, wo wir unsere m\u00fcden Glieder zur Ruhe niederlegen konnten. Etwas abseits der Strasse entdeckten wir einen Wald. In dessen Windschatten machten wir es uns bequem, bliesen Luftmatratze, stellten Feldbett auf und plauderten von den Sch\u00f6nheiten des Tages.<\/p>\n<p>Doch pl\u00f6tzlich aus der Waldes Duster: Mit ernster Miene und im vollen Bewusstsein ihrer etwas zweifelhaften W\u00fcrde zwei Polizisten. &#8218;De Papiere&#8216; &#8230; Sie waren recht erstaunt, als wir in einer Seelenruhe unsere P\u00e4sse hervorzogen und sie ihnen unter die Nase hielten.<\/p>\n<p>Irgend ein vorsorglicher B\u00fcrger hatte die Polizei auf die Suche nach zwei dusteren Gestalten geschickt, die die Gegend unsicher machen w\u00fcrden und sehr wahrscheinlich aus irgend einem Kriegsgefangenenlager entwichen w\u00e4ren. Der Zwischenfall hat sein gem\u00fctliches Ende gefunden. Die beiden H\u00fcter des Gesetzes entschuldigten sich und zogen wieder ihres Weges &#8211; allerdings erst nachdem wir sie gr\u00fcndlich in Bezug auf Rationierungsmarken und dergleichen ausgefragt hatten.<\/p>\n<p>Die sch\u00f6nen Brunnen, wie wir sie bei uns kennen, sucht man in Holland vergebens. \u00dcberall stehen noch die Ziehbrunnen, wie man sie von den alten Holl\u00e4ndern her kennt. Gutes Trinkwasser war manchmal ein Problem f\u00fcr uns. Deshalb waren wir recht froh, als sich unser W\u00e4ldchen als die Pumpstation von Rosendaal entpuppte und die Leute uns eine sch\u00f6ne Waschanlage zur Verf\u00fcgung stellten.<\/p>\n<p>Am anderen Morgen ging\u2019s auf Schusters Rappen weiter. Von den netten Leuten an der Pumpstation nehmen wir Abschied und kommen nach<\/p>\n<p><strong>Rosendaal<\/strong><\/p>\n<p>Wanja hat Sorgen, hier soll eine seiner zahlreichen Tanten wohnen, von einer Adresse hat er aber keine Ahnung. Die einzige L\u00f6sung bleibt das Stadthaus, doch der Beamte bedauert. Es ist keine Einwohnerin da, die auch nur ann\u00e4hernd an den von Wanja genannten Namen herankommt. Nun <em>tant pis<\/em>, daf\u00fcr bekommen wir hier unsere Rationierungsmarken f\u00fcr 14 Tage und m\u00fcssen dem Jungen am Schalter versprechen, schweizerische Briefmarken zu schicken.<\/p>\n<p><em>Postzegel<\/em> heisst es so sch\u00f6n auf holl\u00e4ndisch. \u00dcberhaupt diese Sprache! Sie hat uns zu manch heiterem Moment verholfen! Mit grosser Neugierde lasen wir in den ersten Tagen all die Anschriften an den H\u00e4usern und W\u00e4nden. Es war aber auch zu unterhaltsam! <em>Rijwielenstalling, Inlichtingen, Meisje, Spoorwegen<\/em>\u00a0haben wir gleich am ersten Tag gelernt und nicht wieder vergessen. Sp\u00e4ter kamen dann noch andere dazu, <em>Knalletepuff<\/em> f\u00fcr Feuerwerk (einen Tag vor der Heimfahrt) aber schoss dann entschieden alle V\u00f6gel ab.<\/p>\n<p>In Rosendaal folgte eine lange Sitzung mit dem Thema: allgemeine Reiserichtung. Nach langem hin und her zog uns doch Amsterdam wie ein Magnet an. Der Umstand, dass gerade ein abfahrtsbereiter Pullman im Bahnhof stand, entschied das hin und her endg\u00fcltig. Herrlich fuhr&#8217;s sich in diesen Wagen.<\/p>\n<p>In diesen Tagen war die grosse Br\u00fccke zwischen <em>Breda<\/em> und Rotterdam noch nicht wieder hergestellt, sodass die durchgehenden Z\u00fcge den immensen Umweg nach <em>Nijmegen<\/em> machen mussten. Nun, wir waren nicht b\u00f6se dar\u00fcber, denn dadurch bekamen wir ein St\u00fcck Holland zu Gesicht, das wir sonst nicht gesehen h\u00e4tten. In Nijmegen sah man noch deutlich die Spuren der schweren K\u00e4mpfe, die sich in dieser Gegend im Herbst und Winter 1944 abgespielt hatten.<\/p>\n<p>Die Br\u00fccken \u00fcber die <em>Maas<\/em>, den <em>Wal<\/em> und den <em>Lek<\/em> hingegen waren schon wieder tadellos in Ordnung. \u00dcberhaupt hat uns der grossatige Stand des Wiederaufbaus beeindruckt. Die Holl\u00e4nder haben in den seit dem Kriegsende vergangenen Monaten wirklich gearbeitet!<\/p>\n<p>Stundenlang lassen wir die holl\u00e4ndische Landschaft an uns vorbeiziehen, w\u00e4hrend uns die St\u00e4dte und D\u00f6rfer, die der Zug ber\u00fchrt, willkommene Abwechslung bieten. Endlich kommen wir nach<\/p>\n<p><strong> Amsterdam<\/strong><\/p>\n<p>Ein netter Holl\u00e4nder schliesst sich uns am Bahnhof gleich an und will uns in der Stadt herumf\u00fchren. An f\u00fcr sich ein netter Vorschlag &#8211; viel interessanter ist aber die Tatsache, dass er als Photograph Wanja zu Agfa-Karat-Filmen verhelfen will, die sonst unauffindbar w\u00e4ren. Wirklich, das Gesch\u00e4ft in das er uns f\u00fchrt hat noch welche auf Lager. Wanja ist seelig, ich mit. Denn Wanja ohne Film ist ein Kuchenteig ohne Hefe!<\/p>\n<p>Dann sehen wir uns Amsterdam etwas an, kaufen in einem L\u00e4dchen unser Abendessen und setzen uns an irgend einer Stelle der Prinsengracht auf die Ufermauer. Unser <em>repas frugal<\/em> schmeckt uns herrlich, nur haben wir noch Sorgen f\u00fcr die Nacht. Alle Hotels sind bis zum letzten Bett besetzt! Bleibt also nur ein Ausweg. Richtung<em> Hilversum<\/em> setzen wir uns in einen Vorortzug und fahren los.<\/p>\n<p>Bei <em>Weesp<\/em> scheint das Gel\u00e4nde ideal zu sein, also raus aus dem Zug und umgesehen. In einem kleinen Park finden wir ein Pl\u00e4tzchen und stellen zum zweiten Mal unser Einfamilien-H\u00e4uschen auf, ein lustiges Schauspiel f\u00fcr eine ganze Reihe holl\u00e4nder Buben. Weniger lustig aber ist der erste Regen, der uns dabei \u00fcberrascht. Antun kann er uns zwar nichts mehr &#8211; und das monotone Gepl\u00e4tscher der fallenden Tropfen wiegt uns langsam in den Schlaf.<\/p>\n<p>Am n\u00e4chsten Morgen haben wieder Gl\u00fcck. Kaum stehen wir am Bahnhof von Weesp, da f\u00e4hrt schon der Zug nach Amsterdam ein. Die Bahnlinie f\u00fchrt ganz nahe an der <em>Zuidersee<\/em> vorbei. Auf dem Damm drehen sich langsam und gleichm\u00e4ssig die Fl\u00fcgel einer Windm\u00fchle, die wohl Wasser pumpt.<\/p>\n<p>Dann fahren wir wieder in den am Rande des Hafens stehenden Amsterdamer Bahnhof ein. Der Morgen ist gleich vorbei. Ein Boot bringt uns kreuz und quer durch all die sch\u00f6nen Grachten und Winkel und den Hafen von Amsterdam, das Venedig des Nordens!<\/p>\n<p>Wunderbar dieses Stadtbild. Selten, dass ein Haus aus dem Rahmen f\u00e4llt. Alt und neu werden durch die Einheit des Baumaterials auf einen gleichen Nenner gebracht und aneinander gekettet. \u00dcberall diese r\u00f6tlichen und schwarzbraunen Backsteine, die die grossen und weiss umrandeten Fenster einfassen. Der Kern von Amsterdam hat sich wohl im Laufe der Jahrhunderte wenig ge\u00e4ndert, manchen Winkel erkennt man noch aus einem Bild einer der grossen holl\u00e4ndischen Meister aus dem 17. Jahrhundert.<\/p>\n<p>Im Hafen umkreisen wir die Ozeanriesen, w\u00e4hrend von den Docks der L\u00e4rm der Maschinen alles \u00fcbert\u00f6nt. Schiffe werden \u00fcberholt, und an einer Stelle wird ein kleiner Flugzeugtr\u00e4ger aus dem Krieg zu einem stattlichen Walfischf\u00e4nger umgebaut.<\/p>\n<p>In einem Chinesenrestaurant bekommen wir ein wunderbares Reisgericht vorgesetzt, die richtige Vorbereitung f\u00fcr den folgenden Besuch im Rijksmuseum. Herrlich die Dinge die wir da sehen! Rembrandt&#8217;s <em>Staalmeestser<\/em> und die <i>Judenbraut<\/i>, all die van Goyens, Jan Steens, Hals, Pieter de Hochs und die wunderbaren St\u00fccke aus dem 15. Jahrhundert, mit unweigerlichen sch\u00f6nen roten M\u00e4nteln, wie Wanja sagt!<\/p>\n<p>Schade, dass noch nicht alles h\u00e4ngt. Auch die <i>Nachtwache<\/i> ist noch nicht zu sehen. Unterwegs zum Bahnhof klopfe ich schnell bei Herrn Holgen an und melde mich f\u00fcr den n\u00e4chsten Tag. Dann setzen wir uns wieder in den Zug, lassen noch einmal die sch\u00f6nen Eindr\u00fccke von Amsterdam an uns vorbeiziehen und fahren langsam, mit viel Gedampfe und Gepfeife, wie es sich f\u00fcr ein Vorortsrutscherli geh\u00f6rt, nach dem etwa 40 km entfernten<\/p>\n<p><strong>Alkmaar<\/strong><\/p>\n<p>Es ist Donnerstag, am Freitag Morgen wollen wir uns dort den K\u00e4semarkt ansehen. Der Zug ist wie \u00fcblich \u00fcberf\u00fcllt, doch die Holl\u00e4nder scheinen daran keinen Astoss zu nehmen. In die lustige Unterhaltung, die im Coup\u00e9 hin und her schwirrt, werden auch wir hineingezogen. Wir m\u00fcssen auf die \u00fcblichen Fragen antworten und den guten Leuten immer wieder klarmachen, dass wir wirklich f\u00fcr Ferien hier unten seien. Es f\u00e4llt ihnen schwer zu begreifen, dass man aus der Schweiz weggehen und anderswo Ferien machen k\u00f6nne.<\/p>\n<p>Wir fahren mitten durch das <em>Wieringer Meer<\/em>, das w\u00e4hrend den letzten Kriegsmonaten \u00fcber einen Meter hoch \u00fcberschwemmt gewesen ist. Spuren dieser Katastrophe entdecken wir aber keine mehr, die Bewohner haben auch hier sauberen Tisch gemacht. Auch in Alkmaar\u00a0selbst ist alles wieder sauber aufger\u00e4umt. Die B\u00e4ume der Parkanlagen sind zwar noch recht mitgenommen.\u00a0An den Ufern der \u00e4usseren Grachten aber prangen schon wieder die sch\u00f6nsten Blumenfelder.<\/p>\n<p>Hier haben wir mit dem Hotel mehr Gl\u00fcck, im &#8218;Central&#8216; erwischen wir noch ein ganz nettes Zimmer. Am langersehnten fliessenden Wasser bringen wir uns wieder einigermassen in Ordnung und bummeln dann, obwohl wir vom erlebnisreichen Tag recht &#8218;kn\u00e4tsch&#8216; sind, den sch\u00f6nen Grachten des St\u00e4dtchens entlang.<\/p>\n<p>Vor dem eigentlichen Marktbeginn unternehmen wir noch einen (einer von vielen) sogenannten Photobummel kreuz und quer durch den sch\u00f6nen alten Stadtkern. Gegen 10 Uhr aber wird der Betrieb um den Marktplatz herum immer gr\u00f6sser. Mit K\u00e4hnen und Lastwagen werden unz\u00e4hlige der gelben K\u00e4sekugeln herangefahren und auf dem Marktplatz, der extra f\u00fcr diesen Zweck in einer bestimmten Anordnung gepflastert ist, sch\u00f6n s\u00e4uberlich in Reih und Glied und St\u00fcck auf St\u00fcck aufgeschichtet. Es sieht aus wie eine lange Reihe alter Kanonenkugeln in einem historischen Museum.<\/p>\n<p>Auf einer Seite ist der Marktplatz von einem Kanal begrenzt, auf dar anderen aber steht die sch\u00f6ne alte Waage, die 1582 aus einer Kirche umgebaut worden ist.<\/p>\n<p>Kurz nach zehn Uhr beginnt man hier auf vier riesigen alten Waagen die K\u00e4se zu wiegen, die von den in kurzen Schrittehen herantrappelnden &#8218;<em>Kaasdragers<\/em>&#8218; in ihren weissen Trachten mit den farbigen H\u00fcten herangetragen werden. Von oben gesehen sieht der ganze Markt noch viel sch\u00f6ner aus, der Blick lohnte wirklich die m\u00fchsame Steigerei auf den engen Teppen des Turmes der Waage.<\/p>\n<p>\u00dcber die D\u00e4cher hinweg kann man seine Blicke wandern lassen \u00fcber die nahen Wiesen, die Kan\u00e4le und die Windm\u00fchlen. Einf\u00f6rmig und gradlinig dar Horizont, nur gegen Westen zeichnen sich sanft geschwungene D\u00fcnen gegen den Himmel ab.<\/p>\n<p>Schade, dass all die sch\u00f6nen, runden K\u00e4se rationiert waren. So m\u00fcssen wir uns leider ohne auf den Weg nach Amsterdam machen, wo wir uns wie der in all den sch\u00f6nen Grachten ergehen und ich mir bei Herrn Holgen ein paar Rembrandtradierungen ansehe.<\/p>\n<p>Dann steigen wir hinter dem Bahnhof im Hafen vom Amsterdam in das Schiff, das uns durch den breiten Nordseekanal bring, oft manchen Meter h\u00f6her als die unter dem Meeresspiegel liegenden Wiesen. Wir erreichen\u00a0<em>Velsen<\/em>, kurz vor den grossen Schleusen von <em>Ijmuiden<\/em>.<\/p>\n<p>Lang genug sind wir nun parallel mit dem Strand im Land herumgefahren. Nun wollen wir endlich ans Meer hinunter. F\u00e4hren und Drehbr\u00fccken unterhalten uns w\u00e4hrend der Fahrt. Die Gegend ist ein Schulbeispiel daf\u00fcr, wie die Naturgewalten der Technik untertan gemacht werden k\u00f6nnen. Was w\u00e4re wohl Amsterdam ohne diesen Kanal? Wohl eine kleine Stadt mit einem Binnenhafen an der Zuidersee.<\/p>\n<p>In <em>Velsen<\/em> finden wir gleich einen Autocar, der uns nach <em>Beverijk<\/em> bringt, wo wir den Anschluss an den Wagen nach <em>Wijk aan Zee<\/em> erwischen. Der Wagen ist wohl schon vor ein paar Jahrzehnten modern gewesen, immerhin bringt er uns aber einigermassen heil nach<\/p>\n<p><strong>Wijk<\/strong><\/p>\n<p>Wir stecken mitten in einem kleinen Dorf in den D\u00fcnen, als wir ausgeladen werden. Ein kleines nettes Seebad, das wohl schon bessere Zeiten erlebt hat. Ringsherum auf den D\u00fcnen stehen noch m\u00e4chtige Gestelle. Bei n\u00e4herem Zusehen entpuppen sie sich als Radarger\u00e4te, die die deutschen Truppen noch im Winter 44-45 installiert haben.<\/p>\n<p>In die Luft ragende Flabrohre und Eing\u00e4nge zu riesigen Unterst\u00e4nden zeigen uns, dass wir hier mitten im einstigen Atlantikwall stecken.<\/p>\n<p>Auf einer kleinen, neuen Strasse kommen wir zum Meer hinunter. Der erste Blick auf die. See nach einem l\u00e4ngeren Unterbruch wird immer ein grosser Moment sein; dieses erste Schauen \u00fcber die unendliche Wasserfl\u00e4che, ein Blick, der einem so winzig klein macht. Nach l\u00e4ngerem hin und her und einem Besuch auf dem Polizeiposten von\u00a0Wijk\u00a0(mit dem Gewaltigen in umgekrempelten Hemds\u00e4rmeln) finden wir hinter den D\u00fcnen auf einer Wiese einen recht netten Platz zum Zelten. Die D\u00fcnen selbst sind immer noch mit Stacheldrahtverhauen abgesperrt; die Minengefahr ist noch zu gross.<\/p>\n<p>Am Strand ist auch nur ein verh\u00e4ltnism\u00e4ssig kleiner Streifen betretbar, in den anderen Gebieten liegen immer noch die Unterwasserhindernisse aus Eisen und Beton in der See draussen, in denen stellenweise noch Minen verankert sind. Nicht selten kommt es vor, dass nach st\u00fcrmischen N\u00e4chten am Badestrand losgerissene Minen angeschwemmt liegen. Speziell ausgebildete Leute machen sie dann noch vor Auftauchen der ersten Badeg\u00e4ste unsch\u00e4dlich.<\/p>\n<p>Unsere Ankunft l\u00f6st auf dem kleinen Platz, auf dem noch etliche Wohnwagen und Zelte stehen, eine kleine Sensation aus. Gleich sind wir umringt und m\u00fcssen f\u00fcr &#8218;Interviews&#8216; herhalten. Doch trotz den vielen Leuten und dem vielen Geschw\u00e4tz steht unser kleines H\u00fcttchen bald komplett da.<\/p>\n<p>Schwarze Wolken und ein steifer Westwind lassen allerdings f\u00fcr die Nacht allerhand erwarten. Der Abend kommt. Doch bevor wir uns verkriechen werden wir noch von unserem Nachbarn zu einem Abendschwatz eingeladen, bei dem unser Nescaf\u00e9 grossen Anklang findet. Es fallen schon die ersten grossen Tropfen, als wir uns endlich in die Nester verkriechen.<\/p>\n<p>Der Westwind und der Regen sorgen in der Nacht f\u00fcr allerhand \u00dcberraschungen. Die kleinen Sch\u00e4den lassen sich aber immer wieder beheben, allerdings m\u00fcssen wir im str\u00f6menden Regen hantieren.<\/p>\n<p>Am n\u00e4chsten Morgen regnet es. Wanja packt die Gelegenheit am Schopf und ist nicht aus seinem Schlafsack zu bringen! Also Ruhe- und Flontag. Ich wage mich zum Coiffeur. Als ich &#8218;heim&#8216; komme ist Wanja in der Zwischenzeit wieder von den Sandm\u00e4nnchen \u00fcberfallen worden, eine Stunde sp\u00e4ter aber tummeln wir uns doch fr\u00f6hlich im Wasser.<\/p>\n<p>Erster Eindruck: Himmel die Giftbr\u00fche ! Dazu aber hat der Mann auf dem T\u00fcrmchen furchtbar viel zu tun mit uns. Kaum sind wir 20 m draussen, beginnt er schaurig in sein Horn zu stossen. Bei dem Westwind ist es aber auch nicht ratsam, weiter hinaus zu schwimmen. Man bekommt so schon jede Nase lang eine der weissen Brandungswellen \u00fcber den Kopf!<\/p>\n<p>Baden macht Hunger und deshalb braut Wanja ein wunderbares Essen. Im Dorf hat er s\u00e4mtliche Bestandteile f\u00fcr belegte Br\u00f6tchen gefunden und garniert nun eine Reihe sch\u00f6ner weisser Weggchen. Es war wirklich herrlich. Ein &#8222;Sch\u00fcttel-Nescaf\u00e9&#8220; lieferte die feuchte Unterlage dazu. Aber trotz Kaffee, nach einer viertel Stunde sind von Wanja nur noch leicht r\u00f6chelnde T\u00f6ne aus dem Zelt zu h\u00f6ren.<\/p>\n<p>Ich werde zu einem Schwatz in einen der sch\u00f6nen Wohnwagen eingeladen. Ein paar junge Holl\u00e4nder, zur Zeit im Milit\u00e4rdienst, sind auf Urlaub da. Hin und her geht die Diskussion \u00fcber die Politik und ihre Verwendung in Niederl\u00e4ndisch-Indien. Anscheinend hat keiner Lust in irgend einem Urwald dort unten das Zeitliche zu segnen! Und dann muss ich Auskunft geben ob die Schweiz wirklich eine Marine habe. Sie h\u00e4tten von einigen U-Booten geh\u00f6rt.<\/p>\n<p>Tags darauf sind wir fr\u00fch auf den Beinen. Wir packen unsere sieben Sachen zusammen, nehmen Abschied von dem nordisch anmutenden Pl\u00e4tzchen und den Leuten und rollen wieder auf dem wackligen Autobus nach <em>Bewerijk<\/em>. Vor der Abfahrt verbringen wir noch ein paar Minuten auf dem Friedhof neben der Kirche. Angeschwemmte Engl\u00e4nder und Deutsche aus beiden Kriegen liegen etwas abseits von den Einheimischen, sch\u00f6n nebeneinander. Der Tod einigt!<\/p>\n<p>Dann geht es mit der Eisenbahn s\u00fcdw\u00e4rts. Wir fahren \u00fcber den Nordseekanal, kommen an <em>Bloemendaal<\/em> vorbei (wundersch\u00f6n die kleinen und reizenden Landh\u00e4user, die die Gegend beleben) und erreichen<\/p>\n<p><strong>Haarlem<\/strong><\/p>\n<p>Wir sind gerade zur 700-j\u00e4hrigen Stadtfeier gekommen. Alle Strassen sind festlich geschm\u00fcckt. \u00dcber die Gassen hinweg h\u00e4ngen die Girlanden und alle verf\u00fcgbaren Fahnen und Wimpel flattern im Wind. Dazwischen immer wieder grosse Stadtwappen mit der Umschrift: <em>Haarlem 700 Jar Stad<\/em>.<\/p>\n<p>Uns zieht es gleich in die Innenstadt, auf den sch\u00f6nen <em>Grooten Markt<\/em>. Leider ist das sch\u00f6ne Bild durch die grosse Freilicht-Trib\u00fcne f\u00fcr die Festspiele verunstaltet. So k\u00f6nnen wir die Einheit des Platzes, mit der <em>Grooten Kerk<\/em>, dem Rathaus und der Fleischhalle gar nicht erfassen. Das sch\u00f6ne Rathaus, urspr\u00fcnglich Palast der Grafen von Holland, stammt in der heutigen Form , wie die schr\u00e4g gegen\u00fcber liegende Fleischhalle, aus dem Anfang des 17. Jahrhunderts. Die Fleischhalle mit dem reichen Giebel ist wohl eine der sch\u00f6nsten Bauten der niederl\u00e4ndischen Renaissance.<\/p>\n<p>Direkt daneben liegt die <em>Groote Kerk<\/em>, die sch\u00f6ne grosse Kirche aus dem Ende des 15. Jahrhunderts. Durch die alte, stilgerecht eingerichtete K\u00fcsterwohnung, die direkt an der Kirche angebaut ist, kommen wir ins Innere und k\u00f6nnen uns an den sp\u00e4tgotischen Schranken begeistern, die den Chor vom Schiff trennen. Sonst aber ist das Bauwerk ein Schulbeispiel einer holl\u00e4ndischen protestantischen Kirche: Schmucklose graue Weite, \u00fcberw\u00e4ltigende Formen.<\/p>\n<p>Dann bummeln wir durch die festfrohe Stadt ins Frans-Hals-Museum, wo wir in der Jubil\u00e4umsausstellung manches sch\u00f6ne St\u00fcck sehen. Kein Wunder, wenn man sich vergegenw\u00e4rtigt, welche Maler in dieser Stadt gewirkt haben: Hals, Goltzius, Jakob van Ruisdael, die Wouwermans,. Allart van Evardingen und die beiden Ostade. Das sind nur die Wichtigsten, die &#8218;grossen Namen&#8216;. Hier h\u00e4ngen die grossen Gildenst\u00fccke von Hals, die Stilleben Pieter Claesz&#8216; und die derben Adrian Brouwer&#8217;s.<\/p>\n<p>Man h\u00e4tte sich tagelang davor verlustieren k\u00f6nnen! Auch das Museum als Geb\u00e4ude hat seine Reize. Ein sch\u00f6ner, weiter, nur einst\u00f6ckiger Bau mit einem bepflanzten Innenhof.<\/p>\n<p>Dann bummeln wir an einem Kanal entlang zu dem nur wenige hundert Meter entfernten &#8218;Amsterdamer Tor&#8216;, einem letzten \u00dcberbleibsel der alten Stadtbefestigung. Ein wuchtiger, formsch\u00f6ner Ziegelbau aus dem Ende des Mittelalters.<\/p>\n<p>Mitten durch den Rummel kehren wir wieder zur\u00fcck an den <em>Grooten Markt.<\/em> Durch die hohe Trib\u00fcne fristet leider das Denkmal &#8222;de Costers&#8220; diese Tage nur ein bescheidenes Dasein, denn nur wenige Meter davor ragen eiserne und h\u00f6lzerne Gestelle empor. Das schadet weiter zwar nichts, denn schliesslich steht der gute &#8222;de Coster&#8220; sowieso zu Unrecht da. Lokal-Patriotismus wollte ihm die Erfindung der Buchdruckkunst unterschieben. Auch das hat man dem guten alten Gutenberg noch angetan!<\/p>\n<p>In Haarlem war an jenem Tage alles mobilisiert. An den Strassenecken musizierten Spielleute und liessen die alten holl\u00e4ndischen Kermess-Weisen h\u00f6ren, w\u00e4hrend sich in den Strassen kleine Spassmachergruppen herumschlugen und das Volk unterhielten. Auf dem <em>Spaarne<\/em>, dem Fluss der Haarlem durchfliesst, herrschte reges Leben.<\/p>\n<p>Durch die Struktur seiner Kan\u00e4le hat Haarlem sein altes Stadtbild weitgehend erhalten k\u00f6nnen. Selten sind an den alten Strassen neue H\u00e4user zu finden, die neuen Quartiere befinden sich jenseits des den Stadtwall umfliessenden Kanals.<\/p>\n<p>Der Maler, Keys Vermey, dem wir unsere Aufwartung machen wollen, war leider noch nicht in Haarlem. Schade, er h\u00e4tte uns sicher manch sch\u00f6nen Winkel und vor allem sein reizendes altes, klassisch holl\u00e4ndisches Haus gezeigt.<\/p>\n<p>Als es gegen Abend geht, studieren wir wieder an unserem Nachtlager herum. Wir setzen uns in die Bahn und fahren \u00fcber Overveen durch die weiten D\u00fcnen nach<\/p>\n<p><strong>Zaandvoort<\/strong><\/p>\n<p>Wieder bl\u00e4st ein steifer Westwind als wir aus dem Bahnhof kommen und \u00fcber die dem Atlantikwall zum Opfer gefallenen Teile von Zaandvoort gegen das Meer gehen. Auch hier im Sand Bunker an Bunker. Kleine, provisorische Restaurants und Vergn\u00fcgungsst\u00e4tten suchen das in die Luft geflogene Kurhaus zu ersetzen.<\/p>\n<p>Etwas abseits steht eine lange Reihe kleiner Weekendh\u00e4uschen direkt an der See. Wir suchen uns den Ort f\u00fcr die Nacht aus und fangen an, unser Wigwam aufzuschlagen. Es vergehen nur wenige Minuten bis wir wieder von bald zwei Dutzend Leuten umringt sind. Ein Jeder will etwas wissen. Aber auch f\u00fcr den Abend sind wir gleich versorgt, und so verbringen wir die Stunden bis 11 Uhr in einem netten Kreis von Leuten aus Amsterdam, die den Sommer \u00fcber mit der Familien jede freie Minute an der See sitzen. Sie sprachen weder deutsch noch englisch, wir nur unsere wenigen Brocken holl\u00e4ndisch. Trumpf war also <em>&#8218;la langue negre&#8216;!<\/em><\/p>\n<p>Wir waren recht m\u00fcde, als wir nach 11 Uhr endlich in unsere H\u00fctte krochen, wenn man jeden Satz mit den H\u00e4nden klar machen muss. Trotzdem, es war die alte, holl\u00e4ndische Gastfreundschaft!<\/p>\n<p>Am Morgen machen wir die Entdeckung, dass sich der feine K\u00fcstensand \u00fcberall festsetzt. Kein Ort, an dem wir ihn nicht antreffen. Selbst ein salziges Morgenbad n\u00fctzt nicht viel. So machen wir uns eben, leicht versandet, auf nach Amsterdam.<\/p>\n<p>Hinter dem Bahnhof setzen wir uns in ein Schiff und fahren gen Osten, den Quais entlang und durch die Schleusen in die <em>Zuidersee<\/em>. Auf dem Dampfer herrscht reger Betrieb. Eine Kapelle sorgt f\u00fcr ununterbrochenen L\u00e4rm. So ein richtiger Ausflugskahn! Nach etlichen Stunden Fahrt durch den seichten, leicht bewegten See kommen wir nach<\/p>\n<p><strong> Volendam<\/strong><\/p>\n<p>das zusammen mit <em>Marken<\/em>\u00a0 nach unserer Auffassung am ehesten mit einem holl\u00e4ndischen Indianerreservat zu vergleichen ist. Volendam ist ein nettes Fischerdorf am Westufer der Zuidersee und hat noch ganz seine alte holl\u00e4ndische Eigenart bewahrt. Zusammen mit Marken, einer Insel in der Zuidersee, bildet es ein beliebtes Ausflugsziel vom nahen Amsterdam.<\/p>\n<p>Immerhin hat die Fahrt hierhin ihre Reize. Die Fischerd\u00f6rfer haben sich architektonisch in der alten Art erhalten und die Bev\u00f6lkerung ist den farbenfreudigen Trachten treu geblieben. Nach Volendam kommt Marken. Hohe D\u00e4mme sch\u00fctzen die niedere Insel gegen das Wasser. Reizend das Dorf mit seinen kleinen Kan\u00e4len und den ger\u00e4ucherten Aalen, die in den H\u00f6fen feilgeboten werden. Man h\u00e4lt die Dinger am Schwanz und knappert ihnen das Fleisch vom Leibe.<\/p>\n<p>Am sp\u00e4ten Nachmittag sind wir wieder in Amsterdam und versuchen uns im KLM-B\u00fcro die Pl\u00e4tze f\u00fcr die Heimreise zu sichern. Wanja kommt nach langem hin und her noch zu einem Ticket f\u00fcr Paris, w\u00e4hrend ich mir sagen lassen muss, dass erst am 10. September der n\u00e4chste Platz f\u00fcr Basel frei sei. Auch f\u00fcr Z\u00fcrich nichts zu machen. Gift und Dolch, wieder 26 Stunden lang im Zug. Auch die Zigaretten fehlen uns, um die Lage nach unserem Willen umzuformen.<\/p>\n<p>Durch die D\u00fcnen geht es zur\u00fcck nach<em> Zaandvoort<\/em>. Noch und noch bl\u00e4st der Westwind und dicke schwarze Wolken verheissen f\u00fcr die Nacht nichts Gutes. Wir sind so m\u00fcde, dass wir erst erwachen, als das Zelt zur H\u00e4lfte schon nicht mehr steht. In der schwachen Morgend\u00e4mmerung suchen wir gegen die Bescherung aufzukommen. Ein unheimlicher Wind, der Regen und Sand vermischt durch die Luft peitscht, l\u00e4sst einem kaum auf dem Boden stehen.<\/p>\n<p>Die tief eingegrabenen und beschwerten Heringe hatten gehalten, daf\u00fcr aber waren die Verbindungsschn\u00fcre gerissen. Und immer wieder: Sand, Sand, Sand. Am Boden, in der Luft, an und in allen Dingen! Uns bleibt nur noch die Flucht in ein Weekendh\u00e4uschen.<\/p>\n<p>M\u00fchsam schleppen wir St\u00fcck f\u00fcr St\u00fcck unsere Dinge die D\u00fcnen hinauf. Und immer wieder Regen, Sand und der unheimlich starke Wind, der auf der See draussen beinahe haushohe Wellen vor sich her treibt, die auf den Sandb\u00e4nken in rauschende Schaumberge zerfallen. Ein unheimlich sch\u00f6nes Bild! Ich beneide die Holl\u00e4nder in diesem Moment wirklich nicht. Der Kampf mit dem Wasser muss furchtbar sein.<\/p>\n<p>Im Weekendh\u00e4uschen bei Hannes gibt es einen w\u00e4rmenden Kaffee, den wir nach all den n\u00e4chtlichen Abenteuern wohl zu geniessen wussten. Beim dritten Mal geht die Unterhaltung <em>\u00e0 la langue negre\u00a0<\/em>bedeutend besser. Wir k\u00f6nnen uns gegenseitig schon die verzwicktesten Dinge beibringen!<\/p>\n<p>Der Tag ist zu verregnet, um uns unternehmungs-lustig zu machen. In Zaandvoort aber wollen wir doch nicht versauern und fahren gegen Mittag nach Amsterdam.<\/p>\n<p>Diesmal widmen wir uns zuerst dem Judenviertel und der <em>Rozengracht<\/em>, dann laufen wir all den sch\u00f6nen Bauwerken von Hendryck de Keyser nach und lassen das fr\u00f6hliche und \u00fcberraschungsreiche Stadtbild von Amsterdam auf uns wirken.<\/p>\n<p>Sp\u00e4ter kommen wir in die <em>Jodenbreestraat<\/em> und sehen uns hier Rembrandt&#8217;s Haus an, in dem er mit Saskia gelebt hat. Merkw\u00fcrdig, obwohl die R\u00e4ume stark restauriert sind und in den Details nicht mehr den Zimmern Rembrandts entsprechen, packt einem irgendwie etwas Unbeschreibliches. Im Atelier im oberen Stockwerk herrscht Ruhe, nur von unten dringt, ged\u00e4mpft durch die alten Scheiben, der L\u00e4rm der Strasse herauf. Hier in diesem Raum sind all die Werke entstanden, die zum Sch\u00f6nsten geh\u00f6ren, was je auf dem Gebiete der Malerei geschaffen wurde!<\/p>\n<p>In diesen Zimmern sah einst Saskia zum Rechten, bis ihr fr\u00fcher Tod den materiellen Untergang Rembrandts einleitete. Die R\u00e4ume beherbergen heute eine Sammlung der Radierungen und etlicher Zeichnungen. Manches Blatt sah ich zum ersten Mal. Ein Jammer, dass vom pr\u00e4chtigen Hausrat Rembrandts nichts mehr da ist. Bei der Versteigerung, noch zu seinen Lebzeiten, ist es in alle Winde zerstreut worden.<\/p>\n<p>Dann spazieren wir wieder an einer Reihe sch\u00f6ner Grachten vorbei und stellen fest, dass wir uns beide in Holland mit allem Drum und Dran verliebt haben.<\/p>\n<p>Diesen Tag lassen wir verschieden ausklingen. Wanja f\u00e4hrt etwas fr\u00fcher nach <em>Zaandvoort<\/em>, w\u00e4hrend ich mir bei Dr. Tannenbaum ein wunderbares Abendessen zu Gem\u00fcte f\u00fchren und mir dazu ein paar sch\u00f6ne Bilder ansehen darf.<\/p>\n<p>Als ich an die See komme ist stockfinstere Nacht. Der Wind hat zwar etwas nachgelassen, aber schwarze dunkle Wolken lassen es uns doch ratsam erscheinen, beim gastfreundlichen Hannes in einem der Weekendh\u00e4uschen zu \u00fcbernachten.<\/p>\n<p>Am anderen Morgen nehmen wir endg\u00fcltig Abschied von Zaandvoort, dessen Sand uns drei Tage lang beherbergt hat. All den netten Leuten sch\u00fctteln wir die Hand und fahren (nach tausend Versprechungen f\u00fcr Karten, Briefe etc. etc.) \u00fcber Haarlem nach <em>Leiden<\/em>.<\/p>\n<p>In Zaandvoort passiert noch eine kleine, lustige Geschichte: Bevor wir einsteigen, wollen wir uns noch versichern, ob wir uns auch dem richtigen Wagen anvertrauen. M\u00fchsam verst\u00e4ndigen wir uns mit einem der Tr\u00e4mler &#8211; mit Holl\u00e4ndisch wollte es bei uns, mit Englisch bei ihm nicht richtig klappen. Nach einigem hin und her wissen wir aber Bescheid und kehren dem Tr\u00e4mler unsere Rucks\u00e4cke zu, auf denen kleine Schweizer F\u00e4hnchen h\u00e4ngen. Und pl\u00f6tzlich t\u00f6nt ein gut schweizerischen Fluch durch die Luft mit den Worten: <em>das h\u00e4ttet-er<\/em>\u00a0<em>a<\/em>&#8211;<em>ch\u00f6nne friener saage<\/em>. Der gute Kerl hatte zehn Jahre lang in Z\u00fcrich gearbeitet. In<\/p>\n<p><strong> Leiden<\/strong><\/p>\n<p>verstauen wir unsere Rucks\u00e4cke im Bahnhof und ziehen \u00fcber den <em>Beesten Markt<\/em> in die Innerstadt. In den zahlreichen Kan\u00e4len wird wohl auch etwas Wasser sein, das einmal in Basel unter dem M\u00fcnster durchgeflossen ist, denn all die vielen Grachten zweigen vom <em>Rijn<\/em> ab, der hier <em>Galgewater<\/em> heisst, weil wenige Kilometer weiter unten riesige Schleusen ihn ins Meer bef\u00f6rdern helfen.<\/p>\n<p>An der\u00a0<em>Breedestraat<\/em> steht das wundersch\u00f6ne Rathaus, ein Bau Lieven de Keys aus dem Ende des 16. Jahrhunderts, dem unsere erste Aufmerksamkeit gilt. Eine Inschrift \u00fcber einem Seitentor erinnert an die grausame Belagerung der Stadt durch die Spanier in den Jahren 1573-74. Wilhelm von Oranien aber gelang es, im Okober des zweiten Belagerungs-Jahres den Ring zu sprengen und die Spanier zum R\u00fcckzug zu zwingen. Die Inschrift selbst ist gleich in den ersten freude-reichen Tagen nach der Entsetzung gemeisselt worden.<\/p>\n<p>Nach dem Rathaus kommen die <em>Marte-<\/em> und die <em>Pieterskerk,<\/em> dann der <em>Witte<\/em>&#8211;<em>Singel<\/em> mit den Wohnungen der Professoren der Universit\u00e4t, die traditionsgem\u00e4ss ihre Vorlesungen bei sich zu Hause abhalten. Im Norden der alten Stadt, besonders der <em>Lange Gracht<\/em> entlang, stehen noch die Reihen der Lagerh\u00e4user aus der Bl\u00fctezeit der Stadt. So langsam wie damals werden noch heute die Frachtk\u00e4hne von Hand durch das Wasser gezogen, aber der alte Reiz des Bildes ist durch die modernen Industriebauten verloren gegangen.<\/p>\n<p>Als wir sp\u00e4ter der breiten <em>Oude West<\/em> entlang bummeln stossen wir auf das Lakenhal-Museum, das leider nur wenige Werke der bekannten Maler besitzt, die in Leiden gelebt oder hier das Licht der Welt erblickt haben. Voran Lucas van Leiden, dann Rembrandt, Jan Steen, Jakob van Swanenbrugh, Jan van Goyen und andere, die auch der Erw\u00e4hnung wert w\u00e4ren.<\/p>\n<p>Nach dem langen und sch\u00f6nen Rundgang durch all die R\u00e4ume gehen wir den Wasserwegen entlang zur\u00fcck zum Bahnhof. Bevor wir wegfahren, geniessen wir noch ein gutes Mittagessen in einer Schnellbeiz.<\/p>\n<p>Wie schon am fr\u00fchen Morgen geniessen wir die Fahrt durch Hollands reichste Blumengegend, wobei uns einf\u00e4llt, dass wir eigentlich noch keine Windm\u00fchle richtig angesehen haben. Pl\u00f6tzlich tauchen in einiger Entfernung drei Prachtsexemplare auf! Wir geben dem Kondukteur einen Wink, das Z\u00fcglein h\u00e4lt. Gleich stehen wir neben unseren Rucks\u00e4cken auf offener Strecke und setzen uns Richtung M\u00fchlen in Bewegung.<\/p>\n<p>Doch nun kommt die T\u00fccke des Objektes, denn kaum sind wir 100 Meter \u00fcber die Wiese gelaufen, stehen wir ratlos am schnurgraden Ufer eines breiten Kanals! Da erbarmen sich unser die Insassen eines kleinen Ruderbootes und bringen uns ans andere Ufer.<\/p>\n<p>Seelenvergn\u00fcgt wandern wir weiter, \u00fcberklettern noch etliche Z\u00e4une, finden Br\u00fccken \u00fcber neue Kan\u00e4le und stehen endlich vor den langersehnten Dingern. Drei St\u00fcck in einer Reihe ! Aufnahme um Aufnahme verschwindet im Apparat.<\/p>\n<p>Eine Kuh, die als Diva mit dem klassischen Hintergrund auserkoren war, gef\u00e4llt aber die neue Rolle gar nicht und sie verschwindet in l\u00e4ngen S\u00e4tzen zu ihrer Herde. Worauf Wanja und ich beinahe eine viertel Stunde lang an den H\u00f6rnern ziehen, bis wir die Primadonna wieder auf dem richtigen Platz haben.<\/p>\n<p>Ein alter M\u00fcller f\u00fchrt uns in seinem Reich herum. Oben von der M\u00fchle hat man eine herrliche Rundsicht. Wieder bringen nur die D\u00fcnen etwas Bewegung in den strichgeraden Horizont. Ruhig weiden unter uns die scheckigen K\u00fche auf den durch kleine Kan\u00e4le abgegrenzten Weiden. Ein sch\u00f6nes, friedliches Bild.<\/p>\n<p>Wir versprechen dem M\u00fcller die Aufnahmen seiner M\u00fchle und ziehen dann wieder an die Bahn, die uns nun endlich doch noch nach<\/p>\n<p><strong>Den Haag<\/strong><\/p>\n<p>bringt. Dort wollten wir Wanja\u2019s Tanten besuchen, aber wir sind so sp\u00e4t gekommen, dass, wir in der Nacht in einem Hotel verbringen. Lange geht es zwar, bis unser Wunsch realisiert wird, denn es wird zehn Uhr, bis wir endlich in einem Reserve-Reserve-Zimmer eines kleinen Hotels landen. Die ganze Stadt ist bis zum letzten Platz besetzt! Da die Federn beim Einsteigen in den einen Kahn ein schreckliches Konzert vollf\u00fchren losen wir noch beim Schein des Mondes, der neugierig durch die Dachluke hereinschaut, die Nester aus. Aber auch diese Nacht geht vor\u00fcber.<\/p>\n<p>Dieweil wir uns am Morgen nicht ganz sauber f\u00fchlen und heute doch einigermassen salonf\u00e4hig erscheinen m\u00fcssen, lassen wir uns zuerst einmal im Hallenbad von Den Haag gr\u00fcndlich unsere Reisepatina und den Sand von Z<em>aandvort<\/em> vom Leibe sp\u00fclen.<\/p>\n<p>Wie frisch geboren sehen wir uns dann die sch\u00f6ne Stadt an, vor allem aber den <i>Binnenhof<\/i> und das danebenliegende <em>Mauritishuis.<\/em> Herrlich, die Dinge die da h\u00e4ngen. Der ganze Rembrandtsaal mit der <em>Anatomie des Dr. Tulp<\/em> als Mittelpunkt, die pr\u00e4chtige<em> Delfter Ansicht<\/em> des Vermeer von Delft und der reizende <em>Distelfink<\/em> des Karel Fabricius, um nur ein paar H\u00f6hepunkte zu nennen. Man k\u00f6nnte sich tagelang im Betrachten dieser Herrlichkeiten ergehen.<\/p>\n<p>Das begeisterte Ansehen all der Tafeln hat aber Hunger gemacht, und so geniessen wir das gute Mittagessen bei Wanja\u2019s Tante. Ich glaube, dass Wanja heute noch nicht all die komplizierten und ausf\u00fchrlichen Erkl\u00e4rungen \u00fcber seine Verwandtschaft begriffen hat! Nach dem Mittagessen bekommt er deshalb ausgiebige Nachhilfestunden, die ich dazu benutze, um <em>Scheveningen<\/em> und seinem Strand einen kurzen Besuch abzustatten. Wie schnell hat sich dieses Seebad wieder von den tiefen Spuren befreit, die der Krieg hinterlassen hat!<\/p>\n<p>Am Nachmittag nimmt uns Beide noch einmal das <i>Mauritshuis<\/i> gefangen, dann fahren wir gegen Abend nach<\/p>\n<p><strong>Vassenaar<\/strong><\/p>\n<p>um den Abend in der reizenden Umgebung der Tante Rief zu verbringen. Deutsch, franz\u00f6sisch und englisch, in jeder Sprache wird drauflos geschnattert In den weichen Betten liess es sich herrlich schlafen, aber am Morgen musste ich wehm\u00fctig feststellen, dass mein letzter Tag in Holland angebrochen war. Ein wunderbares Morgenessen und dann r\u00fchrender Abschied und Fahrt mit Wanja nach<\/p>\n<p><strong> Rotterdam<\/strong><\/p>\n<p>Gute zwei Stunden liefen wir da auf grossen freien Fl\u00e4chen herum, um dann endlich zu merken, dass wir mitten durch die ehemalige Altstadt gegangen waren! In der Gegend des ehemaligen <em>Grooten Markt<\/em> ist in einem gewissen &#8218;Landistil&#8216; ein neues Zentrum im Entstehen, das aber wohl auch wieder weichen muss, wenn die grossartigen Pl\u00e4ne f\u00fcr den Wiederaufbau der Rotterdamer Innerstadt verwirklicht werden. Mit M\u00fche und Not hat man neue Tramschienen durch die aufger\u00e4umten Tr\u00fcmmerfelder gelegt, um wenigstens den notwendigsten Verkehr aufrecht erhalten zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Gegen Mittag bummeln wir den langen Hafenquais entlang, bestaunen als alte Landratten einen kleinen holl\u00e4ndischen Zerst\u00f6rer und lassen uns dann in ein Gespr\u00e4ch mit zwei b\u00e4rbeissigen Hochseefischern ein, die mit den H\u00e4nden in den Hosentaschen vor ihrem Kahn stehen, den Wanja der sch\u00f6nen Segel- und Takelwerksilhouette zuliebe zu photographieren sucht.<\/p>\n<p>Durch die angetane Ehre mit dem Photoapparat werden die zwei recht leutselig und laden uns zu einem Besuch ihres Kahnes ein.<\/p>\n<p>An einem Seil lassen wir uns von der Quaimauer auf das Deck hinunter und kommen gleich in eine m\u00e4chtig nach Heringen riechende Kabine, wo Nummer 3 der Besatzung in einer kleinen Kamb\u00fcse das Mittagessen braut. Grosse Schiebeplanken verschliessen die hinter den B\u00e4nken in der Kaj\u00fcte liegenden, furchtbar engen Betten. Wenn da einer gew\u00f6hnt ist, bei offenem Fenster zu schlafen! Der kann da drinnen seine heiligen Wunder erleben! Dann sehen wir uns noch die kleine Dieselmaschine ein, lassen unsere letzten Tabakm\u00e4rkchen da, verabschieden uns und hangeln auf die Quaimauer hinauf. Am gleichen Tag f\u00e4hrt dann der Kahn wieder in seinen Heimathafen <em>Den Helder<\/em> zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Ausgeebnet liegt dann die Innerstadt von Rotterdam wieder vor uns. Unregelm\u00e4ssige Gr\u00e4ben mit algigem Wasser erinnern an die einst so sch\u00f6nen Grachten. Da darf man nicht dar\u00fcber nachdenken!<\/p>\n<p>Und dann kommt leider, leider schon der Moment, wenn Wanja und ich uns trennen m\u00fcssen ! Ich fahre nach Amsterdam zur\u00fcck, w\u00e4hrend Wanja am n\u00e4chsten Tag direkt von Den Haag nach Schiphol fahren kann f\u00fcr den Flug nach Paris. Zusammen bummeln wir noch auf den Bahnhof, dann aber ein letzter Abschied.<\/p>\n<p>Lieber Wanja, Es waren sch\u00f6ne Tage. Hab Dank daf\u00fcr!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Familien Kornfeld und Ruperti wohnten in Basel unweit von einander. Zusammen mit Ebi Kornfeld besuchte ich die Primarschule in der gleichen Klasse und wir verbrachten auch die Freizeit oft zusammen. Im Herbst 1946 unternahmen wir eine Reise nach Belgien und Holland. Eberhard W. Kornfeld erlangte als Autor und Kunsth\u00e4ndler internationale Ber\u00fchmtheit. 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