{"id":1342,"date":"2016-01-11T19:25:54","date_gmt":"2016-01-11T19:25:54","guid":{"rendered":"http:\/\/ivanruperti.info\/?p=1342"},"modified":"2019-07-30T10:18:42","modified_gmt":"2019-07-30T10:18:42","slug":"marischa-beschreibt-ihre-kindheit","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/ivanruperti.info\/?p=1342","title":{"rendered":"Marischa beschreibt ihre Kindheit"},"content":{"rendered":"<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p>Ich bin Zeit meines Lebens neugierig gewesen und bin es bis heute geblieben. Neugierig auf andere Menschen und neue Erfahrungen. Was mir fehlte, war eine Lebensplanung, Ziele, die es zu verfolgen gab. Das Leben entwickelte sich von selbst wie ein vom Tisch gefallener Wunderkn\u00e4uel, von einer Katze im Spiel zerzaust, hie und da einen seiner verborgenen Sch\u00e4tze preisgebend. Als zweij\u00e4hrige in die Schweiz gekommen, hiess es, vom vertrauten Russischen hinein zu wachsen in das Fremde der deutschsprachigen Schweiz. Das war weit weg von der Geborgenheit einer Grossfamilie, die nach der Vertreibung durch die Russische Revolution im Gutshaus \u201eSchackenhof&#8220; nahe der polnischen Grenze gelebt hatte.<\/p>\n<p><!--more-->Die wertvollsten Erinnerungen an meine Kindheit kreisen um die Schackenhof-Jahre 1930 bis 1938.<\/p>\n<p>Zwei Tage und eine Nacht mit der Eisenbahn, dann waren wir wieder in Schackenhof, dem Gut meiner Grosseltern in Polen. Dort gab es all das, was wir in der Schweiz entbehrten: Den unendlich weiten Horizont, eine Grossfamilie, einen Gutsbetrieb mit L\u00e4ndereien, Viehzucht und einem Dorf, in feudaler Abh\u00e4ngigkeit mit dem Herrenhaus verbunden, \u00dcberbleibsel einer reichen, grossrussischen Vergangenheit.<\/p>\n<p>Schackenhof hatte einen grossen Keller mit einer K\u00fcche voller Rauch und Flammen. Eine der M\u00e4gde war taubstumm, ging ich vorbei, spuckte sie dreimal \u00fcber die linke Schulter. Der Gang zum B\u00fcgelzimmer widerhallte mit Gusseisenplatten. Darunter sei das Blut der gejagten Tiere, wusste Wanja, mein Bruder.<\/p>\n<p>Auch der Estrich war riesig, in den Ecken mit Bretterverschl\u00e4gen. Darin der Fleckschimmel mit echtem Fell, mein Freund, das Schaukelpferd. Das gab mir den Mut, unter den Dr\u00e4hten mit den Fuchsschw\u00e4nzen hindurch in den Turm zu rennen, einer Sternwarte mit einer Halbkugel als Dach. Onkel Juri \u00f6ffnete einen Schlitz und richtete das Fernrohr hinaus in die Schw\u00e4rze der Nacht. Er hob mich hoch und liess mich den grossen B\u00e4ren suchen. Ich fand ihn nie, nur viele viele Sterne.<\/p>\n<p>Die Bibliothek hatte B\u00fccher bis zur Decke. Innen hatten sie Flecken oder seltsame Bilder, wie den Kopf des Johannes auf einer Platte f\u00fcr Salat. Das Licht war dunkelgr\u00fcn, wegen dem gr\u00fcnen Filz auf den Fensterb\u00e4nken und den gr\u00fcnen Vorh\u00e4ngen. Dort sass ich stundenlang mit Nils Holgerson, Ritter Blaubart, Robinson Crusoe, oder ging mit Peterchen auf Mondfahrt.<\/p>\n<p>Der Hof, durch eine Treppe vom Herrenhaus getrennt, war das uns eigentlich Fremde, das nie endende Abenteuer Da war der Schreiner, der mein Puppenbett machte, und der Schmied mit dem fauchenden Feuer mit dem er das Eisen zum Gl\u00fchen brachte und den\u00a0Pferden noch warm an die Hufe schlug. Da leckten die K\u00e4lber das Salz mit stachligen Zungen, da klapperten St\u00f6rche, quiekten Ferkel, kollerte der Truthahn.<\/p>\n<p>Und da war der Kutscher. Wurden wieder Jungpferde verkauft, flocht er ihnen M\u00e4hnen und Schw\u00e4nze, striegelte Karomuster auf ihr Hinterteil, zog ihnen das geweisste Zaumzeug \u00fcber die N\u00fcstern und f\u00fchrte sie vor. Wir standen alle im Kreis, Grosspapa weiss angezogen in der Mitte, mit Reitstiefeln, Tropenhelm und Monokel. War alles vorbei, zog der Kutscher seine Livree aus und fluchte ,,Psiakrew cholera&#8220;, das einzige Polnisch, das ich lernte.<\/p>\n<p>Weil Grosspapa gerne Tauben zur Vorspeise ass, stand auf dem Hof auch ein Taubenschlag. Die Leiter war hoch, man musste sich festhalten. Oben flatterte es und innen war es staubig, finster und es roch. \u00dcberall halbnackte Taubenjunge voller Federkiele. Sie lagen herum, heiss, mit dicken Kr\u00f6pfen. Hie und da fand ein kaltes K\u00fccken. Mein Bruder fasste es am Zeh und wir legten es in eine Schuhschachtel und begruben es unter der grossen Linde, da war es am sch\u00f6nsten. Niemand wusste davon, nur wir.<\/p>\n<p>Ich hatte drei Babuschkas (Grossm\u00fctter): Mamas Mama, die \u201egolubenjkaja&#8220; oder hellblaue, Papas Mama, die &#8222;belenjkaja&#8220; oder weisse, Grosspapas Mutter, die \u201estarenjkaja&#8220; oder alte. Meine Urgrossmutter hatte meiner Mutter beigebracht, wie man Fotos vergr\u00f6ssert, aber jetzt war sie nur noch halb so gross wie die andern und ziemlich zerknittert, nur die Nase nicht. In ihrem Damenzimmer war ein Pult mit Rolldeckel und darin eine Schachtel winzig kleiner ,,Birulkis&#8220;, gedrechselten Gegenst\u00e4nden aus Elfenbein, einem Zitterspiel zum Herausfischen mit einem H\u00e4kchen.<\/p>\n<p>Die alte Grossmama sass im Esszimmer zuoberst an der langen Tafel beim Samowar, dort wo man uns knixen liess zum Dank. Nach dem Essen holte sie im Office altes Brot und den Sonnenschirm mit dem Hohlsaum. Wenn sie sich im H\u00fchnerstall aufs B\u00e4nkchen setzte und Brotkr\u00fcmel streute, sass sie wie in einer Wolke voll Gegacker und weissen Federn. Als sie sp\u00e4ter blind geworden war und wir nicht mehr nach Schackenhof kommen konnten, weil der Krieg begonnen hatte, lernte sie Teppiche weben und Maschine schreiben. Ich bekam Briefe mit lauter Grossbuchstaben. Die S\u00e4tze liefen \u00fcber den Rand, man musste sie zu Ende raten.<\/p>\n<p>Mein Bruder Wanja hatte es unten am Bauch und ich hatte das nicht. Es hiess bei uns\u00a0auf russisch \u201eKr\u00e4nzik&#8220; (Wasserhahn) da wir alle russisch sprachen damals in Polen, oder deutsch und manchmal manche auch franz\u00f6sisch Auf der kleinen Dachterrasse hatte es viele Muscheln und Versteinerungen. Mein Bruder sagte es seien alles versteinerte \u201eKr\u00e4nziki&#8220;. Als ich durch das Dachfenster kletterte, um sie n\u00e4her anzusehen, lagen da die weisse Babuschka und Mama auf den Versteinerungen in der Sonne. Sie waren beide nackt und sehr rosa. Ich zog den Kopf zur\u00fcck und genierte mich.<\/p>\n<p>Kapsa ist in Moskau Mamas \u201eNjanja&#8220; (Kinderbetreuerin) gewesen. Einmal n\u00e4hte sie mir einen Elefanten mit Stossz\u00e4hnen aus weissem Handschuhleder. Kapsa hatte flaumige Wangen und einen Haarknoten voll Nadeln aus Horn. Ging sie zu den Bienen, st\u00fclpte sie einen Gitterk\u00fcbel \u00fcber ihren Kopf und zog Schubladen voller Honig aus dem Bienenhaus. Die Bienen krabbelten aufgeregt \u00fcber das Drahtnetz und es dr\u00f6hnte gef\u00e4hrlich. Waren die Waben ausgeschwungen, steckte uns Kapsa ein St\u00fcck davon in den Mund. Wir saugten daran, bis nur noch das Wachs unsere Z\u00e4hne verklebte.<\/p>\n<p>Gegen Sommerende schritten die Schnitter tagelang durch die gelben Wogen der Weizenfelder. Jetzt war der Himmel noch h\u00f6her \u00fcber die endlosen Stoppelfelder gerutscht, auf denen \u00fcberall Strohhaufen aufgebaut waren. Bald feierte man das Ernte-Dank-Fest. Es wimmelte von Menschen und Fuhrwerken. Bauern reichten Gabeln voller Halme hinauf zur ratternden Dreschmaschine und die Luft war voller Staub.<\/p>\n<p>Wir waren gekommen, Seidenb\u00e4nder von den Bauersfrauen zu kaufen, Tribut der Herrschaft an das Dorffest. Warum guckten die Frauen nur so, wenn sie uns die breiten B\u00e4nder an die Schultern steckten, guckten voller Neugier aus dem Schatten ihrer Kartonr\u00f6hren unter bunt geblumtem Stoff. Doch wir kicherten, kicherten und rannten los, mit dem Rot und Gr\u00fcn, dem Orange, Blau und Violette unserer Freudenfahnen \u00fcber gelben Stoppeln.<\/p>\n<p>Im zweiten Weltkrieg flohen die Bewohner Schackenhofs zusammen mit den Dorfbewohnern und allem\u00a0 Grossvieh in langem Treck vor den Russen. Das ausgeraubte Gutshaus im kahlgeschlagenen Park wurde ein Kreisspital. Sp\u00e4ter wohnte die weisse Babuschka, Fanny Ruperti, oft bei uns in der Schweiz. Sie begann, ihr Leben vor der Russischen Revolution aufzuschreiben. Sie beschrieb die Wettfahrt von Moskau nach London in Grosspapas Auto \u201eSerpoljot&#8220;. Ihr Hutkarton wurde ins Reserverad eingebaut. So brachte sie ihre Straussenfederh\u00fcte unbeschadet von Fest zu Fest. Leider schrieb sie das Heft nie zu Ende.<\/p>\n<p>Weil ich von den j\u00e4hrlichen Ferienaufenthalten in Schackenhof &#8211; bis zum Ausbruch des zweiten Weltkriegs &#8211; wertvolle Erinnerungen in unser Kleinbasler Reihenhaus heimbrachte, war auch der Schweizer Alltag bei uns interessanter als in all den andern Familien.<\/p>\n<p>Wir hatten keine Z\u00f6pfe, trugen keine Sch\u00fcrzen, hatten keine Tanten in schwarzen Kleidern, aber eine sch\u00f6ne Mutter. Sie inszenierte mit meinem Vater und Basler K\u00fcnstlerfreunden wilde Maskenfeste, stellte ein B\u00e4umchen in die Trommel der Waschmaschine, an die sie Orangen band, dekorierte die R\u00e4ume mit Efeu, Krepp-Papier und bunten Fasnachts-Schlangen und liess dazu als Diskjockey Musik aus doppelt gel\u00f6cherten Grammophonplatten heulen.<\/p>\n<p>Im elterlichen Schlafzimmer standen Bauhausm\u00f6bel, orange und schwarz gelackt. Beim\u00a0Esstisch hing an der Wand die gedruckt Kopie eines grossen Moskauer Winterbildes mit in der K\u00e4lte prustenden Schlittenpferden.<\/p>\n<p>Auch wir Kinder gaben Einladungen zu unsern Geburtstagen. Dann wurde leidenschaftlich um eine verschn\u00fcrte Riesentafel Schweizer Schokolade gew\u00fcrfelt, oder es gab im Garten Sackh\u00fcpfen in Kohlens\u00e4cken und Wettrennen mit rohen Eiern auf Suppenl\u00f6ffeln.<\/p>\n<p>In jeder freien Stunde wurde gebastelt, gezeichnet, gemalt und geknetet. Meine j\u00fcngere Schwester Karin und ich schnitten Figuren mit beweglichen Gliedern aus schwarzem Papier, versuchten mit Stecknadeln zu stricken oder malten das Weiss vom Schnee entlang der Winterzweige gezeichneter B\u00e4ume. Mit Hilfe einer Laubs\u00e4ge entstanden Zwerge auf Fussbrettchen, denen wir aus dem Brei einer zerstampften Halskette phosphoreszierende Augen in die Gesichter klebten, bis eines Tages unsere k\u00fcnstlerische Arbeitsgemeinschaft, die wir &#8222;Felsen&#8220; nannten, einen Riss erhielt, als Karin die Kleider meiner Lieblingspuppe zerschnitt.<\/p>\n<p>Bruder Wanja webte mir zum Trost ein kleines steifes Gilet auf einem Spielrahmen, webte auch Puppenteppiche und H\u00fcllen f\u00fcr Nadelkissen aus den bunten Wollf\u00e4den, die unser Vater sackweise von den Farbversuchen der Ciba nachhause brachte. Wanja mauerte mit der jeweils favorisierten Schwester die andere in einen Turm aus grossen h\u00f6lzernen Baukl\u00f6tzen ein, aus dem sie sich zuletzt mit allseitigem halloo und Armefuchteln befreien durfte. Noch lieber aber waren ihm die Streifz\u00fcge durch den Auenwald der \u201eLangen Erlen&#8220; auf der Pirsch nach Molchen f\u00fcr seine Terrarien.<\/p>\n<p>Wurde ein Beh\u00e4lter vergessen, mussten meine ausgezogenen Unterh\u00f6schen mit zugehaltenen Bein\u00f6ffnungen als Transportbeh\u00e4lter f\u00fcr die glitschigen Viecher dienen, die regelm\u00e4ssig aus ihrem Gef\u00e4ngnis entwischten und dann vertrocknet und voller Staub unter Wanjas Bett aufgefunden wurden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00a0 Ich bin Zeit meines Lebens neugierig gewesen und bin es bis heute geblieben. Neugierig auf andere Menschen und neue Erfahrungen. Was mir fehlte, war eine Lebensplanung, Ziele, die es zu verfolgen gab. 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