{"id":1332,"date":"2016-01-12T17:09:17","date_gmt":"2016-01-12T17:09:17","guid":{"rendered":"http:\/\/ivanruperti.info\/?p=1332"},"modified":"2019-07-30T16:30:02","modified_gmt":"2019-07-30T16:30:02","slug":"marischa-beschreibt-die-familien-geschichte","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/ivanruperti.info\/?p=1332","title":{"rendered":"Marischa beschreibt die Familien-Geschichte"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p>1927 wurde ich geboren, kam zweij\u00e4hrig mit meiner Familie nach Basel, wo wir als Emigranten 1935 das B\u00fcrgerrecht erhielten und Schweizer wurden. Als Kind wohl geborgen, schleppte ich einen glitzernden Schleier fantastischer M\u00e4rchenbilder hinter mir her, voll der bunten Bl\u00fcten der sagenhaften Zeiten meiner russischen Grosseltern.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Diese langsam gilbende Patina meiner Familiengeschichte wurde bis zum Ausbruch des zweiten Weltkriegs w\u00e4hrend unserer regelm\u00e4ssigen Ferienaufenthalte in Polen im Kreise von Verwandten im Gutshaus &#8222;Schackenhof&#8220; aufs sch\u00f6nste aufgefrischt. W\u00e4hrend des Krieges vor der Schweizergrenze verlor allerdings auch dieser Lack seinen Glanz. Ich musste schmerzhaft zur Kenntnis nehmen, dass trotz meiner Muttersprache Russisch, die H\u00e4lfte meines Blutes deutschen Ursprungs war, von der Seite meiner Mutter aber holl\u00e4ndisch und franz\u00f6sisch, was mir damals schon besser gefiel.<\/p>\n<p>Mein italienisch klingender Familienname Ruperti ist der Genitiv des alten lateinischen Namens Rupertus. Die Hamburger Patrizier Ruperti waren zumeist Pfarrherren oder Kaufleute. Viele davon sind zur Zeit der Industrialisierung und der vielversprechenden M\u00f6glichkeiten anfangs des neunzehnten Jahrhunderts nach Russland ausgewandert. Mein Urgrossvater v\u00e4terlicherseits, Alexander Ruperti, war mit seiner Familie nach Moskau gezogen. Einer seiner S\u00f6hne, Alfred, assimilierte sich schnell, erlernte die russische Sprache und gr\u00fcndete schon als junger Mann sein eigenes Gesch\u00e4ft als Makler russischer Baumwolle. Dank seiner Redlichkeit und dem Vertrauen seiner Kundschaft ging in kurzer Zeit mehr als die H\u00e4lfte der gesamten russischen Baumwollproduktion durch seine H\u00e4nde, damals noch mit Hilfe h\u00f6lzerner Z\u00e4hlrahmen und bekr\u00e4ftigt durch einen H\u00e4ndeschlag. Mit dem erworbenen Millionenverm\u00f6gen konnte mein Grossvater sich jeden erdenklichen Luxus erlauben, zu dem ihn sein Sch\u00f6nheitssinn verf\u00fchrte.<\/p>\n<p>Die Heirat mit Fanny Marc, meiner Grossmutter, wurde mein Grossvater Alfred Ruperti\u00a0Schwiegersohn von Moritz Philipowitsch Marc. Dessen beide Eltern waren geb\u00fcrtige von Wogau und Mitinhaber des 1860 \u00a0gegr\u00fcndeten Unternehmens Wogau &amp; Cie. Er hatte seine Kusine, wiederum eine von Wogau, geheiratet, und wurde dadurch einer der Leiter zweiter Generation des Unternehmens. W\u00e4hrend der Ehe seiner Tochter Fanny hat er seinem Schwiegersohn Alfred Ruperti mehrmals angeboten, sich an seinem bl\u00fchenden Unternehmen zu beteiligen. Mein Grossvater hat dies aber standhaft abgelehnt. Er wollte nicht nur unabh\u00e4ngig bleiben, sondern f\u00fchlte sich auch ganz als Russe.<\/p>\n<p>Wogau &amp; Cie. hatte sich zu einem riesigen Unternehmen entwickelt. F\u00fcr ihren im Ural gelegenen Magneteisenberg erbauten sie zum Transport des gef\u00f6rderten Erzes zu den eigenen Stahlwerken eine 175 km lange, private Eisenbahnstrecke. Wogau &amp; Cie hatte die Monopolstellung im Kupferhandel,\u00a0grosse Fabriken, eigene Banken und Handelsh\u00e4user f\u00fcr die verschiedensten Lebensbereiche in ganz Russland. Die Verbindungen zum Ausland machten Wogau &amp; Cie zu einem der angesehendsten Unternehmen jener Zeit.<\/p>\n<p>Einen grossen Anteil des erwirtschafteten Gesamtverm\u00f6gens machte auch der Teehandel aus, der in China von einem der Vorv\u00e4ter begr\u00fcndet worden war und dessen Teesorte \u201eKarawan&#8220; es noch heute in London und sogar in Basel zu kaufen gibt. Dabei beharrten die eng versippten Familien der Gr\u00fcnder in Russland auf ihrem Deutschtum, besuchten regelm\u00e4ssig ihre Kegelabende und ihre protestantische Kirche und schickten ihre S\u00f6hne zur Ausbildung in die Gymnasien der alten Heimat.<\/p>\n<p>Mein Vater schildert diesen Patriotismus am Beispiel seines Grossvaters Moritz Marc, der mitten in Moskau eine d\u00fcstere Stadtvilla mit Butzenscheiben, einer marmornen Venusstatue und einem ausgestopften Braunb\u00e4ren entstehen liess, entworfen von deutschen Architekten und erbaut ausschliesslich von aus Deutschland angeforderten Handwerkern und Arbeitern.<\/p>\n<p>Moritz Marc besass das Gut Archangelskoje, 25km von Moskau entfernt, nahe der Strecke der Sawelskojer Eisenbahn. Dort befanden sich die Sommersitze der versippten Familien und auch ein grosses Haus der R\u00fcchardts befand. Jahrzehnte sp\u00e4ter sollten sich deren Nachkommen im Gutshaus \u201eSchackenhof&#8220; in Polen wieder treffen, wo auch die Erz\u00e4hlung meiner eigenen Geschichte beginnen wird.<\/p>\n<p>Meine Grossmutter Fanny verbrachte mit den Kindern die Sommer stets auf dem Land in Wladikine, in einer der vier Datschen (Landsitze) ihres Mannes. Als ihr Vater Moritz Marta merkte, dass es seinem Schwiegersohn Alfred Ruperti dort zu eng geworden war, schenkte er seiner Tochter den herrlichen Besitz Dirgang.<\/p>\n<p>Das Anwesen umfsste eine vernachl\u00e4ssigte Anlage von \u00fcber hundertj\u00e4hrigen Linden, einen See mit glasklarem Wasser und inmitten von Flieder-und Jasmin-B\u00fcschen eine J\u00e4gerkate f\u00fcr die Fuchs-und Hasenjagd. Alten \u00dcberlieferungen zufolge hatte dort ein kleines Schloss der Katharina der Grossen gestanden, das von einem ihrer Verehrer f\u00fcr sie erbaut worden war.<\/p>\n<p>Grossvater Alfred Ruperti nannte den Besitz ,,Lipowka&#8220; vom russischen \u201eLipa&#8220; (Lindenbaum), und begann sofort begeistert mit einer gr\u00fcndlichen Sanierung. Alle hier folgenden Einzelheiten entnehme ich dem ersten der beiden Erinnerungsb\u00e4nde meines Vaters, betitelt \u201eErlebtes in Russland&#8220;, wie auch dem lebensnahen Bericht seiner Schwester Manja Dobroven-Ruperti, meiner Tante. \u00a0Beide waren in Moskau in die damalige Lebensweise hineingeboren worden und haben sie in der Emigration beschrieben. Diese heute fast unwahrscheinlich wirkenden Berichte bildeten die Nahrung f\u00fcr meine Kindertr\u00e4ume, die ich \u00a0angekommen in der Gegenwart der Schweiz, als Vergangenheit ad acta legen musste.<\/p>\n<p>Der Bau eines notwendig gewordenen Hauses f\u00fcr Dirgang war ein heiss umstrittenes Thema zwischen meinen Grosseltern. Grossmama wollte ein gem\u00fctliches Holzhaus, Grosspapa dagegen einen grandiosen Palast. Er hatte seit langem auf den Moskauer Flohm\u00e4rkten und in seinen Reisen nach Italien kostbare M\u00f6belst\u00fccke und Objekte aufgest\u00f6bert und angeschafft. Dabei hatte er sich in die ber\u00fchmte \u201eVilla Rotonda&#8220; verliebt.\u00a0 Sie war in Vicenza von Andrea Palladio im 16. Jh. erbaut worden und bildet mit ihren S\u00e4ulenarkaden einen Vorl\u00e4ufer des Klassizismus.<\/p>\n<p>Kurz entschlossen liess sich mein Grossvater 1906 vom besten Moskauer Architekten eine Kopie jener zweist\u00f6ckigen Villa Rotonda erstellen. Zu beiden Seiten erhielt das Geb\u00e4ude aber zus\u00e4tzlich noch lange S\u00e4ulenreihen, was Grosspapa den Spitznamen \u201eGraf Colonna&#8220; eintrug. Das Ganze ergab einen grandiosen Anblick &#8211; mit dem dreieckigen Blumenbeet davor, voller weiss bl\u00fchendem Phlox, widerspiegelt im klaren See und dem ebenfalls mit kleinen S\u00e4ulen geschm\u00fcckten Badeh\u00e4uschen auf einer Insel.<\/p>\n<p>Grosspapa war begeistert, Grossmama entsetzt: So sch\u00f6n die Villa &#8211; so unpraktisch war sie f\u00fcr die Hausfrau und ihre Angestellten. Von der in einem Seitenfl\u00fcgel untergebrachten K\u00fcche mussten die Speisen durch den langen S\u00e4ulentrakt in das Haupthaus getragen werden. Dann mit Handaufzug aus dem unteren Stockwerk ins Esszimmer hochgezogen und, da bereits erkaltet, von einem Kellner wieder aufgew\u00e4rmt werden.<\/p>\n<p>In den umliegenden Geb\u00e4uden hinter dem Hauptbau wurden H\u00e4user gebaut f\u00fcr die \u00fcber dreissig Angestellten &#8211; vom Hauptg\u00e4rtner bis zu den Zimmerm\u00e4dchen, Stallungen f\u00fcr die vielen edlen Reitpferde und der grossen Schar von Jagdhunden, sowie ein Gew\u00e4chshaus f\u00fcr Rosen mit einem zweist\u00f6ckigen Mitteltrakt f\u00fcr Grosspapas geliebte Riesen-Kamelie.<\/p>\n<p>F\u00fcr die zwei bis drei Ferienwochen der Weihnachtszeit wurden in grossen Mengen Artischocken sowie dann bl\u00fchende Amaryllis gez\u00fcchtet, wie auch w\u00e4hrend des ganzen Jahres die Schnittblumen f\u00fcr das Stadthaus. Im Winter wurden diese vom Hauptg\u00e4rtner im beheizten Schlitten nach Moskau gebracht. Erst nach einigen Jahren merkte mein Grossvater, dass der schlaue Mann damit regelm\u00e4ssig auf eigene Rechnung das gr\u00f6sste Blumengesch\u00e4ft \u201eFleurs&#8220; in Moskau mit einem Teil dieser Blumen belieferte.<\/p>\n<p>Bald wurden grobe Architekturfehler in Form \u00fcberm\u00e4ssiger Feuchtigkeit in der Villa Lipowka festgestellt. Der unter den Haus-Terrassen angeh\u00e4ufte Erdaushub musste ausgeh\u00f6hlt werden, was sp\u00e4ter f\u00fcr den Einbau eines kleinen Theaters mit allem Zubeh\u00f6r genutzt werden konnte.<\/p>\n<p>Die leidenschaftliche Betriebsamkeit zeigte sich bei Grosspapa zu gleichen Teilen in seinem Gesch\u00e4ftsgebaren wie in seinem Gesellschaftsleben. Die Nachkommenschaft \u00fcbte monatelang f\u00fcr die zur Tradition gewordenen Neujahrsvorstellungen im Haus-Theater, w\u00e4hrend die herbstlichen Fuchsjagden zu Gross-Ereignissen der Moskauer Gesellschaft wurden.<\/p>\n<p>Die G\u00e4ste f\u00fchrten ihre roten Jagdr\u00f6cke englischen Musters auf ihren Pferden vor. Die Herren waren geschm\u00fcckt mit den vom Gastgeber geschenkten, goldenen Kravatten-Nadeln in Form eines Jagdh\u00f6rnchens mit dem Emblem von Lipowka. Die Damen erhielten zum Andenken emaillierte Goldbroschen mit blauen Kornblumen auf gr\u00fcnem Grund. Statt einem der fast ausgerotteten lebenden F\u00fcchse, musste die kl\u00e4ffende Meute der Pointers einem in Fuchsurin getr\u00e4nkten Schwamm nachjagen.<\/p>\n<p>F\u00fcr das Sauberhalten der Wege in den ausgedehnten Gr\u00fcnanlagen wurden Dorfm\u00e4dchen besch\u00e4ftigt, die als Augenweide f\u00fcr die G\u00e4ste ihre farbenfrohen Nationaltrachten trugen. Jahrzehnte sp\u00e4ter entnahm meine Tante Manja Dobroven-Ruperti in Norwegen ihrem Kleiderschrank eines dieser bunten volkst\u00fcmlichen Kost\u00fcme mitsamt einer der Kornblumen-Broschen, um sie mir zu zeigen. Sie hatte die Tracht vor heute wohl hundert Jahren aus Freude daran einem der Dorfm\u00e4dchen abgekauft. Somit geh\u00f6rt dies zu den wenigen Dingen aus Lipowka, welche die Revolution \u00fcberstanden haben.<\/p>\n<p>Alfred Ruperti erstes, in Moskau noch selten gesehenes Auto &#8222;Serpolette&#8220;mit Chauffeur-Sitz vorne, wurde zur Jahrhundertwende durch einen Mercedes Benz ersetzt. Grosspapa fuhr damit t\u00e4glich fr\u00fchmorgens, im Sommer vom Mai bis zum September, von Lipowka nach Moskau ins Kontor. Manchmal mussten auch &#8211; statt mit der Eisenbahn &#8211; seine sich des Reichtums sch\u00e4menden Kinder mit ihrem Vater fahren Er liesse sie deshalb etwas entfernt von ihren Gymnasien wieder aussteigen.<\/p>\n<p>Bei diesen Fahrten landete immer wieder eines der b\u00e4uerlichen Pferdewagen wegen des Staub aufwirbelnden Ungeheuers im Strassengraben, auch wenn ihnen die Fuhrleute beim Herannahen der l\u00e4rmenden Wolke T\u00fccher um die Augen gebunden hatten. All dies macht es vielleicht verst\u00e4ndlich, dass meine Tante allm\u00e4hlich Sympathie f\u00fcr\u00a0den Kommunismus bekam, ihren f\u00fcr sie angestellten Musiklehrer lssay Dobroven heiratete und Russland nach ihren Eltern erst 1922 gemeinsam mit ihrem Mann verliess.<\/p>\n<p>Am Tag ihrer Hochzeit hatte sich ihr geliebter Vater wegen ihrer ihm unverst\u00e4ndlichen \u201eMesalliance&#8220; w\u00e4hrend der ganzen Feier sogar einfach ins Bett gelegt. &#8222;Saitschik&#8220; Dobroven ist zuerst als Konzertpianist in Moskau vor Lenin aufgetreten, sp\u00e4ter als gefragter internationaler Dirigent weltber\u00fchmt geworden und in Norwegen gelandet. Er hat uns in Arlesheim bei der Durchreise zur Mail\u00e4nder Scala einige Male besucht, als hoch gesch\u00e4tzter und witziger Schwager meiner Eltern.<\/p>\n<p>Zur\u00fcck zum grossv\u00e4terlichen Luxus. Das selbstgefahrene Auto, normalerweise trotzdem immer im Beisein eines Chauffeurs \u201ef\u00fcr alle F\u00e4lle&#8220;, brachte beide Grosseltern auf grosser Fahrt durch halb Europa. Ein internationales ,,Rennen&#8220; von Moskau nach London war angesagt. Meine f\u00fcr ihre Eleganz bekannte \u201eweisse Babuschka&#8220; brachte ihren Gatten dazu, in das hinten am Auto angebrachte Reserverad eine ihrer grossen runden Hutschachteln einzubauen. Damals war es f\u00fcr die Damen unm\u00f6glich, an einer der Abendfeiern ohne Hut aufzutreten und Grossmama hing sehr an ihren ausladenden Chapeauxs mit den wippenden Straussenfedern.<\/p>\n<p>Als meine alt gewordene, charmante Babuschka, ausgebombt in Dresden w\u00e4hrend der verheerenden \u201eFeuernacht&#8220;, nach Kriegsende f\u00fcr lange Monate bei uns in der Schweiz wohnen konnte, hat sie mir von irren Festen in den durchgefahrenen L\u00e4ndern erz\u00e4hlt. Leider hat sie das alles, trotz ihres anf\u00e4nglichen Versprechens an mich, nie aufgeschrieben &#8211; weil ,, &#8230; dein Mann doch nicht russisch lesen kann!&#8220;<\/p>\n<p>Diese von mir heiss geliebte, \u00a0jetzt ganz bescheidene gewordene Babuschka, hatte damals ihrem Gatten nach einigen Sommern des ersch\u00f6pfenden Lebens der bewegten Lipowka-Jahre die Stirne gezeigt: Trotz seiner grossen Liebe zu ihr, hatte sie unter dem Einfluss ihrer mit der Zarenfamilie verwandten, besten Freundin Olga mit eigenem Geld an der Wolga eine bequeme h\u00f6lzerne Datscha gemietet, die sie \u201eUdiralowka&#8220; nannte, was etwa mit \u201eFluchthaus&#8220; \u00fcbersetzt werden k\u00f6nnte. Grosspapa hatte dort nichts zu sagen und kam nur auf Besuch. F\u00fcr ihre stets gute Laune hatte sie noch eine alte F\u00e4hre zu einem zwei-zimmer Hausboot umbauen lassen, mit welchem sie &#8211; begleitet von einem Mechaniker und von\u00a0 zwei ihrer halbw\u00fcchsigen Spr\u00f6sslingen &#8211; sich wochenlang stromabw\u00e4rts bis nach Nischni-Nowgorod treiben liess. Dort bestieg sie f\u00fcr die R\u00fcckfahrt den Zug und \u00fcberliess ihre beiden \u00c4lteren dem getreuen Ehemann, der sie mit dem Motorboot \u201eKukuschka&#8220;, russisch f\u00fcr \u201eKuckuck&#8216;, auf dem Hausboot wieder stromaufw\u00e4rts ziehen liess<\/p>\n<p>Meinem Grossvater Alfred Ruperti ist nicht gegenw\u00e4rtig gewesen, dass er Russe mit Doppelpass gewesen war, was ihm w\u00e4hrend des ersten Weltkriegs aufs allerschmerzlichste bewusst gemacht wurde. Auf der Suche nach einer Schuldzuweisung wegen des verlorenen Krieges gegen Deutschland, wurde gegen die reichen Deutschst\u00e4mmigen ein Pogrom losgebrochen. Das wurde zum zutiefst gehenden Schock f\u00fcr ihn und seine ganze Familie, wohl am besten vergleichbar mit den Judenpogromen in Nazideutschland anfangs des zweiten Weltkriegs. Meine Tante Manja schreibt: ,,Das ersch\u00fctterte den festen Boden, auf dem wir zu stehen glaubten und machte uns f\u00fcrs ganze Leben heimatlos. In der Emigration durften wir nicht einmal nach der Heimat Sehnsucht haben &#8230;&#8220;<\/p>\n<p>Die aufgewiegelten Bauern in Lipowka zertr\u00fcmmerten s\u00e4mtliche Einrichtungen des sch\u00f6nen Hauses, vertrieben die Tiere und brachten dabei auch die ganze innere Welt der Familie zum Einsturz. Dabei hatte mein Grossvater im seinem Dorf diesen Bauern ein Spital, Kinderkrippen und anderes mehr f\u00fcr sie eingerichtet. Meine Grossmutter hatte im Moskauer Hause ihr Privatspital f\u00fcr 25 kriegsverwundete Soldaten und 4 Offiziere aufgemacht, ihre Tochter Manja als energische junge Studentin der Medizin und Krankenschwester Verletzte vom Schlachtfeld im G\u00fcterzug nach Moskau verfrachtet und mein Vater Adja sich als Freiwilliger gemeldet.<\/p>\n<p>Schon nach einem einzigen Jahr war 1915 in Lipowka der ganze Spuk, von aussen gesehen, wieder verschwunden. Mein Grossvater hatte unter vollem Einsatz seiner angeborenen Energie wieder alles zur\u00fcckverwandelt zum Stand und Glanz der sch\u00f6nen vergangenen Jahre.<\/p>\n<p>Doch hat das nicht lange gedauert!<\/p>\n<p>Gegen Ende der russichen Revolution im Jahre 1919 konnten die enteigneten Grosseltern dank Grossmamas Freundschaft mit Olga und deren Verbindung zur Zarenfamilie, zusammen mit dreissig \u00e4hnlichen Familien, Russland auf einem englischen Schiff f\u00fcr immer verlassen. Sie haben dabei erst bei einem Zwischenhalt in Lausanne erfahren k\u00f6nnen, dass ihr Sohn Adja, mein Vater, noch lebte. Er hat als junger weisser Offizier unter General Mamontov bis zuletzt noch auf der Krim in erbitterten Feldz\u00fcgen gegen die roten Bolschewiken gek\u00e4mpft. Dort hat er, zusammen mit dreitausend andern Offizieren, die Waffen niedergelegt, seine Heimat verloren und sie per Schiff ab Konstantinopel verlassen.<\/p>\n<p>Erw\u00e4hnt sei noch, dass Stalins Tochter in ihrem Tagebuch von einem Sommersitz ihres Vaters schreibt, gek\u00fcrzt \u201eLipka&#8220; genannt. Einer Gruppe von Nachkommen der von Wogau-Familien auf den Spuren ihrer Vorfahren im Jahre 2002 ist es nicht gelungen, die Erlaubnis zum Besuch der ger\u00fcchteumwitterten Lipowka zu erhalten. Mein Vater hat sich des \u00f6ftern gefragt, wo der verbrecherische Sowjetf\u00fchrer seine diabolischen Massnahmen beschlossen hat, vielleicht in seinem Kinderzimmer??<\/p>\n<p>Mein Vater, gen\u00fcgsam, intelligent und witzig, hat als einfacher Dr.chem.\u00a0in lebenslanger Anstellung beim Basler Chemiekonzern Ciba ein abwechslungsreiches Leben gef\u00fchrt &#8211;\u00a0 froh, des Reichtums und Leistungsdrucks seiner Vorfahren entkommen zu sein.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; 1927 wurde ich geboren, kam zweij\u00e4hrig mit meiner Familie nach Basel, wo wir als Emigranten 1935 das B\u00fcrgerrecht erhielten und Schweizer wurden. 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