{"id":1188,"date":"2016-01-15T09:57:34","date_gmt":"2016-01-15T09:57:34","guid":{"rendered":"http:\/\/ivanruperti.info\/?p=1188"},"modified":"2019-07-30T16:29:00","modified_gmt":"2019-07-30T16:29:00","slug":"madja-ruperti-die-malerin-von-andreas-ruperti","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/ivanruperti.info\/?p=1188","title":{"rendered":"Leben und Werk der Malerin Madja Ruperti"},"content":{"rendered":"<p><em>Meine \u00a0Mutter hat rund zwei Drittel ihrer Werke verkauft oder verschenkt. Mit dem restlichen Drittel konnte ich eine Ged\u00e4chtnis-Ausstellung veranstalten, zu der mir das ganze Kunstmuseum von Mendrisio zur Verf\u00fcgung gestellt wurde. \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0<\/em><\/p>\n<p><em>Im Katalog zu dieser Ausstellung schrieb Andreas Ruperti\u00a0<\/em><\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Madeleine Elisabeth Marie van Rijckevorsel wurde am 13.5.1903 in\u00a0Moskau geboren. Marie Catoire, ihre Mutter, geh\u00f6rte einer seit Generationen in Russland ans\u00e4ssigen, streng katholischen, franz\u00f6sischen Familie an. Ihr Vater, Karl van Rijckevorsel, auch er Katholik, war ein junger, aus Vught bei Herzogenbusch nach Moskau gekommener Holl\u00e4nder.<\/p>\n<p>Aus &#8222;Madeleine&#8220; ist das z\u00e4rtliche Diminutiv\u00a0&#8222;Madja&#8220; entstanden und dieser Name blieb lebensl\u00e4nglich erhalten.\u00a0Zwei Jahre nach Madja wurde ihr j\u00fcngerer Bruder geboren und &#8222;Armand&#8220;\u00a0getauft, aber stets &#8222;Mulja&#8220; genannt.<\/p>\n<p>\u00dcber Madjas erste Kindheitserinnerungen geben einige von ihr in\u00a0russischer Sprache verfassten Zeilen Auskunft, die ich in deutscher \u00dcbersetzung anbringen m\u00f6chte:<\/p>\n<p><em>&#8222;Wenn ich \u00fcber meine Kinderjahre denke, muss ich immer dar\u00fcber stau<\/em><em>nen, wie wenig ich mich daran erinnern kann. Nur einzelne Bilder<\/em>\u00a0<em>sind erhalten geblieben. Daf\u00fcr erscheinen sie in unwahrscheinlicher<\/em>\u00a0<em>Klarheit, mit einer genauen Abbildung aller Einzelheiten meiner Um<\/em><em>gebung. Sogar die Farben der mich umringenden Gegenst\u00e4nde haben sich<\/em>\u00a0<em>derart meinem Ged\u00e4chtnis eingepr\u00e4gt, dass ich ein genaues Bild einzel<\/em><em>ner Begebenheiten malen k\u00f6nnte.<\/em><\/p>\n<p><em>Bereits in meiner fr\u00fchen Kindheit wurde ich durch meine Umgebung<\/em>\u00a0<em>stark beeindruckt. Einzelne Zimmer, Wohnecken, einzelne M\u00f6belst\u00fccke<\/em>\u00a0<em>haben mich mehr beeindruckt, mir eine bestimmtere Richtung gegeben,<\/em>\u00a0<em>als die Menschen meiner Umgebung, damals, als mein Leben anfing aus<\/em>\u00a0<em>der urspr\u00fcnglichen Unbestimmtheit und nebligen Ferne herauszutreten<\/em>\u00a0<em>und bewusster empfundene Formen anzunehmen. Eines dieser ersten Bil<\/em><em>der erscheint mir in ganz besonderer Klarheit.<\/em><\/p>\n<p><em>Die Begebenheit fand in unserer Moskauer Wohnung statt, die sich im<\/em>\u00a0<em>obersten Stockwerk eines grossen Hauses befand.<\/em>\u00a0<em>Ich erinnere, dass mir weisse S\u00f6ckchen aus gl\u00e4nzender weisser Seide,<\/em>\u00a0<em>mit einem groben Faden umn\u00e4ht, angefertigt werden sollten. Sie wurd<\/em><em>en mir anprobiert, etwas daran abgeschnitten und ge\u00e4ndert. Und wie<\/em><em>der erlebte ich den berauschenden Augenblick, in dem der kalte Stahl<\/em><br \/>\n<em> der Schere meine Haut ber\u00fchrte und ein Schauer lief \u00fcber meinen<\/em>\u00a0<em>R\u00fccken.<\/em><\/p>\n<p><em> Was f\u00fcr komplizierte Dinge gehen in einer Kinderseele vor sich! Leb<\/em><em>hafte, qu\u00e4lende Erlebnisse, in ihrer Intensit\u00e4t denjenigen Erwachse<\/em><em>ner nicht vergleichbar.\u201d<\/em><\/p>\n<p>Madja war sechs Jahre alt, als die Ehe ihrer Eltern in die Br\u00fcche\u00a0ging. Ihre Mutter musste sich vom Katholizismus lossagen und der\u00a0evangelischen Kirche beitreten, um eine Scheidung zu erm\u00f6glichen.\u00a0Bald ging sie eine neue Ehe ein. Sie heiratete Wanja R\u00fcchardt, einen\u00a0Vetter meiner Mutter. Dessen Vater war Teilhaber des Handelshauses\u00a0Wogau &amp; Co., er selbst Wogaus kaufm\u00e4nnischer Angestellter. Er war\u00a0ein lebenslustiger junger Mann, den alle gern hatten. Wir nannten\u00a0ihn Onkel Wanja &#8211; seiner kurzen Haartracht wegen scherzweise auch\u00a0Strischka-Martischka (geschorene Meerkatze). Er liebte Madja heiss,\u00a0vielleicht sogar mehr als Lisa und Jura, seine eigenen Kinder. Er\u00a0hat es auch verstanden, Madjas Herz restlos zu gewinnen.<\/p>\n<p>Madjas Vater, Karl von Rijckevorsel, kehrte Moskau den R\u00fccken und\u00a0begab sich nach Holl\u00e4ndisch-Indien. Zwischen ihm und seinen beiden Kindern\u00a0blieb so wenig Kontakt, dass Madja sich kaum an ihn erinnern konnte.\u00a0Er versuchte ihnen Geschenke zu schicken, aber das wurde als\u00a0unerw\u00fcnschte Einmischung in das Leben der Kinder aufgefasst und die\u00a0Geschenke abgewiesen.<\/p>\n<p>Als Madja neun Jahre alt war, wurde f\u00fcr sie und ihren Bruder Fr\u00e4ulein<br \/>\nRobesneck als &#8222;Kinder-Fr\u00e4ulein&#8220; engagiert. Madja hat &#8222;Kapsa\u201d mehr als\u00a0ihre eigene Mutter geliebt. Die innige Bindung blieb bis zum Tode\u00a0von Kapsa, die sehr alt wurde, erhalten.<\/p>\n<p>Bei Beginn des ersten Weltkrieges wurde Ivan R\u00fcchardt in unliebsamer<br \/>\nWeise an seine deutsche Staatsangeh\u00f6rigkeit erinnert. Wie die \u00fcbrigen<br \/>\nDeutschen im Wehrdienstalter wurde er in die Moskauer Krutizki Kaserne<br \/>\nbeordert und von dort in die Uralgegend, nach Ufa, als Zivilgefangener<br \/>\nverschickt. Seine Frau und die j\u00fcngeren Kinder folgten ihm nach, w\u00e4hrend Madja in Moskau blieb, um die Schule weiter zu besuchen. Sie\u00a0wurde von meiner Grossmutter als lieber Gast aufgenommen und wohnte\u00a0bei ihr w\u00e4hrend der ganzen Dauer des Krieges.<\/p>\n<p>Nur die Sommermonate\u00a0verbrachte sie bei ihren Eltern. Dazu musste sie jeweils die viele\u00a0Tage dauernde Schiffsreise nach Ufa unternehmen. Man fuhr auf der<br \/>\nWolga, dann auf ihrem Zufluss, der Kama, und schliesslich auf der Belaja, die in die Kama m\u00fcndet. Jedesmal ist es ein reiches Erlebnis\u00a0gewesen. Madja bekam einen Begriff von den unendlichen Weiten Russlands, die einen unausl\u00f6schlichen Eindruck auf sie machten.<\/p>\n<p>Man kann sich keine erfreulichere Kriegsgefangenschaft vorstellen,\u00a0als die der R\u00fcchardts in Ufa. Wanja R\u00fcchardt bezog weiter das ihm bei\u00a0Wogau &amp; Co. zustehende Gehalt, hatte somit keine Geldsorgen und war\u00a0in der Lage, f\u00fcr die ganze Familie samt Dienstpersonal ein sch\u00f6nes\u00a0und ger\u00e4umiges Haus zu mieten, das f\u00fcr alle gen\u00fcgend Platz bot. Die\u00a0Zeit wurde ausgef\u00fcllt mit Geselligkeit und Theaterauff\u00fchrungen, an\u00a0welchen, ausser den Familienmitgliedern, befreundete deutsche Zivilgefangene teilnahmen.<\/p>\n<p>Die &#8222;Gefangenschaft\u201d beschr\u00e4nkte sich auf ein\u00a0Verbot, sich weiter als 100 Werst von der Stadt zu entfernen, ohne\u00a0zuvor eine polizeiliche Erlaubnis eingeholt zu haben. Der Provinzgouverneur war ein hochgebildeter Mann &#8211; er beherrschte elf Sprachen &#8211;\u00a0der sich den Zivilgefangenen gegen\u00fcber sehr wohlwollend verhielt. Er<br \/>\nbeehrte sogar eine der Theatervorf\u00fchrungen mit seiner Anwesenheit &#8211;\u00a0mehr kann man wirklich nicht verlangen.<\/p>\n<p>Nach Kriegsende wurden die Zivilgefangenen in Sonderz\u00fcgen &#8222;repatriiert&#8220;. Mit einem dieser Z\u00fcge haben die R\u00fcchardts Russland verlassen.\u00a0Madja war es bewusst, dass es sich um eine endg\u00fcltige Trennung von\u00a0ihrer russischen Heimat handelte und war dar\u00fcber ganz verzweifelt.\u00a0Nahe der Grenze stieg das f\u00fcnfzehnj\u00e4hrige M\u00e4dchen aus dem Zuge, um\u00a0von der russischen Erde Abschied zu nehmen. Sie hatte nicht die geringste Lust nach Deutschland zu kommen.<\/p>\n<p>Nach kurzem Verweilen in Berlin wurde sie in das Landerziehungsheim Haubinda eingewiesen. Es war eine Knabenschule, in der nur wenige M\u00e4dchen mitunterrichtet wurden. In den oberen Klassen gab es\u00a0J\u00fcnglinge, die bereits Kriegsdienst geleistet hatten.<\/p>\n<p>Bald musste\u00a0Madja auf Wunsch der Schulleitung Haubinda verlassen. Ihren Eltern<br \/>\nwurde mitgeteilt, ihre Anwesenheit verursache zu viel Unruhe bei\u00a0den m\u00e4nnlichen Sch\u00fclern und der Unterricht w\u00fcrde dadurch gest\u00f6rt.\u00a0Diese Abweisung hat Madja sehr verletzt. Sie war \u00fcber den Brief an\u00a0ihre Eltern emp\u00f6rt, da sie unter den Sch\u00fclerinnen die Einzige war,\u00a0die alle Ann\u00e4herungsversuche ihrer Verehrer stets strikte abgewiesen\u00a0hatte.<\/p>\n<p>Erfreulicherweise verstand es Papa Wanja sie aufzumuntern.\u00a0Statt sie mit unberechtigten Vorw\u00fcrfen zu empfangen, erkl\u00e4rte er\u00a0ihr, auf das Benehmen seiner Tochter stolz zu sein! Er wies sie\u00a0in das Landerziehungsheim Gaienhofen am Bodensee ein, wo nach den\u00a0gleichen Methoden wie in Haubinda nur M\u00e4dchen unterrichtet wurden.<\/p>\n<p>Im Sommer 1921 fuhr Madja mit ihrer Mutter und ihren Geschwistern\u00a0nach dem Seebad Bansin, wo viele unserer russischen Bekannten ihre\u00a0Sommerferien verbrachten. Dort trafen wir uns mit ihr zum ersten\u00a0Mal als Erwachsene wieder.<\/p>\n<p>Im folgenden Schuljahr wurde Madja in\u00a0die Unterprima des Dresdener M\u00e4dchengymnasiums versetzt, was uns\u00a0beiden sehr gelegen kam. Wir sahen uns regelm\u00e4ssig, da ich auf den\u00a0guten Gedanken gekommen war, mir von Madja, zur Verbesserung meiner\u00a0mangelhaften Deutschkenntnisse, Nachhilfestunden geben zu lassen.<\/p>\n<p>Zur Verbringung der Weihnachtstage wurde ich zu Madjas Eltern nach<br \/>\nSchackenhof eingeladen, wo wir uns verlobten. Wir heirateten in\u00a0Dresden im Fr\u00fchling 1923, kurz nach Madjas Maturpr\u00fcfung.\u00a0Nach unserer dreiw\u00f6chigen Hochzeitsreise, die, dank der galoppierenden Inflation, mit den uns zur Hochzeit geschenkten 13,5 Dollar und\u00a02 Pfund Sterling finanziert werden konnte, kehrten wir nach Dresden\u00a0in die Wohnung meiner Eltern zur\u00fcck. Dort befand sich bereits Manjas\u00a0vierk\u00f6pfige Familie &#8211; es war ziemlich eng. Am 4.1.1924 kam unser<br \/>\nSohn zur Welt und es wurde noch enger.<\/p>\n<p>Inzwischen hatte ich meine Diplompr\u00fcfung in der Hochschule bestanden\u00a0und arbeitete an meiner Doktorarbeit unter der Leitung von Dr. Robert\u00a0Haller in der &#8222;Katundruckerei Gebr\u00fcder Jentsch&#8220; in Grossenhain. Die\u00a0Entfernung zwischen dieser Stadt und Dresden zwang mich ein Zimmer\u00a0in Grossenhain zu mieten &#8211; nur die Wochenenden konnte ich zusammen\u00a0mit Madja verbringen.<\/p>\n<p>Nach Abschluss meiner Doktorarbeit wurde\u00a0ich f\u00fcr 200 Mark pro Monat bei Gebr. Jentsch angestellt und arbeitete\u00a0weiter in Grossenhain, getrennt von meiner Familie. Es war recht unbefriedigend. Zum Gl\u00fcck hat es nicht allzulange gedauert. Haller\u00a0wurde zum ausserordentlichen Professor am Institut f\u00fcr Farben und<br \/>\nTextilchemie der Technischen Hochschule ernannt, ich wurde sein\u00a0Vorlesungs-assistent und gleichzeitig Assistent von Prof. K\u00f6nig. Auch\u00a0die Wohnungsfrage fand eine g\u00fcnstige L\u00f6sung &#8211; mein Grossvater hatte\u00a0f\u00fcr seine j\u00fcngste Tochter ein zweist\u00f6ckiges Haus bauen lassen, in\u00a0dessen obere Etage wir einziehen durften.<\/p>\n<p>Nun konnten wir aufatmen. Wir waren beisammen, mein Assistentengehalt war zwar knapp, doch ausreichend und wir wussten uns zu helfen.\u00a0Madja verstand es, bei Altwarenh\u00e4ndlern und auf Auktionen gut erhaltene alte M\u00f6bel billig einzukaufen und die Wohnung geschmackvoll\u00a0einzurichten. Wir hatten gute Freunde, sodass auch die Geselligkeit\u00a0nicht zu kurz kam. Madja wurde die Seele von Festen und Vari\u00e9t\u00e9-Auff\u00fchrungen, die bei Pohls, einer befreundeten deutsch-russischen\u00a0Familie, veranstaltet wurden.<\/p>\n<p>Unsere Tochter Marischa kam zur Welt. F\u00fcr mich war es h\u00f6chste Zeit\u00a0an mein weiteres berufliches Fortkommen zu denken. Immer konnte ich\u00a0nicht Hochschulassistent bleiben.\u00a0Zahlreiche Versuche, eine Stelle in der Industrie zu erhalten,\u00a0scheiterten an der Wohnungsfrage. Im Hause meines Grossvaters lebten<br \/>\nwir &#8222;schwarz&#8220; &#8211; ohne Genehmigung des Wohnungsamtes. Ein offizielles\u00a0Anrecht auf eine Wohnung hatten wir nicht. Somit verf\u00fcgten wir nicht\u00a0\u00fcber eine &#8222;Tauschwohnung&#8220;, ohne die es nicht m\u00f6glich war in Deutschland, wo es auch sei, einen Wohnsitz zu bekommen. Alle meine 23 Stellengesuche sind eines nach dem anderen an der Wohnungsfrage gescheitert. Es war zum Verzweifeln!<\/p>\n<p>Da kam der Vorschlag von Prof. Heuser, dem in Deutschland f\u00fchrenden\u00a0Cellulose-chemiker, dessen Vorlesungen ich in Berlin besucht hatte,\u00a0ihm als sein Mitarbeiter nach Kanada zu folgen. Er war als Leiter\u00a0eines industriellen Forschungsinstitutes nach Hawkesbury berufen\u00a0worden. Etwas besseres h\u00e4tte ich mir gar nicht w\u00fcnschen k\u00f6nnen!\u00a0Ich sagte sofort zu und benachrichtigte Madja, die mit den Kindern\u00a0in Schackenhof weilte.<\/p>\n<p>Es war vorgesehen, dass ich zun\u00e4chst ohne Familie nach Kanada fahre,\u00a0um mich dort umzusehen und Fuss zu fassen. Frau und Kinder sollten\u00a0erst sp\u00e4ter nachkommen. Das kam f\u00fcr Madja gar nicht in Frage. Kurz\u00a0entschlossen kam sie aus Schackenhof angereist. Zusammen suchten\u00a0wir Prof. Heuser in Berlin auf und es gelang ihr, ihn v\u00f6llig umzustimmen und zu veranlassen, die Pl\u00e4ne zu \u00e4ndern, um eine Uebersiedlung nach Kanada ohne Trennung der Familie zu erm\u00f6glichen.<\/p>\n<p>Wir\u00a0reisten alle zusammen nach Hawkesbury und verbrachten dort genau\u00a0ein Jahr. Es war eine sch\u00f6ne Zeit, die wir sehr genossen. Leider\u00a0sahen wir nicht viel von Kanada &#8211; wir besassen kein Auto und Madja\u00a0erwartete ein Kind &#8211; unsere j\u00fcngste Tochter Karin ist in Kanada geboren.<\/p>\n<p>Leider war meine Anstellung in beruflicher Hinsicht eine grosse\u00a0Entt\u00e4uschung und ich wurde bald gezwungen, mich nach einer anderen\u00a0Stelle umzusehen. Ich nahm das Angebot meines fr\u00fcheren Chefs, Prof.\u00a0Haller, an, zu ihm nach Basel zu kommen, wo er inzwischen Direktor\u00a0bei der CIBA geworden war. Wir verliessen Hawkesbury und fuhren in\u00a0die Schweiz.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend 34 Jahren, bis ich pensioniert wurde, habe ich als Forschungs-Chemiker bei der CIBA gearbeitet. Madja fiel es nicht leicht, sich\u00a0mit dem Leben der Frau eines bescheidenen Chemikers abzufinden. Das\u00a0Dasein war zu farblos und eint\u00f6nig. Haushaltf\u00fchrung und Sorgen um\u00a0die heranwachsenden Kinder gen\u00fcgten nicht, um ihr Leben auszuf\u00fcllen.\u00a0Sie wollte ihm mehr Inhalt geben und dachte daran, beruflich t\u00e4tig\u00a0zu werden.<\/p>\n<p>In Basel hatte sie eine Gruppe junger Leute kennen gelernt, die sich\u00a0regelm\u00e4ssig &#8222;zum Schwarzen&#8220; im Bahnhofbuffet trafen. Unter ihnen war\u00a0eine k\u00fcnstlerisch begabte holl\u00e4ndische Schneiderin, Ali Bersma, mit\u00a0der sie sich anfreundete und zu ihr schneidern ging. Viele Stunden\u00a0verbrachten sie in gemeinsamer Arbeit. Madja lernte zuschneiden und\u00a0n\u00e4hen und wurde von dieser Arbeit so angetan, dass sie selbst Schneiderin werden wollte. Sie beschloss das Handwerk gr\u00fcndlich zu erlernen,\u00a0vertraute die Kinder ihrer Mutter in Schackenhof an und fuhr nach<br \/>\nBerlin. Dort hat sie drei Monate lang bei einer Modistin gearbeitet\u00a0und ausserdem an Tages- und Abendkursen teilgenommen, um n\u00e4hen, zu-schneiden und das Machen von H\u00fcten zu erlernen. Sie lebte \u00e4usserst\u00a0sparsam, war unglaublich fleissig und arbeitete bis zu 12 Stunden am\u00a0Tage.<\/p>\n<p>In Berlin hat sie so viel gelernt, dass sie sp\u00e4ter stets in der Lage\u00a0war, s\u00e4mtliche Kleider f\u00fcr sich und die Kinder selbst anzufertigen.\u00a0Die M\u00e4dchen waren immer so elegant angezogen, dass Wanja auf sie eifers\u00fcchtig wurde und Madja auch ihm einen Anzug n\u00e4hen musste! Das N\u00e4hen\u00a0f\u00fcr den Eigenbedarf half uns, viel Geld zu sparen. An die Er\u00f6ffnung\u00a0eines N\u00e4hateliers war aber nicht zu denken &#8211; viel zu sehr wurde\u00a0Madja durch Haushalt, Kinderkrankheiten und sonstige Verpflichtungen\u00a0in Anspruch genommen. Sie musste einsehen, dass die Aus\u00fcbung des Berufes einer Schneiderin sich mit unserem Familienleben nicht verein-<br \/>\nbaren liess.<\/p>\n<p>Nun kam die Idee, Berufsfotografin zu werden. Auf diesem Gebiet besass sie bereits einige Vorkenntnisse und Erfahrungen, welche sie\u00a0beim Zusammenarbeiten mit der alten Frau R\u00fcchardt, der Mutter von\u00a0Papa Wanja, erworben hatte. Fanny R\u00fcchardt ist in ihren jungen\u00a0Jahren eine der ersten und besten Amateur-Fotografinnen in Moskau gewesen. Die Technik und Kunst der Fotografie steckten damals noch in\u00a0den Kinderschuhen, doch wurden von Tante Fanny ganz hervorragende\u00a0Aufnahmen gemacht.<\/p>\n<p>Sp\u00e4ter, als die R\u00fcchardts auf ihrem Landgut in\u00a0Schackenhof lebten, hat Madja ihrer Grossmutter gerne bei ihrer Arbeit in der Dunkelkammer und bei der Handhabung ihres riesigen Vergr\u00f6sserungs-Apparates geholfen und viel dabei gelernt. Sie gew\u00f6hnte\u00a0sich bei den Aufnahmen an, das zu sehen, auf was es wirklich beim\u00a0Fotografieren ankommt und dann auch selbst gute Aufnahmen zu machen.<\/p>\n<p>Es gelangen ihr hervorragende Portraits und Landschaftsbilder.\u00a0Sie hatte bereits einige Aufnahmen gegen Entgelt gemacht, doch war\u00a0es ihr bewusst, dass ihre Kenntnisse nicht ausreichten, um ihr Hobby\u00a0berufsm\u00e4ssig aus\u00fcben zu k\u00f6nnen. Deshalb belegte sie einen Photokurs\u00a0an der Gewerbeschule in Basel. Diesen hat sie mit Fleiss und Freude\u00a0besucht, bis sie eines Tages, f\u00fcr sie v\u00f6llig unerwartet, zur Direktion zitiert wurde. Sie bekam zu h\u00f6ren, sie sei von der Teilnehmerliste gestrichen worden und d\u00fcrfe fortan am Unterricht nicht mehr\u00a0teilnehmen. Die einzige Begr\u00fcndung der Abweisung: als Frau eines\u00a0Chemikers h\u00e4tte sie es nicht n\u00f6tig, einen Beruf zu erlernen.<\/p>\n<p>Damals,\u00a0noch fremd in Basel, konnten wir uns gegen diese ungerechte Behandlung nicht wehren. So ist aus ihr keine Berufsphotografin geworden&#8216;.<br \/>\nDass sie Malerin werden k\u00f6nnte, kam ihr gar nicht in den Sinn. Gleich\u00a0mir in einer b\u00fcrgerlichen, denkbar unk\u00fcnstlerischen Familie aufgewachsen, hatte Kunst in ihrer Entwicklung \u00fcberhaupt keine Rolle gespielt. Als sie in Berlin eine Impressionisten-Ausstellung sehen wollte,\u00a0wurde es ihr von Papa Wanja nicht gestattet. &#8222;Wenn du etwas sehen\u00a0willst, so darfst du in das Kaiser Wilhelm Museum und nicht zu diesem\u00a0Quatsch!&#8220; wurde ihr gesagt.<\/p>\n<p>Auch in meiner Familie war es nicht besser. Meine Mutter besuchte zwar stets die Vernissagen der &#8222;Peredwigniki&#8220; (Wanderausstellung der massgebenden russischen Maler), doch\u00a0tat sie es nicht aus Kunstinteresse, sondern mehr aus gesellschaftlicher Verpflichtung. Das bewirkte, dass sie ein sehr gutes Oelbild<br \/>\nerwarb und es die Wand unseres Herrenzimmers schm\u00fcckte. Meine\u00a0Mutter war eine geborene Marc, mit Franz Marc nahe verwandt, aber\u00a0keiner wusste von der Existenz dieses bedeutenden Malers. Wie konnte\u00a0auch ein Angeh\u00f6riger einer angesehenen Kaufmannsfamilie Maler werden?\u00a0Was f\u00fcr eine Schande! Am besten man sprach nicht dar\u00fcber.<\/p>\n<p>Auch in unserer kleinen Familie hat das Interesse an Kunst keine grosse Rolle gespielt. Nur das Zeichnen und Malen der Kinder fand bei\u00a0Madja immer grosses Verst\u00e4ndnis und sie bewahrte sorgsam alles auf,\u00a0was die Kinder zustande brachten. Besonders Karins Arbeiten, die grosse Fertigkeit im Silhouetten-Schneiden entwickelte, fanden ihre Bewunderung.<\/p>\n<p>Wanja nahm einen Schnitzkurs und schenkte uns zu Weihnachten 1943\u00a0eine sch\u00f6n gearbeitete Schale f\u00fcr Fr\u00fcchte. Dann kamen einige von\u00a0ihm im Tessin gemachten Aquarelle zum Vorschein, die er sch\u00fcchtern\u00a0vorzeigte. Madja beurteilte sie als &#8222;sehr gut und talentvoll gemalt&#8220;.\u00a0Auf den Gedanken, selbst einen Bleistift oder einen Pinsel in die\u00a0Hand zu nehmen, kam sie gar nicht.<\/p>\n<p>Erst im Juli 1944, als sie bereits 41 Jahre alt war, hat sie in Porto Ronco ihren ersten Malversuch gemacht. Wanja und Karin malten mit. Madja malte mit Wasserfarben, die Kinder erstmals mit Oel. Ein Sonnenblumenstrauss diente als<br \/>\nVorlage. Marischa malte nicht mit, da sie &#8222;nicht pfuschen wollte&#8220;.\u00a0Madja dagegen hat gerne mitgemacht und blieb mit dem Ergebnis anscheinend zufrieden, denn im Tagebuch hat sie ihren Malversuch wie\u00a0folgt beurteilt: &#8222;<em>anst\u00e4ndig (f\u00fcr mich!) . Die Hauptsache, es macht<\/em>\u00a0<em>Spass&#8220;.<\/em><\/p>\n<p>Kurz darauf, w\u00e4hrend seines Milit\u00e4rurlaubes im Tessin, bewog\u00a0sie unser Sohn, das Malen ernst zu nehmen. Er gab ihr den\u00a0ihm geschenkten Malkasten zur\u00fcck mit den Worten: &#8222;<em>Ich brauche ihn\u00a0nicht. Ich habe zu malen versucht, aber es gelingt mir nicht. Du\u00a0aber kannst es bestimmt und sollst es auch tun.&#8220; &#8222;Was f\u00e4llt<\/em> Dir ein,\u00a0<em>wie komme ich dazu?&#8220;<\/em> war Madjas Antwort. Doch Ivan, der damals von\u00a0uns noch &#8222;Wanja&#8220; genannt wurde, liess nicht locker, stellte eine\u00a0kleine Vase mit einem Bl\u00fcmlein als Vorlage auf und befahl ihr, sie\u00a0abzumalen. &#8222;<em>Das kannst Du<\/em> und <em>wirst es auch tun&#8220;<\/em>, waren seine Worte. Voller Zweifel folgte Madja dem strengen Befehl und siehe da &#8211; es\u00a0schien ihr zu gelingen und machte riesigen Spass. So hat es angefangen\u00a0in unserem H\u00e4uschen in Porto Ronco.<\/p>\n<p>Diese Episode mit dem Farbkasten hat Madja als den Beginn ihrer\u00a0Malt\u00e4tigkeit angesehen. Sie berichtete dar\u00fcber in einer von Mal zu\u00a0Mal immer dramatischer werdenden Weise. Der Gedanke, ihr Sohn sei der\u00a0Initiant ihrer Malerei gewesen, lag ihr am Herzen und der Vorfall\u00a0wurde zur richtigen Malkasten-Legende. Bestimmt ist Wanjas Vertrauen\u00a0in die F\u00e4higkeiten seiner Mutter ein f\u00fcr sie wichtiger, vielleicht\u00a0auch ausschlaggebender Ansporn gewesen. Ihr Selbstvertrauen wurde gest\u00e4rkt und sie begann sich als angehende K\u00fcnstlerin \u00a0 \u00a0zu f\u00fchlen.<\/p>\n<p>Nach dieser Episode kaufte sie sich Oelfarben und fing an ernsthaft\u00a0zu malen. \u00a0 \u00a0 Es war ihr bewusst, dass sie nichts von Maltechnik verstand\u00a0und sehr viel zu lernen hatte. Nach ihrer eigenen Aussage wusste sie\u00a0damals nicht einmal, wie ein Pinsel richtig zu halten sei, oder welche Beschaffenheit ein Malgrund haben m\u00fcsse. Mit der ihr eigenen\u00a0Gr\u00fcndlichkeit wollte sie diesem Mangel durch eine Ausbildung an der\u00a0Gewerbeschule abhelfen.<\/p>\n<p>Zum Gl\u00fcck hat ein Freund, Architekt Paul\u00a0Seibert, ihr diese Absicht ausgeredet. Er war der Ansicht, dass eine\u00a0Ausbildung gemeinsam mit lauter J\u00fcnglingen nur dazu f\u00fchren k\u00f6nnte,\u00a0ihr den Unterricht g\u00e4nzlich zu verleiden. Sie liess sich \u00fcberzeugen<br \/>\nund bat eine \u00e4ltere Malerin, Gertrud Schwabe, ihr Privatstunden zu\u00a0geben. Die Art, wie sie in die Anf\u00e4nge der Malerei von Fr\u00e4ulein\u00a0Schwabe eingef\u00fchrt wurde, hat Madja gepasst. Zusammen mit zwei anderen Damen ging sie gern und regelm\u00e4ssig in ihre &#8222;Malklasse&#8220;. Sie\u00a0lernte mit Wasserfarben und auch mit Oel umzugehen, malte eine Aussicht auf Arlesheim, ein Stilleben mit Maske, ein weiteres mit Fr\u00fcchten, einen bl\u00fchenden Zwetschgenbaum und das Portrait eines alten\u00a0Mannes. Letzteres war ihr erster Versuch der Auseinandersetzung mit<br \/>\ndem menschlichen Antlitz, eine Aufgabe, die sie eine Zeitlang sehr\u00a0gefesselt hat. \u00a0In der kurzen Zeit von etwa einem Jahr hat Madja gelernt, was sie brauchte. F\u00fcr die verst\u00e4ndnisvolle Art, wie diese\u00a0notwendigen Kenntnisse ihr vermittelt wurden, ist sie Frl. Schwabe\u00a0immer dankbar geblieben.<\/p>\n<p>Neben ihren Malstunden hat Madja auch selbst\u00e4ndig gearbeitet.\u00a0Im Fr\u00fchling 1945 notierte sie in ihr Tagebuch:<em>&#8222;Das Malen begeistert\u00a0mich immer mehr. Ich habe eine Birslandschaft gemalt, dann ein gelbes<\/em>\u00a0<em>Rapsfeld, ein Tulpenbild habe ich angefangen. Ich empfinde eine<\/em>\u00a0<em>riesige Freude dar\u00fcber, dass ich imstande bin, etwas zu &#8222;erschaffen&#8220;<\/em>,\u00a0<em>ein St\u00fcckchen von mir weiterzugeben. Wenn es sich nicht als T\u00e4uschung<\/em>\u00a0<em>erweist und ich es in mir entwickeln und mich damit weiter befassen<\/em><br \/>\n<em> k\u00f6nnte! Vieles im Leben w\u00fcrde mir dann keine Angst mehr machen!&#8220;<\/em><\/p>\n<p>Als sie zum Geburtstag einen Malblock und neue Farben bekam, notierte\u00a0sie ins Tagebuch: &#8222;<em>Sehr angenehm, aber es verpflichtet!&#8220;\u00a0<\/em>Im Sommer 1945 begann Madja im Tessin ein Stilleben in Oel zu malen.\u00a0Drei Wochen hat sie an einem Peperoni-Bild fleissig gearbeitet. Diese\u00a0waren l\u00e4ngst verdorben und halbvertrocknet, bevor das Bild fertig\u00a0wurde. Daf\u00fcr ist es wirklich gut gelungen. Die &#8222;Peperoni\u201d und das<br \/>\nihnen folgende &#8222;Steingarten&#8220;-Bild hat sie dann in die Weihnachts-Ausstellung der Basler K\u00fcnstler eingereicht. Die Bilder wurden nicht nur\u00a0angenommen, sondern der &#8222;Steingarten&#8220; sogar verkauft.<\/p>\n<p>Das war ihr\u00a0erster grosser Erfolg, der aber auch seine negative Seite hatte. Es<br \/>\nwurde nicht gerne gesehen, dass eine Frau ohne jegliche Kunstausbildung, und dazu noch die Frau eines Chemikers, an der Ausstellung der\u00a0Basler K\u00fcnstler mit Verkaufserfolg teilnahm. &#8222;Sie hat es wirklich\u00a0nicht n\u00f6tig&#8220;, war die allgemeine Meinung. Das hatte zur Folge, dass\u00a0w\u00e4hrend der vier folgenden Ausstellungen Madjas Werke nicht\u00a0mehr angenommen wurden. Mit der Qualit\u00e4t derselben hatte es nichts\u00a0zu tun &#8211; es war reine Missgunst.<\/p>\n<p>Unbeirrt malte sie weiter &#8211; Oelbilder in Arlesheim, Gouaches im\u00a0Tessin, meistens Aussichten, gesehen von unserem H\u00e4uschen oder\u00a0&#8222;im Hafen von Porto Ronco&#8220;. Ein Jahr sp\u00e4ter malte sie in Arlesheim\u00a0Blumen, Gem\u00fcse, Bl\u00e4tter, in der Natur oder zu Stilleben arrangiert,\u00a0die Mehrzahl in Oel. Gouaches entstanden auf Reisen, die meisten in\u00a0Italien, denn nun wurden stets Wasserfarben und ein Malblock mitge-<br \/>\nnommen.<\/p>\n<p>1948 wurde wenig zu Hause, daf\u00fcr umso mehr bei Aufenthalten im Ausland gemalt. W\u00e4hrend eines l\u00e4ngeren Verweilens in St.Tropez, zu dessen ersten Nachkriegsg\u00e4sten wir geh\u00f6rten, wurde Madja von Booten-\u00a0und Hafensujets besonders fasziniert. Als ich zur ihr nach St.Tropez\u00a0kam, legte sie mir eine ganze Bildersammlung vor &#8211; ein Oelbild und\u00a0dreizehn Gouaches.<\/p>\n<p>Im gleichen Jahr hat sie auch in Paris gemalt. Sie stellte ihre Staffelei an irgend einer Strassenecke auf und malte darauf los, ohne\u00a0sich von den sie umringenden Kindern und ihren &#8222;sachkundigen&#8220; Bemerkungen st\u00f6ren zu lassen. Es gelang ihr, die Atmosph\u00e4re dieser Stadt\u00a0gut wiederzugeben und fast alle ihre Pariser Bilder wurden bald verkauft.<\/p>\n<p>Durch Helen Burckhardt hat Madja in Paris Jean Arp kennengelernt\u00a0&#8211; Helen ist damals seine Sekret\u00e4rin gewesen. Das war der Anfang sehr\u00a0guter Beziehungen\u00a0mit Arp, die bis zum Lebensende\/bestehen blieben. Besonders\u00a0die Gedichte von Arp haben Madja gefallen und sie sch\u00e4tzte ihn mehr\u00a0als Poet, denn als Bildhauer. Er anerkannte Madjas malerische Begabung, hat an sie geglaubt und ihr immer wieder Mut gemacht. Das half\u00a0ihr, eigene Zweifel zu \u00fcberwinden.\u00a0W\u00e4hrend Ivans Pariser Studienzeit war Madja wiederholt zu ihm gefahren. Sie besuchte Ausstellungen und Galerien, hat auch w\u00e4hrend\u00a0kurzer Zeit im Atelier von Francis Bott gemalt, dagegen nicht mehr auf der Strasse.<\/p>\n<p>Zu Hause, in Arlesheim, kam sie damals nur wenig zum arbeiten. Es\u00a0sind nur einzelne Oelbilder entstanden, darunter &#8222;Die Bardame&#8220; und\u00a0zwei Abbildungen von Maria Bilger, einer K\u00fcnstlerin aus \u00d6sterreich. W\u00e4hrend eines Kuraufenthaltes in\u00a0Schinznach hat sie den Park mit Gouache-Farben gemalt. Das war ihr\u00a0erster Versuch, sich von ihrer bisherigen naturalistischen Malweise\u00a0zu l\u00f6sen.<\/p>\n<p>Die wiederholte Abweisung ihrer Einsendungen zur Weihnachtsausstellung empfand Madja als ungerecht. Sie beschloss sich zu wehren und\u00a0ihre Arbeiten im eigenen Hause zu zeigen. Freunde rieten ihr entschieden davon ab. &#8222;Du bist wohl verr\u00fcckt, das ganze Dorf kommt Dir\u00a0ins Haus und beschmutzt alles&#8220;, sagte der Eine. &#8222;Was stellt Du Dir\u00a0vor, es kommt ja keiner&#8220;, meinte der Andere. Die negativen, jedoch\u00a0einander widersprechenden Voraussagen konnten Madja nicht davon abhalten, ihre Haus-Ausstellung zu veranstalten. Es wurde ein voller\u00a0Erfolg.<\/p>\n<p>Die Ausstellung sah sehr h\u00fcbsch aus, nichts wurde beschmutzt oder\u00a0verdorben. Zahlreiche Interessenten kamen, sowohl aus Basel wie\u00a0aus dem Dorf. 12 Bilder wurden verkauft. Das hat Madja sehr wohl\u00a0getan. Sie f\u00fchlte sich anerkannt, nicht mehr ausgeschlossen. Ihre\u00a0Arbeiten wurden ab 1951 wieder an den Weihnachtsausstellungen angenommen<\/p>\n<p>Der Publikums- und Verkaufserfolg sind vermutlich auf die gef\u00e4lligen<br \/>\nSujets der Bilder &#8211; Blumen, Landschaften, Bilder von Paris &#8211; und auf\u00a0die naturalistische Malweise zur\u00fcckzuf\u00fchren. &#8222;Da versteht man wenigstens was gemalt wird. Nicht dieses moderne Zeug&#8220;. So oder \u00e4hnlich\u00a0\u00e4usserten sich die Besucher, nicht ahnend, dass im Nebenzimmer lauter\u00a0Bilder waren, die bereits eine deutliche Abkehr vom Naturalismus aufwiesen. Wohlweislich sind sie nicht gezeigt worden.<\/p>\n<p>Nach der Ausstellung kam Madja allm\u00e4hlich immer weiter weg von ihrer\u00a0urspr\u00fcnglichen Malweise. Die neu gemalten Bilder waren zwar noch<br \/>\ngegenst\u00e4ndlich, doch nicht mehr von der Natur abgemalt.\u00a0Sie suchte Wege, ohne ein bestimmtes Ziel vor Augen zu haben. Es entstanden sehr verschiedene Werke, die als Versuche zu gelten haben.\u00a0Daneben malte sie mehrere Portraits, darunter eines von Prof. Stepun\u00a0und ein anderes von ihrem Schwager, dem Dirigenten Issay Dobrowen. Beide\u00a0sind ihr gut gelungen. Stepuns Portrait ist zwar \u00fcbersetzt, doch ziemlich naturgetreu gemalt und gibt die markante Pers\u00f6nlichkeit gut wieder.<\/p>\n<p>Das Portraitieren ihres Schwagers ist f\u00fcr Madja keine leichte Aufgabe\u00a0gewesen. Nur widerwillig hatte er sich bereit erkl\u00e4rt, ihr als Modell\u00a0zu dienen. Ihren Wunsch, ihn im Dirigenten-Anzug abzubilden, lehnte\u00a0er mit Emp\u00f6rung ab, erschien sichtlich gelangweilt zu den Sitzungen\u00a0und wollte, w\u00e4hrend sie ihn malte die Zeitung lesen. Sein herablassendes und wenig entgegenkommendes Verhalten brachte Madja derart aus\u00a0der Fassung, dass sie sich gar nicht auf ihr Arbeiten konzentrieren\u00a0konnte. Nach drei Sitzungen war das Portrait nur halbfertig und ganz\u00a0unbefriedigend. Dobrowen reiste ab. In ihrem Aerger malte Madja seinem<br \/>\nKonterfei H\u00f6rner auf, genoss ihre Rache und zerst\u00f6rte das Bild. Nun\u00a0malte sie aus dem Ged\u00e4chtnis und an Hand der gemachten Skizzen ein\u00a0v\u00f6llig neues Bild. In wenigen Stunden war das Portrait fertig. Naturalistisch nur noch Zeichnung und Portrait\u00e4hnlichkeit, ganz wild die\u00a0Farben &#8211; gr\u00fcnes Gesicht auf gelbem Fond. Madja glaubte den konzentrierten Gesichtsausdruck des Dirigenten mit einem Hintergrund, der\u00a0an die russischen Weiten denken liess, gut wiedergegeben zu haben\u00a0und war mit ihrer Arbeit zufrieden.<\/p>\n<p>Als eine Dobrowen-Verehrerin das Protrait sah, wollte sie es sofort\u00a0haben. Madja, die an einen Verkauf gar nicht gedacht hatte, hielt\u00a0300 Franken f\u00fcr angemessen, doch die Verehrerin fand den Preis\u00a0&#8222;l\u00e4cherlich&#8220; und zahlte 1000. Das war Madjas erster &#8222;Grossverkauf&#8220;\u00a0&#8211; damals waren ihre Preise \u00e4usserst bescheiden.<\/p>\n<p>1950 entstand das erste ungegenst\u00e4ndliche Bild, dessen Titel &#8222;Begegnung im Walde&#8220; immerhin auf eine gegenst\u00e4ndliche Anregung hinweist. Im n\u00e4chsten und \u00fcbern\u00e4chsten Jahr bilden ungegenst\u00e4ndliche\u00a0Bilder den Hauptteil der Produktion. Daneben entstehen aber immer\u00a0wieder andere Bilder &#8211; Blumen, Stilleben, Landschaften &#8211; die von der\u00a0Natur abgemalt sind.<\/p>\n<p>1952 und 1953 schickte sie mehrere Bilder nach Paris in den &#8222;Salon\u00a0des R\u00e9alit\u00e9s Nouvelles&#8220; ein, die angenommen und ausgestellt wurden.\u00a0Das hatte ihr Jean Arp empfohlen und vermittelt. Arp stellte sich\u00a0\u00fcberhaupt Madjas Kunstschaffen gegen\u00fcber sehr positiv ein und hat\u00a0ihr immer wieder Mut gemacht, weiter zu arbeiten, wenn sie Zweifel\u00a0hatte.<\/p>\n<p>Zu ihrer ersten Ausstellung in New York, im Jahre 1957, hat\u00a0er auf eines ihrer Bilder ein Gedicht geschrieben, das den Einladungskarten beigelegt werden sollte. Zu unserer grossen Entt\u00e4uschung weigerte sich Lilienfeld, der Galerie-Inhaber, es zu tun. So etwas\u00a0k\u00f6nne er seiner Kundschaft nicht zumuten&#8216;. Wir waren in einer dummen\u00a0Lage Arp gegen\u00fcber. Er hatte Madja einen Gefallen erwiesen und sollte<br \/>\nnicht entt\u00e4uscht werden. Wir liessen das in englische Sprache \u00fcbersetzte Gedicht in einer beschr\u00e4nkten Anzahl Exemplare in Basel drucken\u00a0und schickten es Lilienfeld mit der Bitte, es den Einladungen an\u00a0die Adressaten unserer Liste beizulegen. Arp haben wir nichts davon\u00a0gesagt.<\/p>\n<p>Lilienfeld, ein guter Kenner der Malerei alter Schule, hatte Gefallen an Madjas Bildern gefunden. Er bewunderte ihre sch\u00f6nen Farben,\u00a0hatte aber f\u00fcr ihre Wendung zur Abstraktion keinerlei Verst\u00e4ndnis.\u00a0Mehrere ihrer gegenst\u00e4ndlichen Bildern hat er in New York verkauft,\u00a0einige zus\u00e4tzlich in Gruppenausstellungen gezeigt und drei Jahre\u00a0sp\u00e4ter sie nochmals in seiner Galerie ausgestellt.<\/p>\n<p>Leider haben Madja\u00a0ihre New Yorker-Ausstellungen wenig gen\u00fctzt. Die von der Galerie verfolgte Kunstrichtung war g\u00e4nzlich ungeeignet, um Madja zu vertreten.<br \/>\nDie Ausstellung in New York war Madjas zweite Einzelausstellung. Die\u00a0erste hatte zwei Jahre zuvor im Frankfurter Kunstkabinett stattgefunden. Madja hatte Erfolg.<\/p>\n<p>Sie lernte Dr. Zachau, Pr\u00e4sident der Bank\u00a0Deutscher L\u00e4nder, kennen. Er kaufte ein Bild und zeigte ihr die\u00a0Bildersammlung der Bank. Frau Bekker vom Rat lud uns zum Uebernachten zu sich nach Hofheim ein und liess es sich nicht nehmen, Madjas\u00a0Fr\u00fchst\u00fcck ihr pers\u00f6nlich ins Zimmer zu bringen. Madja f\u00fchlte sich\u00a0durch den Empfang, der ihr bereitet wurde, sehr geehrt. Sie hat sich\u00a0mit Frau Bekker gut verstanden und sie sehr lieb gewonnen.<\/p>\n<p>Anders als bei der vorangegangenen Ausstellung in Arlesheim und der\u00a0sp\u00e4teren Ausstellung in New York, waren es in Frankfurt nicht\u00a0ausschliesslich naturalistische Bilder &#8211; Madja&#8217;s Entwicklung weg vom\u00a0einfachen Abbilden der Natur hatte bereits eingesetzt. Kurz nach der\u00a0Ausstellung im Dezember 1956, hat sie folgendes \u00fcber ihre damalige\u00a0Arbeitsweise geschrieben: <em>&#8222;In letzter Zeit versuche ich einen Weg\u00a0zu finden zwischen figurativer und nicht-figurativer Malerei. Meine\u00a0Stilleben male ich nicht nach der Natur, denke jedoch an bestimmte\u00a0Gegenst\u00e4nde, ohne sie vor Augen zu haben. Ich versuche ihren Ausdruck,\u00a0ihr Leben einzufangen, um sie herum zu dichten und zu fantasieren.<\/em>\u00a0<em>Der Gegenstand gibt lediglich den Impuls. Um ihn herum entsteht eine\u00a0eigene kleine Welt. Auch eine Stimmung, ein Lichtreflex, vielleicht<\/em>\u00a0<em>auch nur der Raum zwischen zwei Gegenst\u00e4nden k\u00f6nnen Ausgangspunkt<\/em>\u00a0<em>zum Bilde werden. Ob gegenst\u00e4ndlich oder ungegenst\u00e4ndlich, darauf<\/em>\u00a0<em>kommt es mir nicht an &#8211; ich male das was ich malen muss&#8220;<\/em><\/p>\n<p>In kurzer Zeit hat sie auf der Suche nach eigenem Wege ziemlich alles\u00a0ausprobiert, was die Entwicklung der modernen Malerei gepr\u00e4gt hatte.\u00a0Ein oder zwei Jahre lang traten in ihrer Kunst so viel Wechsel auf,\u00a0dass ich, von meiner Arbeit nach Hause kommend, immer wieder durch\u00a0etwas v\u00f6llig f\u00fcr mich neues \u00fcberrascht wurde.<\/p>\n<p>Der von Madja erw\u00e4hnte Weg zwischen figurativer und nicht-figurativer\u00a0Malerei f\u00fchrte sie, \u00fcber eine Flaschenperiode, zur vollen Abstraktion.\u00a0Die Formen und die Transparenz der Flaschen hatten sie besonders in\u00a0ihren Bann gezogen und blieben w\u00e4hrend nahezu drei Jahren ihr Lieblingsthema. In den darauffolgenden, gegenstandslosen Bildern waren\u00a0immer wieder vertikale Formen vorherrschend, was sie mit Eindr\u00fccken\u00a0von Wald, B\u00e4umen und ihren geliebten Flaschen in Zusammenhang brachte.<\/p>\n<p>Nur in den sp\u00e4teren Jahren wurden waagrechte Linien vorherrschend.\u00a0Es entstand eine Reihe von Bildern, die sicher auf Jugenderinnerungen\u00a0an die Weiten des russischen Landes zur\u00fcckzuf\u00fchren sind und die sie\u00a0&#8222;Horizonte&#8220; genannt hat. M\u00f6glicherweise haben auch die S\u00fcdamerikanischen Steinw\u00fcsten, die sie stark beeindruckt hatten, dabei eine\u00a0Rolle gespielt.<\/p>\n<p>Doch das Wesentliche ist f\u00fcr sie immer weniger die Form, als die\u00a0Farbe gewesen, wof\u00fcr sie eine besondere Sensibilit\u00e4t aufwies. Auch\u00a0hier ist mancher Wendepunkt eingetreten, indem sie von den lebhaften\u00a0Farben der Fr\u00fchzeit zu immer ged\u00e4mpfteren \u00fcberging, ja manchmal sich\u00a0mit schwarz-weiss begn\u00fcgte.<\/p>\n<p>Auf der Suche nach neuen Wegen wurde auch die Arbeitstechnik vielfach ge\u00e4ndert. Anf\u00e4nglich hat Madja nur Oel und Gouachefarben verwendet. 1956 entstand die erste Collage. Ab 1958 wurden Collagen ein\u00a0wesentlicher Bestandteil ihrer Arbeit, da diese Technik ihr ganz besonders lag. Sie entwickelte darin eine solche Perfektion, dass ihr\u00a0Collagen oft mehr Spiel als ernsthafte Arbeit schienen und sie deshalb manchmal an der G\u00fcltigkeit ihrer Werke zweifelte.<\/p>\n<p>Aus dieser Zeit stammt eine Eintragung von ihr, die Aufschluss dar\u00fcber gibt, wie sie die Aufgabe eines Malers gesehen hat.\u00a0Vermutlich 1958 geschrieben.<\/p>\n<p><em>&#8222;In meiner Ausstellung in Ascona h\u00e4ngen 26 Bilder &#8211; eine farbige Schau,<\/em>\u00a0<em>die einen guten und starken Eindruck macht. Da sind Bilder, die ich<\/em>\u00a0<em>mehr oder weniger gern habe, auch einige, die mir ausgesprochen unan<\/em><em>genehm sind. Davon ist ein grosses &#8211; Hochformat 70 x 140. Es ist sehr<\/em>\u00a0<em>intensiv &#8211; in roten, gelben, rosa, violetten T\u00f6nen. Ich bin \u00fcberzeugt,<\/em>\u00a0<em>dass es ein Bild ist, das leicht verk\u00e4uflich ist. Eines, das auch<\/em><br \/>\n<em> Dr. Lilienfeld begeistern wird. Er weiss eben noch nicht, auf was<\/em>\u00a0<em>es eigentlich ankommt, was eigentlich das Wesentliche in einem moder<\/em><em>nen Gem\u00e4lde ist. <\/em><\/p>\n<p><em>Das wissen die Wenigsten &#8211; aber Lilienfeld, trotzdem ihm<\/em>\u00a0<em>diese Richtung wesensfremd ist, f\u00fchlt es mit einer typisch j\u00fcdi<\/em><em>schen, unendlich differenzierten Einf\u00fchlungsgabe: &#8222;Ich habe ihre<\/em>\u00a0<em>Bilder gerne, obwohl sie abstrakt sind, &#8211; ich sch\u00e4tze die Quanti<\/em><em>t\u00e4t der letzten Produktion und die Qualit\u00e4t der Quantit\u00e4t&#8220;. <\/em><\/p>\n<p><em>Er<\/em>\u00a0<em>hofft, dass ich das Beherrschen des Technischen, das ich an meinen<\/em>\u00a0<em>Bildern zu einer grossen Vollkommenheit gebracht habe, auch auf die<\/em>\u00a0<em>direkte Betrachtung der Natur und die Uebertragung von der Natur auf<\/em>\u00a0<em>die Leinwand in Zukunft anwende. Dass ich es nicht tun soll, zeigt<\/em>\u00a0<em>mir dieses grosse rote Bild in der Ausstellung &#8211; &#8222;Bouquet rose&#8220; &#8211;<\/em>\u00a0<em>das viel Anklang findet, bei mir aber, beim Betreten der Galerie,<\/em><br \/>\n<em> ein Unbehagen hervorruft. <\/em><\/p>\n<p><em>Ich habe nun pl\u00f6tzlich verstanden, wes<\/em><em>halb: die Richtung der Malerei, in der ich mich bewege und die heute<\/em>\u00a0<em>wohl die Richtung der Malerei schlechthin sein sollte, \u00a0dahin geht,<\/em>\u00a0<em>dass der K\u00fcnstler sich nicht mehr vor einen Gegenstand hinstellt,<\/em>\u00a0<em>und ihn malt &#8211; gleichg\u00fcltig in welcher Art &#8211; er kann ihn gegenst\u00e4nd<\/em><em>lich, abstrakt, ganz gegenstandslos, in abgewandelter Farbe malen &#8211;<\/em>\u00a0<em>er kann ihn malen, wie er will &#8211; aber wenn er den Gegenstand so ge<\/em><em>malt hat, wie ich mein &#8222;Bouquet rose&#8220; gemalt habe, so ist es falsch.<\/em>\u00a0<em>Ich habe mir einen grossblumigen rosa Tessiner Strauss auf den Tisch<\/em><br \/>\n<em> gestellt und, nach verschiedenen Abwandlungen und stets gr\u00f6sseren<\/em>\u00a0<em>Vereinfachung, festgehalten. Das ist eine Betrachtungsweise, die vom<\/em>\u00a0<em>Maler zum Gegenstand f\u00fchrt und umgekehrt.<\/em><\/p>\n<p><em> Nicht das ist das Wesentliche &#8211; der Maler hat eine viel gr\u00f6ssere,<\/em>\u00a0<em>schwierigere Aufgabe, die ihm nur in einer gesegneten Stunde ge<\/em><em>lingt: er verwandle sich in das Objekt, das er malt &#8211; ob es nun<\/em>\u00a0<em>eine Landschaft, ein Stilleben ist, ob ein abstrakter Farbklang<\/em>\u00a0<em>festgehalten wird, ein seelisches Erlebnis &#8211; der Maler muss sich mit<\/em>\u00a0<em>dem, was er malt so identifizieren, dass er ganz Objekt, nicht mehr<\/em>\u00a0<em>Betrachter ist. Der Raum um ihn, er selbst, umringt vom Raum und<\/em>\u00a0<em>Zeit, Raum ohne Perspektive, als Fl\u00e4che gemalt und empfunden, aber<\/em>\u00a0<em>doch Raum bleibend, der alle Gegenst\u00e4nde vereint und eins mit dem\u00a0<\/em><em>Maler werden l\u00e4sst &#8211; wenn das gelingt, so ist es gut &#8211; dann strahlt<\/em>\u00a0<em>das Bild eine Unmittelbarkeit des Erlebnisses aus, das auf den Be<\/em><em>schauer direkt \u00fcbertragen wird und, wie Chagall sagt: &#8222;ihn als fri<\/em><em>scher Wind anweht&#8220;. <\/em><\/p>\n<p><em>Solche Bilder entstehen nach langer, qualvoller<\/em>\u00a0<em>innerer Vorarbeit, einer Arbeit, die nie, auch in Gesellschaft nicht,<\/em>\u00a0<em>auch Nachts nicht abbrechen darf, entstehen aber in einer spontanen<\/em>\u00a0<em>Arbeitsweise. Das Herz klopft schnell, es ist wie ein Schwindel-ge<\/em><em>f\u00fchl, das einem \u00fcberf\u00e4llt: nur schnell malen, bevor der Intellekt<\/em>\u00a0<em>mit seiner kalten Kritik sich dazwischen schiebt und einen Strich<\/em>\u00a0<em>durch die Rechnung macht. <\/em><\/p>\n<p><em>Geht es nicht weiter, so stelle man das<\/em>\u00a0<em>Bild ruhig weg &#8211; es lebt weiter in sich selbst und oft auch unbewusst<\/em>\u00a0<em>im Maler. Nach einer Zeitlang nimmt man es wieder hervor, zerbricht<\/em>\u00a0<em>es, \u00fcbermalt es. Es ist ein qualvoller Prozess, es tut weh und es<\/em>\u00a0<em>braucht einen gewissen Mut zu dieser Zerst\u00f6rung. Man z\u00f6gere aber<\/em>\u00a0<em>nicht kleinlich! Aus der Zerst\u00f6rung heraus w\u00e4chst es meist wieder<\/em>\u00a0<em>in neuer Gestalt, aber in der urspr\u00fcnglichen Konzeption. So sind<\/em>\u00a0<em>einige meiner letzten Stilleben entstanden &#8211; in heller Farbe, weiss<\/em>\u00a0<em>in weiss, der Gegenstand oft nur als Strich, als Andeutung &#8211; der<\/em><br \/>\n<em> Raum ist im Bild, der Gegenstand im Raum vom Maler aus gesehen, der<\/em>\u00a0<em>selbst mit in diesem Raum ist.&#8220;<\/em><\/p>\n<p>Solange Madjas Bilder durch abmalen von der Natur entstanden, liess\u00a0sie sich bei ihrer Arbeit durch \u00e4ussere Einwirkungen nicht st\u00f6ren.\u00a0Sie hat sogar mehrere Bilder in Paris mitten auf der Strasse gemalt,\u00a0ohne von den gaffenden Kindern und Passanten gest\u00f6rt zu werden. Doch\u00a0sp\u00e4ter, bei ihren abstrakten Bildern, musste sie sich konzentrieren,\u00a0um ungest\u00f6rt arbeiten k\u00f6nnen. Bereits in Arlesheim sah sie sich\u00a0gezwungen, ein Zimmer ausserhalb unseres Hauses, bei einem Handwerker zu mieten, wohin sie vom Haushalt, Kindern und allen Ablenkungen fl\u00fcchten konnte.<\/p>\n<p>In unserer Wohnung in der Aeschenvorstadt,\u00a0in die wir 1957 aus Arlesheim zogen, hatte sie es besser. Es war\u00a0eine eigenartige mehrst\u00f6ckige Altwohnung, mit einem langen schmalen\u00a0Gang und einem, mittels Wendeltreppe zug\u00e4nglichen Turm, mit je einem\u00a0kleinen Zimmer in jedem Stockwerk. Im ersten Stock hatten wir unser<br \/>\nSchlafzimmer, im zweiten wurde ein winziges Atelier f\u00fcr Madja eingerichtet.<\/p>\n<p>Dieses, ihr erstes Atelier war so klein, dass sie gr\u00f6ssere\u00a0Bilder nicht darin malen konnte. Die mussten unten, in der eigentlichen Wohnung gemalt werden und auch dort war es nur im erw\u00e4hnten\u00a0schmalen Gang m\u00f6glich. Der mangelnde Abstand vom Bild wurde in Kauf\u00a0genommen. In diesem Gang sind Gem\u00e4lde von erstaunlichen Dimensionen\u00a0entstanden.<\/p>\n<p>Im &#8222;Palazzun&#8220; von Incella erhielt Madja ein herrliches Atelier &#8211;\u00a0das ganz verglaste obere Stockwerk. Es war bewundernsw\u00fcrdig sch\u00f6n\u00a0und bot mehr Platz, als man sich w\u00fcnschen konnte. Merkw\u00fcrdigerweise\u00a0hat Madja in diesem einmaligen Raum nicht arbeiten k\u00f6nnen. Er war\u00a0zu grossartig, es fehlte ihr die Intimit\u00e4t, sie wurde zu sehr durch\u00a0die herrliche Aussicht und den Wunsch ins Freie zu kommen, abgelenkt.<\/p>\n<p>Hausfrauensorgen, Telefonanrufe und G\u00e4ste haben sie gest\u00f6rt. Wir\u00a0entschlossen uns, ihr ein Atelier ausserhalb des Palazz\u00f2ns einzurichten. Zu diesem Zweck erwarben wir den &#8222;Cornocc&#8220;, ein Konglomerat\u00a0verfallener H\u00e4user im Dorf, das wir umbauen wollten. Wir beabsichtigten, dort ein Atelier f\u00fcr Madja und eine Siebdruck-Werkstatt f\u00fcr den mit uns\u00a0befreundeten Herrn Dornberger aus Stuttgart einzurichten.<\/p>\n<p>Aus den Siebdruckpl\u00e4nen ist nichts geworden, dagegen hat Madja ein\u00a0wirklich gutes, allen ihren W\u00fcnschen entsprechendes Atelier erhalten.\u00a0Da konnten beliebig grosse Bilder entstehen und auch die Spritz-Apparatur verwendet werden, die sie bei ihren geometrischen Gem\u00e4lden\u00a0gebraucht hat. Sp\u00e4ter haben wir den &#8222;Cornocc&#8220; nochmals umgebaut und\u00a0aufgestockt, wobei Madja ihr Atelier im gleichen Hause, aber in einem\u00a0eigenen Stockwerk hatte.<\/p>\n<p>Im Jahre 1979 sind wir nach Miasino, Italien, umgezogen. Als in\u00a0der neuen Wohnst\u00e4tte alles umgebaut und eingerichtet wurde, stand\u00a0Madja eine ganze, separate Wohnung als Atelier zur Verf\u00fcgung. Sie\u00a0hat dort gut gearbeitet, hing aber nicht, besonders an ihrer neuen\u00a0Arbeitsst\u00e4tte.<\/p>\n<p>Demgegen\u00fcber befriedigte sie ihr letztes Atelier in Basel in jeder\u00a0Beziehung. Es lag in einer anderen Etage des gleichen Hauses und\u00a0sie konnte vor dem Schlafengehen sich noch einmal ihr Tageswerk ansehen.<\/p>\n<p>Madja hat nie eine Galerie gehabt, die sie konsequent vertreten h\u00e4tte. Auch sie selbst hat nicht viel getan, um ihre Arbeiten \u00f6ffentlich\u00a0sehen zu lassen, da es ihr zuwider war, sich &#8222;aufzudr\u00e4ngen&#8220; Trotzdem hatte sie gen\u00fcgend Gelegenheiten, ihre Arbeiten sowohl in Kollektiv-, wie auch in Einzel-Ausstellungen zu zeigen.<\/p>\n<p>Von 1951 ab ist sie stets an den Weihnachtsausstellungen der Basler\u00a0K\u00fcnstler vertreten gewesen. 1972 sind ausser ihrer Bilder, Werke\u00a0von zwei weiteren Familienmitgliedern angenommen worden &#8211; der Tochter\u00a0Karin und des Enkels Michael. Drei Generationen in einer Ausstellung\u00a0&#8211; das hat sie ganz besonders gefreut!<\/p>\n<p>\u00dcber die Annahme und den Verkauf ihrer Collage in der Weihnachtsausstellung 1981 hat sie sich\u00a0nicht mehr freuen k\u00f6nnen, denn sie starb am 5. Dezember 1981.<\/p>\n<p>Madja hat auch regelm\u00e4ssig an den Ausstellungen der K\u00fcnstler-Vereinigungen teilgenommen, denen sie angeh\u00f6rte. Solange die GSMBA keine\u00a0Frauen annahm, war sie Mitglied der paralellen Frauen-Organisation,\u00a0sp\u00e4ter trat sie in die M\u00e4nner-Vereinigung \u00fcber. Ausserdem ist sie\u00a0noch Mitglied des im Tessin entstandenen &#8222;Movimento 22&#8220; gewesen. Abgesehen von den Vereins-Veranstaltungen hat sie noch an vielen Gruppenausstellungen teilgenommen, auf deren Aufz\u00e4hlung, ich verzichten\u00a0m\u00f6chte.<\/p>\n<p>Nach ihrer ersten, 1949 zu Hause in Arlesheim durchgef\u00fchrten Einzel-Ausstellung folgte 1955 die Bilderschau in Frankfurt und 1957\u00a0in New York. Danach hatte sie Jahr f\u00fcr Jahr, ausgenommen 1967 und\u00a01976, eine oder mehrere Einzel-Ausstellungen, die im folgenden\u00a0Verzeichnis aufgef\u00fchrt sind.<\/p>\n<p><strong>Verzeichnis der Einzelausstellungen von Madja Ruperti<\/strong><\/p>\n<p>1949 Hausausstellung Arlesheim<br \/>\n1955 Frankfurter Kunstkabinett, Frankfurt<br \/>\n1957 Van Diemen Lilienfeld Galleries, New York<br \/>\n1958 Galerie Castelnuovo, Ascona<br \/>\n1959 Galerie Riehentor, Basel<br \/>\n1960 Van Diemen Lilienfeld Galleries, New York<br \/>\n1960 Galerie Rue de Vemeuil, Brides les Bains<br \/>\n1961 Galerie Hilt, Basel<br \/>\n1961 St\u00e4dtisches Museum, Wuppertal<br \/>\n1962 Galerie Castelnuovo, Ascona<br \/>\n1963 Calerie Chichio Haller, Z\u00fcrich<br \/>\n1963 Frankfurter Kunstkabinett, Frankfurt<br \/>\n1963 Galerie Maywald, Paris<br \/>\n1964 Galerie Gerhard, Basel<br \/>\n1964 Galerie Harald Halvarson, Oslo<br \/>\n1965 Galerie Castelnuovo, Ascona<br \/>\n1966 Galerie Hilt, Basel<br \/>\n1968 Galerie Chichio Haller, Z\u00fcrich<br \/>\n1969 Galerie Castelnuovo, Brissago<br \/>\n1970 Galerie del Nara, Leontica,<br \/>\n1970 Galerie Spatz, Riehen<br \/>\n1971 Galerie II Claustro, Lugano<br \/>\n1972 Aenni von M\u00fchlenen, Bern<br \/>\n1972 Galerie Skovby, D\u00e4nemark<br \/>\n1973 Galerie Al Vecchio Pastificio, Cavigliano<br \/>\n1974 Galerie Bolo Tonino, Campione<br \/>\n1974 Galerie Skovby, D\u00e4nemark<br \/>\n1974 Galerie de Sfinx, Amsterdam<br \/>\n1975 Trudelhaus, Baden<br \/>\n1975 Galerie Moderne, Bad Zwischenahn<br \/>\n1977 Galleria Mastro Giacinto, Gozzano<br \/>\n1978 Galerie Moderne, Bad Zwischenahn<br \/>\n1978 Trudvang Galerie, Larvik<br \/>\n1979 Galleria Adelphi, Padua<br \/>\n1980 Galerie Germann, Z\u00fcrich<br \/>\n1981 Galerie Germann, Z\u00fcrich<\/p>\n<p>Mit den meisten ihrer pers\u00f6nlichen Ausstellungen konnte Madja zufrieden sein und war es auch. Sie haben gut ausgesehen, wurden gut\u00a0besucht und haben sich auch materiell rentiert. Eine Ausnahme waren\u00a0die Ausstellungen in Brides les Bains, Bern und Amsterdam.<\/p>\n<p>Die Bilderschau in Brides les Bains war von der guten Pariser\u00a0Galeristin, Susanne de Coningh, organisiert worden. Am Tage der Vernissage befanden sich die Bilder leider noch immer am franz\u00f6sischen\u00a0Zoll, obwohl wir sie vor einem Monat abgeschickt hatten. Statt Vernissage mussten wir mit der Galeristin einige Hundert Kilometer zum\u00a0Zoll fahren, um die Bilder loszueisen. Eigentlich war es kein Ungl\u00fcck, denn die Ausstellung wurde sowieso kaum von jemandem besucht.<\/p>\n<p>Unerfreulich war auch die, auf Tapisserien und Textilcollagen beschr\u00e4nkte, Ausstellung bei Aenni von M\u00fchlenen in Bern &#8211; \u00a0kein Verkauf\u00a0und dazu noch ein Prozess als Folgeerscheinung.<\/p>\n<p>Und schliesslich das volle Fiasco in der unm\u00f6glichen Galerie &#8222;de\u00a0Sfinx&#8220; in Amsterdam. Ausser Madjas holl\u00e4ndischer Verwandtschaft ist\u00a0kaum jemand gekommen und wir hatten grosse M\u00fche, die Bilder\u00a0zur\u00fcck in die Schweiz zu bekommen.<\/p>\n<p>Demgegen\u00fcber hatte Madja einige Ausstellungen als besonders angenehm<br \/>\nempfunden. Grund daf\u00fcr war nicht ihr materieller Erfolg, sondern die\u00a0besonders harmonische Erscheinung und sympathische Ausstrahlung. Nebst\u00a0anderen waren es die Galerien &#8222;Pannelle 8&#8220; in Locarno, &#8222;Al Vecchio\u00a0Pastificio&#8220; in Cavigliano, &#8222;Bolo Tonino&#8220; in Campione und der winzige\u00a0Raum von Mastro Giacinto in Gozzano.<\/p>\n<p>Die Bilderschau bei der &#8222;Galleria del Nara&#8220; in Leontica war schon aus\u00a0dem Grunde Madja angenehm, weil sie ihr zu Ehren veranstaltet wurde.\u00a0Ein Jahr zuvor hatte sie in einer von in- und ausl\u00e4ndischen K\u00fcnstlern\u00a0beschickten Ausstellung bei der Abstimmung durch das Besucher-Publikum den ersten Preis bekommen und wurde mit dieser Einzelausstellung\u00a0belohnt .<\/p>\n<p>Auch an die Ausstellungen in Bad Zwischenahn hatten wir die besten\u00a0Erinnerungen, bis auf den Umstand, dass ich beim Aussteigen aus dem\u00a0Zuge ungeschickt gefallen und, statt an der Vernissage teilzunehmen,\u00a0im Spital gelandet war. Die Galerie war mit viel Geschmack eingerichtet, der Erfolg liess nichts zu w\u00fcnschen \u00fcbrig und es war auch lustig,\u00a0wie es zur Ausstellung gekommen war. Der Galerist, Rolf Kr\u00f6ger, war\u00a0der Sohn unseres deutschen Nachbars in Incella, der das von Ivan gebaute &#8222;Tasso&#8220; gekauft hatte. Als vierzehj\u00e4hriger J\u00fcngling hatte er\u00a0einmal Madjas Bilder in ihrem Atelier gesehen. Sie hatten ihn derart<br \/>\nbeeindruckt, dass er sich ernsthaft f\u00fcr Kunst zu interessieren begann. Er machte sp\u00e4ter eine steile und gl\u00e4nzende Karriere in der Konditoreibranche.<\/p>\n<p>Doch als er bereits Direktor eines grossen Werkes war,\u00a0gr\u00fcndete er nebenbei seine sch\u00f6ne Galerie in Bad Zwischenahn, machte\u00a0auch selbst einige Malversuche und spielte sogar mit dem Gedanken, die\u00a0T\u00e4tigkeit in der Industrie mit einer solchen auf dem Gebiete der Kunst\u00a0zu vertauschen. Doch als ihm noch weitere Aufstiegs-m\u00f6glichkeiten geboten wurden, hat er sich f\u00fcr die Industrie entschlossen und seine\u00a0Galerie aufgegeben. Schade f\u00fcr Madja, der damit eine sch\u00f6ne Galerie\u00a0und ein von der Qualit\u00e4t ihrer Bilder \u00fcberzeugter Galerist verloren\u00a0gingen.<\/p>\n<p>Mit dem Verkauf ihrer Bilder in Zwischenahn hatte sie jeden Grund zufrieden zu sein. Auch mit dem Verkaufserfolg bei ihren letzten zwei\u00a0Ausstellungen bei der Galerie Germann in Z\u00fcrich, den sie in diesem\u00a0Masse gar nicht erwartet hatte.<\/p>\n<p>Noch zu ihrer Lebzeit hat Madja ihre drei letzten Ausstellungsvertr\u00e4ge\u00a0unterzeichnet &#8211; drei Ausstellungen, die posthum durchgef\u00fchrt werden<br \/>\nmussten. Die eine in Lausanne mit der Textilgalerie Filambule, die\u00a0beiden anderen in Basel, im Hotel Hilton und in der Galerie Gis\u00e8le\u00a0Linder. Den Vertrag mit dem Hotel hatte Madja nur ungern und gegen\u00a0besseres Wissen abgeschlossen, sich dagegen gefreut, ihre Bilder in\u00a0der ihr zusagenden Galerie Linder zu zeigen. Beide Basler Ausstellungen\u00a0wurden gleichzeitig von der Galerie Linder in den eigenen R\u00e4umen und\u00a0im Hotel Hilton durchgef\u00fchrt. Auch sp\u00e4ter hat sich Gis\u00e8le Linder mit\u00a0den Bildern von Madja befasst und sie 1983 nochmals ausgestellt.<\/p>\n<p>F\u00fcr\u00a01984 ist eine gr\u00f6ssere Gesamtausstellung des Nachlasses in Vorbereitung.<\/p>\n<p>Madja ist viel gereist, wenn auch nicht so viel, wie sie sich es gew\u00fcnscht h\u00e4tte. Sie brauchte es, um neue Anregungen f\u00fcr ihre Arbeit\u00a0zu bekommen. In den meisten europ\u00e4ischen L\u00e4ndern ist sie gewesen, hat\u00a0Ferien in Marocco, in Tunis und auf einer Mittelmeer-Reise verbracht,\u00a0ist zweimal w\u00e4hrend mehreren Wochen auf den Kanarischen Inseln geblieben, hat Mittel- und S\u00fcdamerika vier Monate lang ausgiebig bereist.\u00a0Von den Vereinigten Staaten hat sie, ausser New York, nur wenig gesehen, auch nicht viel von Kanada, obwohl wir dort ein ganzes Jahr<br \/>\nverbracht haben.<\/p>\n<p>Ich glaube, dass die russischen Flachland-Reisen, dann Marocco,\u00a0Mexico, die vulkanische Kanarische Insel Lanzerote und die unglaublich\u00a0farbigen Steinw\u00fcsten von Peru zu den wichtigsten k\u00fcnstlerischen Eindr\u00fccken von Madja geh\u00f6rten. Beim Reisen pflegte sie die empfangenen\u00a0Eindr\u00fccke in Form von schnell hingeworfenen Skizzen festzuhalten,\u00a0jedoch nicht direkt von der Natur, sondern aus dem Ged\u00e4chtnis heraus,\u00a0m\u00f6glichst noch am gleichen Tag. Erst viel sp\u00e4ter, auch jahrelang\u00a0sp\u00e4ter, wurden solche Eindr\u00fccke beim Malen verwertet.<\/p>\n<p>Sie brauchte den Kontakt mit anderen kunstschaffenden Menschen, doch\u00a0liess sie sich in ihrem Kunst-Empfinden wenig von ihnen beeinflussen.\u00a0Sie malte wie ein innerliches Bed\u00fcrfnis es ihr vorschrieb, ein Meinungsaustausch mit Kollegen war ihr aber wertvoll. Das Anerkennen\u00a0ihrer Arbeiten st\u00e4rkte ihr Selbstvertrauen und das hatte sie sehr\u00a0n\u00f6tig, denn oft wurde sie von Zweifeln am eigenen K\u00f6nnen geplagt.<\/p>\n<p>Abgesehen von den Basler Malern kam sie mit manchem anderen K\u00fcnstler\u00a0in Beziehungen, die von nur oberfl\u00e4chlicher Bekanntschaft bis zur\u00a0wahren Freundschaft gereicht haben. Ich f\u00fchre hierzu eine Reihe von\u00a0Namen in rein alphabetischer Reihenfolge an, wobei ich mir bewusst\u00a0bin, dass wohl noch andere zu nennen w\u00e4ren, an die ich nicht gedacht\u00a0habe: Arp, Bissier, Bott, Calderara, Craemer, Floriani, Fontana, Helbig, Kowaliska, Paulucci, Richter, Ruoff, Selmoni, Spoerri,\u00a0Sugai, T&#8217;ang.<\/p>\n<p>Wie gesagt, grossen Einfluss in k\u00fcnstlerischer Beziehung haben diese\u00a0pers\u00f6nlichen Kontakte nicht gehabt. Madja ging ihren eigenen Weg,\u00a0malte das, was sie nach ihrem inneren Empfinden &#8222;malen musste&#8220;. So\u00a0sind auch ihre Bilder, nach Aussage vieler Kunstfreunde, bei aller\u00a0Verschiedenheit von Sujets und Maltechnik, stets als von Madja Ruperti\u00a0gemalt zu erkennen.<\/p>\n<p>Es hat aber eine Ausnahme gegeben &#8211; ihre &#8222;Geometrische Perdiode&#8220;.\u00a0Da besteht ein Zusammenhang mit unserer Bekanntschaft mit dem deutschen\u00a0Maler Ruoff, der, gleich Madja, Serigraphien bei Dornberger gemacht\u00a0hatte. Wir haben ihn und seine Frau durch Dornberger kennengelernt und\u00a0uns mit beiden gut angefreundet. Madja f\u00fchlte sich durch Ruoffs Arbeiten besonders angesprochen, da sie in ihnen den Ausdruck einer\u00a0k\u00fcnstlerischen Verwandtschaft sp\u00fcrte und in seinem Werdegang gewisse\u00a0Aehnlichkeiten mit der eigenen Entwicklung sah. Ruoffs Serigraphien\u00a0entsprachen dem aufkommenden geometrischen Trend und haben seinem\u00a0Erfolg in Deutschland sehr geholfen.<\/p>\n<p>Unter dem Eindruck von Ruoffs\u00a0Arbeiten, die ihr gefielen, unterlag Madja der Versuchung, in der\u00a0gleichen Richtung zu malen und fertigte f\u00fcr Dornbergers Jahreskalender\u00a0eine Anzahl geometrischer Entw\u00fcrfe an. Zu ihrer grossen Entt\u00e4uschung\u00a0wurden diese weder von Dornberger, noch von Ruoff anerkannt.<\/p>\n<p>Das hielt\u00a0aber Maja nicht davon ab, die einmal eingeschlagene Richtung weiter<br \/>\nzu verfolgen. Sie machte keine weiteren Entw\u00fcrfe f\u00fcr Dornberger, sondern fing an, grossfl\u00e4chig mit Acrylfarben zu malen. Der Umgang mit\u00a0den schnell trocknenden Farben nach dem Spritzverfahren, unter Verwendung peinlich genauer Abdeckmethoden, entsprach ihrer technischen\u00a0Geschicklichkeit und ihrem angeborenen Hang zur Exaktheit. Dazu kam\u00a0noch der Umstand, dass sie sich von mir bei der Handhabung von Druckflaschen und sonstigen technischen Apparaturen helfen lassen konnte.\u00a0Sie arbeitete gerne mit mir zusammen, solange es sich um handwerkliche Dinge handelte. Nur bei kreativer Bet\u00e4tigung musste sie allein\u00a0sein, um nicht gest\u00f6rt zu werden.<\/p>\n<p>Die geometrischen Bilder hatten \u00e4usseren Erfolg &#8211; eine Bank erstand\u00a0ein grossformatiges Werk. Mehrere kleine Bilder wurden in der Schweiz\u00a0und in Deutschland verkauft, Madjas Personalausstellung in der Galerie\u00a0&#8222;II Claustro&#8220; wurde von ihr ausschliesslich mit geometrischen Bildern\u00a0beschickt und hat gut ausgesehen.<\/p>\n<p>Trotzdem f\u00fchlte Maja, dass es nicht\u00a0der f\u00fcr sie richtige Weg sei. Sie &#8222;musste&#8220; keine solchen Bilder malen,\u00a0sondern tat es lediglich, um einer zeitgem\u00e4ssen Tendenz zu entsprechen\u00a0und Erfolg damit zu haben. Deshalb sind auch keine unverkennbaren\u00a0Ruperti Bilder entstanden, sondern solche, die auch ein anderer h\u00e4tte\u00a0malen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Eine Zeitlang hat sie versucht, die rein geometrischen Formen durch<br \/>\nHinzuf\u00fcgen von Schlangenlinien, Wolken und dergleichen lebendiger zu<br \/>\ngestalten und sie pers\u00f6nlicher zu machen, hat aber diese Versuche<br \/>\naufgegeben. Sp\u00e4ter empfand sie ihre &#8222;geometrische Periode&#8220; als tempo-<br \/>\nr\u00e4ren Irrweg und als Abweichung von ihrer eigenen Malweise.<\/p>\n<p>Beim Bl\u00e4ttern in einem Katalog w\u00e4hrend ihrer Ausstellung in Frankfurt<br \/>\nerfuhr Madja von der Existenz des Malers Francis Bott. Eine gewisse\u00a0\u00e4ussere Aehnlichkeit seiner Bilder mit ihren eigenen fiel ihr auf und\u00a0sie wurde neugierig, ihn kennen zu lernen. Die Gelegenheit dazu bot\u00a0sich, als Bott in Basel bei Suzanne Feigel ausstellte. Bald entstand\u00a0ein freundschaftliches Verh\u00e4ltnis mit dem in Paris wohnenden deutschen\u00a0Maler und seiner j\u00fcdischen Frau. Sie war eine viel st\u00e4rkere Pers\u00f6nlichkeit als er und verstand es, ihn zu dominieren. Skandale und st\u00fcrmische Szenen geh\u00f6rten zwar zur Tagesordnung, doch waren die st\u00e4ndigen<br \/>\nDrohungen mit einer definitiven Trennung kaum sehr ernst gemeint. Beide<br \/>\nwaren in jeder Beziehung voneinander abh\u00e4ngig. Frau Bott war sehr zu\u00a0bedauern, da sie schwer an einer unheilbaren Krankheit litt, an der\u00a0sie dann, wenige Jahre nach unserer Bekanntschaft, auch gestorben ist.<\/p>\n<p>Zur Familie geh\u00f6rte noch das &#8222;Katzerle&#8220;. Als das von Frau Bott heiss\u00a0geliebte K\u00e4tzchen zu ihrer grenzenlosen Verzweiflung in Paris starb,\u00a0wurde es in einem prachtvollen, mit weissem Samt ausgelegten Sarg\u00a0auf dem Katzenfriedhof beigesetzt. Mit grossem Ernst wurde die Frage\u00a0er\u00f6rtert, ob es statthaft sei, auf dem Grabstein die Bezeichnung\u00a0&#8222;Katzerle Bott\u201d eingravieren zu lassen.<\/p>\n<p>Gleich Madja hatte Francis Bott keine Maler-Ausbildung gehabt. Autodidakt<br \/>\nwie sie, besass er mehr Erfahrung und technisches K\u00f6nnen. Die gewisse Aehnlichkeit in der Malweise bestand bereits vor der Bekanntschaft\u00a0mit ihm, sonst h\u00e4tte Madja gar nicht den Wunsch gehabt, ihn kennen\u00a0zu lernen. Doch handelte es sich nicht, wie bei Ruoff, um ein inneres\u00a0Mitschwingen, sondern um etwas rein Aeusserliches und irgendwie Zuf\u00e4lliges. Nur in technischer Beziehung hat Bott Madja etwas gegeben,\u00a0sonst aber keinerlei Einfluss auf sie als Malerin ausge\u00fcbt. Leider\u00a0hatte er die Tendenz, sie als Bott-Sch\u00fclerin oder Nachahmerin anzusehen und auch auszugeben, was sie ge\u00e4rgert und ihr auch geschadet\u00a0hat. Das f\u00fchrte dazu, dass es in Paris zu einer grossen Auseinandersetzung kam und Madja Botts Atelier nach einem richtigen Krach verliess. Das war das Ende der freundschaftlichen Beziehungen.<\/p>\n<p>Ohne dass Madja je &#8222;Botts Sch\u00fclerin&#8220; in wahrem Sinne des Wortes gewesen w\u00e4re, sind ihr seine Ratschl\u00e4ge sehr n\u00fctzlich gewesen. Sowohl\u00a0bei seinen Besuchen in Arlesheim, wie bei sich in Paris, liess er\u00a0sie willig an seinen Erfahrungen teilnehmen, machte sie auf manche\u00a0technischen Einzelheiten aufmerksam und ermutigte sie, grossz\u00fcgig\u00a0vorzugehen, Spachtel statt Pinsel zu verwenden, nicht zaghaft zu sein.\u00a0Das hat ihr gen\u00fctzt und sie ist ihm daf\u00fcr auch dankbar gewesen.<\/p>\n<p>Wichtiger war die Freundschaft mit Arp, die Madja sehr viel bedeutet\u00a0hat. Seine Anerkennung st\u00e4rkte ihr Selbstvertrauen und gab ihr immer\u00a0wieder Mut, ihre Arbeit fortzusetzen\u00bb Sie sah und sch\u00e4tzte in ihm\u00a0noch mehr den Poeten, als den bildenden K\u00fcnstler. Wie sehr sie sich\u00a0in seine poetische Art hineinf\u00fchlen konnte, geht aus den Zeilen hervor, die sie, nach einem Besuch in seinem Atelier, niedergeschrieben\u00a0hat. Im Unterschied zu ihren Bildern, bei denen keinerlei Einfluss\u00a0von Arp festzustellen ist, sind diese dichterischen Zeilen in Geist<br \/>\nund Gestaltung direkt Arp in Reinkultur!<\/p>\n<p><em>Fr\u00fchling 1961, nach einem Besuch bei Arp<\/em><br \/>\n<em> Ronco dei fiori<\/em><br \/>\n<em> Rote Wand<\/em><br \/>\n<em> Im weichen Wind weisse Camelien, Camelienbl\u00e4tter<\/em><br \/>\n<em> Im Atelier nur blaue K\u00fchle und Linien<\/em><br \/>\n<em> &#8211; Kurven gekurvte<\/em><br \/>\n<em> fliegende<\/em><br \/>\n<em> flackernde<\/em><br \/>\n<em> folge ihr<\/em><br \/>\n<em> fliege mit ihr<\/em><br \/>\n<em> Bumerang<\/em><br \/>\n<em> Bum &#8211; erang &#8211; ang.<\/em><br \/>\n<em>Der Linien sch\u00f6n gekurvter langer Weg<\/em><br \/>\n<em> voll Geheimnis und Sehnsucht<\/em><br \/>\n<em> Linien umfliessen die Form<\/em><br \/>\n<em> formen die Fl\u00e4che<\/em><br \/>\n<em> heben die Form<\/em><br \/>\n<em> und entschweben, die Form leicht ber\u00fchrend<\/em><br \/>\n<em> mit weiten Fl\u00fcgeln in ewiger Wandlung. Mensch oder Stein?<\/em><br \/>\n<em> Gesang oder Worte?<\/em><br \/>\n<em> Klang?<\/em><br \/>\n<em> Linie fliesse die Form<\/em><br \/>\n<em> hebe die Form<\/em><br \/>\n<em> norme, erkenne die Form<\/em><br \/>\n<em> Stille<\/em><br \/>\n<em> Erf\u00fcllung &#8230;..<\/em><br \/>\n<em> Zwei klare Augen sehen mich an. Im Garten, draussen, blendet<\/em><br \/>\n<em> die Sonne, an roter Wand sind weisse Camelien.<\/em><\/p>\n<p>Wenn Madja ganz Arp-m\u00e4ssig f\u00fchlen konnte, so war auch er imstande,\u00a0ihre Arbeiten nachzuempfinden. Als sie in bat, eine Einf\u00fchrung in den\u00a0Katalog ihrer ersten Ausstellung in New York zu schreiben, lehnte er\u00a0dieses Ansinnen ab, versprach aber, statt dessen ihr ein Gedicht zu\u00a0schreiben, falls ein Bild von ihr ihn dazu inspirieren w\u00fcrde. Einige\u00a0Tage nach dem abgegebenen Versprechen kam ein sehr zufriedener Anruf\u00a0von ihm &#8211; er h\u00e4tte sich von einem ihrer Bilder inspirieren lassen\u00a0und das Gedicht geschrieben. Erstaunlich wie Verst\u00e4ndnis- und liebevoll er darin auf die Einzelheiten des Bildinhaltes eingegangen ist.<\/p>\n<p>Vom bekannten Maler Calderara hatten wir bereits geh\u00f6rt, bevor wir\u00a0nach Italien zogen. Die Aussicht, dort in unmittelbarer Nachbarschaft\u00a0von ihm zu leben, war eine der Verlockungen, die uns bewogen haben,\u00a0den Wohnsitz nach Miasino zu verlegen. Madja brauchte den Kontakt mit\u00a0kunst-interessierten Menschen und stellte sich vor, in Italien viel\u00a0eher die M\u00f6glichkeit dazu finden zu k\u00f6nnen, als im Tessin. Diese\u00a0Hoffnung war v\u00f6llig unberechtigt. Die Gegend, in die wir\u00a0kamen, erwies sich in Bezug auf Kunst als absolut sterile und r\u00fcckst\u00e4ndige Provinz.<\/p>\n<p>Der einzige Lichtblick war Calderara und die Menschen, die zu ihm\u00a0kamen. Er wohnte, oder besser gesagt, residierte in einem Miasino\u00a0benachbarten Dorf und war der unbestrittene Kunstpapst der Region.\u00a0Zusammen mit seiner Frau und seiner Sekret\u00e4rin hauste er in einem\u00a0sehr sch\u00f6nen, mit viel Geschmack und Komfort ausgebauten, antiken\u00a0Haus. Gegen\u00fcber lag das &#8222;Museum&#8220;, das Calderaras Sammlung von Werken\u00a0prominenter moderner K\u00fcnstler enthielt.<\/p>\n<p>Viele Menschen von nah und\u00a0fern trafen sich im gastfreundlichen Hause. Feierlichkeiten wurden\u00a0veranstaltet, es gab auch eine Art &#8222;Jour Fix&#8220;. Calderara liebte und\u00a0verstand es, sich in Szene zu setzen. Er und seine Damen waren sehr<br \/>\nfreundlich zu uns. Er machte Madja viele Komplimente, die vielleicht\u00a0nicht allzu ernst gemeint waren, denn ein Bild von ihr hat er in\u00a0seine Sammlung nicht aufgenommen, obwohl sie gerne bereit war, ihm\u00a0eines zu schenken.<\/p>\n<p>Madja sch\u00e4tzte seine fr\u00fcheren Werke und hielt ihn f\u00fcr einen guten\u00a0Maler. Doch erschien ihr seine pl\u00f6tzliche Wendung zur Abstraktion als\u00a0wenig glaubw\u00fcrdig. Sie bedauerte die Wandlung eines guten gegenst\u00e4ndlichen Malers in einen nichtssagenden gegenstandslosen, dessen Arbeiten, ungeachtet ihrer technischen Perfektion, ihr unbedeutend erschienen. Den oft geh\u00f6rten Bericht dar\u00fcber, wie, in einer gesegneten\u00a0Stunde, als er im Spital lag, ihm der umwerfende Einfall kam, einen\u00a0der vertikalen Bandstreifen seiner Standard-Komposition in diagonale<br \/>\nLage zu bringen, nahm sie ihm einfach nicht ab.<\/p>\n<p>Calderara war sehr eitel und sein Wunsch war, jung, modern und fortschrittlich zu erscheinen. Deshalb wendete er sich der gegenstandlosen&#8216; Malerei zu, deshalb auch seine gern zur Schau getragenen, kommunistischen Sympathien, die genau so unglaubw\u00fcrdig waren, wie seine\u00a0moderne Malweise. Sein Ziel, eine f\u00fchrende Rolle in der Reihe der\u00a0j\u00fcngeren, arrivierten Malergeneration zu spielen, gelang ihm nur\u00a0ausserhalb seiner Heimat zu erreichen &#8211; er wurde haupts\u00e4chlich in<br \/>\nDeutschland und in Holland bekannt. In Italien war er weit weniger\u00a0gesch\u00e4tzt und seine Bedeutung war eher die einer Lokalgr\u00f6sse. Es ist\u00a0ihm immer sehr schmerzlich gewesen, dass er nie zur Teilnahme an der\u00a0Biennale aufgefordert worden war. Wichtig ist es nicht, ob Calderara\u00a0zu hoch oder zu niedrig eingesch\u00e4tzt wurde &#8211; eine markante und\u00a0sympathische Pers\u00f6nlichkeit ist er sicher gewesen und nach seinem\u00a0Tode ist es sehr leer in der Gegend um Miasino geworden!<\/p>\n<p>Der in Ascona lebende Maler Bissier hat uns \u00f6fters in Incella besucht.\u00a0Unangemeldet erschien er in Madjas Atelier, besah sich ihre Arbeiten\u00a0kritisch aber wohlwollend, konnte sich aber nie enthalten zu sagen:\u00a0&#8222;Warum m\u00fcssen Sie denn immer so grosse Bilder malen? Sie wollen doch\u00a0nur auffallen!&#8220; Da irrte er sich. Madja hatte auch Miniaturbilder\u00a0gemalt, doch meistens empfand sie das Bed\u00fcrfnis, grosse Bilder zu\u00a0malen und tat es dann auch. Ganz im Gegensatz zu Bissier, dessen Arbeiten meistens so klein waren, dass eine ganze Ausstellung in einer\u00a0Handmappe untergebracht werden konnte. Grossformate lagen ihm einfach<br \/>\nnicht. Ueber eine bestimmte Gr\u00f6sse hinaus nahm die Qualit\u00e4t seiner\u00a0Werke ab und das war ihm wohl bewusst. Jedem das Seine!<\/p>\n<p>Den deutschen Maler, Kurt Craemer, der gel\u00e4hmt und auf den Rollstuhl\u00a0angewiesen war, lernten wir in Positano kennen. In allen L\u00e4ndern der\u00a0Welt hatte er Freunde, die ihn bewunderten und gerne zu ihm nach\u00a0Italien kamen. Er war ein guter gegenst\u00e4ndlicher Maler, aber vor\u00a0allem ein grosser Lebensk\u00fcnstler, der es verstand, trotz seiner schweren Behinderung, dem Leben die besten Seiten abzugewinnen. T\u00e4glich\u00a0wurden die Abende bis in die sp\u00e4ten Nachtstunden, unter ergiebigem\u00a0Alkoholgenuss, in anregenden Gespr\u00e4chen verbracht. Madja, die Kurt<br \/>\nmehrfach besucht hat, f\u00fchlte sich ihm sehr nahe &#8211; als Mensch und als\u00a0Maler hat er ihr viel bedeutet. Die Nachricht von seinem pl\u00f6tzlichen\u00a0Tod bei einem Autounfall hat sie sehr tief betroffen.<\/p>\n<p>Bei Craemer haben wir Irene Kowaliska kennengelernt. Madja hat sich\u00a0mit ihr sehr gut verstanden und sich \u00fcber jedes Zusammentreffen gefreut. Die begabte und tapfere Frau brachte es fertig, mit ihrer\u00a0kunstgewerblichen Arbeit nicht nur sich selbst, sondern dazu noch\u00a0Mann und Sohn zu erhalten. Sie war mit dem deutschen Schriftsteller\u00a0Wegener verheiratet. Ein grosser Idealist, hatte sich f\u00fcr die Armenier\u00a0eingesetzt, als sie von den T\u00fcrken gemordet wurden und auch den Nazis\u00a0von Anfang an Widerstand geleistet. Letzteres f\u00fchrte ihn in ein Konzentrationslager, wo er starken Misshandlungen ausgesetzt wurde. Anscheinend hat er sich nie v\u00f6llig erholen k\u00f6nnen. Frei geworden, hatte\u00a0er seine schriftstellerische T\u00e4tigkeit wieder aufgenommen, war aber\u00a0nicht imstande, etwas fertig zu schreiben. Gutes von ihm Geschriebenes\u00a0habe ich nicht gelesen und kann es nicht beurteilen, ob es je so etwas\u00a0gegeben hat. Ich weiss nur, dass er f\u00fcr seine tapfere politische Haltung sehr geehrt und gefeiert wurde. Madja konnte ihn nicht leiden\u00a0&#8211; in ihren Augen war er nur eine schwere, kaum zu ertragende Belastung<br \/>\nim Leben ihrer Freundin. Neben vielem anderen hat Irene sch\u00f6ne Hinterglasbilder gemalt. Sie versuchte Madja zur Hinterglasmalerei zu bekehren, aber ohne Erfolg. Nach einem misslungenen Versuch hat Madja\u00a0diese Technik aufgegeben.<\/p>\n<p>Fontana haben wir in seinem Mail\u00e4nder Atelier besucht und uns auf den<br \/>\nversprochenen Gegenbesuch in Incella gefreut. Daraus ist aber leider<br \/>\nnichts geworden.<\/p>\n<p>Der letzte in der alphabetischen Reihenfolge ist unser bester Malerfreund, der Chinese T&#8217;ang. Sohn von ehemals wohlhabender Eltern, war\u00a0T&#8217;ang vor etwa 30 Jahren nach Paris gekommen, um dort Medizin zu studieren. Statt dessen hat er gemalt und aus ihm wurde ein guter abstrakter Maler mit chinesischer Kaligraphie-Tradition, denn sein Grossvater war Kaligraph gewesen. T&#8217;angs Eltern leben in Rotchina und eine\u00a0Verbindung mit ihnen besteht so gut wie nicht. Sein Lebensunterhalt\u00a0h\u00e4ngt ausschliesslich vom Verkauf seiner Bilder ab und es ist ihm\u00a0oft materiell sehr schlecht gegangen. Doch ist er immer Optimist geblieben und hat es verstanden, ein interessantes und abwechslungsreiches Leben zu f\u00fchren. Ganz Indien hat er bereist, ist mehrmals in\u00a0den USA gewesen, in vielen europ\u00e4ischen L\u00e4ndern nat\u00fcrlich auch. Madja\u00a0hat mit ihm zusammen in D\u00e4nemark ausgestellt. Danach fuhren wir in\u00a0seinem Wagen nach Holland, dann zu seinen Freunden nach England.<\/p>\n<p>Wir hatten T&#8217;ang w\u00e4hrend seiner Ausstellung in Ascona kennengelernt.\u00a0Seither haben wir uns unz\u00e4hlige Male bei uns oder bei ihm in Paris\u00a0gesehen und vieles gemeinsam erlebt. Oft hat er bei uns gewohnt, gemalt und gekocht &#8211; denn zu allen seinen sonstigen Qualit\u00e4ten ist er\u00a0noch ein ausgezeichneter Koch!\u00a0T&#8217;ang hatte uns beide gerne und f\u00fchlte sich bei uns geborgen und zu\u00a0Hause. Getrennt von seinen wirklichen Eltern, w\u00e4hlte er uns als\u00a0Ersatz-Wahleltern und ernannte sich als unsern Adoptivsohn. Diese\u00a0intime Beziehung hat uns geschmeichelt und gl\u00fccklich gemacht, denn\u00a0wir konnten stolz sein, einen derartigen &#8222;Sohn&#8220; zu haben!<\/p>\n<p>Madja hat ihre k\u00fcnstlerische T\u00e4tigkeit sehr ernst genommen und ausserordentlich fleissig gearbeitet. Allzu oft ist sie vom Malen durch\u00a0Krankheiten, Kuren, Reisen, Kinder, G\u00e4ste, Haushalt und immer wieder\u00a0erfolgten Bauten, Umbauten und Einrichtungen von H\u00e4usern oder Wohnungen abgehalten worden. Dessen ungeachtet hat sie ein umfangreiches\u00a0&#8222;Oeuvre&#8220; hinterlassen, haupts\u00e4chlich Bilder.<\/p>\n<p>1967 und 1972 hat Madja 19 Tapisserien gemacht. Sp\u00e4ter musste sie,\u00a0wegen R\u00fcckenschmerzen, auf diese Arbeit verzichten. Am liebsten ist\u00a0ihr die Arbeit an Glasfenstern gewesen, da sie sich an den herrlichen,\u00a0leuchtenden Farben der Gl\u00e4ser nicht sattsehen konnte. Sie hat die\u00a0Gl\u00e4ser nie bemalt, sondern nur zu farbigen Kompositionen zusammengesetzt und es stets bedauert, dass Glasfenster nur auf Bestellung und\u00a0nicht, wie andere Werke, auf Vorrat gemacht werden konnten. In der\u00a0Kirche von Brissago, in der Kapelle von Incella, in einem Privathaus\u00a0in Basel und in einer Fabrik in Burbach, Deutschland, sind Glasfenster<br \/>\nvon ihr zu sehen.<\/p>\n<p>Es gibt nur wenige graphische Werke von ihr: einige\u00a0Serigraphien, eine Serigraphie-Mappe, eine Steindruck-Mappe, eine Mappe mit Illustrationen zu Gedichten des Tessiner Dichters Orelli, Illustrationen zum Gedichtb\u00fcchlein der Pariserin Penzo de la Tour.<\/p>\n<p>Ihre im Alter erlittenen drei Herzinfarkte,\u00a0begleitet von Angina pectoris, hielten sie nicht davon ab, fast t\u00e4glich einige Stunden im Atelier zu verbringen. In ihren letzten Jahren\u00a0wurde sie noch von einer unerkannten Krebserkrankung geplagt, die\u00a0h\u00e4ufige Magenschmerzen, sowie Schluck- und Atembeschwerden verursachte.<br \/>\nAlles hat sie tapfer und ohne zu klagen ertragen und weiter im Atelier<br \/>\ngearbeitet.\u00a0Sie hatte einen uners\u00e4ttlichen Lebenshunger, f\u00fchlte sich nicht alt,<br \/>\nwollte nicht alt werden. Es war ihr unverst\u00e4ndlich und unertr\u00e4glich,\u00a0dass ihr Leben zu Ende gehen sollte, wo sie noch so viel sehen, erleben und malen wollte. Das Wissen \u00fcber die K\u00fcrze der ihr noch verbliebenen Zeit bedr\u00fcckte sie.<\/p>\n<p>Wenige Monate vor ihrem Tode hat sie noch an einem Wettbewerb teilgenommen, der die Herstellung eines drei Quadratmater grossen Bildes\u00a0erforderte. Sie war sich v\u00f6llig bewusst, keinerlei Aussichten zu haben, den Wettbewerb zu gewinnen. Sie wollte nur wissen, ob sie noch\u00a0f\u00e4hig w\u00e4re, eine derartige Aufgabe zu bew\u00e4ltigen. Es ist ihr auch gelungen, eine grosse, rote, dreiteilige &#8222;Collage-Peinture&#8220; in den vorgeschriebenen Dimensionen fertigzustellen und einzureichen.<\/p>\n<p>Bald nach der Vollendung desselben erhielt sie den Bericht, dass die Beschwerden, an denen\u00a0sie in letzter Zeit zu leiden hatte, auf einen Magenkrebs zur\u00fcckzuf\u00fchren<br \/>\nseien. Dagegen wollte sie ank\u00e4mpfen. Nachdem sie ihre Dispositionen<br \/>\nf\u00fcr den Fall ihres Ablebens, bis auf die Form, in welcher ihre Bestattung<br \/>\nzu erfolgen h\u00e4tte, genau getroffen hatte, lies sie sich willig zur Ope-<br \/>\nration in das Klara Spital einweisen. Auch nach erfolgter Operation<br \/>\nzeigte sie einen erstaunlichen k\u00e4mpferischen Lebenswillen. Doch war die<br \/>\nKrankheit bereits viel zu weit fortgeschritten, um sie retten zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Bis zu ihrem Lebensende hat Madja mit vollem Einsatz gearbeitet und\u00a0ist, trotz Krankheiten und hohem Alter, nicht wirklich alt geworden,\u00a0sondern\u00a0als geistig immer noch &#8222;junger&#8220; Mensch am 5. Dezember 1981 im Klara-Spital von Basel sanft eingeschlafen und verstorben.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Meine \u00a0Mutter hat rund zwei Drittel ihrer Werke verkauft oder verschenkt. 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