{"id":116,"date":"2016-02-17T07:19:30","date_gmt":"2016-02-17T07:19:30","guid":{"rendered":"http:\/\/ivanruperti.info\/?p=116"},"modified":"2018-02-09T13:51:54","modified_gmt":"2018-02-09T13:51:54","slug":"aus-dem-brief-an-einen-alten-freund","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/ivanruperti.info\/?p=116","title":{"rendered":"Aus dem Brief an einen alten Freund"},"content":{"rendered":"<p><em>Im Jahre 2016 bekam ich einen Brief von einem lieben Freund aus meiner Jugendzeit, den ich ihm in ungew\u00f6hnlich langer Weise beantwortet habe. Der folgende aus meinem Brief entnommene Teil schildert vor allem Gegebenheiten von subjektivem, rein pers\u00f6nlichen Interesse.<\/em><!--more--><\/p>\n<p>Xenia, die Tochter des damaligen Finanzministers von Marokko, lernte ich in Paris kennen, wo ich historische Erkundungen als Grundlage zu meiner Doktor-Arbeit in den \u201eArchives Nationales&#8220; machte. X\u00e9nia war &#8211; was man bei ihr nicht gleich erkennen konnte &#8211; manisch\/depressiv. Sie wirkte aber normalerweise ganz bezaubernd und man musste sie einfach gerne habe. Wir heirateten in Paris und 1947 kam in Basel unsere Tochter Anna zur Welt.<\/p>\n<p>Wenn X\u00e9nia pl\u00f6tzlich &#8211; ganz unerwartet &#8211; aus der manischen in eine ihrer depressive Phase abst\u00fcrzte (was zwar bei ihr nicht oft passierte) dann brach das Gegenteil ihrer Pers\u00f6nlichkeit aus. Sie wurde unglaublich b\u00f6sartig und konnte ihr nahe stehenden Personen sehr verletzen. Nach mir hat sie nacheinander noch drei weitere M\u00e4nner geheiratet, die sie offenbar &#8211; ebenso wie ich &#8211; zuerst geliebt haben, aber zuletzt nicht mehr ertragen konnten.<\/p>\n<p>Sp\u00e4ter wurde mein Schwiegersohn, Dominique, als Vormund von X\u00e9nia ernannt, um die Verantwortung f\u00fcr ihr problematisch gewordendes Verhalten zu \u00fcbernehmen. Es blieb ihm zuletzt nichts anderes \u00fcbrig, als seine Schwiegermutter in ein Heim f\u00fcr schwierige Personen einzubringen. Dort ist X\u00e9nia zur grossen Erleichterung des Personals im Jahre 2012 gestorben.<\/p>\n<p>In den letzten Jahren starben auch zwei von den (wenigen) Frauen mit denen ich in meiner erste Lebensh\u00e4lfte ein Verh\u00e4ltnis hatte. Mit Beiden bin ich bis zuletzt in freundschaftlichem Kontakt geblieben. Die eine lebte in Kalifornien, die andre in Kassel, Deutschland. Beide hatten nach dem Roman mit mir irgendwann geheiratet. Nachdem sie Witwen geworden waren, hatte sich unsere erhalten gebliebene, rein freundschaftliche Beziehung noch verdichtet. Ihre Ableben waren f\u00fcr mich zwei Verluste von Bedeutung.<\/p>\n<p>Beruflich startete ich seinerzeit als der erste m\u00e4nnliche Angestellte von Dr. Rudolf Farner, der in Z\u00fcrich eine Werbeagentur gegr\u00fcndet hatte, die sp\u00e4ter zur wichtigsten der Schweiz geworden ist und er selber wurde zum Pr\u00e4sident der ,,International Advertising Association&#8220; erkoren.<\/p>\n<p>1953-1954 war ich in den U.S.A.. In Toledo, Ohio, habe ich in einer Werbeagentur gearbeitet und dabei viel Neues gelernt. Mir wurde aber zuletzt gek\u00fcndigt, weil ich doch nicht gen\u00fcgend F\u00e4higkeiten f\u00fcr die mir zugewiesene, anspruchsvolle Stelle aufwies. Ich machte noch eine Reihe verschiedener Jobs in New York, so als Verk\u00e4ufer in einem Warenhaus und zuletzt als Tanzlehrer.<\/p>\n<p>Dann bekam ich dank einer freundliche Vermittlung in der Schweiz die Stelle als Werbeleiter der Shell Switzerland mit Sitz in Z\u00fcrich, die ich 1955 -1957 betreute.<\/p>\n<p>1958 gr\u00fcndete ich wagemutig &#8211; ohne einen einzigen Kunden zu haben &#8211; die \u201eWerbeagentur Ruperti&#8220;. Dank meinen Erfahrungen bei Dr. Farner und besonders auf Grund meiner T\u00e4tigkeit in den U.S.A. (wo damals die Technik der Werbung viel weiter fortgeschritten war als in Europa) hatte ich bald viel Erfolg. Ich gewann zahlreiche Kunden der wichtigste Marken und besch\u00e4ftigte zuletzt 44 fest angestellte Mitarbeiter, sowie viele Freischaffende f\u00fcr besondere Aufgaben.<\/p>\n<p>Eines meiner Erfolgsgeheimnisse war, dass ich ausschliesslich Personen besch\u00e4ftigte, die j\u00fcnger waren als ich und deshalb wom\u00f6glich noch offener und begeisterungsf\u00e4higer als ich selber. Offiziell wurde ich &#8211; als \u00c4ltester &#8211; von allen meinen Angestellten freundschaftlich per \u201eDaddy&#8220; angesprochen.<\/p>\n<p>Ich arbeitete sehr intensiv und voll Begeisterung. Meist war ich der Erste im B\u00fcro und verliess die von mir nach einigen Jahren als ganzes B\u00fcrohaus gemietete, sehr sch\u00f6ne Villa an der Bellariastrasse, Z\u00fcrich oft erst sp\u00e4t abends.<\/p>\n<p>Daf\u00fcr verbracht ich die Wochenende zur Erholung im Tessin, in Brissago. Ich hatte dort ein kleines Baugesch\u00e4ft gegr\u00fcndet, um von mir entworfene Pl\u00e4ne zur vollst\u00e4ndigen Renovation alter Geb\u00e4ude zu verwirklichen. Teilweise geschah das f\u00fcr mich selber, aber auch f\u00fcr meine Eltern (ein ehemaliges Kloster in Incella \u00fcber Brissago), dann f\u00fcr Marischa (und Lukas), f\u00fcr Karin (und ihren damaligen Mann Hans) sowie f\u00fcr verschiedene Freunde und Bekannte. Mit der Zeit arbeitete ich nur noch vier Tage pro Woche, viel Geld verdienend, in Z\u00fcrich und betrieb meine Bauerei im Tessin als unbezahltes Hobby w\u00e4hrend auf drei Tage verl\u00e4ngerten Wochenenden.<\/p>\n<p>Ich hatte unter anderem im D\u00f6rfchen Piodina \u00fcber Brissago ein grosses, leer stehendes, altes Haus \u00fcbernommen und ausgebaut. Dieses habe ich dem deutschen K\u00fcnstler, Volkmar Haase, und seiner damaligen Freundin als Wohn- und Arbeitsst\u00e4tte mehr als ein Jahr lang kostenlos zur Verf\u00fcgung gestellt. Volkmar konnte mehrere seiner in Brissago hergestellten, grossen Stahl-Skulpturen verkaufen, die ich im Garten der damals von mir als B\u00fcro gemieteten Villa in Z\u00fcrich aufstellen liess.<\/p>\n<p>Als Dank schenkte mir Volkmar zuletzt eine mehrere Meter hohe Skulptur aus Edelstahl. Er hatte sie \u201eGrosse Erektion&#8220; getauft und so sah sie auch aus. Ich habe sie sp\u00e4ter der Gemeinde Brissago geschenkt und sie steht seither an einem sch\u00f6nen Ort am Seeufer. Allerdings fand ich es f\u00fcr richtig, das Kunstwerk vor der \u00dcbergabe umzutaufen. Auf einem T\u00e4felchen steht ausser dem Namen des K\u00fcnstlers auch ganz harmlos \u201eSteile Form&#8220;.<\/p>\n<p>Anl\u00e4sslich der Er\u00f6ffnung der Biennale von Venedig im Jahre 1970 stand ich vor dem japanischen Pavillon, vertieft in Betrachtung eines f\u00fcnf Tonnen schweren Steinbrockens, ruhend auf einer, die Umwelt spiegelnden, vier Meter hohen, quadratischen S\u00e4ule aus Chromstahl. Das Werk war bezeichnet als \u201eStone Floating in Nothingness&#8220;.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend ich so voll Bewunderung dastand, hat mich ein Japaner sanft angestupst: \u201ewanna meet the artist ?&#8220;. Er stellte mir den jungen K\u00fcnstler vor: Nobuo Sekine. Es ergab sich aus dem m\u00fchsam englisch gef\u00fchrten Gespr\u00e4ch, dass dieser sich gerade auf seiner Hochzeitsreise befand. So lud ich Yoriko und Nobuo ein, zu mir nach Brissago-Piodina zu kommn, wo Volkmar Haase nach einem erbitterten Streit mit seiner Freundin vor kurzem das grosse G\u00e4ste-Haus verlassen hatte und nach Deutschland heimgekehrt war.<\/p>\n<p>Auch die beiden Sekine blieben etwas l\u00e4nger als ein Jahr meine G\u00e4ste im D\u00f6rfchen Piodina \u00fcber Brissago. Zuletzt musste die hochschwangere Yoriko nach Japan zur\u00fcckkehren, da das Kind nicht \u201ein der Fremde&#8220; geboren werden sollte.<\/p>\n<p>Als ich nach Jahren Nobuo in Tokio besuchte, war eine h\u00fcbsche junge Frau bei ihm: Er sagte: ,,<em>She was made in your house<\/em>&#8220; und er habe ihr gerade zum zwanzigsten Geburtstag ein Pferd geschenkt.<\/p>\n<p>&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;-<\/p>\n<p>Der 19. M\u00e4rz ist in Italien offiziell ein Feiertag &#8211; gewidmet San Giuseppe, dem Vater von Jesus. Ich hatte verschiedene Freunde in Mailand, die oft zu mir auf Besuch ins Tessin zu kommen pflegten. Einig hatten sogar die Schl\u00fcssel zur \u201eRocca Nera&#8220;, meinem damaligen Haus hoch \u00fcber Brissago, das sie oft auch in meiner Abwesenheit kurz bewohnten. Ein solches, mir befreundetes Paar hatte den San Guiseppe Feiertag benutzt, um in Cardada \u00fcber Locarno Ski zu fahren und anschliessend in der &#8222;Rocca Nera&#8220; \u00fcbernachtet. Sie hatten einen mir noch unbekannten Gast mitgenommen. Das war im Jahre 1971.<\/p>\n<p>Als ich am n\u00e4chsten Tag ins Tessin eintraf, kamen meine Freunde gerade zur\u00fcck vom Skifahren, zusammen mit dem etwas scheu wirkenden Gast, 31 Jahre alt, mit schwarzem Lockenkopf und Bart. Ich dagegen war ein 48-j\u00e4hriges, unruhiges und zappliges Gesch\u00f6pf. Trotzdem hat der Blitz nicht nur bei mir, aber auch bei Adalberto eingeschlagen.<\/p>\n<p>Am n\u00e4chsten Morgen, bevor meine G\u00e4ste wieder nach Mailand zur\u00fcckfuhren, hatten wir Beide noch eine vertrauliches, sehr ernsthaftes Gespr\u00e4ch. So seltsam das eigentlich war, da wir uns ja kaum 24 Stunden kannten; wir vereinbarten nach M\u00f6glichkeit alles zu tun, um fortan beste Freunde zu werden. Trotz unseren sehr unterschiedlichen Charaktereigenschaften &#8211; oder vielleicht gerade deshalb &#8211; ist uns dieses Vorhaben tats\u00e4chlich gelungen Wir sind im Laufe der seinher vergangenen 44Jahre immer mehr zu einer unzertrennlichen, gl\u00fccklichen Einheit geworden. Marischa war Trauzeugin, als wir 2007 offiziell heiraten konnten.<\/p>\n<p>Nicht lange nachdem wir uns kennen gelernt hatten, k\u00fcndete Adalberto seine Stelle als Chefbuchhalter bei einer internationalen Firma mit Sitz in Mailand. Ich dagegen verkaufte meine Werbeagentur an die amerikanische, international t\u00e4tige Agenturkette: \u201eNorman, Craig &amp; Kummel&#8220;. Die drei j\u00fcdischen Besitzer schienen mir gewiegte Fachleute und gleichzeitig sympathische Menschen zu sein. Der Ableger in der Schweiz bekam ihren Namen und einen neuen Leiter, der angeblich die Schweiz kannte. (Ich erfuhr erst sp\u00e4ter, dass er in der Schweiz zwei Ferienwochen verbrachte hatte, sonst nichts).<\/p>\n<p>Der an sich nette, neue Chef betrachtete es als sinnlos, den teuren Mietzins f\u00fcr die romantische Villa mit dem sch\u00f6nen Garten zu bezahlen und verlegte die Agentur in ein modernes B\u00fcrohaus in ein preiswertes, neutral wirkendes Stockwerk. Die bisher fliessenden Arbeitszeiten f\u00fcr die Angestellten wurden vern\u00fcnftig und normal geregelt und die chaotischen Abl\u00e4ufe wurden entsprechend dem in amerikanischen Werbeagenturen \u00fcblichen und dort so erfolgreichen System reorganisiert.<\/p>\n<p>Das Resultat dieser wohlgemeinten Ver\u00e4nderunen; Innerhalb von nur zwei Jahren k\u00fcndigten nacheinander die meisten meiner bisherigen 44 Angestellten &#8211; sowie s\u00e4mtliche schweizerischen Kunden, mit dem von meiner Agentur zuletzt betreuten Totalbudget von 12&#8217;000&#8217;000.Franken. Es verblieb nur noch das von den neuen amerikanischen Besitzern als zus\u00e4tzlicher Kunde eingebrachte Unternehmen Colgate-Palmolive mit 3&#8217;500&#8217;000. Franken Werbe-Budget pro Jahr, was aber zum \u00dcberleben der Agentur nicht ausreichte Die &#8222;N.C.K. Switzerland&#8220; musste bald im Handelsregister gel\u00f6scht werden.<\/p>\n<p>Nachdem Adalberto und ich die bisherigen beruflichen T\u00e4tigkeiten abgebrochen hatten, mieteten wir eine Wohnung in London. Adalberto arbeitete als Verk\u00e4ufer bei Harrod&#8217;s, um dabei englisch zu lernen. Ich erlernte \u201egarden design&#8220; in der von John Brookes daf\u00fcr gegr\u00fcndeten Schule. John Brookes ist Gewinner der meisten Goldmedaillen der weltber\u00fchmten, j\u00e4hrlich veranstalteten \u201eChelsea Garden Show&#8220;. Er ist auch Verfasser von in viele Sprachen \u00fcbersetzten Gartenb\u00fcchern mit einer h\u00f6heren Gesamtauflage als die von allen anderen Verfassern von B\u00fcchern zu diesem Thema.<\/p>\n<p>Nach unserer R\u00fcckkehr auf den Kontinent war Adalberto w\u00e4hrend rund zehn Jahren Partner in der f\u00fchrenden italienischen Agentur f\u00fcr \u201epublic relations&#8220;. Nach dem Tod des Gr\u00fcnders dieser Agentur betreute Adalberto als Freischaffender, die Werbung f\u00fcr Rubelli, dem bekanntesten Hersteller kostbarer Stoff mit Sitz in Venedig.<\/p>\n<p>Am Beginn der f\u00fcr mich v\u00f6llig neuen Berufst\u00e4tigkeit als Gartengestalter half mir John Brookes mehrmals auf freundschaftlicher Basis. 1986 veranstaltete ich ausserdem erstmals eine Gruppenreise, um anderen Menschen G\u00e4rten zu zeigen. Das machte ich selbst\u00e4ndig w\u00e4hrend 12 Jahren. Zusammen mit zuletzt mehreren, f\u00fcr mich tempor\u00e4r t\u00e4tigen Personen, veranstalte ich Gartenreisen in viele europ\u00e4ische L\u00e4nder, aber auch nach China, Japan, Russland und in die U.S.A.<\/p>\n<p>1998 \u00fcbertrug ich die administrative Veranstaltung der weiterhin von mir geplanten und teilweise auch von mir gef\u00fchrten Gartenreisen an das Reiseb\u00fcro Arcatour mit Sitz in Zug .<\/p>\n<p>Nach weiteren 12 Jahren, also 2010, beendetet ich meine vor allem im Sinn eines Hobby betriebene T\u00e4tigkeit im Zusammenhang mit Garten-Reisen. Die Unkosten f\u00fcr die vorangehenden, notwendigen Erkundungsreisen und andere Vorbereitungen lissen sich durch die tats\u00e4chlich veranstalteten Gruppenreisen meist nur knapp und sogar nicht immer voll decken: Doch diese Reisen hatten mir w\u00e4hrnd 24 Jahren grossen Spass bereitet.<\/p>\n<p>Auch Adalberto beendete seine berufliche T\u00e4tigkeit, um fortan st\u00e4ndig zusammen mit mir in unsrem gem\u00fctlichen Haus in Caslano zu wohnen. Wir unternehmen gemeinsam viele Reisen und sind gl\u00fccklich und zufrieden.<\/p>\n<p>Geschrieben 2016<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im Jahre 2016 bekam ich einen Brief von einem lieben Freund aus meiner Jugendzeit, den ich ihm in ungew\u00f6hnlich langer Weise beantwortet habe. 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