{"id":1110,"date":"2016-05-29T07:56:13","date_gmt":"2016-05-29T07:56:13","guid":{"rendered":"http:\/\/ivanruperti.info\/?p=1110"},"modified":"2018-03-29T13:06:53","modified_gmt":"2018-03-29T13:06:53","slug":"kurze-moskau-reise-im-jahre-1972","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/ivanruperti.info\/?p=1110","title":{"rendered":"Kurze Moskau-Reise im Jahre 1972"},"content":{"rendered":"<p>In vier Tagen erlebten Adalberto und ich Dinge, die f\u00fcr die damalige Sowjetunion charakteristisch waren. R\u00fcckblickend d\u00fcrfte das heute wahrscheinlich recht interessant sein.<\/p>\n<p>Ebenso wie das ganze Sowjetreich, beruhte auch das von uns bewohnte Hotel Rosija (Russland) auf Illusionen &#8211; verbunden mit \u00f6konomisch falschen Voraussetzungen. \u00a0Chrutschew hatte angeordnet, einen historisch wertvollen Stadtteil vollst\u00e4ndig abzutragen. An seiner Stelle wurde dieses monstr\u00f6se Hotel erbaut und im Jahre 1967 als stolzes Punkst\u00fcck der Sowjetunion er\u00f6ffnet. Es ist heute noch im Guiness-Buch der Rekorde als das weltweit gr\u00f6sste, je gebaute Hotel verzeichnet.<\/p>\n<p>Das in absurder Weise betriebene Hotel begann bald zusehend zu vergammeln. Das ging so weit, dass der h\u00e4ssliche Beton-Klotz zuletzt wieder abgetragen werden musste. Auf dem zentral gelegenen, teuersten Baugrund von Moskau ist wieder ein erfreulicher Stadtteil entstanden.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p><strong>Donnerstag, 21. September 1972\u00a0<\/strong> (Z\u00fcrich &#8211; Moskau)<\/p>\n<p>Mit einiger Versp\u00e4tung fliegen wir endlich ab. Adalberto erkennt den Lago Maggiore, man sieht Brissago genau. Es wirkt irgendwie r\u00fchrend, den eigenen Wohnort aus\u00a0der H\u00f6he eines Jet-Flugzeuges zu erkennen. Auch\u00a0Lugano und die Autobahn sind gut zu sehen.<\/p>\n<p>Zwischenlandung in Budapest. Der Barmann, bei dem wir Kaffee trinken, erkundigt sich, wohin wir fliegen. Nach Russland? \u00a0Nach unserer bejahenden Antwort sagt er: &#8222;Sie\u00a0werden sehn, das Scheenste &#8230; die Rikkehr. Ja ist so &#8211; so fir Sie &#8211; fir raiche Laite, welche wollen schlecht haben\u00a0fir gute Geld.&#8220;<\/p>\n<p>Das russische Flugzeug hat keinen angemessenen Druckausgleich. Adalberto erlebt einen ziemlich schlechten Flug. Um 20h &#8211;\u00a022h Moskauer Zeit &#8211; sind wir in Scheremetovo.\u00a0Im \u00f6den Flughafen entsteht ein langes Palaver zwischen\u00a0Intourist-F\u00fchrerinnen und Zollbeamten. Lange Warterei\u001d! Leute packen umst\u00e4ndlich Bier und Apfelsaft-Flaschen aus,\u00a0die sie auf der anderen Seite der Schranke f\u00fcr uns aufstellen. Dann aber werden wir pl\u00f6tzlich, alle auf einmal, ohne weitere Kontrolle durchgelassen<\/p>\n<p>Nach einigem Herumirren finden wir im\u00a0Riesenklotz Hotel Rossija endlich \u00a0unser Zimmer am\u00a0\u00e4ussersten Ende eines endlos scheinenden Ganges. (Laut offiziellen Angaben betr\u00e4gt die gesamte L\u00e4nge der Korridore dieses Hotels nicht weniger als 8 Km.)<\/p>\n<p>Wir unternehmen noch einen sp\u00e4ten, n\u00e4chtlichen Spaziergang auf dem beeindruckenden, \u00a0\u00fcbergrossen &#8222;Roten Platz&#8220;. Er ist fast menschenleer. Selbst die w\u00fcrdigen\u00a0Kremel-Mauern, die herrliche Basilius-Kathedrale\u00a0und das grosse, lang-gestreckte Geb\u00e4ude des GUM sind nicht\u00a0wuchtig genug, um dem Platz in seiner Gr\u00f6sse das Gef\u00fchl\u00a0eines umschlossenen Raumes zu verleihen. Schon auf diesem riesigen\u00a0Platz glaubt man, die Weite und die Masslosigkeit Russlands zu erkennen.<\/p>\n<p>Diese Masslosigkeit sp\u00fcren wir auch im Hotel mit seinen 6&#8217;000 G\u00e4stebetten. \u00a0In der aufliegenden Brosch\u00fcre\u00a0wird stolz darauf hingewiesen, dass alles im &#8222;Westernstandard&#8220; eingerichtet sei. So habe es unter anderem zu jedem Zimmer eine echte Badewanne. \u00a0Leider k\u00f6nnen wir diese jedoch nicht ben\u00fctzen: der St\u00f6psel zur Verhinderung von Wasserabfluss fehlt. Das herbeigerufene Personal verk\u00fcndet unwirsch, es g\u00e4be keinen Ersatz (in dem vor nur f\u00fcnf Jahren erbauen Hotel !) .<\/p>\n<p>Mit Material aus dem von fr\u00fcheren G\u00e4sten ben\u00fctzten und vom Personal nicht geleerten Papierkorb versuchen wir, das Abfluss-Loch zu verstopfen. Das gelingt zwar einigermassen, doch aus dem Hahn f\u00fcr warmes Wasser fliesst nur \u00a0kaltes. Wir m\u00fcssen uns deshalb anstelle von einem wohltuenden Bad mit einer sogenannten &#8222;Katzenw\u00e4sche&#8220; \u00a0begn\u00fcgen.<\/p>\n<p><strong>Freitag, 22. September 1972 \u00a0<\/strong><\/p>\n<p>Das Gruppen-Fr\u00fchst\u00fcck muss gemeinsam, zu einer vorgeschriebenen Zeit eingenommen werden. \u00a0Nach einer Wanderung von unserem Zimmer auf die andere Seite des Hotels finden wir den mit einer Nummer angegebenen, f\u00fcr uns reservierten Speisesaal. Am Eingang kontrolliert eine W\u00e4rterin umst\u00e4ndlich auf einer Namensliste, ob man Anrecht auf das Fr\u00fchst\u00fcck hat.<\/p>\n<p>Der ganz in Weiss gehaltene, recht grosse Saal ist leer, ausser einem langen Tisch. In einer genau der Zahl der Teilnehmenden unserer Gruppenreise entsprechend sind zu beiden Seiten des Tisches St\u00fchle l\u00fcckenlos nebeneinander aufgestellt. Unter den missbilligenden Blicken des Personals muss man die St\u00fchle selber auseinander schieben, um sich setzen zu k\u00f6nnen, ohne Schulter an Schulter gepresst zu werden.<\/p>\n<p>Es wird \u00fcber die verschiedensten, f\u00fcr verw\u00f6hnte Schweizer nicht akzeptabel scheinende Dinge geschimpft. In einem Zimmer habe es Brandl\u00f6cher von Zigaretten in der Bettw\u00e4sche, in einem anderen seien die Vorh\u00e4nge schmutzig und teilweise zerrissen. In mehreren Zimmern seien Kakerlaken \u00a0 hervor-gekrochen und die ganze Nacht st\u00f6rend herumgekrabbelt. Laut lachend erkl\u00e4rt eine Reiseteilnehmerin, sie habe &#8222;e kalts Fudi&#8220;, da sie sich infolge der fehlenden Klobrille direkt auf das Porzellan setzen m\u00fcsse.<\/p>\n<p>Die Fr\u00fchst\u00fccks-Tafel ist reich best\u00fcckt mit heissen W\u00fcrstchen, Buchweizengr\u00fctze, angebrannten Eierspeisen, Bratkartoffeln mit Fleischsauce, Mayonnaisesalat. Die meisten Gerichte gl\u00e4nzen unter einer dicken Fettschicht oder schwimmen in zerlassener Butter. F\u00fcr Russen d\u00fcrfte, angesichts der fast leeren Gesch\u00e4fte f\u00fcr\u00a0Lebensmittel, eine solche F\u00fclle fast wie ein Traum vorkommen. Mir dagegen verschl\u00e4gt schon der Anblick dieser \u00fcberm\u00e4ssig kalorienreichen Speisen den Appetit und die Lust, sie auch nur zu probieren.<\/p>\n<p>Auch die angebotenen Getr\u00e4nke erweisen sich als &#8222;gew\u00f6hnungsbed\u00fcrftig&#8220;.\u00a0Die Sowjetregierug ist bem\u00fcht, die Bev\u00f6lkerung vor Krankheiten zu sch\u00fctzen. Die vorgeschriebenen Zus\u00e4tze zum Trinkwasser werden dabei so hoch angesetzt, dass der Chlorgeschmack den Duft von Kaffe oder Tee \u00fcbert\u00f6nt.<\/p>\n<p>Wir verlassen das Hotel ohne Fr\u00fchst\u00fcck. \u00a0Die uniformierten, grimmig wirkenden W\u00e4chter am Ausgang sollen den G\u00e4sten vermutlich ein Gef\u00fchl von Sicherheit vermitteln. Bei mir erzeugen sie eher das Gegenteil.<\/p>\n<p>Nach der Durchquerung vom grossen &#8222;Roten Platz&#8220;erreichen wir den\u00a0Kreml. Durch das &#8222;Spasski&#8220;-Tor d\u00fcrfen nur h\u00f6here Regierungsbeamte diese St\u00e4tte betreten. Wir dagegen, als gew\u00f6hnliche Sterbliche, m\u00fcssen um die Mauern herum gehen, bis zum Dreifaltigkeits-Turm.<\/p>\n<p>Im Kreml besuchen wir vier Kirchen, umgewandelt in Museen: die drei grossen &#8222;Uspenski Sobor&#8220; (Mari\u00e4-Himmelsfahrt Kathedrale), &#8222;Archangelski Sobor&#8220;\u00a0(Erzengel-Michael Kathedrale) und &#8222;Blagoweschtschenski-Sobor&#8220; ( Mari\u00e4-Verk\u00fcndigung Kathedrale) sowie \u00a0die kleine, reizvolle Kirche &#8222;Rispoloshenski-Sobor&#8220;.<\/p>\n<p>Die &#8222;Granowitaja Palate&#8220;, den Facetten-Palast, k\u00f6nnen wir nur\u00a0von aussen \u00a0sehen. Wir gelangen\u00a0auch nicht in die Staatliche R\u00fcstkammer, das grosse Museum, das mir beim fr\u00fcheren Besuch in\u00a0Moskau so imponiert hatte. Man m\u00fcsse an Theater-Kassen Eintrittskarten\u00a0besorgen. In der Folge haben wir das an unz\u00e4hligen\u00a0Kassen bei Theatern, im Metro und im Hotel vergeblich\u00a0versucht. Es g\u00e4be nur nach drei Monaten Karten, oder sie waren gerade ausgegangen, oder die Kasse\u00a0war noch nicht ge\u00f6ffnet &#8211; bis wir es endlich aufgeben.<\/p>\n<p>Die \u00fcberw\u00e4ltigende F\u00fclle von Eindr\u00fccken,\u00a0welche die nach\u00a0sorgf\u00e4ltigen Restaurationen in ausgezeichnetem Zustand befindlichen Innenr\u00e4ume der verschiedenen Kathedralen vermitteln &#8211;\u00a0mit den vom Boden bis zur Decke reichenden Fresken-Malereien\u00a0und den zahllosen goldgl\u00e4nzenden Ikonen &#8211; macht den Besuch des Kremls f\u00fcr Adalberto und mich zu einem beeindruckenden Erlebnis.<\/p>\n<p>Wir gehen zu Fuss zur Krapotkin-Strasse, wo jedoch das Tolstoi-Museum\u00a0wegen Renovation geschlossen ist. Die freundliche\u00a0W\u00e4rterin sagt mir aber, ich solle doch ins Wohnhaus\u00a0des Dichters gehen. Ich hatte irrt\u00fcmlicherweise geglaubt,\u00a0dieses Museum &#8211; in einem einfachen alten Haus &#8211; sei sein besuchenswertes Wohnhaus, von dem ich schon verschiedentlich\u00a0geh\u00f6rt habe.<\/p>\n<p>In den Strassen f\u00e4llt auf, dass immer wieder &#8211;\u00a0zwischen grossen, neueren Bauten &#8211; niedrige, zweist\u00f6ckige H\u00e4user geblieben sind aus der Zeit vor der Revolution. Ab und zu hat es stattliche Geb\u00e4ude, meist\u00a0in kokettem, italienischem Barockstil mit symmetrischen\u00a0Fassaden und klassizistischen S\u00e4ulen, die\u00a0offensichtlich einst Pal\u00e4ste von\u00a0Adeligen waren. Meist sind diese sch\u00f6nen H\u00e4user gelb\/weiss. Oft auch in einem charakteristischen hellen Blau\/gr\u00fcn, mit\u00a0Weiss kombiniert.<\/p>\n<p>Zur\u00fcckgekehrt ins Hotel Rossija versuche ich vergeblich an den zwei Theaterkassen des\u00a0Hotels Karten f\u00fcr die Vorstellung im Bolschoi (Ballett: Anna Karenina) zu bekommen. Adalberto wartet geduldig\u00a0in einer der Eigangshallen des Hotels, w\u00e4hrend ich herumrenne.\u00a0Ich habe ein leichtes Gef\u00fchl von Klaustrophobie, da an den vier Seiten des monstr\u00f6sen Hotels sich\u00a0alles wiederholt, dazwischen lauter endlos scheinende Korridore.<\/p>\n<p>An jeder der vier Seiten des Hotels hat es Buchl\u00e4den. In keinem gibt es \u00a0irgendwelche\u00a0F\u00fchrer oder Pl\u00e4ne von Moskau &#8211; sie h\u00e4tte jedoch etwas \u00fcber eine der Provinzst\u00e4dte, sagt mir die gleichg\u00fcltige\u00a0Verk\u00e4uferin in einem dieser Buchl\u00e4den.<\/p>\n<p>Zwischen den Theaterkassen ohne Billette und den wenig hilfreichen Buchl\u00e4den hat es\u00a0riesige Speise-S\u00e4le. In den endlosen Korridoren vegetieren hinter identischen P\u00fcltchen kafkaesk wirkende W\u00e4chterinnen. Ich verliere zuletzt die\u00a0Orientierung, beginne zu schwitzen und weiss nicht mehr, auf\u00a0welcher Seite dieser megalomanen Riesen-Schachtel der geduldige Adalberto meiner R\u00fcckkehr entgegenharrt.<\/p>\n<p>Ich muss hinausgehen, an die\u00a0frische Luft. Draussen wird mir die Situation klar: \u00a0entlang der einen Seite verl\u00e4uft der Fluss Moskwa, auf der anderen ist eine bezaubernde Reihe ehemaliger Gottesh\u00e4user erhalten geblieben, die gerade restauriert werden, direkt neben dem monstr\u00f6sen Hotel aber irgendwie verloren wirken.<\/p>\n<p>Es handelt sich &#8211; wie ich sp\u00e4ter von\u00a0einem Taxi-Chauffeur erfahre &#8211; um Privatkirchen der Romanoffs. Entz\u00fcckend \u00a0wirken die kleinen, goldenen Kuppeln auf einer roten\u00a0Backstein-Kapelle. Interessant ist das Holzdach auf einer anderen, deren Bretter in zierlichen Formen ausges\u00e4gt sind.<\/p>\n<p>Wir fahren zu Frossia Salomon und bringen ihr die Tasche\u00a0mit Kleidern und Nahrungsmitteln, welche Tante Manja f\u00fcr ihre Freundin aus gemeinsamer Kindheit vorbereitet\u00a0hat. Bei einem fr\u00fcheren Besuch von Moskau, im Jahre ???? hatte ich &#8211; damals gemeinsam mit Karin &#8211; Frossia kennen gelernt. Sie gab uns Einblicke in ihr\u00a0tragisches Schicksal:\u00a018 Jahre Lagerhaft im hohen Norden. Sie war mit einem Vetter unseres Vaters verheiratet, verlor aber ihren\u00a0Mann, der erschossen wurde. Ihren Sohn sah Frossia zum letzten Mal\u00a0als er 12 Jahre alt war &#8211; er soll, wie mir Manja sp\u00e4ter\u00a0sagte, im Gef\u00e4ngnis verhungert sein, als er 17 war.<\/p>\n<p>Karin und ich mussten Frossia auf dem grossen Platz vor dem Bolschoi-Theater treffen. Sie hatte uns telefonisch eine Beschreibung von sich gegeben und gesagt, sie w\u00fcrde uns auf einer Bank sitzend erwarten. Wir sollten uns einfach &#8211; wie zuf\u00e4llig &#8211; neben sie setzen, ohne sichtbare Begr\u00fcssung. Ein Kontakt mit Ausl\u00e4ndern k\u00f6nnte sich n\u00e4mlich f\u00fcr sie als gef\u00e4hrlich erweisen. \u00a0Nachdem wir lange mit Frossia geredet hatten, mussten Karin und ich sie wieder ohne erkennbare Abschieds-Zeremonien verlassen. Die \u00a0mitgebrachten Geschenke sollten wir anscheinend vergessen und unter der Bank liegen lassen. Ewas sp\u00e4ter wollte Frossia aufstehen und sie unbemerkt mitnehmen. Das alles hatte Karin und mich bedr\u00fcckt und traurig gestimmt.<\/p>\n<p>Nun haben sich offenbar die Verh\u00e4ltnisse etwas verbessert. Frossia wagt es deshalb, Adalberto und mich bei sich zuhause zu empfangen. Sie ist d\u00fcnn und eingefallen. Obwohl nur\u00a069 j\u00e4hrig, wirkt sie viel \u00e4lter. Sie ist aber ganz\u00a0frisch im Geist und sehr nett &#8211; auch zu Adalberto. Sie\u00a0freut sich sehr \u00fcber unseren Besuch &#8211; ohne sentimental zu sein.<\/p>\n<p>Frossia wohnt in einem riesigen Wohnblock mit vielen Eing\u00e4ngen, im 8. Stockwerk. Es\u00a0hat auch einen klapprigen Lift, der noch funktioniert. Sie\u00a0hat ein Zimmer innerhalb einer kleinen 2-Zimmerwohnung. Im anderen Zimmer\u00a0ist ein Ehepaar einquartiert.\u00a0Sie serviert uns St\u00fccke einer Wassermelone &#8211; hier wohl eine\u00a0Kostbarkeit, sowie Tee mit gebackenen Pl\u00e4tzchen.<\/p>\n<p>Frossia wurde rehabilitiert, bekam ein Zimmer zugeteilt und geniesst eine schmale Pension, die aber &#8211;\u00a0sie erkl\u00e4rt dies etwas unklar &#8211; durch eine Dezimalstellen-Ver\u00e4nderung des\u00a0Rubels nur noch ein Zehntel wert\u00a0sei. Die Pension wird f\u00fcr die Jahre der Verbannung als Arbeitsjahre berechnet, wobei \u00a0die im Norden verbrachten\u00a0doppelt z\u00e4hlen.<\/p>\n<p>Schon bei der Fahrt mit dem Taxi zu Frossia sahen wir\u00a0einen interessanten Beton-Rundbau. Es ist der neue, staatliche\u00a0Zirkus. Nachdem wir uns von Frossia verabschiedet\u00a0haben &#8211; sie demonstriert durch bodentiefe Verbeugungen\u00a0wie wir ihren Dank an Tante Manja \u00fcbermitteln sollen &#8211;\u00a0gehen wir zu Fuss zu diesem Zirkus, der vor zwei Jahren\u00a0er\u00f6ffnet wurde. Aussen ist er ganz aus Glas. Innen sind rundum mehrere\u00a0Buffets aufgestellt\u00a0an denen wir Sandwiches erstehen und dann Eis.<\/p>\n<p>Die eigentlichen Zirkus-Nummern\u00a0sind grossartig, doch sie werden mehrmals \u00a0durch\u00a0kitschig folkloristische Tanz- und Gesangs-Darbietungen unterbrochen.\u00a0Die technische\u00a0Einrichtung ist von h\u00f6chster Perfektion. Einmal\u00a0wird die ganze Manege versenkt, dabei kann man erkennen, dass\u00a0im Untergeschoss vier weiter Manegen bereit stehen.<\/p>\n<p>Nach der Vorstellung ben\u00fctzen wir zum ersten Mal die Metro,\u00a0die uns rasch ins Zentrum zur\u00fcck bringt. Die Fahrt kostet\u00a05 Kopeken, die in einer Drehfl\u00fcgel-Barriere eingeworfen\u00a0werden. Es hat viele M\u00fcnzwechsel-Automaten und\u00a0auch einen Schalter, wo Papiergeld umgetauscht werden kann.<\/p>\n<p>Unendlich lange Rolltreppen fahren sehr schnell und\u00a0tief hinunter &#8211; durch weisse, reklamefreie und f\u00fcr uns Westeurop\u00e4er\u00a0deshalb unbelebt wirkende Gew\u00f6lbe. In manchen\u00a0Stationen k\u00f6nnen wir eine f\u00fcr uns komisch wirkende, kommunistische\u00a0Pracht \u00a0bestaunen: barocke Leuchter, Gipsgirlanden\u00a0und Rankenwerk. (Ich erfinde eine dazu passende Stilbezeichnung: &#8222;Louis-Metro&#8220;).<\/p>\n<p>In der Station &#8222;Platz der Republik&#8220; sind unter jedem Gew\u00f6lbe-Bogen lebensgrosse, realistische Bronzefiguren aufgestellt, als Hymne auf die \u00a0vielseitigen Aktivit\u00e4ten des russischen Volkes: \u00a0Landwirt (und Landwirtin)\u00a0&#8211; J\u00e4ger (und J\u00e4gerin) &#8211; Matrose &#8211; Arbeiter &#8211; Soldat usw. \u00a0Auf jeden Mann folgt eine auffallend muskul\u00f6se Frau von gleichem Beruf. Passend dazu auch ein kr\u00e4ftiger Bub und ein ebensolches Bronze-M\u00e4dchen.<\/p>\n<p>Wir am\u00fcsieren\u00a0uns \u00fcber all diesen Bombast &#8211; er ist aber genau geplant und -wie mir scheint &#8211; f\u00fcr die meisten Menschen klug eingesetzt. Jedenfalls h\u00f6re ich sp\u00e4ter, wie sich Teilnehmerinnen unserer Reise unterhalten und dabei begeistert die &#8222;hohe k\u00fcnstlerische\u00a0Entfaltung Russlands&#8220; loben, die sie in der Metro bewundern konnten.<\/p>\n<p><strong>Samstag, 23. September 1972<\/strong><\/p>\n<p>Nach dem Fr\u00fchst\u00fcck versuchen wir\u00a0erneut, an verschiedenen, uns empfohlenen Stellen Eintrittskarten f\u00fcr die Staatliche R\u00fcstkammer im Kreml zu bekommen. Da Adalberto\u00a0aber ungeduldig wird, geben wir es endlich auf. Nun fahren wir im Bus zum &#8222;Novodewitschi&#8220;-\u00a0Kloster, \u00fcbersetzt: Neues Kloster der Hl. Jungfrau.<\/p>\n<p>Es ist das gr\u00f6sste der sechs Befestigungs-Kl\u00f6ster, die im S\u00fcden\u00a0und im Osten die Stadt Moskau besch\u00fctzt hatten. Hier wurde\u00a0auch der Strelitzen-Aufstand \u00a0niedergeschlagen und die\u00a0Anf\u00fchrer gehenkt.\u00a0Auf dem Friedhof \u00a0entdecken wir die Gr\u00e4ber der Schriftsteller Turgenjew und Lermontov. Es sollen hier auch andere andere russische Schriftsteller begraben sein.<\/p>\n<p>In der Hauptkirche, gewidmet der &#8222;heiligen Ikone der Muttergottes von Smolensk&#8220;,\u00a0wurde Boris Godunow gekr\u00f6nt. Die Halbschwester von Peter dem Grossen wurde in dieses Kloster\u00a0verbannt. In der Kirche ist\u00a0der Thronsessel von Ivan dem Schrecklichen zu sehen. Die l\u00e4ndliche,\u00a0friedliche Stimmung im Kloster-Areal ist beeindruckend.<\/p>\n<p>Wir gehen in ein nahe gelegenes Kaffeehaus, um etwas\u00a0zu essen. Von einem \u00a0entfernten Tisch macht\u00a0uns ein Typ immer wieder Zeichen. Zuletzt kommt er \u00a0zu uns; h\u00fcbsch, blau\u00e4ugig, kr\u00e4ftig, sch\u00e4tzungsweise 24-j\u00e4hrig. Er\u00a0will Kleider kaufen, alles was wir haben, auch m\u00f6chte er Valuten\u00a0eintauschen, er habe sehr viel Geld, wie er sagt &#8211; er\u00a0will bis zu 1000 Dollar zu guten Schwarzmarkt-Preisen kaufen, falls wir das bei uns haben<\/p>\n<p>Dann bietet uns M\u00e4dchen an, oder auch sich selber. Auf die neugierige Frage, was er kosten w\u00fcrde, antwortet er ausweichend und sagt nur mehrmals: Viel, sehr viel. Zuletzt gibt er aber doch bekannt, dass\u00a0er normalerweise 150 Rubel verlange. Wenn jemand zahlt, dann gut, aber es sei auch ohne Bezahlung m\u00f6glich. Er scheint entt\u00e4uscht, dass wir auf keines seiner vielf\u00e4ltigen Angebote eingehen. Um ihn loszuwerden, geben wir ihm ein Paket Zigaretten und verabschieden uns.\u00a0Adalberto sieht die Existenz dieses jungen Mannes nicht negativ, sondern findet es sogar positiv, dass er sich nicht einfach mit den Widrigkeiten seiner Umgebung abfindet.<\/p>\n<p>Wir sehen eine kleine Menschen-Schlange. Zwei H\u00e4ndler verkaufen Glasdosen mit Tomatenkonserven\u00a0aus Marokko, offensichtlich ein begehrter Artikel. Gem\u00fcse scheint in Moskau sehr knapp zu sein. Fr\u00fcchte gibt es praktisch kein, ausser winzigen Aepfelchen\u00a0voller Flecken.<\/p>\n<p>Ich\u00a0fotografiere die kaufwillige Menschen-Schlange. Danach macht\u00a0mir Adalberto eine Szene, die mir zu Denken gibt und mich\u00a0traurig stimmt. Er findet es sei eine Rohheit, unterprivilegierte\u00a0Menschen zu fotografieren, um\u00a0ihre Schwierigkeiten blosszustellen. Adalberto hat wohl\u00a0recht, aber bisher ist \u00a0nicht das nicht in diesem Sinne bewusst gewesen. (Zudem\u00a0hat ein junger Mann, der mich von der anderen Strassenseite\u00a0beim Fotografieren beobachtete, w\u00fctend her\u00fcber gerufen,\u00a0ich solle doch besser Denkm\u00e4ler fotografieren).<\/p>\n<p>Wir gehen zu Fuss zum Wohnhaus Tolstois &#8211; ein einfacher Holzbau.\u00a0Innen alles noch genau so, wie es zu Lebzeiten Tolstois\u00a0war, sogar Kleider und pers\u00f6nliche Erinnerungsst\u00fccke werden in den Schr\u00e4nken aufbewahrt. Im Salon ist der Teetisch\u00a0gedeckt. Es hat im Haus &#8211; was man von aussen nicht ahnt &#8211; 16 R\u00e4ume, von denen allerdings die meisten\u00a0recht klein sind. Alles wirkt auf mich sehr r\u00fchrend und\u00a0erinnert mich auch irgendwie an die Atmosph\u00e4re in Schackenhof, dem polnischen Landgut meiner Grosseltern m\u00fctterlicherseits.<\/p>\n<p>Nachher fahren wir im Bus zum Schwimmbad, das an Stelle der daf\u00fcr abgebrochenen\u00a0Kirche errichtet wurde. Das Wasser habe laut einer Tafel am Eingang die konstante Temperatur\u00a0von 27 Grad &#8211; auch im tiefen Winter. Adalberto will nicht schwimmen und macht sich selbst\u00e4ndig.<\/p>\n<p>Ich kaufe Karten f\u00fcr Eintritt und Handtuch-Miete. Auf der Eintrittskarte ist der entsprechende Sektor zum grossen, runden, Schwimmbecken angegeben. Der \u00a0Umkleideraum ist reichlich herunter gekommen,\u00a0was bei vielen, auch relativ neuen Bauwerken der Fall ist. Erst jetzt erfahre ich, dass ich noch anderthalb Stunden warten m\u00fcsse, bis ich\u00a0drankomme &#8211; und dann d\u00fcrfe man nur eine vorgeschriebene Dauer schwimmen, h\u00f6chstens w\u00e4hrend einer Stunde. Angesichts dieser Bedingungen ziehe ich vor, auf das Schwimmen zu verzichten.<\/p>\n<p>Statt\u00a0dessen besuche ich das Marx\/Engels-Institut in einem ehemaligen\u00a0Adelspalast, umgeben von\u00a0einem Garten.<\/p>\n<p>Anschliessend gelingt mir noch ein &#8211; leider viel zu\u00a0kurzer &#8211; Besuch im daneben liegenden Puschkin-Museum, 1912 im\u00a0klassizistischen Tempelstil erbaut. Ganz herrliche Impressionisten,\u00a0fr\u00fche Picassos, sowie einige neue Legers, vom K\u00fcnstler\u00a0dem Museum geschenkt. Besonders eindr\u00fccklich wirkt auf mich der kleine, wohlbekannte, r\u00fchrende Rousseau: &#8222;Poet und seine\u00a0Muse&#8220;. Ferner ist ein ungew\u00f6hnlich grosser Bonnard zu sehen &#8211; usw. usw. Ausserdem\u00a0hat es Kunstsch\u00e4tze aus Aegyptem, alte Italiener und\u00a0Franzosen wie Watteau usw.<\/p>\n<p>Adalberto erwartet mich im Hotel &#8211; er war im grossen Warenhaus GUM, hat aber\u00a0dort nichts gefunden, was er h\u00e4tte kaufen wollen. Nach dem Abendessen begeben wir uns zum Kreml in den sehr sch\u00f6nen Kongressaal im &#8222;Dworjets Sjesdow&#8220; (Kongresspalast). Der grosse\u00a0Saal bietet Platz f\u00fcr 6000 Menschen. Der Palast sei in nur 15\u00a0Monaten fertiggestellt worden. 1961 wurde er er\u00f6ffnet. Der Saal dient sowohl f\u00fcr Kongresse als auch f\u00fcr Konzert- oder Theater-Auff\u00fchrungen.<\/p>\n<p>Wir sitzen in der vordersten Reihe und ich lassen Verdis Oper &#8222;Rigoletto&#8220; \u00fcber mich ergehen. Aus R\u00fccksicht auf den Opernliebhaber Alberto versuche ich meine negative Einstellung zu Opern zu unterdr\u00fccken. Allerdings ist die Auff\u00fchrung aufwendig und recht gut inszeniert. Sehr kompliziert verl\u00e4uft die Handlung, die Verdi von einer in Frankreich\u00a0verbotenen Erz\u00e4hlung von Victor Hugo \u00fcbernommen haben\u00a0soll.<\/p>\n<p>Adalberto kritisiert den Sopran &#8211; in Mailand h\u00e4tte\u00a0man diese Solistin gleich verjagt, weil \u00a0ihre Stimme anscheinend auf und ab geht. Dagegen lobt er den Tenor. In der Pause rollen wir auf einer der vielen\u00a0mechanischen Treppen hinauf in einen ebenfalls sehr sch\u00f6nen, kleineren\u00a0Saal im obersten Stockwerk. Hier sind Buffets aufgestellt. Wir verschlingen schwer aufliegende &#8222;Blini&#8220;\u00a0mit einem L\u00f6ffel echtem Kaviar und danach Sahne-Eis mit\u00a0Konfit\u00fcre aus schwarzen Johannisbeeren.<\/p>\n<p>Der Strom der herausfliessenden\u00a0Zuschauermenge beginnt erst bei den zahllosen Autobussen\u00a0und dann auf dem Roten Platz zu versickern. Wir gehen \u00a0in die beleuchtete &#8222;Vasili\u00a0Blashenni&#8220;-Kathedrale um zu fotografieren. Adalberto w\u00fcnscht sich das &#8211; ich finde es zwar sinnlos ohne Stativ &#8211; mache ihm aber die\u00a0Freude. Er scheint es zu sch\u00e4tzen, dass ich trotz grosser M\u00fcdigkeit mit ihm in die Kirche gekommen bin.<\/p>\n<p><strong>Sonntag, 24, September 1972<\/strong> (Moskau &#8211; Z\u00fcrich).<\/p>\n<p>Nach dem Fr\u00fchst\u00fcck fahren wir im Taxi\u00a0zur Kirche &#8222;Blagoslowskaja&#8220;, die uns Frossia empfohlen hat. Der Gottesdienst ist sehr ergreifend, gemeinsam zelebriert von sechs Priestern. Dazu Gesang von einem grossen Chor. Kerzen werden weitergereicht\u00a0mit gefl\u00fcsterten Angaben, wo sie angez\u00fcndet werden\u00a0sollen. Immer wieder\u00a0bekreuzigen sich Leute, trotz dem dichten Menschenkn\u00e4uel, mit weiten\u00a0Gesten. Die Frauen \u00fcberwiegen in der Zahl, \u00a0fast alle alt\u00a0und arm wirkend, in Kopft\u00fcchern, das alte M\u00fctterchen Russland verk\u00f6rpernd.<\/p>\n<p>Sauerstoff zum Atmen hat es fast keinen mehr. Wir stehen l\u00e4ngere\u00a0Zeit in der Menschenmenge. Zuletzt bef\u00e4llt mich leichtes Unwohlsein.\u00a0Wir gehen hinaus \u00a0an die frische Luft und gleich\u00a0geht es wieder besser. Nachher stehen wir im hinteren Teil\u00a0der Kirche. Dort ist die Luft in der N\u00e4he der T\u00fcre noch\u00a0weniger verbraucht. Trotzdem f\u00e4llt eine Frau um. Ich\u00a0schleppe das uralte Gespenstlein hinaus aus der Kirche &#8211; ein leichtes H\u00e4ufchen\u00a0Knochen in viel zu weiten, schweren, wollenen Kleidern. Die Alte st\u00f6hnt, sie w\u00fcrde nichts mehr sehen, nichts\u00a0verstehen. Draussen setzte ich sie auf ein M\u00e4uerchen, neben eine wirklich Blinde &#8211; so dass mein B\u00fcndel auf die\u00a0blinde Nachbarin kippen w\u00fcrde, sollte es weiter schlecht gehen. Als ich sp\u00e4ter erneut aus der Kirche herauskomme, plaudern die Beiden ganz zufrieden miteinander und haben sich wohl in\u00a0ihrem Elend gefunden.<\/p>\n<p>In der Kirche geht der Gottesdienst endlos\u00a0weiter. Ein mongoloider Junge beginnt pl\u00f6tzlich, einen Mann\u00a0zu schlagen &#8211; beruhigt sich gleich danach aber wieder. Geld wird von\u00a0drei alten Weibern, die sich hintereinander durch die Leute\u00a0zw\u00e4ngen, in grossen flachen Sch\u00fcsseln eingesammelt. Wir gehen, bevor der Gottesdienst zu Ende ist.<\/p>\n<p>Die Religion hilft\u00a0tats\u00e4chlich den Unterprivilegiert, das Leben zu ertragen,\u00a0das habe ich hier besonders deutlich empfunden. Welch grossartiges\u00a0Instrument die Kirche also in der Hand der Herrschenden doch sein kann! Damit l\u00e4sst sich der Zustand des krassen, wirtschaftlichen Ungleichgewichts lange Zeit \u00fcberspielen.<\/p>\n<p>Als neue Pseudo-Religion dient die Verg\u00f6tterung\u00a0von Lenin: Hier begegnet man Lenin \u00fcberall;\u00a0von den Denkm\u00e4lern bis zur Metro (im Namen Lenins), Adelspal\u00e4sten, die durch Hinweis-Schilder aufgewertet werden, weil\u00a0Lenin einmal dort gesprochen hat &#8211; bis zu\u00a0Fotografien von Orten, die verehrungsw\u00fcrdig wurden, weil\u00a0Lenin einmal dort geschlafen, gegessen, oder geschrieben\u00a0haben soll. Eine solche Foto-Serie ist beispielsweise \u00a0an den W\u00e4nden der Korridore im Hotel Rossija zu sehen.<\/p>\n<p>Von der Metrostation &#8222;Baumann&#8220; &#8211; anscheinend nach einem\u00a0Revolution\u00e4r dieses Namens benannt &#8211; fahren wir ins\u00a0Herz der Stadt zur\u00fcck\u00a0und besuchen erneut den Kreml. Adalberto\u00a0hat die &#8222;Tsar Puschka&#8220; (K\u00f6nig Kanone) und &#8222;Tsar Kolokol&#8220; (K\u00f6nig Glocke) &#8211; die grosse Glocke mit dem abgebrochenen\u00a0Teilst\u00fcck, das allein 11 Tonnen wiegt &#8211; noch nicht\u00a0gesehen.<\/p>\n<p>Erstaunlich lange Menschen-Schlangen winden sich schon im Park vor und zur\u00fcck, wobei unglaublich geduldige Menschen allm\u00e4hlich zur\u00a0anderen Seite der Kremlmauer auf den Roten Platz gelangen. Dort k\u00f6nnen sie\u00a0zuletzt im Mausoleum Lenins\u00a0im Vorbeigehen einen kurzen Blick auf das echte (oder aus Wachs\u00a0nachgebildete?) Gesicht des Verg\u00f6tterten erhaschen. Allein die Tatsache, das man nur ganz langsam zu diesem geheiligten Leichnam gelangen kann,\u00a0erh\u00f6ht vermutlich die Intensivit\u00e4t des Erlebten.<\/p>\n<p>Eine\u00a0andere Menschenschlange umwindet drei Seiten des langen\u00a0Geb\u00e4udes der ehemaligen Manege, in der mein Grossvater, zusammen mit meinem Vater einst ihre Reitk\u00fcnste vorgef\u00fchrt und daf\u00fcr eine Goldmedaille erhalten haben. Gezeigt wird eine Fotoausstellung\u00a0\u00fcber Frankreich. F\u00fcr meisten Russen bleibt eine Ausland-Reise ein unerf\u00fcllbarer Traum.<\/p>\n<p>Vor und w\u00e4hrend des Mittagessens werden Postkarten beschrieben,\u00a0die ich zur Freude von Adalberto, nach einigem\u00a0Suchen in einem der halb leeren Buchl\u00e4den des Hotel Rossija auftreiben konnte.<\/p>\n<p>Dann stundenlanges Warten im Flughafen. Ich\u00a0ben\u00fctze die Zeit f\u00fcr Tagebuchnotizen.<\/p>\n<p>Vor der Abreise stecke ich 200 Rubel in einen Umschlag\u00a0und schicke sie an Frossias Adresse. Hoffentlich wird\u00a0sie das Geld erhalten. Von den aus der Schweiz mitgebrachten 300 Rubel\u00a0sind immer noch etwas mehr als 50 Rubel \u00fcbrig geblieben, die ich dann\u00a0in Z\u00fcrich wieder umwechsle. Somit haben wir nur etwa 50 Rubel verbrauchen k\u00f6nnen, trotz zweimaligem Theaterbesuch mit\u00a0besten Pl\u00e4tzen,\u00a0Kaffetrinken, Eis, Sandwiches, Taxi- und Metro-Fahrten.<\/p>\n<p>Der R\u00fcckflug nach Z\u00fcrich ist direkt, ohne Zwischenlandung. Wir kommen aber mit zwei Stunden Versp\u00e4tung an. Im M\u00f6venpick geniessen wir grosse Portionen von frischem Salat\u03c0.<\/p>\n<p>Es war eine kurze und gleichzeitig interessante Reise. Aber die Voraussage des Barmanns, beim Zwischenstopp in Budapest, hat sich dabei als richtig erwiesen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In vier Tagen erlebten Adalberto und ich Dinge, die f\u00fcr die damalige Sowjetunion charakteristisch waren. R\u00fcckblickend d\u00fcrfte das heute wahrscheinlich recht interessant sein. Ebenso wie das ganze Sowjetreich, beruhte auch das von uns bewohnte Hotel Rosija (Russland) auf Illusionen &#8211; verbunden mit \u00f6konomisch falschen Voraussetzungen. \u00a0Chrutschew hatte angeordnet, einen historisch wertvollen Stadtteil vollst\u00e4ndig abzutragen. 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