{"id":1079,"date":"2016-03-22T10:10:36","date_gmt":"2016-03-22T10:10:36","guid":{"rendered":"http:\/\/ivanruperti.info\/?p=1079"},"modified":"2018-02-26T10:16:58","modified_gmt":"2018-02-26T10:16:58","slug":"brescia-und-die-monet-ausstellung","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/ivanruperti.info\/?p=1079","title":{"rendered":"Brescia und die Monet-Ausstellung"},"content":{"rendered":"<p>Brescia erschien mir bisher als eine zwar wichtige aber f\u00fcr mich uninteressante Industriestadt, an der ich oft unterwegs nach Venedig vorbeifuhr, eine knappe Stunde nach Mailand. \u00a0Nun konnte ich Brescia n\u00e4her kennen lernen.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Der in der Po-Ebene gelegene Teil von Brescia ist eine\u00a0moderne Industriestadt, eine haupts\u00e4chlich nach dem zweiten Weltkrieg entstandene Trabantenstadt. Auf einem dar\u00fcber liegenden H\u00fcgel ist jedoch das schon zur R\u00f6merzeit gegr\u00fcndete Brixia &#8211; mit seinen im Laufe von zwei Jahrtausenden errichteten Baudenkm\u00e4lern &#8211; als pr\u00e4chtiges, historisches Architekturensemble erhalten bleiben. Das war f\u00fcr mich eine Entdeckung, die mich richtig begeistert hat.<\/p>\n<p>Brescia beabsichtigt den Ruf einer europ\u00e4ischen Kulturhauptstadt \u00a0einzunehmen. Der geplante Aufstieg zur &#8222;capitale dell&#8217;arte&#8220; begann am 23. Oktober 2004. An diesem Tag wurden in Brescia gleichzeitig f\u00fcnf Ausstellungen er\u00f6ffnet. Das Zugspferd ist dabei die Monet-Ausstellung.<\/p>\n<p>Die n\u00e4chste Ausstellungsserie beginnt im Oktober 2005. Sie wird gekr\u00f6nt mit Gaugin, Van Gogh und Mondrian. Im Herbst 2006 soll es mit wichtigen amerikanischen Malern weitergehen, gefolgt von den Fauves und den Expressionisten im Wintersemerster 2007\/2008.<\/p>\n<p>Die Ausstellungen des Jahres 2004 sind alle in der erh\u00f6ht gelegene Altstadt von Brescia veranstaltet, aufgeteilt auf zwei St\u00e4tten, die nicht weit voneinander entfernt sind.<\/p>\n<p>Santa Giulia ist ein von Napoleon aufgehobenes Kloster. Der riesige Komplex beherberg heute mehrere Museen. Hier sind drei der gleichzeitig er\u00f6ffneten Ausstellungen zu sehen. Die beiden anderen finden sich in der Pinakothek Tosi-Martinengo, einem historischen Stadtpalast.<\/p>\n<p>Empfehlenswert ist eine Stadtrundfahrt zum Kennenlernen der bemerkens-werten Architekturgeschichte der einstigen r\u00f6mischen Stadt Brixia. Zu jeder vollen Stunde startet an der Museumsstrasse &#8211; vor den erhalten gebliebenen S\u00e4ulen des r\u00f6mischen Forums &#8211; ein originelles Fahrzeug. Das einstige Tram ist aus Brescia verschwunden. Ein privates Unternehmen kaufte einen der Tramwagen, polsterte die Holzb\u00e4nke und stellte den restaurierten Wagen auf das Fahrgestell eines Busses.<\/p>\n<p>Die Rundfahrt vermittelt einen guten ersten Eindruck. Reizvolle Pl\u00e4tze sind umringt von gotischen Bauten des &#8222;due- e trecento&#8220;, andere entstanden w\u00e4hrend der 350-j\u00e4hrigen Herrschaft von Venedig \u00fcber Brescia, also bis zur Zeit von Napoleon &#8211; weitere w\u00e4hrend der nachfolgenden Herrschaft der Osterreicher, die mit dem vereinten italienischen K\u00f6nigreich ein Ende fand.<\/p>\n<p>Interessant ist auch das Castello (in dem sich heute zwei weitere Museen befinden). Brescia wird von dieser Schlossburg \u00fcberragt und von hier aus wurde die Stadt von den \u00d6sterreichern beschossen. Den chronologischen Abschluss des architektonischen Bilderbuches bildet Piazza Vittoria, ein monumentales Ensemble im Stil des Faschismus.<\/p>\n<p>Die Pinakothek Tosio-Martinengo basiert haupts\u00e4chlich auf den reichen Sammlungen, die Graf Paolo Tosio im Jahre 1844 und Leopardo Martinengo im Jahre 1883 der Stadt geschenkt haben. Eine beschr\u00e4nkte Auswahl von 60 Gem\u00e4lden aus dem 15. bis zum 18. Jahrhundert werden hier in einer neuartigen und sehr beeindruckenden Weise pr\u00e4sentiert.<\/p>\n<p>Gleichzeitig sind in einem anderen Fl\u00fcgel des historischen Palastes eine Auswahl aus der 30 000 Werke umfassenden Kupferstichsammlung der Pinakothek zu sehen. Auch daf\u00fcr wurden nur 60 Meisterwerke ausgew\u00e4hlt; von D\u00fcrer, Schongauer, Rembrandt &#8211; bis hin zur Neuzeit. In beiden F\u00e4llen handelt es sich um tempor\u00e4re Ausstellungen.<\/p>\n<p>&#8222;Tizian und die venezianische Malerei im 16. Jh.&#8220; heisst eine der drei Ausstellungen in den Geb\u00e4uden des ehemaligen Klosters Santa Giulia. Sie zeigt neben dem grossen Portr\u00e4t von Fran\u00e7ois I von Tizian, auch einige Gem\u00e4lde von Tintoretto, Veronese, Bassano usw. Diese fast nie ausgeliehenen Werke konnten in Brescia ausgestellt werden, da zur gleichen-Zeit der entsprechende Saal im Louvre infolge der Restauration der ber\u00fchmten Mona Lisa geschlossen blieb.<\/p>\n<p>Die grossartigen Monet-Ausstellung in Santa Giulia umfasst rund 110 wichtige Werke, zusammengetragen von Museen aus aller Welt. Sie wurde &#8211; erstmals in der Kunstgeschichte &#8211; auf das Thema &#8222;Monet und die Seine&#8220; ausgerichtet. (Was f\u00fcr ein grosses Gl\u00fcck, dass wir zur Abrundung jetzt auch die Ausstellung mit dem \u00a0Thema &#8222;Monets Garten&#8220; in Z\u00fcrich erleben k\u00f6nnen!)<\/p>\n<p>Die ersten S\u00e4le der Monet-Ausstung von Brescia zeigten Werke seiner Zeitgenossen, die ebenfalls dem speziellen Thema der Seine gewidmet sind: Pissarro. Renoir, Sisley und Caillebotte.<\/p>\n<p>Die n\u00e4chsten S\u00e4le folgen den entlang der Seine liegenden Wohnorten von Monet: Argenteuil, Vetheuil, Giverny. Neben den Bildern schuf Monet dort auch jeweils G\u00e4rten, von denen die letzte und weitaus gr\u00f6sste Anlage in Giverny mit dem Seerosenteich die bekannteste geworden ist.<\/p>\n<p>Vom Komplex der Geb\u00e4ude und der Gartenanlagen in Giverny wird in der Ausstellung auch ein grosses, detailliertes Modell gezeigt. Monet arbeitete in einem &#8222;bateau-atelier&#8220; um die Seine unmittelbar zu erfassen. Eine genaue Rekonstruktion seines Bootes in nat\u00fcrlicher Gr\u00f6sse wurde eigens f\u00fcr diese Ausstellung angefertigt. Darin sieht man auch die Nachbildung seiner beiden Holzkoffer mit je acht auf Chassis gespannten Leinw\u00e4nden.<\/p>\n<p>In den Sommermonaten stand Monet schon um 03h30 auf und liess sich von einem seiner G\u00e4rtner im Atelier-Boot auf die Seine rudern. Das Boot wurde verankert und der Maler entnahm seine aufgespannten, nummerierten Leinw\u00e4nde &#8211; eine nach der anderen &#8211; aus den Koffern. Er arbeitete jeweils nur f\u00fcr kurze Zeit an jedem der schon begonnenen Bildern, um die rasch wechselnde Stimmung der Flusslandschaft festzuhalten.<\/p>\n<p>Es beginnt mit den noch kaum erkennbaren Umrissen der B\u00e4ume zwischen denen Nebelschwaden vom Wasser aufsteigen. Dann folgt die Weiterarbeit an den Bildern mit immer hellerem Licht und st\u00e4rker hervortretenden Farben &#8211; bis zuletzt der Sonnenaufgang die Wasseroberfl\u00e4che mit goldenen Funken \u00fcbers\u00e4t. So entstand &#8222;La serie des matins sur la Seine&#8220;.<\/p>\n<p>Schon bei zahllosen Werken fr\u00fcherer Maler hat das Wasser eine entscheidende Rolle gespielt. Dabei diente meist eine stilles Gew\u00e4sser als Spiegel, um die Uferlandschaft wiederholen zu k\u00f6nnen &#8211; aber auf den Kopf gestellt. F\u00fcr Monet gewann jedoch die eigentliche Oberfl\u00e4che des Wassers gegen\u00fcber der Landschaft eine immer gr\u00f6sser werdende Bedeutung. Die Seine und das zum Teich des Gartens von Giverny eingeschleuste Wasser der Seine bildeten f\u00fcr ihn nicht bloss einen Spiegel, sondern hatten ein Eigenleben. Man erkennt unter der Oberfl\u00e4che verborgene Algen und auf dem Wasser schwimmen Bl\u00e4tter und Bl\u00fcten von Seerosen.<\/p>\n<p>Im Jahre 1914 begann das Sehverm\u00f6gen des im Jahre 1840 geborenen Malers -infolge einer Augenkrankheit &#8211; sich allm\u00e4hlich zu verschlechtern. Es ist deshalb kein \u00a0Zufall, dass in seinen grossformatigen, sp\u00e4ten Werken (die Monet bloss als &#8222;decorations&#8220; bezeichnete) die umgebende Landschaft ganz verschwindet und nur noch die Wasseroberfl\u00e4che die ganze Leinwand einnimmt.<\/p>\n<p>Von seinem &#8222;pont japonais&#8220; konnte Monet den darunter liegenden Seerosen-teich immer noch aus der N\u00e4he betrachten. Die Bildsprache wird allm\u00e4hlich fast abstrakt &#8211; vor allem in seinen Seerosenbildern, die im letzten Saal zu sehen sind.<\/p>\n<p>Den Abschluss der Ausstellung \u00a0bildet ein grossformatiges Bild, das 1920 entstand und haupts\u00e4chlich aus einer Fl\u00e4che von Blaut\u00f6nen besteht. Der damals 80-j\u00e4hrige Monet hat diese Fl\u00e4che teilweise mit andersfarbigen Pinselstrichen \u00fcbermalt. Man muss erst den Titel lesen, um zu erfassen, dass sich in dieser traumhaften Abstraktion bl\u00fchende Ranken von Glyzinien im Wasser spiegeln. Grossartig!<\/p>\n<p>Diesen Text schrieb ich Ende Oktober 2004.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Brescia erschien mir bisher als eine zwar wichtige aber f\u00fcr mich uninteressante Industriestadt, an der ich oft unterwegs nach Venedig vorbeifuhr, eine knappe Stunde nach Mailand. \u00a0Nun konnte ich Brescia n\u00e4her kennen lernen.<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[10],"tags":[],"class_list":["post-1079","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-kunst"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/ivanruperti.info\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1079","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/ivanruperti.info\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/ivanruperti.info\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/ivanruperti.info\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/ivanruperti.info\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1079"}],"version-history":[{"count":3,"href":"http:\/\/ivanruperti.info\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1079\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1083,"href":"http:\/\/ivanruperti.info\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1079\/revisions\/1083"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/ivanruperti.info\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1079"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/ivanruperti.info\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1079"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/ivanruperti.info\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1079"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}