{"id":1051,"date":"2016-05-28T16:55:20","date_gmt":"2016-05-28T16:55:20","guid":{"rendered":"http:\/\/ivanruperti.info\/?p=1051"},"modified":"2018-02-11T17:04:15","modified_gmt":"2018-02-11T17:04:15","slug":"besteigung-des-vulkans-stromboli-dann-sizilien-rundreise","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/ivanruperti.info\/?p=1051","title":{"rendered":"Besteigung des Vulkans Stromboli &#8211; dann  Sizilien-Rundreise"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>Im Mai 1969 unternahm ich mit Bruno im eigenen Auto eine Reise durch ganz Italien. Dabei machte ich Notizen in einen Block. Sowohl vom Anfang als auch vom Ende dieser Reise sind die entsprechenden Seiten verloren gegangen. Doch allein was erhalten geblieben ist, scheint mir recht interessant zu sein:<\/em><\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p><strong>Samstag, 21. \/ Sonntag 22. Mai 1969, Stromboli:\u00a0<\/strong>Am Samstag fr\u00fche Tagwacht. Abfahrt um 05.45. Spiegelglattes Meer. Panarea eine sch\u00f6ne Insel wie Lipari, nur kleiner. Vorbei an den kleinen Felseninseln Basiluzzo, bei der seltsam geformte Inselchen aus dem Meer ragen. Eine hat die Form des Mail\u00e4nder Doms. Alle sind unbewohnt und sp\u00e4rlich oder gar nicht bewachse,<\/p>\n<p>Um 10 Uhr kommen wir in Stromboli an. Leider verh\u00e4ngen einzelne Wolken die Sicht auf den Berg. Das Schiff geht unweit der Insel im Meer vor Anker. Man wird in einem \u00fcberf\u00fcllten Ruderboot zum schwarzen Lava-Strand gebracht. Unangenehme Gedanken, diese Landung bei bewegtem Meer machen zu m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Wir gehen nur ein paar Schritte \u00fcber den Strand und quartieren uns ein im Albergo \u201eLa Sirenetta&#8220;: Camera No. 1, mit grosser Terrasse direkt aufs Meer. Sehr einfach, sehr nett. Doch die Insel macht einen be\u00e4ngstigenden Eindruck. Nur noch 300 Einwohner. Fr\u00fcher, den vielen H\u00e4usern nach zu schliessen, m\u00fcssen es ein paar Tausend gewesen sein. Einige H\u00e4user sehr sch\u00f6n, weiss &#8211; jedes Jahr neu bemalt &#8211; auf den schwarzen Lavaklippen. Fast alle haben aber schon wieder die schwarzen, teilweise rostroten Steinw\u00e4nde, sind halb zerfallen, unbewohnt. Solche H\u00e4user hat es oft in traumhafter Lage.<\/p>\n<p>Baden am schwarzen Strand, der aber seltsamerweise gar nicht schmutzig ist. Immer weder bestaunen wir unser sauberen, weissen F\u00fcsse auf dem kohle\u00e4hnlichen Strand.<\/p>\n<p>Um vier Uhr Abmarsch unter der F\u00fchrung des bekannten Salvatore. Ein Hamburger kommt mit, sodass wir uns zu dritt in den F\u00fchrungspreis von \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0\u00a010 000 lire teilen, Ca. 3 Stunden Aufstieg bis auf 900 m. Leider wegen Wolken keine Sicht. Oben warten wir lange Zeit, teilweise in einer primitiven Schutzh\u00fctte, in der man nur liegen kann.<\/p>\n<p>Zuletzt haben wir doch Gl\u00fcck und k\u00f6nnen einige sch\u00f6ne Explosionen (unregelm\u00e4ssig stattfindende Ausbr\u00fcche) erleben. Grandioses Naturfeuerwerk Abwechselnd aus drei verschiedenen Krater-Schl\u00fcnden aufsteigend. Steine (Lapilli) fliegen 100 &#8211; 200 m hoch in die Luft. Donnerartiges Ger\u00e4usch welches pl\u00f6tzlich verstummt &#8211; nicht aushallt wie ein Donner.<\/p>\n<p>Die meisten Steine fallen in die Krater zur\u00fcck. Einige rollen die \u201eSciara&#8220; hinunter. Diese steile Schutthalde f\u00e4llt direkt ins Meer. Nur selten kommt Lava ( sagt Salvatore ), aber fast ununterbrochen Dampf, rot gespenstisch beleuchtet.<\/p>\n<p>Abstieg mit Taschenlampen direkt die steile \u201eSciara Vecchia&#8220; hinunter (35 \u00b0) kn\u00f6cheltief durch Asche watend. Salvatore macht auf jeden Stein, oder unter der Asche verborgene Lavaplatten (Rutschgefahr) aufmerksam. Dann im Vegetations-Gebiet angelangt durch Schilfdickicht &#8211; ,,Achtung Augen, Achtung Stock&#8220;. Salvatore beherrscht 5 Sprachen.<\/p>\n<p>Hier waren fr\u00fcher lauter H\u00e4nge mit Malvasia-Weinreben. Nachdem in diesem Jahrhundert die T\u00e4tigkeit des Vulkans wieder sehr lebhaft wurde, haben fast alle Bewohner die Insel verlassen. Auswanderung nach Australien. Salvatore erz\u00e4hlt wie fliegende Lipilli sogar im Dorf Leute get\u00f6tet hatten. Die Schilf-Dickichte werden auch alle paar Jahre durch gl\u00fchende Lipilli in Brand gesetzt<\/p>\n<p>Am Sonntag Bad auf v\u00f6llig menschenleeren Strand mit sehr malerisch geformten Lavaklippen und schwarzem Sand. Keine Muscheln aber viele Fische, die ich mit meiner in Lipari gekauften sehr guten Unterwasser-Brille beobachten kann. Das Wasser ist allerdings zu k\u00fchl f\u00fcr allzu lange B\u00e4der.<\/p>\n<p>Abend begleite ich mit dem Hamburger und seiner Frau sowie einem weiteren Deutschen aus dem Hotel den Salvatore beim Tintenfisch-Fang. Er fischt unter der \u201eSciare del fuoco&#8220;, zieht einen Tintenfisch nach dem anderen ins Boot aus ca. 20 m Tiefe.<\/p>\n<p>Die schl\u00fcpfrigen Fische machen \u00e4rgerlich t\u00f6nende, laute Zischger\u00e4usche, wenn sie ins Boot geschleudert werden. Es ist das Wasser, welches sie in hohem Bogen ausspritzen. So bewegen sie sich offenbar auch im Wasser fort &#8211; wie ein D\u00fcsentriebwerk stelle ich mir vor<\/p>\n<p>Es ist so spannend, der im Petrol-Licht vor sich gehend Fischerei zuzusehen, dass ich kaum Zeit finde, die Ausbr\u00fcche des Vulkans zu beobachten.<\/p>\n<p>Es ist eine herrliche, sternklare Nacht. D\u00fcnner sichelf\u00f6rmiger Mond, dessen ganze Scheibe schwach sichtbar ist. Man kann st\u00e4ndig die rot beleuchteten Dampfwolken sehen. Es qualmt wie aus einer Dampflokomotive, ununterbrochen.<\/p>\n<p><strong>Montag 23. Mai, Stromboli &#8211; Milazzo &#8211; Tindari<\/strong>: Angenehme Schiffsfahrt nach Milazzo bei spiegelglatte Meer, W\u00e4rme und Sonne von 10 &#8211; 17 Uhr. Viel Zeit geht verloren mit interessanten Zwischenlandungen auf Panarea, Salina und Lipari. Dabei halten wir an verschiedenen Orten dieser Inseln.<\/p>\n<p>Eine \u00e4ltere, trotz Ganzkorsett dick deutsche Dame, die uns schon auf Lipari durch ihr gebieterisches Auftreten aufgefallen ist, winkt mich befehlend zu sich heran. Sie will schw\u00e4tzen. Ich frage &#8211; weil sie so viel zu wissen scheint &#8211; ob sie sich hier gut auskenne. ,,Niemand &#8211; h\u00f6ren Sie &#8211; kennt Itaaaalien so gut wie ICH ! &#8220;<\/p>\n<p>Es stellt sich heraus, dass sie eine Schriftstellerin ist, aus M\u00fcnchen, doch in Rom \u00b7 lebend. Den Namen will sie mir nicht sagen, nur ihre Buchtitel. 1935 sei ihr Sizilienbuch herausgekommen, das seither 10 Neuauflagen erlebte. Im Herbst dieses Jahres soll erscheinen: ,,Ungehobener Schatz Kalabrien&#8220;. Sie ist auf diesen Inseln Gast des Pr\u00e4sidenten. ,,Der ganze Mann ist nur seine Dreissig &#8211; aber Kultuuuur, sage Ihnen&#8220;.<\/p>\n<p>Doch es gef\u00e4llt ihr nicht hier. Besonders Stromboli \u201eScheusslich&#8220;.\u00a0Auch klagt sie sehr \u00fcber die \u201efoschia&#8220;, welche uns tats\u00e4chlich um die Fernsicht bringt. Man sieht nie alle Inseln, nur h\u00f6chstens diejenige, die man gerade verlassen hat, oder die n\u00e4chste im Kurs.<\/p>\n<p>Von Milazzo Auto-Fahrt bis Tindari. Seltsames Gef\u00fchl wieder auf \u201efestem Land&#8220; zu sein und im Auto zu fahren. Tindari liegt sehr malerisch auf einem steil direkt ins Meer abfallenden Felsen, leider durch unfertigen Monsterbau einer Kirche verunziert. Tindari ist Wallfahrtsort einer schwarzen Madonna. Die Kirche ist aus Beton, aber einer romanischen Basilka &#8222;nachempfunden&#8220;. Abscheulich.<\/p>\n<p>Es hat nur ein Hotel mit h\u00fcbschem vernachl\u00e4ssigten Garten und ein Dutzend H\u00e4user. Weiter auf dem schmalen Kamm liegen die Ausgrabungen der griechischen Stadt \u201eTyndaris&#8220;, die sp\u00e4teste griechische Kolonie in Sizilien. Sehr sch\u00f6ne eingez\u00e4unte Anlage, geschmackvoll mit Agaven und einigen Blumen verziert, aber nicht zu sehr. Zu sehen ist eine Basilika und vor allem ein Theater, halbrund in den Hang eingebettet mit herrlichem Bick \u00fcber einige Pinien und Zypressen bis aufs Meer.<\/p>\n<p><strong>Dienstag, 24. Mai Tindari &#8211; Enna<\/strong>: Nach einer Fahrt entlang der K\u00fcste, bei St. Agata Abzweigung. Die K\u00fcstenstrasse ist relativ eng und ist stark befahren. Die Landschaft sch\u00f6n. Immer wieder Blicke auf malerische Buchten mit teilweise breiten Sandstr\u00e4nden. Aber die sch\u00f6ne Landschaft ist beeintr\u00e4chtigt durch die h\u00e4sslichen H\u00e4user, die sich einzeilig, meist zweist\u00f6ckig, der Strasse entlang ziehen.<\/p>\n<p>Bruno glaubt, es m\u00fcsse ein Steuergesetz bestehen, welches verputzte H\u00e4user anders klassiert als unverputzte. Tats\u00e4chlich sieht man nur selten eine verputzte Villa aus dem letzten Jahrhundert, sonst nur W\u00e4nde aus Backsteinen und Natursteinen gemischt, meist mit Beton-Balk\u00f6nchen, die teilweise italienisch modernistische Eisengel\u00e4nder haben. Diese sind dann grellfarbig bemalt.<\/p>\n<p>Nach der Abzweigung ist die Strasse sofort menschenleer. Dabei ist sie nicht viel schm\u00e4ler als die Hauptstrasse an der K\u00fcste. In vielen Wendungen geht es auf einen Grat hinauf durch die Nebrodi. Dies ist die mittlere der drei Berggruppen an der Nordk\u00fcste. (Madonie, Nebrodi, Mont Peloritani).<\/p>\n<p>Ein malerisch gelegenes St\u00e4dtchen auf einer Felskuppe, San Fratello. Wir wissen noch nicht, dass alle St\u00e4dtchen in diesen Bergen wie auf einem Bergr\u00fccken zusammengetriebene H\u00fchner aussehen. Herrlich der Gegensatz der dicht ineinander verschachtelten D\u00e4cher und der gr\u00fcnen Umgebung. Nur ab und zu kleine, alleinstehende Bauernh\u00e4uschen, meist in herrlichen Lagen.<\/p>\n<p>Die Bauern wohnen hier lieber in St\u00e4dten. Fr\u00fcher war das wohl wichtig zur Verteidigung &#8211; heute eine Gewohnheit. Die Umsiedlungsversuche aufs Land sollen h\u00e4ufig gescheitert sein. Wir sehen Gruppen fast leer stehende neuer H\u00e4user, offenbar vom Staat gebaut.<\/p>\n<p>Nach dem Pass liegt der teilweise verschneite Aetna majest\u00e4tisch vor uns. Herrlich de St\u00e4dte Cesario und Troina, die beiden h\u00f6chstgelegenen St\u00e4dte Siziliens ( etwas \u00fcber 1&#8217;000 m). Besonders interessant ist Nicosia. Kathedrale aus dem 14. Jh. und auf Felsspritz gelegene, andere Kirche. Sehr sch\u00f6ne Renaissance H\u00e4user.<\/p>\n<p>Wie \u00fcberall erweckt unser \u201eTriumph Spitfire&#8220; grosses Interesse. Knaben und J\u00fcnglinge (aber nie M\u00e4dchen) umringen uns, wenn wir anhalten. Bruno macht den nicht sehr appetitlich aber zutreffenden Vergleich \u201eCome gli mosche su un stronzo&#8220;.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend ich \u201esightseeing&#8220; mache, l\u00e4sst Brune einen dieser J\u00fcnglinge ans Steuer ( einer von uns muss ja immer in der offenen Maschine bleiben). Dieser f\u00e4hrt laut hupend eine Runde durchs St\u00e4dtchen, damit ihn alle sehen. Ich komme gerade dazu wie er mit hochrotem Kopf und schweissbedeckt zum Auto aussteigt. So ein Gl\u00fcck muss das f\u00fcr ihn gewesen sein.<\/p>\n<p>Im nahegelegenen Sperlinga sieht man, dass die H\u00e4user meist nur Fassaden sind, vor eigentlichen Bergh\u00f6hlen. Sperlinge liegt besonders malerisch.<\/p>\n<p>Von Leonforte Blick auf Enna, das nahe zu liegen scheint auf einem hohen Bergr\u00fccken. Infolge Strassensperrungen sind es aber mehr als 50 km bis dahin.<\/p>\n<p>Enna ist laut Cicero \u201eder Nabel Siziliens&#8220;. Umfassender Blick nach allen Richtungen. M\u00e4chtige Kirchen. Sehr lebhaft, Menschen, hupende Autos, ein riesiges Kastell aus der Normannenzeit am h\u00f6chsten Punkt. Die Stadt ist langgezogen, dem Bergr\u00fccken entsprechend. Man kann immer wieder weit ins Land sehen.<\/p>\n<p>Nachts fantastisch die Lichtergruppen der auf anderen Bergkuppen zusammengescharten St\u00e4dtchen, je weiter entfernt, so schw\u00e4cher sichtbar.<\/p>\n<p>Wir sind gl\u00fccklich \u00fcber das neue \u201eGrande Albergo Siclia&#8220;. Jedes Zimmer mit Bad, kein Geruch im Klo. Wir k\u00f6nnen uns richtig waschen und f\u00fchlen uns herrlich.<\/p>\n<p><strong>Mittwoch, 25. Mai, Enna &#8211; Agrigento<\/strong>: Sch\u00f6n Fahrt von Enna bis Piazza Armerina. Grosse Aufforstungen, meist Eucalyptus, geben der Landschaft wohl den Reiz zur\u00fcck, den sie vor der Entwaldung durch die Menschen besass. Hier scheint ein Wald schon fast wie ein Wunder.<\/p>\n<p>In Piazza Armerina sch\u00f6ner, grosser Barockdom mit seltsam angeklebtem alten Glockenturm. Auf dem Domplatz auch grosser Palast, heute offenbar das Gymnasium. Unser Auto ist anscheinend interessanter als der Lehrstoff.<\/p>\n<p>In 6 km Entfernung wurde eine r\u00f6mische Kaiservilla ausgegraben. Sie liegt in einer Mulde versteckt und diente als Jagd- oder Sommerhaus. Hier wurde die sch\u00f6nsten und gr\u00f6ssten (ca. 3000 m2) Fussboden-Mosaiken gefunden. Alles sehr gut gesch\u00fctzt durch D\u00e4cher aus durchsichtigem Hartplastik. Sehr eindrucksvoll ist die Gesamtanlage, der sch\u00f6ne Innenhof mit Granits\u00e4ulen, die beiden grossen Latrinen (Gemeinschaftsklos mit Marmordeckeln und darunter fliessende Kloake). Daneben Bassin, sozusagen Gross-Bidet.<\/p>\n<p>Fantastisch die B\u00e4deranlagen mit verschiedenen R\u00e4umen: einer mit kaltem Wasser, der n\u00e4chste zum Ein\u00f6len, dann ein Raum unter dem heisse Luft durchgef\u00fchrt wurde. Man sieht die Konstruktion sehr gut: der Boden ist auf ca. 80 cm hohen Backstein-S\u00e4ulchen, damit die warme Luft darunter zirkulieren kann.<\/p>\n<p>In Gela fahren wir zuerst an grossen, neuen Raffinerie-Anlagen am Meer vorbei. Es wurde hier Petroleum gefunden, vor wenigen Jahren. Durch die langgezogene Stadt, ohne zu halten weil wir hungrig sind. Am anderen Ende der Stadt essen wir in einem kleinen Autostello und gehen dann am dahinter liegenden Strand baden.<\/p>\n<p>Es ist ein endloser, breiter Sandstrand mit hellem, gold-beigem, feinen Sand. Wir legen uns auf die 10 &#8211; 15 m hohe D\u00fcne die auf der Nordseite zur Fixierung bepflanzt ist. Es sind B\u00fcsche, die an Oleander und Eucalyptus erinnern. Sch\u00f6ne Ginsterart mit silbrigen Bl\u00e4ttern. Wir geniessen es sehr. Das Wasser ist hier auf der S\u00fcdk\u00fcste merklich w\u00e4rmer. Auch die letzten, recht warmen Tage haben wohl dazu beigetragen.<\/p>\n<p>Nach dem Baden Besichtigung der griechischen Mauern, die ebenfalls unmittelbar beim Autostella sind. 300 m der Mauern sind ausgegraben. Es handelt sich um eine griechische Befestigung aus dem IV Jh. v. Ch. Der Sand vom Meer hat die Mauer immer wieder zugesch\u00fcttet, sodass h\u00f6her gebaut wurde. Die Mauer ist auf Felsen abgest\u00fctzt. Man sieht aber den Mauerfuss nicht. Sie ist aus Steinbl\u00f6cken aus drei verschiedenen Br\u00fcchen aufgebaut.<\/p>\n<p>Dar\u00fcber wurde die Mauer durch Backsteine weiter erh\u00f6ht. Diese halten jedoch dem Wind und Sand nicht stand und sind jetzt durch dicke Glasscheiben gesch\u00fctzt. Die Steinquader der Mauer liegen dagegen frei und sind sehr beeindruckend in ihrer unglaublichen Regelm\u00e4ssigkeit. Von der Seite gesehen wird durch die Fugen eine v\u00f6llig gerade Fluchtlinie gebildet.\u00a0Die Bl\u00f6cke sind ohne M\u00e4rtel aneinandergef\u00fcgt, jedoch mit interessantem System von Bolze fixiert. Die Mauer ist 5 m dick. Durch den Sand wurde sie so gut erhalten<\/p>\n<p>Wir am\u00fcsieren uns sehr \u00fcber ein altes M\u00e4nnchen das aus einer halb zerfallenen H\u00fctte auf uns zu-humpelt. Mit grossen rhetorischen Gesten in schwer verst\u00e4ndlichem, sizilianisch gef\u00e4rbtem Italienisch erkl\u00e4rt er, wie er hier auf seinem Land im Jahre 1948 die Mauer entdeckt und gemeldet h\u00e4tte. Er erz\u00e4hlt auch von seinen Besuchern (K\u00f6nig Gustav von Schweden etc.). Zeigt mit Spazierstock wie Griechen k\u00e4mpften und ein Tor verteidigten. Er zeigt uns auch eine Talmulde, wo sich mit gr\u00f6sster Wahrscheinlichkeit ein nicht ausgegrabenes, aber in der Topographie gut erkennbares, griechisches Theater befindet.<\/p>\n<p>Wir fahren durch grosse Felder mit Weizen etc. In einigen Feldern kleine, h\u00fcbsche, neue Bauernh\u00e4user, vom Staat gebaut, aber nicht benutzt. Seltsamer Eindruck.<\/p>\n<p>Bei der Einfahrt nach Agrigento werden wir von den Tempeln auf einem H\u00fcgelkamm begr\u00fcsst. Starker Eindruck von Agrigento, das offenbar in den letzten 3 &#8211; 5 Jahren erst angefangen hat, sich ungeheuer auszudehnen. Grosse Hochh\u00e4user r\u00fccksichtslos eines dicht dem anderen vor die Nase gesetzt. Drum herum nichts. Die Strassen kaum befahrbar, keine Trottoirs. Es ist direkt gef\u00e4hrlich, zu Fuss zu gehen. Man sieht direkt aus dem Felsen gegrabene Hausteile unmittelbar bei den Hochh\u00e4usern. Wie diese in 10 Jahren aussehen werden kann man sich vorstellen.<\/p>\n<p>Erstaunlich ist dieser Kontrast, nach dem im Innern des Landes eher passiv wirkenden Sizilien. Arm &#8211; wie ich erwartete &#8211; wirkt es eigentlich nirgends. Diese Zeiten sind wohl gl\u00fccklicherweise f\u00fcr Sizilien im Grossen Ganzen vorbei. Es gibt auch eigentlich keine Bettler (Ausnahme eine alte Frau auf einer Kirchentreppe).<\/p>\n<p><strong>Donnerstag, 26. Mai: Agrigento &#8211; Erice (Trapani)<\/strong>: Den Vormittag verbringen wir mit der Besichtigung der Tempel. Das Auto lassen wir im Hotel della Valle. Es ist ein ziemlich langer Marsch, der sich bemerkbar macht, weil es immer heisser wird, gegen Mittag fast zu viel<\/p>\n<p>Zun\u00e4chst Besichtigung des sehr gut eingerichteten Museums. Es ist noch nicht ganz fertig. Die Vitrinen sind meist wie Erker nach aussen gebaut. Drei Seiten mit Kupfer verkleidet &#8211; ergibt von aussen eine interessante Fassade. Von der milchigen Plastik-Abdeckung wird das Licht diffus auf die ausgestellten Gegenst\u00e4nde verteilt: meist Vasen mit sch\u00f6ner Bemalung.<\/p>\n<p>Neben dem Museum wird eine alte Kirche restauriert. Die modernen Geb\u00e4ude verschmelzen erstaunlich harmonisch mit alten, teilweise einbezogenen Mauerst\u00fccken. Sch\u00f6n sind auch grosse, moderne Schmiedearbeiten f\u00fcr die Abschlussgitter. Direkt beim Museum auch kleines, antikes Theater.<\/p>\n<p>Von den Tempeln ist sehr eindr\u00fccklich &#8211; wegen der sch\u00f6nen Lage &#8211; der \u201eTempio die Dioscuri&#8220;. (Tempel des Castor und Pollux). Vier S\u00e4ulen wurden aufgerichtet.<\/p>\n<p>Wir am\u00fcsieren uns \u00fcber einen jungen Mann, der einen Tobsuchtsanfall \u201edarstellt&#8220;. Es geht ca. 20 Minuten &#8211; zuerst glaubte ich von Weitem es handle sich um eine Theaterauff\u00fchrung. Zuletzt kann er einfach nicht mehr vor Ersch\u00f6pfung. Ein junger Mann hat ihn beim Vornamen genannt, obwohl er studiert hat und ,,ragioniere&#8220; ist &#8211; das ist alles!<\/p>\n<p>Im riesigen Zeus-Tempel &#8211; dies ist der gr\u00f6sste griechische Tempel \u00fcberhaupt &#8211; wurde eine der Kolossal-Statuen, liegend wieder zusammengesetzt (fast 8 m). Diese Statuen dienten als Atlanten zwischen den S\u00e4ule. Der Tempel ist nie fertiggestellt worden. Er sollte die Macht und den Reichtum der Stadt verk\u00f6rpern.<\/p>\n<p>Der Tempel des Hades ist der \u00e4lteste &#8211; aus dem 6. Jh. v.Ch. Ein Engl\u00e4nder liess vor 40 Jahren 7 der S\u00e4ulen wieder aufrichten.<\/p>\n<p>Der Tempel der Concordia sei neben dem Theseion in Athen der besterhaltene aller griechischen Tempel. Er hatte lange Zeit als christliche Kirche gedient: Die Cella-W\u00e4nde sind mit Bogen\u00f6ffnungen versehen worden. Seit 1748 (!) in alter Form wieder hergestellt.<\/p>\n<p>Alle 34 S\u00e4ulen stehen. Trotzdem finde ich diesen Tempel entt\u00e4uschend. Die S\u00e4ulen stehen so dicht zusammen. Ist es vielleicht so, dass man Ruinen als romantischer empfindet. Oder vielleicht weil perfekte Nachbildungen dorischer Tempel oft zu sehen sind und immer einen abstossenden Eindruck machen. So schliesst man von einer charakterlosen Kopie gar zur\u00fcck auf das Original.<\/p>\n<p>Sch\u00f6n gelegen &#8211; etwas erh\u00f6ht &#8211; ist der Tempel der Juno Lacini, von den einstigen 34 S\u00e4ulen stehen 25. Es ist die gleiche Aufteilung wie beim etwas j\u00fcngeren ConcordiaTempel: je 6 S\u00e4ulen an den Schmalseiten.<\/p>\n<p>Nach dem Essen fahren wir ab, zun\u00e4chst durch Landschaften mit grossen Feldern, die etwas kahl wirken, dann kommen intensiv bebaute Gegenden, mehr Gr\u00fcn, Weinbau. Gelegentlich B\u00e4ume der Strasse entlang. Sehr sch\u00f6ne Fahrt.<\/p>\n<p>Unterwegs Besichtigung der Tempel von Selinunte. Tempel G. riesengross, aber ein wirr durcheinander geworfener Tr\u00fcmmerhaufen. Einsturz wahrscheinlich bei Erdbeben. Sehr malerisch diese riesigen Kapit\u00e4le usw. Daneben noch zwei weitere Tempel E. und F. &#8211; einer mit wieder aufgerichteten S\u00e4ulen. In ca. 800 m Entfernung die Akropolis, grosse Anlage auf welcher Ausgrabungen im Gange sind.<\/p>\n<p>H\u00fcbsch der Fernblick auf den Tempel A in der Akropolis. Von dort wiederum sch\u00f6ne Blicke auf die drei erstgenannten Tempel und das Meer. Die Akropolis ist wohl f\u00fcr Altertumsforscher sehr interessant, aber nicht f\u00fcr einen Laien wie mich.<\/p>\n<p>Sch\u00f6ne Fahrt bei Abendsonne durch fruchtbare Gebiete (Marsala &#8211; Weingebiet) in welchen auch schon einzelne H\u00e4user neueren Datums vereinzelt im Gr\u00fcnen zu sehen sind, fast \u201ewie bei uns&#8220;.<\/p>\n<p>In Trapani, wo ich schon einmal eine Stunde gewesen bin (Zwischenlandung Palermo &#8211; Tunis), Abbiegung. 15 km hinauf auf Monte Erice. Einquartierung im Jolly Hotel.<\/p>\n<p><strong>Freitag, 27. Mai Erice<\/strong>: Wir nehmen es gem\u00fctlich. Sp\u00e4t aufstehen. Fahrt nach Trapani hinunter. Oben auf Erice, 750 m.\u00fc.M. ist es neblig und kalt. Der Wind rauscht im Pinienhain. K\u00fche weiden auf der Wiese vor dem Hotel und l\u00e4uten mit ihren Glocken. Man f\u00fchlt sich in die Schweiz versetzt.<\/p>\n<p>Unten in Trapani scheint die Sonne und es ist heiss. Wir besichtigen die Altstadt, die sich auf einer schmalen Landzunge befindet, die weit ins Meer st\u00f6sst, aber sich nur ganz flach aus dem Meer emporhebt. Faszinieren f\u00fcr mich (f\u00fcr Bruno ekelhaft) ist der Fischmarkt. Es hat hier auch einige \u201epesce spada&#8220; bei denen allein der Kopf mit dem Schwert ca. 1.50m gross ist. Das Fleisch ist fest und schmeckt wie Kalbfleisch\u00a0&#8211; ich habe es ein paar Mal gegessen. Dieser Fisch wird sehr gesch\u00e4tzt und ist relativ teuer, 1600 lire per Kilo. Am billigten sind grausliche, grosse Polypen, 300 lire per Kilo, aber dieser Preis scheint ein Liquidationspreis zu sein &#8211; es war fast ein Uhr und der Markt ging zu Ende.<\/p>\n<p>Bruno kann seine \u201eSammlung&#8220; durch ein Prachtst\u00fcck erweitern, ein Arzt: Dr. Malato. Bisherige &#8211; \u00fcber die er immer wieder lachen muss &#8211; alle auf Schildern w\u00e4hrend der Reise gelesen: Pasticceria Errore, Dr. Aiuto und das Prunkst\u00fcck:\u00a0Farmacia Culo.<\/p>\n<p>Mittagessen in einem Fischrestaurant. Am Nachmittag Spaziergang durch Erice, die Stadt auf dem Berg. Im Sommer offenbar lebhafter Touristenbetrieb. Herrliche Aussicht, k\u00fchle Luft und ein pr\u00e4chtiges, mittelalterliches St\u00e4dtchen. Jetzt alles leer. Der Berg ist nebelverh\u00e4ngt die ganze Zeit. Nur gelegentlich \u00f6ffnet sich der Blick f\u00fcr kurze Momente hinunter nach dem hell von der Sonne beschienenen Trapani, dem Meer, oder auf die \u00c4gadischen Inseln (Isole Egadi). Der Wind pfeift und es ist kalt.<\/p>\n<p>Die H\u00e4user sind aus grauem Stein, unverputzt. Die D\u00e4cher aus fast grauen &#8222;Coppi&#8220; &#8211; vor Alter farblos. Alles ist unglaublich sauber, still. Wir finden \u201eunitalienisch&#8220;.<\/p>\n<p>Die sauberen Gassen und einig grosse Pl\u00e4tze sind alle sehr sch\u00f6n gepflastert, wie Parkett in reichen H\u00e4usern. Die grossen Steine sind behauener Granit, durch Alter ganz glatt geschliffen. Dazwischen Kopfpflaster. In einigen Gassen sind die behauenen Steine in lange , parallelen Streifen in der Richtung der Gasse gelegt.<\/p>\n<p>Sehr gespenstisch &#8211; v\u00f6llig surrealistisch sogar &#8211; ist die Stimmung im Stadtgarten. Der Wind pfeift in den teilweise sehr sch\u00f6nen B\u00e4umen, Pinien usw. &#8211; viele Eisenb\u00e4nke, aber alle leer. Bronze-B\u00fcsten, sehr naturalistisch, Ende des letzten Jahrhunderts auf S\u00e4ulen in Bosketten. Am Ende des Stadtgartens ein graues Kastell ( aus dem gleiche Stein wie die H\u00e4user) der Turm mit Zinnen, tritt aus den vorbei fegenden Wolken hervor und verschwindet dann wieder &#8211; wie ein Film aus &#8230;&#8230; Schottland, bevor irgend eine Untat passiert!<\/p>\n<p><strong>Samstag, 28. Mai, Erice<\/strong>: Heute ist wohl der interessanteste Tag der Reise. Ich habe an einer &#8222;Matanza&#8220; teilgenommen. Obwohl heute Brunos Geburtstag ist, liess ich ihn alleine im Hotel zur\u00fcck. Er wollte auf keinen Fall zu diesem \u201eFischding&#8220; mitkommen.<\/p>\n<p>Ich brach fr\u00fch auf und musste die erste H\u00e4lfte der Strecke den Berg hinunter sehr sorgf\u00e4ltig und langsam fahren. Erstens hatte ich zum ersten Mal w\u00e4hrend der ganzen Reise das Steuer in der Hand. Zweitens war es sehr neblig. Ich kam aber noch rechtzeitig nach Trapani f\u00fcr den 0715 \u201eAliscafo&#8220;.<\/p>\n<p>Die Fahrt zur Insel Favignano war ziemlich bewegt. Es war f\u00fcr mich die erste Fahrt\u00a0in einem Fl\u00fcgelboot und ich bin erstaunt, dass es so harte St\u00f6sse gibt. Ich wollte mich zu einem anderen Platz begeben, um auf der anderen Seite herauszuschauen. Es war unm\u00f6glich! In Favignana sagte der Stewart des Aliscafo, es gebe garantiert keine Matanza, das Meer sei zu unruhig.<\/p>\n<p>Am Quai wurde ich schon erwartet &#8211; ich fragte einen Mann nach der \u201etonara&#8220; &#8211; er gab zur Antwort die Gegenfrage, ob ich gestern mit der Direktion telefoniert habe &#8211; er h\u00e4tte den Auftrag mich mitzunehmen. Zun\u00e4chst muss ich mich noch bei einem B\u00fcroangestellten am Hafen ein Formular unterschreiben, ich w\u00fcrde auf jeglichen Schadenersatz bei Verletzungen usw. verzichten. Das machte mir schon einen vielversprechenden Eindruck.<\/p>\n<p>Ich wurde gefragt, ob ich erst zur eigentlichen Matanza hinfahren wolle. Die Vorbereitungen w\u00fcrden ca. 2 Stunden in Anspruch nehmen. Aber nat\u00fcrlich wollte ich auch bei den Vorbereitungen dabei sein. Diese waren tats\u00e4chlich fast noch interessanter, wenn auch nicht so spektakul\u00e4r.<\/p>\n<p>Der Kutter fuhr also \u201efutfutfutfut&#8220; hinaus zur \u201ecamera di morte&#8220; (Todes-Kammer), andere Boote an langen Seilen hinter sich herziehend. Alle Boote wiesen nicht die \u00fcbliche grelle Bemalung a\u00b5f, sondern waren aus Holz und einheitlich schwarz. Nur die Schlepper aus Metall sind bemalt. Bis die schwarzen Boote angeseilt waren wurden sie zum Hafen hinausgerudert. Zehn lange Ruder auf jeder Seite f\u00fcnf, jedes von einem Mann bedient. So stelle ich mir Galeerenstr\u00e4flinge vor.<\/p>\n<p>Das Netz besteht aus zwei Teilen, je \u00fcber 100 m lang, im Winkel ge\u00f6ffnet. An der engsten Stelle befindet sich die \u201eTodes-Kammer&#8220; Es sind anscheinend mehrere ( drei) Kammern. Sie lassen sich mit T\u00fcren verschliessen. W\u00e4hrend der Matanza bleiben die T\u00fcren der vorderen Kammern offen, um allf\u00e4llig eintreffende Thunfische hereinzulassen. Der Fischfang untersteht einem alten Mann, dem \u201eRais&#8220; vor dem alle mit grossem Respekt sprechen.<\/p>\n<p>Die Barken formieren sich zu einem Rechteck. Davon werden zun\u00e4chst drei Seiten gebildet. Eine Schmalseite mit einem der beiden ganz grossen schwarzen Booten, dann im rechten Winkel je drei mittlere und zuletzt noch einige kleinere. Diese sind aber mit dem Schliessen der T\u00fcren besch\u00e4ftigt.<\/p>\n<p>An den Booten in dem noch offen bleibenden Rechteck wird das Netz hochgezogen und innen am Bord befestigt. Dann begeben sich die meisten M\u00e4nner auf das zweite grosse Boot, das eigentliche Fangschiff. Es wird in einiger Entfernung in paralleler Position zum ersten gebracht Dann beginnen die M\u00e4nner das Netz zu der Todes-Kammer zu heben. Sie stehen dicht nebeneinander auf der Seite des Bootsrandes. Dort ist eine Art K\u00e4nel in welchem sie das Netz verstauen.<\/p>\n<p>Sie singen dabei &#8211; und das ist das alleraufregendste an dem ganzen Fang! Zuerst ein langsames Lied. Einer singt allein, jeweils einen anderen kurzen Satz. Alle geben darauf zweimal eine schwerm\u00fctig t\u00f6nende Antwort, so etwas wie \u201etalanwa lanawawa&#8220; ( da capo ). Der Rais &#8211; mit zwei Hilfen &#8211; ist in einem kleinen Boot. Er dirigiert mit sparsamen Handbewegungen das Hochziehen des Netzes.<\/p>\n<p>Ein Pfelfslgnal, pl\u00f6tzlich \u00e4ndert der Bewegungsrhythmus und auch der Gesang des M\u00e4nner-Balletts. Es ist wirklich eines. Das Boot ist von mir aus direkt in der Sonne. Die schwarzen Silhouetten bewegen sich \u00fcber einer Fl\u00e4che glitzernder Wellen. Man sieht geblendet von dem vielen Licht nur die Umrisse, es wirkt eigentlich wie die Tentakel eines riesigen schwarzen Polyps, die sich wiegend bewegen.<\/p>\n<p>Der Gesang nimmt eine dritte Form an, er ist nun wild! Das Boot ist durch das Netzeinholen immer n\u00e4her gekommen. Das Rechteck ist geschlossen. Wie durch den wilden Gesang gerufen durchschneiden spitze Flossen pl\u00f6tzlich die sonnengl\u00e4nzende Oberfl\u00e4che des Wassers. Die Fische!<\/p>\n<p>Der Gesang wird durch Schreie, Befehle, Zurufe unterbrochen und verebbt. Er ist \u00fcberfl\u00fcssig: Denn nun beginnt das Wasser zu sch\u00e4umen. Das Netz l\u00e4sst immer weniger Spielraum. Das Rechteck wird zum Quadrat, dann zu einem kleineren Rechteckt in umgekehrter Richtung.<\/p>\n<p>Mitten in dem Rechteckt, in dem das Wasser zu kochen scheint, das B\u00f6tchen mit dem Rais. Er hat einen Sturm-Mantel angezogen. Viele Meter hohe Gischt spr\u00fcht \u00fcber ihn. Auf sein Zeichen beginnen die M\u00e4nner Haken an langen Stangen in die Fische zu schlagen und je 6 oder 8 Mann ziehen gemeinsam den Fisch auf den Rand des Bootes. Dann b\u00fccken sich die M\u00e4nner blitzschnell und lassen das Biest zwischen sich &#8211; \u00fcber sich &#8211; ins Boot gleiten. Dort schlagen die als dumm angesehenen Thunfische mit dem Schwanz pflatsch pflatsch bis sie sch\u00f6n parallel liegen und krepieren dann ruhig. Nur manche schlagen noch lange Zeit, was ein lautes Ger\u00e4usch verursacht.<\/p>\n<p>Mit einem solchen Schwanzschlag w\u00fcrde ein Mann sofort get\u00f6tet. Die Geschicklichkeit der M\u00e4nner ist aber bewundernswert. Einen nach dem anderen ziehen sie die Fische herein, 150 kg, 250 kg, 350 kg und noch mehr. Die Kleinsten sind sch\u00e4tzungsweise l.5Om, die gr\u00f6ssten 3.50m &#8211; 4 m gross.<\/p>\n<p>Ich beobachte dass die Fische immer am gleichen Ort \u00fcber de Bootsrand hereingezogen werden. Die beiden M\u00e4nner links und rechts, an denen die Fische vorbeigleiten, habe nur kurze Haken. Sie sind bald v\u00f6llig blutverklebt. Auch das sch\u00e4umende Wasser im Viereck ist bald blutgef\u00e4rbt.<\/p>\n<p>76 Fische wurden gefangen, kein besonders grosser Fang. Ein solcher kann bis zu 300 Fische umfassen.<\/p>\n<p>Die M\u00e4nner arbeiten 3 Monate (100 Tage f\u00fcr die \u201eTonare Florio&#8220;. Es hat zwei Fabriken eine auf der Insel Favignano, die andere auf der winzigen, nahe gelegenen Insel Formica, wo es sonst nichts anderes hat. Es werden jedes Jahr vor den beiden Inseln je ein Netz ausgelegt. Die M\u00e4nner erhalten pro Tag 2000 &#8211; 2200 lire, ob Matanza oder nicht &#8211; aber nur w\u00e4hrend der drei Monate in welchen die Fangzeit ist. (Laichzeit des Thuns). Ausserdem erhalten sie pro Kopf eine Fangpr\u00e4mie von 14 lire pro Fisch. Diesmal ergab der Fang f\u00fcr jeden Beteiligten einen Bonus f\u00fcr rund 1000 lire.<\/p>\n<p>Die Arbeiten nach der Matanza verlaufen wieder in selbstverst\u00e4ndlicher Ordnung, wie ein langsames Ballett auf dem Wasser. Vom heutigen Fang werden 60 vorbestellte Fische zum Frischkonsum in Palermo usw. gleich mit Kr\u00e4nen am Schwanz hochgezogen in andere Boote verbracht.<\/p>\n<p>Ich besichtige noch die Fabrik, wo mir alles sehr liebensw\u00fcrdig gezeigt und bereitwillig erkl\u00e4rt wird. Die Anlage scheint sehr alt zu sein. Auch scheint mir die Fangmethode seit Jahrhunderten kam \u00c4nderungen erfahren zu haben.<\/p>\n<p>Am Eingang zur Fabrik Gedenktafeln an Jahre mit besonders guten F\u00e4ngen. Einmal \u00fcber 6000, einmal gar \u00fcber 10000. Die Sache hat Tradition. Normalerweise werden 3-5000 fische pro Jahr erbeutet.<\/p>\n<p>Die Fabrik ist zwar alt, aber sehr sauber. Interessanterweise riecht es kaum. Jedenfalls nicht nach Fisch. Zu meinem Erstaunen wird aber im Moment nur von Japanern im Ozean gefangener Thun (tiefgek\u00fchlt) zu Dosen verarbeitet. Es ist eine andere Thun-Art &#8211; kleiner, die von den Japanern auch auf andere Weise gefangen wird.<\/p>\n<p>Ich mache noch ein Bad im kristallklaren, kobaltblauen Meer und fahre mit dem Fl\u00fcgelboot nach Trapani zur\u00fcck. Gleichzeitig verl\u00e4sst der langsamere, aber wesentlich billigere Dampfer Favignana mit gleichem Ziel. Interessanterweise hat der Dampfer nur 3 Passagiere und das Fl\u00fcgelboot etwa 50 &#8211; 60, lauter Einheimische.<\/p>\n<p><em>Hiermit endeten die noch erhalten gebliebenen, handschriftlich gemachten Notizen. Sowohl der Anfang wie auch der Schluss des entsprechenden Schreib-Blocks sind leider verloren gegangen und somit mit meinem schlechten Ged\u00e4chtnis auch jegliche M\u00f6glichkeit, mich an die Hinreise ab Tessin und die R\u00fcckreise von Sizilien in die Schweiz noch irgendwie erinnern zu k\u00f6nnen. War es die ganze Strecke im Auto auf den damals noch wenig befahrenen aber schlechten Strassen oder war es per F\u00e4hrschiff? &#8211; ich weiss es nicht mehr.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; &nbsp; Im Mai 1969 unternahm ich mit Bruno im eigenen Auto eine Reise durch ganz Italien. Dabei machte ich Notizen in einen Block. Sowohl vom Anfang als auch vom Ende dieser Reise sind die entsprechenden Seiten verloren gegangen. 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